2011

2011

Thema Islam

13. Mai 2011

an "kulturissimo", Kulturbeilage des "tageblatt", Luxemburg (erschienen 2011)

 

Der Islam in Deutschland, ein Überblick

 

Barbara Höhfeld

 

Eine Trennung von Kirche und Staat gibt es in der Bundesrepublik Deutschland nicht. Als ich heimkam – kurz nach der „Wende“ – brauchte ich lange Zeit, um das zu begreifen. Der Staat zieht die Kirchensteuer ein. Er zahlt nicht nur den Geistlichen ihr Monatsgehalt; er subventioniert auch kirchliche Kindergärten und gestattet der Kirche trotzdem, Kindergartenpersonal nur nach kirchlichen Richtlinien einzustellen: Arbeitsrechte, Gleichberechtigung gelten im Kirchenrecht nur eingeschränkt. So sollen die Kirchen „bekenntnisorientierten“ Religionsunterricht in öffentlichen Schulen halten. Unter „bekenntnisorientiert“ darf man auch „missionierend“ verstehen. Meistens nehmen aber sowieso nur Kinder der betreffenden Konfession daran teil.

Es gäbe eine Alternative: die Schule könnte „Religionsgeschichte“ auf ihren Lehrplan setzen und dieses Fach dann für alle Schüler verpflichtend machen, so dass jeder auch was über den anderen erfährt. Doch dagegen steht Artikel 7 des deutschen Grundgesetzes. Er besagt, dass „Religionsunterricht“ ein ordentliches Unterrichtsfach an öffentlichen Schulen ist und dass der Unterricht unter staatlicher Aufsicht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft zu erteilen ist. Dank dieser „Übereinstimmung“ darf z.B. eine katholische Privatschule nur katholische, nicht geschiedene LehrerInnen einstellen, während doch sonst überall die Religion Privatsache bleibt.

Natürlich muss der Religionsunterricht sich an die übrigen Vorgaben des Grundgesetzes halten. Einer gewissen saudischen Schule in Bonn wurden vor Jahren Verstöße gegen das Grundgesetz vorgeworfen, sie musste deshalb schließen. Die Kirchen haben sich über die Jahrhunderte mit dem säkularen Staat geeinigt. Wie geht das nun mit dem Islam weiter?

In der Bundesrepublik leben etwa 4 Millionen Menschen mit muslimischem Hintergrund, unter denen die Türken und die Bosnier die größten Gruppen bilden. Dazu kommen andere Gruppen (Iraner, Araber etc.) und etwa 800 000 Aleviten. Höchstens 20% der vier Millionen „bekennen“ sich zum Islam und haben sich in religiösen Organisationen zusammengeschlossen. Diese Organisationen drängen nun ebenfalls in die öffentlichen Schulen und möchten dort ihren Religionsunterricht genau wie die andern erteilen. Doch dagegen steht nun ebenfalls das Grundgesetz. Wie erklärt sich das?

Das Grundgesetz spricht von einer „Religionsgemeinschaft“, diese ist definiert: es muss ein „ordentliches Gemeindeleben“ stattfinden, es muss eine Hierarchie und damit ein Ansprechpartner vorhanden sein. Der sunnitische Islam kennt keine Hierarchie, auch nichts, dass dem christlichen Gemeindeleben vergleichbar wäre. Der Geistliche ist kein „Seelsorger“, er verkündet nur den Koran und legt ihn möglicherweise aus. (Nur kurz zu der Unterscheidung zwischen sunnitischem und anderem Islam: Ersterer kennt kein Oberhaupt, nur eine Versammlung von gleichberechtigten Gelehrten, die Sunna, die gemeinsam über Interpretationen oder gegebenenfalls über die Ablehnung mancher Neuheiten entscheiden; ansonsten spricht jeder Gelehrte und jeder Geistliche für sich. Die Sunniten bilden in Deutschland die große Mehrheit.)

Auf der Ebene der Kommunen gab es Absprachen, in den Bundesländern wurden „Pilotprojekte“ initiiert, jeder wurstelte vor sich hin. 2006 beschloss Bundesinnenminister Schäuble daher, eine „Islamkonferenz“ auf Bundesebene einzuberufen. Diese beendete nach drei Jahren erste Arbeiten, es folgte eine „Zweite Islamkonferenz“. Insgesamt sind einerseits Bund, Länder und Kommunen darin vertreten, andererseits zahlreiche islamische Organisationen sowie Einzelpersonen. Eine Organisation wurde ausgeschlossen, weil staatsanwaltliche Ermittlungen gegen sie liefen; eine zweite Organisation trat aus Solidarität mit aus. Da wie gesagt nur etwa ein Fünftel der Menschen mit muslimischer Herkunft überhaupt organisiert ist, stellte sich die Frage nach der Repräsentativität der religiösen Organisationen. Aus diesem Grund wurden auch Einzelpersonen mit säkularen Standpunkten hinzugezogen.

Die Konferenz tritt einmal jährlich zusammen, das Jahr über arbeiten Gruppen an bestimmten Themen. Bisher wurden drei konkrete Ziele gesetzt: 1. bundesweiter Austausch zu Fragen des islamischen Religionsunterrichts, 2. die landeskundliche und sprachliche Fortbildung von religiösem Personal, 3. zentrale Phänomene und Definitionen im Präventionsbereich, d.h. in Sicherheitsfragen. Für 2012 und 2013 stehen die Themen „Geschlechtergerechtigkeit“ und „Prävention“ auf dem Programm. Der Begriff „Prävention“ zielt auf Sicherheitsfragen, wobei nicht nur islamischer Extremismus, sondern auch Islamfeindlichkeit gemeint ist. Das Bundesinnenministerium hat Zuständigkeiten für Religionsangelegenheiten und für Sicherheitsfragen. Die Islamkonferenz ist kein gewähltes Gremium, das Ministerium bestimmt die Teilnehmer. Dieses demokratische Manko erscheint aber momentan nicht als Problem.

Eher die Ausbildung von Religionslehrern. Hier in Frankfurt am Main gibt es zwei Lehrstühle für islamische Theologie, die bislang in erheblichem Maße von der türkischen Regierung finanziert wurden. Neuerdings ändert sich das. Hier und da in der Republik werden neue Lehrstühle gegründet.

Säkulares Denken verschiebt die Perspektiven. Vor kurzem hielt die bekannte Arabistin Professor Angelika Neuwirth hier einen Vortrag zum Thema „Der Koran als Text der Spätantike“. Ihr umfangreiches Buch zum Thema erschien Ende letzten Jahres. Die Autorin geht darin von der These aus, dass im 7. Jahrhundert im östlichen Mittelmeer, mit dem geistigen Zentrum Alexandria, innerhalb der Elite heftige Diskussionen über Judentum und Christentum geführt wurden. Die Juden verkündeten den „einen Gott“, aber nur für Juden, schlossen alle Nichtjuden aus. Die Christen hatten die „Dreifaltigkeit“ entwickelt und waren damit von dem Satz „Gott ist Einer“ abgewichen. Als Mohammed seine Gedanken äußerte, hatte er zunächst nicht im Sinn, eine neue Religion zu verbreiten, meinte Frau Neuwirth. Doch rückblickend beginne für die Araber mit Mohammed erst die Zivilisation.

Wird sich nun hier ein neuer, ein europäischer Islam entwickeln?

 

- www.deutsche-islamkonferenz.de

- „Der Koran als Text der Spätantike“ von Angelika Neuwirth; Verlag der Weltreligionen, 2010, Berlin; gebunden, 859 Seiten, 39,90 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seltsame Vorkommnisse

(erschienen im Januar oder Februar 2011 in „kulturissimo“ (Luxemburg))

 

 

Tanzende Soldaten

 

Auf You-Tube war am 7. Juli 2010 ein Video mit tanzenden Soldaten zu sehen: sechs schwer bewaffnete Uniformierte führten auf menschenleerer Straße eine Art Ballett auf. Die Musik dazu kam aus dem Off.

 

Die Darbietung erinnerte mich an Figurentänze vor mittelalterlichen Kirchenuhren zur vollen Stunde. Es hätten auch Roboter sein können. Aus den ungeschlachten Bewegungen drang indessen etwas Zartes an den Zuschauer, die geringfügigen Abweichungen verrieten Leben, der Umgang mit den Gewehren erinnerte gar an Angst.

 

Aufgenommen haben dieses Video israelische Soldaten in der Stadt Hebron auf der Westbank, aufgenommen, geplant und ausgeführt an einem der letzten Tage ihres dreijährigen Militärdienstes. In Hebron wohnen etwa 220.000 Palästinenser und ein paar hundert jüdische Siedler, die in ihrem Fanatismus die arabischen Nachbarn immer wieder angreifen und sie teilweise aus ihren Häusern vertreiben. Für einen wehrpflichtigen jungen Israeli bedeutet Dienst in Hebron eine Zerreißprobe für die eigene Identität. Das stellten die Soldaten im Video dar, denke ich.

 

Wenn ich Araber wäre, wie würde ich bei diesem Anblick reagieren? Meine erste Empfindung wäre vermutlich Wut, ich würde mich verhöhnt fühlen. Hohe, dunkle, verlassene Häuserfassaden, eine menschenleere Straße zeigen mir, wie unsereins vertrieben wurde, würde ich als Araberin denken, und diese arroganten Burschen treiben ihren Scherz damit. In meiner Aufregung würde ich mir das Video womöglich noch einmal anschauen: die Beladenheit jedes Einzelnen sähe ich dann vielleicht im Widerspruch zu einer Leichtigkeit der Bewegungen.

 

Ein, zwei Wochen später würde ich mich an eine gewisse Anmut des Balletts erinnern, es steckte eine Empfindsamkeit darin, von der ich aber nichts wissen wollte. Will ich mich denn von israelischen Soldaten rühren lassen?!

 

Auch als Araberin könnte ich in der Zwischenzeit erfahren haben, dass die tanzenden Wehrpflichtigen ihre bevorstehende Entlassung auf diese Weise vorwegnahmen, und dass sie von der Armeeleitung dafür gerügt wurden. Nicht bestraft, nur gerügt. Also haben sie uns doch verspottet, müsste ich denken.

 

Ich bin keine Araberin. Ich kann die Zerrissenheit der jungen Israelis nachfühlen. Und ich bewundere die Grazie, die Sorgfalt, mit der sie einen inneren Weg zu einem Einssein mit sich selbst fanden, einen Moment lang wenigstens. Für die Zeit eines kurzen Videos.

 

Seit Juli finden sich unzählige Eintragungen zu dem Thema im Internet. So wurde auch über die Begleitmusik gesprochen, einen Titel, den ich nicht kenne und dessen etwaige symbolische Bedeutung ich darum nicht einschätzen kann. Das Video startet mit dem Gesang eines Muezzin, der plötzlich abbricht, es beginnt der Schlager und das Ballett. Das Ganze dauert einige Minuten. Das Video erinnert mich an eine jener vieldeutigen Geschichten, die von manchen Weisen überliefert werden und für die jeder, der sie hört, sich eine andere Erklärung zurechtlegt.

 

Barbara Höhfeld, Frankfurt, im August 2010

 

 

B’Tselem (1) meldet:

„Wie Straffällige der Strafe entgehen: Schießende Siedler aus Hebron werden nicht vor Gericht gestellt

 

Am 4. Dezember 2008 schoss Ze’ev Braude, Bewohner der Siedlung Kiryat Arba, auf drei Palästinenser in Hebron und verletzte sie. Der Zwischenfall ereignete sich, als Siedler in Hebron randalierten und dabei Palästinenser verletzten und palästinensisches Eigentum zerstörten, und zwar nachdem eine neue Siedlung in der Stadt geräumt (2) worden war. Mit einem Gewehr begab sich Braude in das Tal, das Kiryat Arba und Hebron voneinander trennt, und schoss auf drei Mitglieder der dort ansässigen Familie Matariyeh. Der Zwischenfall wurde von einem Stadtbewohner gefilmt, der sich am Video-Kamera-Projekt (3) von B’Tselem beteiligte. Der Film wurde noch am selben Tag der Polizei übergeben. Braude stellte sich zwei Tage später der Polizei und wurde wieder freigelassen.

 

Zu den Ermittlungsunterlagen gehörte auch geheimes Beweismaterial, das vom Verteidigungsminister als privilegiert abgezeichnet und der Verteidung nicht zur Verfügung gestellt wurde. Braudes Anwalt beantragte beim Obersten Gerichtshof eine Aufhebung des Privilegs und die Aushändigung des Materials. Nach seiner Aussage stimmte Richter Rubinstein der Auffassung zu, dass eine Offenlegung des Materials zwar der Sicherheit des Staates abträglich sein könne, dass aber in diesem Falle das Recht des Beschuldigten auf ein faires Verfahren Vorrang vor dem Interesse der öffentlichen Sicherheit habe. Am nächsten Tag gab das Büro des Staatsanwalts seine Absicht bekannt, die Anklage gegen Braude fallen zu lassen, da „der Preis einer Bekanntgabe des Materials für das öffentliche Wohl schwerwiegender sei als der des öffentlichen Interesses“ an einer Strafverfolgung. Die Niederschlagung der Anklage bedeutet, dass eine gewalttätige und gefährliche Person, deren Straftat dokumentiert ist, einer Bestrafung entgehen und weiterhin das Leben anderer Menschen bedrohen wird. Falls der Staat es vorzog, das Beweismaterial nicht offenzulegen, hätte er andere Wege finden müssen, Braude vor Gericht zu bringen. Ein bloßes Fallenlassen der Anklage war kein legitimer Ausweg.“

 

Auszug aus dem jüngsten B’Tselem-Heft (Englisch) „Human rights in the Occupied Territories – 1 January 2009 to 30 April 2010“. Übersetzung B.Höhfeld

 

(1) „B’Tselem“, Jerusalem, ist eine israelische Organisation zur Überwachung der Menschenrechte (www.btselem.org). (2) Gelegentlich gründen jüdische Siedler illegal neue Siedlungen, die dann von israelischen Sicherheitskräften zwangsgeräumt werden. (3) B’Tselem verteilt seit 2007 an palästinensische Bewohner der Westbank Videokameras, als eine Form von gewaltfreier Verteidigung.

 

 

 

Aus Nr. 99/100 der Zeitschrift L. Der Literaturbote, 2011

 

 

Barbara Höhfeld:
BÜCHER IN BORDEAUX


Eindrücke einer Stipendiatin

Lesen gehört zum Schreiben wie das Einatmen zum Ausatmen, nicht wahr? Was die französischen Gastgeber von mir erwarteten, hatte ich gefragt. Schreiben, hieß die Antwort.
Ich las. Montaigne zuerst. Corinne hatte mir die französische Original-Fassung der Essays ins Haus gestellt, ich brachte eine deutsche Fassung mit. Montaigne wurde zwei Mal zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt, und während seiner zweiten Amtszeit brach in der Stadt eine Epidemie aus. Montaigne floh auf sein Schloß in die Dordogne. Es hieß, die Bordeleser hätten ihm die Flucht verübelt, er wurde nicht wiedergewählt. Montaigne zog sich zum Schreiben zurück und veröffentlichte seine Werke in Paris, nicht in Bordeaux. Er starb 1592. Sein Leben lang hatte er mit Krieg zu tun, seinen Essays merkt man das an: das Kriegshandwerk steht ganz oben.
Ich hatte keine Lust auf Krieg. Montaigne verschaffte mir keine Anknüpfungspunkte, erst recht keine Beziehungen. Ich fotografierte sein Standbild zwischen den Platanen der Quinquonces und legte seine Essays beiseite.
Corinne half mir weiter. Corinne Chiaradia war meine Ansprechpartnerin bei der ÉCLA. Sie wies mich auf die „Escale du Livre“ hin, eine kleine Buchmesse, die eine Woche nach meiner Ankunft in Bordeaux stattfand. Dort knüpfte ich meine ersten Kontakte, stellte mich  bei dem einen oder anderen Autor als „La Résidente de l’ÉCLA“ vor - diese Bezeichnung verschaffte mir eine  Zuordnung, verwandelte mich in eine Person. Jeder, mit dem ich sprach, verstand, dass ich gern Kontakte und Einladungen hätte, obwohl ich gar nichts dergleichen sagte. Die meisten Angesprochenen räumten allerdings ein, dass sie gerade jetzt leider keine Zeit hätten.
Ja, ich fühlte mich einsam in der ersten Zeit. Natürlich, wenn man niemanden kennt. Eine Autorin mit Namen Annelise Roux hatte mir in ihr Buch eine Widmung geschrieben, die ich eine Weile studieren musste, um ihre Tiefgründigkeit zu erfassen. Sie lautete: „Pour Barbara que je remercie de me rejoindre ... de sorte que la <fleur> se sentira singulièrement moins seule“. Der Roman trug den Titel „La solitude de la fleur blanche“, Die Einsamkeit der weißen Blume, auf diese Blume bezog sich die Widmung. Ich kam langsam voran, jeder Satz wollte verstanden sein, war auch zu verstehen, kam in einem ungewohnten, eigensinnigen, poetischen Französisch daher. Ich konnte nicht davon ablassen. Das Buch erzählte von einer Kindheit auf dem Dorfe, wo das Mädchen unerbittlich als Fremde, als Zugewanderte behandelt wurde, obwohl es im Dorf geboren war. Ihre Eltern hatten 1962 Algerien als „Franzosen“ verlassen müssen, waren im Médoc gelandet, hatten sich dort niedergelassen. Das Mädchen gehörte niemals „dazu“, es kämpfte vergebens, es kämpfte sein halbes Leben mit dem Ausgeschlossensein, mit der Einsamkeit, die in ihm  entstand, die es schließlich zu einer Schriftstellerin machte. Als ich das Buch ausgelesen hatte, fühlte ich mich Annelise Roux sehr nahe, und brauchte doch ihre persönliche Nähe nicht mehr zu suchen.
In der dritten Woche stieß ich auf Hölderlin. Frau Bechstein-Mainhagu, stellvertretende Direktorin des Goethe-Instituts von Bordeaux, die ich nach ihm gefragt hatte, legte mir ein fein gedrucktes Heftchen mit Hölderlins Gedicht „Andenken“ auf Deutsch und Französisch vor; es enthielt außerdem fünf Briefe von Hölderlin, die sich auf Bordeaux bezogen, ebenfalls zweisprachig. Frau Bechstein ist selbst Spezialistin für Hölderlin. Der Dichter verbrachte im Jahr 1802 etwa vier Monate in der Stadt, und hinterließ nur wenige Indizien für das, was er dort erlebt hat. Das Gedicht „Andenken“ lüftet den Schleier ein wenig. Unzählige Literaturwissenschaftler schrieben über Hölderlins Frankreich-Aufenthalt, spekulierten über die Bedeutung des Frankreich-Abenteuers für sein Leben. Warum verließ er, der doch die Kinder von Konsul Meyer, einem Geschäftsmann aus Hamburg,  hier unterrichten sollte, unterrichtet hat, schon nach vier Monaten wieder die Stadt? War es die Liebe zu Suzanne Gontard, seiner „Diotima“? War es der krude Kapitalismus, der im Bordeaux der Wirtschaftsblüte herrschte und der ihm, dem Jakobiner, unerträglich wurde? War es der Ausbruch einer Schizophrenie? Niemand weiß die Antwort.  „Andenken“ ist seine einzige Dichtung, die sich ausdrücklich auf die Frankreich-Reise bezieht.
Das „Andenken“-Heftchen, auf  kostbarem Papier kunstvoll gedruckt, bezauberte mich so, dass ich es nicht einfach ausleihen, sondern selbst besitzen wollte. Mein Weg in die Buchhandlungen begann. Neben vielen kleinen, liebenswürdigen Buchhandlungen verfügt Bordeaux über die „Librairie Mollat“. Sie besteht aus einer unübersehbaren Flucht von Räumen mit vier Meter hohen Wänden in einem Gebäude des 18. Jahrhunderts. Ich weiß nicht, was die Buchhandlung Mollat in Bordeaux von anderen Buchhandlungen in der Welt unterscheidet: Liegt es am Licht, liegt es an den Dutzenden von kundigen Buchhändlern, die alles, was sie zufällig nicht wissen, von ihren Maschinen ausdrucken lassen? Am Fußboden mit seinen wechselnden Ebenen? Am Goldenen Schnitt?
Ich hatte über ein Buch zur Austernzucht in der Zeitung gelesen, bei Mollat schickte man mich in die Abteilung „Architektur“. Dort fand ich es. Zwei Stunden hielt es mich auf der Zugfahrt nach Pau gefangen: wie entstehen die Austern in der Bucht von Arcachon? Wie oft steigen die Fischer ins Wasser, in den Schlick, um die Austern zu säubern und umzuschichten, zuletzt in Becken mit sauberem Wasser zu bringen? In sprechenden Fotos und einem einfühlsamen Text erhielt ich Antwort auf unzählige, noch nie gestellte Fragen. Seither esse ich Austern mit größerer Achtung als bisher. Am ersten Mai, dem Feiertag der Arbeit, an dem nicht einmal Busse und Straßenbahnen fuhren, standen an den Straßenecken Austernhändler, die ihre Ware zum Mittagessen anboten. Die Leute kamen mit ihren Tellern.
Das Hölderlin-Heftchen konnte mir die Buchhandlung nicht beschaffen. Ich musste mich an den Verlag wenden. So lernte ich den Verleger kennen, auch er ein Hölderlin-Verehrer, einer, der auf französisch zu Hölderlin gefunden hatte.
Friedrich Hölderlin, Spezialist für altgriechische Literatur, Philosoph  und selbst ein Dichter, bewarb sich um eine Professur an der Universität Jena. Ihm wurde ein anderer Kandidat vorgezogen, der, den Goethe favorisierte. Hölderlin schrieb Anfang Dezember 1801 an einen Freund: „Ich bin jetzt voll Abschieds. Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloss, mein Vaterland noch jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich Lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen.“
Das Gedicht „Andenken“ erlaubte mir, den Spuren Hölderlins in Bordeaux zu folgen.  An die Hand genommen fühlte ich mich vom französischen Germanisten Jean-Pierre Lefèbvre und seinem Aufsatz „Hölderlin dans la renverse du souffle“, in etwa: Hölderlin, als er seinen Atem wechselte. So, wie die Gezeiten wechseln. „Andenken“ sei das letzte Gedicht, das Hölderlin noch zu Ende geschrieben habe (zwischen 1802 und 1805) und das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, schreibt Lefèbvre. Es markiere die Linie zwischen den zwei Leben des Dichters. Laut Lefèbvre wurde es bei vollem Verstand geschrieben. Viele deutsche Gelehrte zweifelten eben daran, weil sie den im Gedicht beschriebenen Ort nicht fanden. Lefèbvre beweist, dass sie bloß an der falschen Stelle gesucht hatten.
Hölderlin beschäftigte mich bis zum letzten Tag.
Aber nicht allein er. Auch Henri Quatre, König von Navarra. Auf meinem Hotelbett in Pau las ich in drei Stunden seine Biografie, geschrieben vom Kurator des Schlosses in Pau, wo Henri geboren wurde.  Nach Pau hatte mich der Leiter des dortigen „Heinrich-Mann-Institutes“ eingeladen. Anlass war der 9. Mai, der Europatag, ich durfte bei einer multinationalen Veranstaltung im Rathaus mein Gedicht „Sprache in Europa“ auf Deutsch und auf Französisch vortragen. Soviel war von Heinrich Mann und seinem „Die Jugend des König Henri Quatre“ die Rede, dass ich mir den Roman im Goethe-Institut in Bordeaux besorgte.
Doch er war mir zu kriegerisch, zu sehr voller Hetze. Die „Guten“ mordeten und folterten grad so viel wie die „Bösen“, nur galt es bei jenen als eine Notwendigkeit, bei diesen als teuflische Bosheit. Heinrich Mann schrieb den Roman zwischen 1932 und 1938, er legte seinen ganzen Abscheu gegen die Nazis in das Buch hinein, weswegen es einen Bezug zur Gegenwart bekam. Einen Bezug, der in der Bundesrepublik freilich nie hergestellt wurde, nicht so, dass der gemeine Leser etwas davon gemerkt hätte. Die Germanisten in Pau indessen haben den Bezug hergestellt, zum Beispiel dadurch, dass sie ihr Goethe-Institut vor Ort „Heinrich-Mann-Institut“ tauften. Sie erforschten auch die Geschichte der Freundschaft zwischen Heinrich Mann und der Germanisten-Familie Bertaux, die viele Jahrzehnte und den Krieg überdauerte, und stellten das Verdienst der Bertaux’s für die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich heraus.
Lesen, Lesen ist eine Himmelsmacht. Der Wunsch zu lesen brachte mir die Bekanntschaft des Bordeleser Verlegers Jean-Paul Michel ein. Als ich ihn traf, kannte ich ihn nicht, hielt ihn für einen Antiquar, der mir ein vergriffenes Buch verkaufen wollte, nämlich „Andenken“ von Hölderlin in zwei Sprachen. Aber er schenkte es mir, und zwei andere Bücher dazu, auch sie hatten mit Hölderlin zu tun. Er lud mich zum Kaffee ein und fragte, ob ich einen Blick auf die deutschen Seiten einer Druckfahne für die zweisprachige Ausgabe eines anderen Gedichtes werfen wollte, eines Gegenwartstextes. So traf ich ihn noch einmal, um ihm die Korrektur zurückzugeben, wieder bei einem Kaffee, und erfuhr nun endlich, wer er wirklich war: ein Dichter, ein Verleger, ein Drucker, der mit außerordentlich hohen Ansprüchen arbeitete. Das Gedicht auf der Korrekturfahne stammte von ihm.  An Hölderlin orientierte sich Jean-Paul Michel, weil jener die Kunst, „le divin“ - also etwas, das man nicht wirklich benennen kann und das doch immer gegenwärtig bleiben muss, wenn Kunst entstehen soll, Wahrheit, - weil Hölderlin all das zum dichterischen Ziel erkoren hatte. Vielleicht hatte es sich ihm auch aufgedrängt und er konnte nicht anders – es kam auf das „Gesetz“ an und auf die innere Gewissheit, die immer wieder neu angestrebte, auf das echte Gefühl. So erlas ich es mir aus den Schriften von Jean-Paul Michel. Er wollte mir noch ein altes Lagerhaus am Quai zeigen, „mit Staub aus der Zeit von Hölderlin“, doch dazu kam es nicht mehr.  Auf einmal war die Zeit verstrichen, und ich musste  abreisen.
Nichts, gar nichts gelesen habe ich über die „Base Soumarine“, die „U-Boot-Basis“ am „Bassin à flots No. 2“. Von der deutschen Besatzung während des zweiten Weltkriegs errichtet, wittert sie vor sich hin, ohne zu ver-wittern. Ein Betonkoloss, dessen Anblick allein einem ganzen Buch entspricht: einem Buch des Schreckens und der Einschüchterung, einem Buch über das Kriegsbauwesen, das MENSCHEN nicht in die Berechnungen einbezieht, nur Funktionen und Sklaven. Heute werden dort Ausstellungen gezeigt, mit unglaublicher Einfühlung und Sorgfalt aufgebaut war diejenige, die ich zu sehen bekam, mit Holzskulpturen des baskischen Bildhauers Zigor.
Etwa acht Kilo Bücher schickte ich mit der Post nach Hause, alle übrigen schleppte ich in den Koffern heim. Eins oder zwei davon berichten über den Sklavenhandel, an dem Bordeaux beteiligt war und der direkt und indirekt zu seinem Reichtum beitrug. Bordeaux besinne sich nur ungern auf die Rolle der Sklaverei in seiner Geschichte, hörte ich häufig, fand es indes nicht voll bestätigt: ein Saal im Museum handelte davon, und ich entdeckte eine ganze Reihe Bücher zum Thema. Ich las auch von einem lebenden afrikanischen König - erst in einem Buch aus dem Hause Gallimard, dann in der Zeitung -  der an der „Ecole Santé Navale“ in Bordeaux studiert hatte. Diese Militärarzt-Schule schloß gerade, im April 2010 wurden die letzten Absolventen des letzten Studiengangs verabschiedet. Der König kam zu dieser Gelegenheit nach Bordeaux zurück, weil er gehofft hatte, dass seine Anwesenheit die Schließung der Schule verhindern werde.  Ein afrikanischer König besitze doch gewisse magische Kräfte!
Die Zeitung. Ich kaufte den „Sudouest“ fast jeden Tag, erfuhr so manches über Bordeaux.  Über den Bürgermeister stand täglich etwas darin, über „ÉCLA“ nie. Über die Integristen nur das Nötigste, um sich nicht den Vorwurf des Verschweigens einzufangen. „Integristen“ nennt man in Frankreich jene Katholiken, die sich seit „Vatikan II“ von der römischen Kirche abgespalten hatten, weil sie die Neuerungen nicht mitmachen wollten. Nachdem der gegenwärtige Papst sie gegen laue Erklärungen wieder in die offizielle Kirche aufgenommen hatte, stellte der Bordeleser Bürgermeister ihnen eine Kirche in der Stadt zur Verfügung (in Frankreich gehören die Kirchengebäude dem Staat), nach Rücksprache mit dem Staatspräsidenten. Bei einem etwas kritischer gesonnenen Online-Nachrichtendienst (www.rue89.fr) erfuhr ich, dass die Integristen dem rechtsextremen „Front National“ nahestehen, und dass sich die Partei des Präsidenten (UMP) durch ein Entgegenkommen von diesen Kirchkonservativen einen Zuwachs an Wählern für die eigene Partei erhoffte.
Ausführlich berichtete der Sudouest über Grundstücksenteignungen, die von staatlicher Seite  nach dem schweren Sturm vom letzten Februar  vorgenommen wurden („der Staat“, das ist in Frankreich immer die Zentralregierung in Paris, während „die Region“ ganz was anderes darstellt). Der Sudouest hielt sich nicht mit der Frage auf, wer denn überhaupt Baugenehmigungen für überschwemmungsgefährdete Grundstücke erteilt hatte (nämlich regionale Gremien), sondern nur damit, dass manche oder viele der in Paris getroffenen Entscheidungen nicht hinreichend begründet waren, angefochten wurden. Die Zeitung neigte sich freundlich den Interessen der Grundstücks- und Eigenheimbesitzer zu - ohne Übertreibung, Gesetz bleibt Gesetz.
Ich las, weil ich verstehen wollte, und die Interessen der Häuslebauer sind überall plausibel. Oder die der Fischer und Austernzüchter, die ihre Fänge momentweise nicht verkaufen durften, weil Gift in den Gewässern entdeckt worden war. Nun diskutierte man ausführlich darüber, ob die gesetzlichen Grenzwerte wirklich die richtigen wären, man spottete....
Politik in Bordeaux. Bei Frau Bechstein im Goethe-Institut erfuhr ich zum erstenmal, noch vor meiner Pau-Fahrt, von Pierre Bertaux, dem Germanisten, der Hölderlins „Jakobinertum“ herausgearbeitet hat. Deutsche Germanisten, so schrieb Bertaux (sein Aufsatz stammt aus den sechziger Jahren), wollten Hölderlins politischen Standpunkten partout keine Bedeutung beimessen. Sie hätten sie übersehen oder als jugendliches Gerede abgetan oder als Teil seiner „Umnachtung“ hingestellt. Mir war bis dahin das Gewicht der politischen Standpunkte und ihrer Ausblendung aus der literarischen Überlieferung nicht bewusst gewesen.  Hier wurde wieder einmal klar: Literatur und Politik haben immer  und überall miteinander zu tun.
Das Goethe-Institut stellte Tristan Coignard, einen jungen Germanisten der Universität Bordeaux mit einem Werk vor, das der deutschen Presse um 1790, also zur Zeit der Aufklärung, und ihrem Verhältnis zur Staatsmacht gewidmet war - genau zu dem Zeitpunkt, als auch Hölderlin sich politisch orientierte. Literatur, Philosophie, Politik – sie verschmolzen zu jener Zeit in eins. Coignard konzentrierte sich auf  einen bestimmten Journalisten, Peter Adolph Winkopp, der seine Grundforderung nach einer Verfassung sein Leben lang durchhielt, obwohl er, oberflächlich gesehen, die Seiten wechselte. Aber selbst Napoleon wollte keine Verfassung mehr, sobald er die Herrschaft besaß. Sein General erklärte den württembergischen „Republikanern“: „Als man euren Projekten Gehör schenkte, rechnete man auf Erleichterung des Rheinübergangs; dieser fand ohne jene Hilfsmittel statt, und im Rücken der Armee duldet man keine Revolution!“
Napoleon schloss einen Vertrag mit dem verhassten württembergischen Herzog und marschierte weiter gen Russland.
Lesen in Bordeaux. Ich hätte noch ein paar Monate so weitermachen können. Man lud mich zu Deutschstunden ein, dem Unterricht, der im Goethe-Institut oder an der Universität von Pau gehalten wurde. Jedesmal begegnete ich wissens- und fragelustigen Erwachsenen. Welch eine Freude, so aufmerksamen Menschen über Deutschland berichten zu können! Obendrein fast nur auf Deutsch! Meine eigenen Texte, meine Erfahrung als Übersetzerin waren ebenso Thema der Gespräche wie Literatur oder laufende Politik, hüben wie drüben. Welche Überraschung und Wohltat auch, die Begeisterung der Deutschlehrer mitzuerleben, Frau Althaus in Bordeaux, Herr Selinger in Pau, zu sehen, wie sie hohen Anspruch mit Vergnügen verbinden, die Achtung und Sympathie ihrer Schüler gewinnen und bewahren.
Schreiben in Bordeaux. Ich hatte gleich am Anfang für meinen Roman „Kindertreu“ ein Konzept entworfen, entzündet an einer angekündigten Ausstellung über Fluggeschichte in Bordeaux, die Mitte Mai eröffnete. Mein Idee war: Auf der Ausstellung finde ich unter den Fliegern, den alten Haudegen mit ihrem selbstverständlichen Nationalismus und ihrer unerschütterten Männlichkeit, den Verführertyp, der meine Protagonistin, eine junge, im Pazifismus geschulte idealistische Deutsche, in tiefste Verwirrung stürzt.  
Aber ich fand ihn nicht. Ich fand nicht einmal einen Schatten davon. Die Ausstellung langweilte mich ästhetisch wie inhaltlich. Zwar traf ich Piloten, Militärs, ja, Legionäre, die gern mit jedem sprachen und ihr Wissen ausbreiteten. Doch sie erreichten mich nicht. Ich empfand alles, was ich dort sah und hörte, als falsch, trübe, unwahr. Nichts stimmte. Auf den triumphierenden alten Plakaten der Air France sah ich nur Kolonialismus. Die antiquierten Fluggeräte wirkten hilflos, wie alle Veteranen.
Ich werde meiner Romanheldin ein anderes Schicksal schneidern.
Bei der Buchhandlung Mollat lesen und erzählen Schriftsteller fünfmal in der Woche aus ihren neusten Büchern. Die begeisterten Zuhörer steigen dafür ohne Aufzug drei Stockwerke hoch. Auf dem Juni-Programm stand Jean-Paul Michel mit seinem Gedichtband „Je ne voudrais rien qui mente dans un livre“. Aber ich war seit 1. Juni wieder in Frankfurt. Im Internet würde ich mir diesen verführerischen Titel bestellen: „Ich will in einem Buch nichts haben, das die Lüge schont“.

Frankfurt, den 6. November 2010