DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 29. März

Mein Vortrag über die deutschjüdische Geschichte am 6. April ist wegen der Pandemie  abgesagt.

Zunächst enttäuscht, merkte ich bald, dass ich damit Zeit gewinne, Zeit zum Lernen, zum Verstehen. Wenn auch gewiss im Kontext der Quarantäne das allgemeine Interesse am Thema eher schwindet, ist es doch nicht aus der Welt. Der  Raum der naturwissenschaftlichen Erklärungen, der sich derzeit öffnet, könnte sogar neue Denkweisen nahelegen – jeder begreift, dass Beten allein, wie iranische Ayatollas oder auch andere religiöse Sekten forderten, gegen die Krankheit nicht ausreicht. Gott hat uns auch einen Verstand gegeben, damit wir ihn nützen! Und so wäre jetzt auch eine Gelegenheit, neue Blicke auf  die Geschichte zu werfen.

Seit Monaten, seit Jahren gebe ich mich mit Geschichte ab. Geschichte war schon immer Teil meines Lebens, aber jetzt geht es mir um die deutschjüdische Geschichte. Und so bleibt es nicht aus, dass ich genauer nach den Bedingungen der Geschichtsschreibung frage. Meine Ausgangsfrage, als ich vor einem halben Jahr begann, mich auf meine öffentliche Rede vorzubereiten, lautete: Wieso war Auschwitz möglich?  Obwohl die Frage weiter aktuell bleibt, stoße ich jetzt auf eine andere Frage:  Worin besteht eigentlich Antisemitismus?  Und ich antworte: Auf der Seite der Nichtjuden aus Vorurteilen und Unwissen, aus wütenden Projektionen. Die jüdische Seite  reagiert darauf mit Verletzung und Angst.  Jeder Jude MUSS Äußerungen des Antisemitismus ernst nehmen, denn sie bedrohen grundsätzlich sein Leib und Leben. So sehe ich es heute als eine Aufgabe der Nichtjuden an, alles „Antisemitische“  offen zu legen, seine  Instrumentalisierung zu entlarven, als jemand, der nicht davon bedroht ist. Das übernehme ich zumindest für mich.

Meinen jüngsten Schub in diese Richtung erhielt ich von einer jüdischen Historikerin, Shulamit Volkov aus Tel Aviv.  Von ihr hat der C.H.Beck-Verlag ein Buch mit dem Titel veröffentlicht: „Antisemitismus als kultureller Kode“. Darauf wies mich der Leiter der Stadtteilbücherei in Frankfurt-Sachsenhausen hin. Als Geheimtipp sozusagen. Der Titel elektrisierte mich.  Ein „Kode“ ist kein Bericht über Vergangenes, sondern liefert eine Richtschnur fürs Verhalten. Vor allem ist er nicht öffentlich, wird nicht in der Schule gelehrt, sondern man verständigt sich stillschweigend darüber. „Fremde“ könnte man dadurch beschreiben, dass sie die Kodes der Gastgruppe nicht kennen und dass sie eben als "Fremde" auffallen, weil sie unbewusst dagegen verstoßen. Ein „Tabu“ gehört auch in diese Kategorie.  Weil ich in meinem Leben unter verschiedenen kulturellen Gruppen gelebt und mich oft bemüht habe, mich dort einzuleben, weiß ich, wovon ich rede, habe es am eigenen Leib erfahren: ich habe kulturelle Kodes gelernt, oder eben nicht.

Shulamit Volkov wurde 1942 in Tel Aviv geboren. Ihre Eltern waren deutsche Juden, die schon 1933 nach Palästina ausgewandert sind, gleich nach der „Machtergreifung“.  So überzeugte Deutsche sie bis dahin gewesen waren, so erkannten sie beim Anblick der nazistischen Ausbreitung nach 1933, dass sie ihre Zukunft ganz auf „Eretz Israel“, auf die hebräische Sprache, auf ihre eigenen Möglichkeiten setzen mussten. Sie lernten Hebräisch, und als Shulamit 1942 geboren wurde, fiel zuhause kein einziges deutsches Wort mehr.  Und doch: Shulamit studierte später neue Geschichte, lernte ihr Deutsch mühsam an deutschen Universitäten, vertiefte sich in die Hintergründe der deutschen Geschichte. Und so fand sie genau DIE Distanz zu den Ereignissen, die ihr erlaubte, diesen Kode zu erkennen. Die Wiederholungen von Judenverfolgungen im Lauf der letzten tausend Jahre hingen immer von Umständen ab, in denen jemand es für praktisch, für zweckmäßig hielt, die Juden als „Verursacher“ vorzuschieben, um seine eigenen Zwecke dahinter zu verbergen.

Wieso war das möglich? Zunächst ging das deshalb, weil das Christentum zur einzigen Religion des Abendlandes durchgesetzt werden sollte – und wurde.  Nur den Juden wurde gestattet, ihre eigene Religion zu behalten und zu bewahren. Sie waren also in einer Welt, die zwanghaft nach der christlichen Einheit suchte, immer die Anderen. Warum war das so? Nun, das Christentum hatte sich vor zweitausend Jahren vom Judentum abgespalten, war einen eigenen Weg gegangen – die christliche Bibel ist in ihrem ersten Teil das selbe Buch wie die Heilige Schrift der Juden, die sehr viel älter ist. Und Jesus Christus war selbst Jude, der bis zu seinem Tod ein Jude geblieben ist und nach jüdischen Regeln gelebt hat. Dass seine Lehren später für Nichtjuden geöffnet wurden, dass also das Christentum eine universale Verbreitung dieses besonderen Monotheismus und seiner Gebote ermöglicht hat, gehört zur Geschichte der Zivilisationen. Das ganze europäische Mittelalter hat sich damit auseinandergesetzt, und es wurde immer auch als eine politische Machtfrage betrachtet. Im 19. Jahrhundert begannen die christlichen Kirchen ihre Vormacht zu verlieren, der Nationalismus trat an ihre Stelle. Auch er entdeckte bald, dass „Fremdes“ mit den alten Vorurteilen bequem nutzbar  gemacht werden konnte, um den „Nationalismus“ zu erzwingen und durchzusetzen. Wie wollte man „national“ denken, wenn man keinen Begriff vom “Andern“, vom „Fremden“ hatte, den die Mehrheit wiederzuerkennen glaubte? Da dienten die alten Vorurteile, ließen sich gut umfunktionieren. Und wenn die übrigen Verhältnisse es erlaubten, gelang es.

Auf solche besonderen Verhältnisse lenkt Shulamit Volkov ihre und unsere Aufmerksamkeit: sie untersuchte nach wissenschaftlichen Kriterien z.B. den Antisemitismus der kleinen  Handwerker im 2.Kaiserreich, in den Jahrzehnten zwischen 1880 und 1900. Durch die wachsende Industrialisierung verloren viele Handwerker ihre Geschäftsgrundlagen, verarmten ohne eigenes Zutun, wussten sich nicht mehr zu helfen, und da schienen die judenfeindlichen Nationalisten zumindest eine Erklärung zu bieten. Ein Feindbild.....

Wenn ich hier auch auf die verzweifelte wirtschaftliche Lage in Deutschland nach dem Finanzkrach von 1928 hinweisen möchte, eine millionenfache extreme Armut,  die wegen der darauf folgenden Deflation herrschte, so begebe ich mich als Nichthistorikerin schon auf schwankendes Gebiet. Denn das könnte als Entschuldigung aufgefasst werden! Keineswegs! Ich versuche nur, den gefürchteten Begriff des Antisemitismus zu entleeren, als bloßes Mittel für eine Manipulation  erkennbar zu machen.  Es geht um die Manipulationen durch den Nationalismus, der keineswegs zufällig zum „totalen Krieg“ geführt hat und zu vielen  weiteren schrecklichen Umständen, die man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann.  Zu Auschwitz.

In den Geschichtsbüchern möchte ich aber auch etwas über die gemeinsame deutschjüdische Geschichte lesen. In unserem Land, in Deutschland mit seinem Grundgesetz – „die Würde des Menschen ist unantastbar“  - mit unserer Gemeinschaft in Vielfalt, welche gerade die gegenwärtige Quarantäne greifbar und anschaulich macht, sind wir auch imstande, die gegenseitige Beeinflussung, die Verwobenheiten zwischen Verschiedenen, die Verständigung zwischen allen Bewohnern der Republik als gegeben, als ausbaubar, als klärend zu erkennen. Wir wissen, dass jemand Anders sein darf und doch zu uns gehört. Ich möchte etwas in unseren Geschichtsbüchern davon lesen, weil es erzählenswert ist, ja, weil  es nicht fehlen darf, wenn man die Entstehung unserer Republik beschreiben will. Die gemeinsame deutschjüdische Geschichte würde so  sichtbar werden als notwendiger Teil der Grundlagen unseres Staates.

 

 

 

14. März

Heute komme ich noch mal auf das Buch „Begegnungen“ zurück, das vor einem Jahr erschien und das wir  - der „Literaturclub der Frauen aus aller Welt“  - mitsamt der Herstellung des Buches  allein gestaltet haben. Es enthält elf Erzählungen von Frauen, die jede auf ihre Art eine Migrantin ist.  Ich denke heute vor allem an die Erzählung  „Ein gutes Gespräch“  von Pupuze Berber.  Darin beschreibt die Autorin eine Alltagssituation: Gespräche in einem Restaurant. Während die Ich-Erzählerin mit ihrem Freund an einem Tisch sitzt, auch mit ihm redet, lauscht sie unwillkürlich dem Gespräch am Nachbartisch.  Geschickt verwebt sie nun die verschiedenen kleinen Geschichten aus dem Alltag, die sie  von den Leuten am Nachbartisch hört, mit dem eigenen Bericht von einer Party und den Unternehmungen einer Freundin – jedes für sich von absoluter Trivialität.  Seltsamerweise bewirkt diese Vermischung, in der sogar Spannung entsteht, dass das Ganze zu einer großen Metapher wird. Eine Metapher vielleicht für einen Mangel an tatsächlicher Nähe, für eine Sehnsucht nach engerer Beziehung. Das macht die Geschichte so anrührend, man liest oder hört sie und weiß nicht, warum man ergriffen ist. Die tatsächliche Reaktion beim Vorlesen war meist die, dass das Publikum zum Schluss lachte.

Das Buch „Begegnungen“ , Herausgeberin Pupuze Berger, bei b.o.d., kann man  bei jedem Buchhändler  für  €9,70 kaufen.

Frankfurt, 29. Februar (Schalttag)

Wer die taz abonniert, erhält einmal im Monat „Le Monde Diplomatique,“ deutsche Ausgabe. Das ist eine eigene Zeitung, die ausführliche Artikel über die aktuelle Weltlage und ihre Hintergründe enthält. Man braucht also Zeit dafür und einen für Neues offenen Kopf.

Offenbar hat es mir in den letzten Monaten an einem solchen gefehlt, denn ich zählte  gestern beim Aufräumen nicht weniger als sechs ungelesene Ausgaben! Da ich aber momentan so fest in meiner Erforschung der „gemeinsamen, mehr als tausendjährigen deutschjüdischen Geschichte“ stecke, und manchmal  feststecke, entsteht gelegentlich ein dringendes Bedürfnis nach was ganz Anderem So las ich heute morgen die „M.D.“ vom letzten November. Und so stieß ich auf die Frage: „Warum China den Kapitalismus nicht erfand“.

Sie erinnerte mich an das Thema „Europa“, wie ich es letztes Jahr behandelt hatte (siehe unter "Zeitschriften"), als ich das französische Büchlein „Une certaine Idée de l’Europe“ gelesen und besprochen hatte („Eine gewisse Idée von Europa“). Mir war dort der französische Historiker Patrick Boucheron begegnet; er hatte mich schon darauf hingewiesen, dass die Chinesen im 16. Jahrhundert eigentlich technisch ebenso weit gekommen waren wie Europa, diese Möglichkeiten aber nicht weiter entwickelt hatte. Bei ihm erfuhr ich, der Grund dafür habe darin bestanden, dass China keine Kohle besaß. Heute erklärt  mir Le Monde Diplomatique (Autor: Alain Bihr) nun einen anderen Grund, der womöglich  noch einleuchtender ist: In China gehörte zur Kaiserzeit jeglicher Grund und Boden dem Kaiser, also dem Staat, und konkret war niemand sicher, nicht eines Tages von seinem  Besitz vertrieben zu werden. Eigentümer war niemand außer dem Kaiser. Überdies galten Händler nicht viel, in der Ständeordnung standen sie an unterster Stelle: nach den Adeligen folgten die Bauern, die Handwerker und dann erst kamen die Händler. „Bürger“ gab es ohnehin keine.  Einen chinesischen Kaufmann, der sich ein Kapital ansparen wollte und konnte, fand man nur außerhalb der nationalen Grenzen . Heute ist die kaiserliche Macht auf die Spitze der Partei übergegangen, und kapitalistisch handelnde Chinesen florieren in Hongkong und in Taiwan. Und „der Staat“.

In der deutschen Le Monde Diplomatique-Ausgabe von November 2019 fand ich aber noch mehr Artikel, die neue Erkenntnisse enthielten.

Auf der letzten Seite steht eine Analyse von Serge Halimi über das Wirken und die Reichweite des französischen Rechtsradikalen und Hetzers Eric Zemmour, eines Journalisten,  der sogar in „Le Figaro“ veröffentlicht, einem durch und durch konservativen Blatt. Wichtig für deutsche Leser: in Frankreich gibt es einen starr-konservativen Katholizismus, und so kann Zemmour das „weiße katholische Polen“ als Vorbild gebrauchen.  Diese Seite des Christentums dient ihm  auch als Folie für Xenophobie, die sich mehr oder weniger stillschweigend  auch gegen Islam und Judentum richtet.

Ich überschlage den Bericht über die Umbettung Francos in Spanien  (aus einer bombastischen nationalistischen Toten-Gedenkstätte in ein privates Familiengrab), der feststellt : „Damit ist  die historische  Aufarbeitung noch lange nicht beendet. Die Toten geben keine Ruhe.“  Ebenso den „Digitalen  „Nord-Südkonflikt“ in der WTO,  wo es um die Vor- und Nachteile einer Regelung des E-Commerz geht. Auch der Schilderung der Korruption in Indien unter der Überschrift „Modi und seine Komplizen“   lasse ich beiseite, anscheinend  bildet dort „Korruption das Fundament der  Politik – quer durch alle Parteien“. Aber am „Ende einer Heuschrecke“ bleibe ich hängen:

Ein pakistanischer Geschäftsmann gründete 2002 eine Firma, die der deutsche Übersetzer „Private Equity-Gesellschaft Abraaj“ nennt. Er kaufte Firmen auf, tat das mit Fremdkapital. Das heißt, mit Hilfe von Krediten machte er riesige Gewinne. Wurde dadurch berühmt und  geachtet, war mit Bill Gates gut Freund, trat in Davos als bewunderter  Philantrop und Umweltschützer auf.  Erst 2017 wurde offenbar, dass alle seine Firmen vor dem Konkurs standen und er sehr viel Geld für sich und die Familie  beiseite geschafft hatte.

Auf der nächsten Seite (ich lese die Zeitungen immer rückwärts) finde ich einen Bericht über Falludscha, eine Stadt in Irak. Hier sammelten sich 2004 die Aufständischen und der IS gegen die  amerikanische Besatzung, und so wurde die Stadt – wie derzeit Idlib in Syrien - gnadenlos bombardiert. Die Amerikaner benutzten damals „mutmaßlich“ Urangeschosse. Sie wurden, auch Jahre später, als die  Bevölkerung nach Falludscha allmählich  zurückkehrte, nicht geräumt.  Man baute auf. Man bekam Kinder. Und plötzlich gab es viele Missbildungen unter den Neugeborenen: Fehlbildungen des Nervensystems,  der Wirbelsäule und des Gehirns, oder Lippen-Kiefer-Gaumensegel-Spalten.  Listen von irakischen Ärztinnen und Ärzten, die zeitweise auf 13% der Neugeburten kamen, wurden von offiziellen Statistiken der WHO beiseite geschoben, die ihrerseits ausgewählte Eltern persönlich befragte.  Andere maßen Bleivergiftungen der kranken Kinder in deren Haaren, die alles Normalmaß überstiegen.  All das wird  im Mainstream totgeschwiegen.....

Nächste Seite: „Auf Kosten der Kurden ebnen Erdogan und Putin den Weg für die endgültige Sanierung des Assad-Regimes“. Das war im November  - heute redet davon keine Zeitung mehr. Heute  hören wir nur, dass türkische Soldaten  unter syrischer Bombardierung sterben. (Korrektur 1. März: nicht "russischer", wie ich nach ersten Meldungen geschrieben hatte, sondern syrischer Bombardierung.)

Nein, meine Kraft für schlimme Nachrichten an diesem schönen Samstagmorgen  ist jetzt doch erschöpft.

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 9. Februar

Draußen beginnt schon der Sturm. Er ist für heute Nachmittag als Orkan angekündigt. Also bleibt man besser zuhause. Das passt mir gut. Ich lese, Ich schreibe, ich denke nach.

Am 6. April will ich über die mehr als tausendjährige gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte sprechen. Nicht als Historikerin, sondern als jemand, die eine neue Perspektive einnimmt oder aufnimmt, wie soll ich es sagen. Ein neues "Narrativ". Nicht mehr die selbstverständlichen Perspektive einer Mehrheit, die eine Minderheit entweder verteidigt oder ignorieren oder einfach weghaben will - <einfach weg>, das war ja schon immer das Ziel von Antisemiten. Als Mehrheit glaubt man sich allmächtig. Alle sollen "wie wir" sein, fordert der Nationalismus, welcher derzeit wieder Leute anlockt.

Was kann man gegen Antisemitismus tun? habe ich gedacht. NIcht  bloß als grundsätzliche Frage oder Forderung, sondern konkret. Gegen die alte deutsche Judenfeindlichkeit? Die doch schon immer auf Lügen fußte? Und auf Neid und Habgier?

An diesem Wochenende fand ich in der taz ein Gespräch  mit einer "forensischen Psychiaterin" aus Münster in Westfalen. Ihre Aufgabe ist es, die Schuldfähigkeit von Menschen, die Gewaltverbrechen begangen haben, für ein Gericht zu begutachten. Ihr Name: Nachlah Saimeh. Ihre Mutter ist niederländisch-deutscher Abstammung, der Vater Palästinenser;  die Eltern trennten sich sehr früh. (Sie bringt das im Gespräch nur beiläufig ein.) Sie beklagt Überspitzungen im öffentlichen Diskurs,  zum Beispiel die Neigung,  vielerlei Unglück  mit "arm" und "reich" zu erklären. "Dass beispielsweise wenig Abiturienten aus sozial sehr schwachen Schichten kommen, kann man aber doch nicht auf einen reinen Euro-Betrag reduzieren, weil auch enorm viele soziokulturelle Aspekte  in der Erziehung eine Rolle spielen...." und  "... Der Segen der Bürgergesellschaft ist es ja nun, dass derjenige, der über ein MIndestmaß an sozialen Kompetenzen, Tagesstruktur und Selbstdisziplin verfügt, grundsätzlich sozial aufsteigen kann."

Ich kann das Gespräch hier nicht ganz wiedergeben (es wurde sehr feinfühig geführt von Waltraud Schwab); aber was mich, in meinem derzeitigen Gedankenkreis, am tiefsten beeindruckte, waren die Sätze "Das dämonisierende Denken geht davon aus, dass alle Unbill der Welt einen singulären Verursacher hat. Unglück und Leid wird nicht  als Bestandteil des Lebens verstanden. So wird die Utopie einer optimalen Gesellschaft entwickelt."

Dämonisches Denken. Das gilt für die heutigen Rechtsextremisten ebenso wie schon je für Rassisten und Antisemiten. Besonders die Judenfeinde aber durften sich auf die Lehren der christlichen Kirchen berufen. Augustinus hat schon im 5. und 6. Jahrhundert befunden, dass Juden weniger wert seien als Christen. Das ließen sich mittelalterliche Päpste nicht entgehen. Die gemischte Bevölkerung in Andalusien war ihnen ein Dorn im Augen, und die Könige von Kastilien und Aragon warfen ein begehrliches Auge auf die blühnenden Länder im Süden. In Paris hielt die Kirche im 13. Jahhrundert öffentliche Streitgespräche mit jüdischen Gelehrten - am Ende des Jahrhunderts wurden die Juden aus dem Köngreich vertrieben. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hingegen war die politische Lage unübersichtlicher, komplexer. In Mainz und anderswo hatten sich im 12. Jahrhundert schon wichtige Gemeinden gebildet, mit Thoraschulen, in die Schüler  von weither zum Lernen kamen. Aber ab dem 14. Jahrhundert - spätestens - begannen  auch hier die Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden. Die  begründeten sich durch ein neues Konkurrenzdenken der aufstrebenden nicht-jüdischen Kaufleute und der Zünfte, wurden aber richtig angefeuert von den Predigern in den Kirchen, von den Kreuzzügen. Nach der Reformation sogar vielleicht noch verstärkt.

Eine Freundin erzählte mir von ihrem Vater, der 1938 bei der Hitlerjugend war und mit seinen Kameraden zur Pogromnacht im Bus nach Mainz fahren sollte, um dort bei Juden Fensterscheiben einzuwerfen. Sein Vater verbot ihm das mit der Begründung: "Wir sind Katholiken, und wir schmeißen andern Leuten keine Fensterscheiben  ein." Der Bub blieb zu Hause, enttäuscht und wütend. Aber nach dem Krieg erzählte er seiner Tochter die Geschichte und war stolz auf seinen Vater.

Sehen Sie: das alles gehört zu einer "gemeinsamen Geschichte", weil darin nämich jüdische und nichtjüdische Deutsche beteiligt sind.  Es gab auch  unzähliche gegenseitige Einflüsse. Schon damals in Mainz sprachen Juden einen deutschen Dialekt: ein "Judendeutsch" eben.

Es gibt unendlich viel zu erzählen. Man muss es nur ordnen. Damit werde ich mich in den nächsten zwei Monaten befassen.

Frankfurt, den 22. Januar

Eilmeldung!

Mein Feldenkrais-Kurs, der nächsen Dienstag beginnen sollte, fällt aus! Es haben sich bis heute nicht die notwendigen sieben Teilnehmer gemeldet, die für die Volkshochschule Voraussetzung für eine Durchführung sind. So musste Herr Evyapan heute absagen.

Tut mir leid.

Die Feldenkraismethode bleibt für mich auch weiter im Mittelpunkt meiner Selbstfürsorge; ihr verdanke ich ein relativ feines Körpergefühl, das mir erlaubt, im Gleichgewicht zu bleiben, Treppen herauf und hinab zu steigen (obwohl ich inzwischen selten einem Aufzug ausweiche). Aber Arthrose und andere Beschwerden, ja, auch Knieschmerzen, lassen sich bis zu einem gewissen Grade durch die Feldenkraisarbeit überwinden oder mildern. Dafür bin ich sehr dankbar. Gern gebe ich mein Wissen  auch weiter - aber gerade jetzt interessieren sich nicht genug Mitmenschen dafür.

Soweit für heute!

Bis bald

 

 

 

 

Frankfurt, den 12. Januar

Mir ging heute durch den Sinn, dass all die Mühen, die man sich macht, um "abbaubare" Plastiktüten herzustellen, also solche, die sich mit der Zeit giftfrei auflösen und wieder "zu Erde" werden, dass diese Mühen vergebnlich sind, weil das bei diesen Plastiksorten zu lange dauert. Wir sammeln organischen Abfall in der "Biotonne", und diese wird (bei uns) einmal in der Woche abgeholt und anschließend vom Hausmeister gereinigt. Aber wo geht der Inhalt der Biotonne hin? fragte ich mich. Zu "Kompostieranlagen"! Nach diesem Wort suchte ich nun im Internet und landete bei einem wunderschönen Bericht des Wiener Umweltbbundesamtes. Nein, in Österreich heißt es nicht: "Bundesumweltamt", sondern "Umweltbundesamt". Es kommt doch auf die "Umwelt" an, gell?

Und so fasziniert mich am meisten die Sprache, das österreichische Verwaltungsdeutsch in diesem Bericht über die "wesentlichen Anforderungen an einen emissionsarmen Betrieb von Kompostieranlagen".

Was haltet Ihr von einem Satz wie diesem:

"Lager- und Rotteflächen müssen so gestaltet werden, dass Press-, Prozess- und niederschlagsbedingtes Oberflächenwasser rasch abfließen kann und es zu keinem Einstauen von Wasser im Bereich des Mietenfußes kommt."

Kein überflüssiges Wort. Ich hab den Satz zum Spaß einmal  laut gelesen: er ist klar, man muss nur die Worte kennen. Aber auch die Worte sind klar, zumindest für jemanden, der sich schon mal mit dem Garten und mit dem Kompostieren beschäftigt hat. Zehn Jahre lang hatte ich einen Garten. Und das "Rotten" ist mir ein  Begriff geworden: wie sich organisches Zeug in duftende Erde  verwandelt. Es fault nicht, es verschimmelt nicht, es trocknet nicht, sondern es rottet. Allerdings hatte ich noch nie an "Abluft" gedacht, an vielleicht unerwünschte "Emissionen", die bei der Verwandlung von Lebendem zu Humus entstehen. Nun, in der Kompostkiste eines Kleingartens wird das nicht bedeutend sein, aber in "Kompostieranlagen"  schon. Sie verarbeiten jährlich Hunderttausende von Tonnen Abfall, wie ich eben gelesen habe. Und da müssen sie auch die Reinhaltung der  Luft berücksichtigen.

Und was ist ein "Mietenfuß?" fragt vielleicht jemand. Eine "Miete" ist eine geordnete Aufhäufung von organischem Material, in der innen Wärme entsteht. So brauchte man  früher Kartoffeln nicht unbedingt  im Keller zu lagern, sondern konnte sie draußen auf dem Feld "einmieten", also unbeschadet durch den Frost bringen. In den heutigen Kompostieranlagen können die "Mieten" schon mal drei Meter hoch sein, und so nennt man die unterste Etage dieser Miete den "Mietenfuß". Recht anschaulich, nicht wahr?

Der ganze "Prozess", also die Zeit vom Abholen des Inhalts der Biotonne bis zum Verkauf des fertigen Humus, braucht auf diese Weise, je nach dem, zwischen drei und zehn Monate, ungefähr.

Und damit komme ich auf die Plastiktüten zurück: sie mögen so "bio" sein wie sie wollen, sie brauchen zum Verrotten viel länger. Und darum gehören sie nicht in die Biotonne. Wahrscheinlich müsste es extra Kompostieranlagen für Plastik geben. Bisher existieren die nicht. Und nachdem ich den Wiener Bericht ein Stück weit gelesen habe, wird mir deutlich, wie nahe den natürlichen Abläufen diese Anlagen immer noch bleiben müssen, mit den erforderlichen Mischungsverhältnissen in jeder "Charge"! Hier und da wurde darauf hingewiesen, dass Technik allein noch keine gute Kompostieranlage ausmache, sondern dass "arbeitstäglich" kontrolliert, manchmal sogar "händlich" eingegriffen werden müsse.

Neulich jammerte irgendwo ein Mann: "Wie? Plastiktüten verbieten? Das darf nicht sein. Was soll ich denn machen, wenn ich mal meine Einkaufstasche vergessen habe?" Meine Mutter pflegte in solchen Fällen zu sagen: 'Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.' Das war noch zu der Zeit, als man fast überall hin zu  Fuß ging.

 

Frankfurt, 1. Januar 2020

Ein frohes neues Jahr wünsche ich allen, die das hier lesen; jedem aber, uns allen, und da meine ich schon Stadt und Land, ja, mindestestens Europa, ein gutes, von Frieden gesegnetes Jahr. Vermessen? Nun, je mehr solche Wünsche es gibt, desto eher können sie sich erfüllen. Für Frieden bedarf es doch nur der Bereitschaft dazu? (Schillerzitat: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Aber wie wird ein Nachbar "böse"? Interessante Frage, fürs Jahr.)

Merkel, in ihrer liebenswürdigen Neujahrsansprache, hat auch Afrika einbezogen. Wenn die Afrikaner bei sich zuhause sich Lebensziele setzen können, oder könnten, dann blieben sie, bleiben sie selbstverständlich zuhause. Wenn ich bedenke, dass Kongolesen meiner Generation und auch noch der nächsten in einem Lande aufwuchsen, in dem Afrikaner nicht studieren durften, in dem gehobene Verwaltunsgstellen allein Weißén vorbehalten waren, und aller Besitz ebenfalls, dann schüttelt sich mir der Kopf. Haben wir hier, zum Beispiel in Deutschland, nicht seit dem 30-jährgen Krieg bis heute gebraucht, um Verwaltung zu erfinden und zu lernen? Richtig gründlich dann beim Freiherrn vom Stein in Preußen? Und heute immer wieder dazulernen? Das geht nicht in ein oder zwei Generationen! Dafür braucht es Zeit und Geduld. Die Afrikaner müssen ihre Verwaltung selber erfinden, damit sie funktioniert. Die Kongolesen etwa stürzten 1960 in eine "Unabhängigkeit", auf die sie niemand vorbereitet hatte. Dazu ihre unendlichen Bodenschätze, auf die der Westen gierig schaute.  Dem Westen waren deshalb  "unordentliche" Verhältnisse im Land von vornherein viel lieber ....

Ich habe gerade mal wieder Annette von Droste-Hülshoffs Erzählung "Die Judenbuche" gelesen - sie beschreibt darin anschaulich die Verhältnisse auf dem Lande gegen Mitte ihres Jahrhunderts, des 19., also mal gut 150 Jahre her. Das Volk ist arm, ungebildet; der Landadel besitzt, was Wert hat - Wälder in diesem Fall, und ist zuständige für die "niedere Gerichtsbarkeit", also für die Rechtsprechung in den meisten Fällen, welche das Volk betreffen. Die Sorgfalt, mit der man dabei vorgeht, hängt dann vom jeweiligen Gutsherrn ab .... Davon handelt die Erzählung in der Hauptsache, nur nebenbei kommen außer Gutsherrn  und Förstern auch noch Juden vor - die einzigen übrigens, die ein Gewissen von allen fordern. In den Germanisten-Kommentaren, die ich zu dem - noch immer in Schulen durchgenommenen - Text las, war von "Gewissen" überhaupt nicht die Rede, sehr viel von "Juden". Droste-Hülshoff muss sehr genau über die Juden ihrer Zeit bescheid gewusst haben, ich finde keinen Fehler in ihren Darstellungen. Sie - d.h. die Erzählerin - behauptet nirgendwo, Juden seien rachsüchtig. Das war in der Kirchenlehre eine Standard-Behauptung, egal ob prostestantisch oder katholisch. Droste-Hülshoff legt solche  Worte nur der Gutsfrau in den Mund - einer Person, die standesgemäß wohl mehr Katechismusunterricht als öffentliche Schule gesehen hat.

Ach ja, das Thema beschäftigt mich weiter: die 1000-jährige deutsch-jüdische Nachbarschaft. Sie existierte, es gibt Berichte darüber. Sie sind nicht selbstverständlich zu finden. So wenig wie Berichte darüber, wie der Jesuitenorden im 16. Jahrhundert mit dem Erbe der konvertierten Jude umging....  Ich ahne da eine Politik des Verschweigens .....

Und warum interessiert mich  "Nachbarschaft"? Nun, Nachbarn sind die Leute, die wir neben der Familie als erstes im Leben kennenlernen, es gibt sie immer wieder, für jemanden wie mich, die ich viel gewandert bin, auch immer wieder neu. Beim Nachbarn beginnt der Frieden. Beziehungsweise die Entscheidung zwischen Frieden oder Krieg. Gewiss, gewiss, die Frage stellt sich auch schon innerhalb der Familie. Ich komme gerade von einem Weihnachtsfest, wo ich wunderbare Stunden und Tage der friedlichen Freundschaft zwischen Familienmitgliedern erlebt habe. Bin noch ganz erfüllt von der Freude, die daraus erwächst.  Dicht an dicht saß ich neben der Ehefrau meines ehemaligen Mannes, wie sie mir den großen Eßtisch mit sechzehn Gästen auf ihren Handy-Fotos  zeigte: mit Sohn und Tochter, mit deren zwei sehr hübschen kleinen Kindern und ihrem Mann, der seine zwei großen Töchter aus erster Ehe mitgebracht, während gegenüber zwei Töchter des ehemaligen Ehemannes aus zweiter Ehe saßen, und noch einge mehr, die ich vergessen habe - alle fröhlich vereint  beim Weihnachtsessen! Wir, das heißt die Frau meines ehemaligen Mannes und ich, wir haben uns miteinander gefreut. Er bleibt ja der Vater meiner Kinder ....

Also, das wünsch ich: Gesundheit und gute Nachbarn!

 

 

 

Frankfurt, 18. Dezember

Heute steht ein Leserbrief  von mir in der taz. Weil der Platz knapp ist, hat man ihn ein wenig zusammengestrichen, so dass er sich wie  ein Notruf liest anstatt, wie ich gedacht hatte, als weise Rede einer Alten.  Ich bin trotzdem froh, dass er gedruckt wurde. Das Wesentliche blieb erhalten, denk ich.

Hier der taz-Text:

"Der große Unterchied mit Folgen

"Neues Buch  "Schwangerwerdenkönnen: allein die Möglichkeit", taz vom 16.12.19

Wenn es zwischen den Menschen einen Unterschied gibt, seit Hunderttausenden von Jahren, dann den zwischen Männern und Frauen - überall auf dem Globus. Es gibt Personen, "die schwanger werden können", was bedeutet: sie sind von Geburt an darauf vorbereitet, in ihrem Körper männlichen Samen und ein weibliches Ei miteinander verschmelzen zu lassen, das nun heranwachsende Kind zu nähren und zu schützen, es nach neun Monaten zu gebären, woraufhin es einen unabhängigen Kreislauf und eine eigene Stimme bekommt. Man ist mit den Jahren übereingekommen, eine solche Person "Frau" zu nennen. Nun sind wir heute so weit, dass der Begriff "Frau" ganz unklar wird, fast von jedem Individuum neu definiert werden kann. "Diejenigen die schwanger werden können" sagen? Es ist ja nicht mit der bloßen Schwangerschaft getan. Die Hormone spielen auch eine Rolle. Darum mein Vorschlag: nennt "Frau" diejenigen, die Kinder kriegen können; ansonsten bildet so viele "Geschlechter" wie nötig. Was bleibt: Die Menschenwürde. Die sollte eigentlich reichen!

Barbara Höhfeld, Frankfurt a.M."

Soweit der  Text in der Zeitung von heute.

 

Ich hatte geschrieben:

"taz vom 16. Dez. 2019, Seite 16

zu: „Schwanger werden können“, einem Essay von Antje Schrupp

Liebe Frau Hecht,

Es kommt mir dermaßen vor, dass hier das Pferd beim Schwanz aufgezäumt wird, dass mir die Lust vergeht, diesen Essay zu lesen. Vielleicht irre ich mich? Kann mir das jemand zeigen?

Wenn es zwischen den Menschen einen Unterschied gibt, seit Hundert Tausenden von Jahren, dann den zwischen Männern und Frauen und überall auf dem Globus. Warum?  Es gibt Personen, die „schwanger werden können“, was bedeutet: sie sind von Geburt an darauf vorbereitet, in ihrem Körper männlichen Samen und ein weibliches Ei mit einander verschmelzen zu lassen, das nun heranwachsende Kind zu nähren und zu schützen,  es nach neun Monaten zu gebären, worauf hin es einen unabhängigen Kreislauf und seine eigene Stimme bekommt, und diese Art von Personen kann  ihr Kind auch nach der Geburt noch einige Zeit nähren. Man ist mit den Jahren übereingekommen, eine solche Person „Frau“ zu nennen.

Nun sind wir so weit, dass der Begriff „Frau“ ganz unklar wird, fast von jedem Individuum neu definiert werden kann. Sprachlich wird er damit wertlos, weil nicht mehr allgemein verständlich.

Stattdessen diejenigen „die schwangerwerdenkönnen“ sagen? Ist das nicht ein wenig umständlich? Wenn es nötig sein sollte, wird man wohl einen kürzeren Terminus dafür finden. Es ist ja nicht mit der bloßen Schwangerschaft getan. Die Hormone spielen auch eine Rolle. Ja, oft entwickelt sich eine Frau mit dem ersten Kind ganz neu.  Auf jeden Fall nimmt sie ihren Körper neu und anders wahr. Und nach dem Klimakterium  unterliegt sie wiederum anderen Einflüssen als Männer.  Sogar wenn sie selbst keine Kinder geboren hat.

Darum mein Vorschlag: nennt „Frau“ diejenigen, die Kinder kriegen können; ansonsten bildet so viele „Geschlechter“ wie nötig .

Was bleibt: die Würde jedes einzelnen Menschen, die Menschenwürde. Die sollte eigentlich reichen!"

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Die Rezensentin hieß Patricia Hecht. sie habe ich in dem Leserbrief angesprochen. Das tu ich manchmal für den Fall, dass der Text nicht gedruckt wird damit ich trotzdem vielleicht von dem/der Angeredeten eine Antwort erhalte. Kommt tatsächlich vor.

Hecht zitiert Schrupp: sie entscheide sich für die Bezeichnung "Menschen" , die schwanger werden können, um <neue freiheitliche Narrative zum Schwangerwerdenkönnen zu entwickeln>.

Draußen stehen die Klimakämpfer und wollen unter anderm Strom sparen. 

Aber Schrupp, schreibt Hecht, wolle die "patriarchale" Ordnung damit überwinden!  Damit bald nur noch Männer in Labors und in den Schaltzentralen über das Kinderkriegen entscheiden? Der alte Traum: Frauen überflüssig machen? Und dass solch künstiche Befruchtungen zigtausend Euro kosten, jedenfalls derzeit, scheint auch keine Rolle zu spielen. Vielleicht auf Krankenkasse?  Wer genehmigt das?

Mir scheint, es wäre einfacher, alle zu gegenseitigem Respekt zu erziehen.

Dazu würde auch gehören, dass man nicht Schreihälse, die was herausbrüllen, als "Menschen in der Kommunikation" bezeichnet, wie jüngst in der taz. Zum "Kommunizieren" braucht es  mindestens zwei; Kommunikationen sind keine Monologe, sondern richten sich immer an einen andern.

Und wenn Schrupp wirklich den Standpunkt vertritt, man solle nach der Geburt sich überlegen, was nun mit dem Kind geschieht, wer die Verantwortung übernimmt, wie Hecht referiert, dann verschlägts mir die Sprache. Hat schon mal jemand das glückliche Aufleuchten der Augen bei einem Kind gesehen, das jemanden wiedererkennt, dem es vertraut? Das kann der Papa oder die Mama sein oder jemand anderes, ist gleich. (Nein, nicht ganz. Nichts ist gleich...)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, 28. November

Etwa drei Monate schrieb ich an einer Buchbesprechung über Europa, die mich stark beschäftigte, die mehrmals zu lang wurde, von der ich schließlich zwei Fassungen fertigte. Eine war für den "Kurier" des Vereins der ehemaligen EU-Beamten in Deutschland bestimmt, das war der längere Text, und der kürzere erschien am 14. November in Luxemburg, in der "Kulturbeilage" des "tageblatt", die einmal im Monat herauskommt. (Den "Kurier" bekomm ich in der nächsten Woche.)

Nachstehend die kürzere Fassung:

 

Gedanken zu Europa:

Kritische Unruhe?

Von Barbara Höhfeld

Europa – die Begehrte! Die Geraubte! Die immer unterwegs Seiende! Dieses Urbild der griechischen Mythologie begegnete mir in dem Büchlein „Une Idée de l’Europe“. Es enthält fünf Vorträge von Gelehrten. Im Auftrag der französischen Internetseite „Le Grand Continent“ hielten die Fünf ihre Vorträge in mindestens 19 Städten der Welt, von Bukarest bis Lissabon und New York, von Talinn  bis Rom und Pretoria.  Danach dienten die Vorträge als Vorlage für das Buch.

Wer sind die Fünf, die Neues zum Thema zu sagen verstanden? Ich nenne zunächst Myriam Revault d’Allonnes, weil sie als einzige sich ausdrücklich auf die altgriechische Legende der „Europa“ beruft: die phönizische Prinzessin blickt zurück „mit einem Blick, der nach außerhalb ihrer selbst und zum Nicht-selbst reicht“, wie Revault d’Allonnes aus dem griechischen Namen schlussfolgert. „Ein Blick, der  nicht - von einem aus der Gleichheit hervorgegangenen uniformen Wesen - in dem Andern immer nur eine Form von sich selbst sieht, sondern im Andern auch den  Unterschied erkennt“. Die Philosophin will damit eine geopolitische Basis zur Definition Europas ersetzen durch eine vernunftorientierte Perspektive. Vernunft verknüpft sich in Europa mit kritischem Denken  schon seit der griechischen Antike.

Myriam Revault d’Allonnes, emeritierte Professorin für Philosophie aus Paris mit einem Schwerpunkt auf ethischer und politischer Philosophie, bezieht die Gegenwart ein, zitiert Husserl, der, von den Nazis verfemt, eine „Krise des europäischen Menschentums“ erkannte und nach dem „Lebenssinn“ fragte und in diese Frage natürlich auch die eigene Verfolgung einbezog. Revault d’Allonnes greift nun diese Frage nach dem Sinn für die heutige Gegenwart auf. Hier findet sie den Nicht-Sinn – oder „non-sens“ – in der gegenwärtig herrschenden „Logik der Rentabilität“. Der Lebenssinn im Husserlschen Sinne gehe dabei verloren, befürchtet sie, diagnostiziert gleichzeitig ein „Krisenbewusstsein“, nämlich die „Krise des europäischen historischen Bewusstseins“, das sie genauer analysiert. Sie entdeckt Paul Ricoeur mit seiner Feststellung: es sei der ständige Streit (discorde) zwischen Überzeugung und Kritik, der unter anderm den europäischen Erfahrungsraum so krisenanfällig mache, was natürlich auch mit den unterschiedlichen Geschichtsbildern zu tun habe, die in Europa nebeneinander existieren. Vielleicht, fragt sie, führt uns diese lange Erfahrung mit Krisen heute in eine friedlichere Zukunft? Können wir sorgfältiger und umfassender mit Krisen umgehen als andere? Besteht gerade darin eine Qualität Europas?

Ähnliche Gedanken trägt auch Patrick Boucheron in seinem Text vor. Er ist Historiker am „Collège de France“ mit dem Schwerpunkt italienische Geschichte vom 13. bis 16. Jahrhundert. Die Geschichte der italienischen Stadtrepubliken, die als erste in Europa die gesamte Stadtbevölkerung als ihre Bürger betrachteten. Siena dient als Beispiel - über Siena hat Boucheron ein ganzes Buch geschrieben, „Conjurer la peur“ heißt es, es ist als einziges seiner Werke auch auf Deutsch erschienen, mit dem Titel „Gebannte Angst“. 

Zwei Anmerkungen zu „Conjurer la peur“:  Boucheron ist einer der wenigen Historiker, die außer den „Fakten“ auch deren Wirkungen auf die Geschichtsschreibung systematisch einbeziehen, ja, diese Wirkungen durch die Jahrhunderte nachzeichnen. Das ist das Interessante an dem Siena-Buch. Das andere, was ich dazu anmerken möchte: die deutsche Titel-Übersetzung ignoriert, dass im Französischen das Tuwort im Präsenz gebraucht wird, verwandelt es stattdessen in Vergangenheit, in etwas, das schon geschehen ist – also ein Faktum. Doch im Französischen klingt eben gerade das nicht an: „die Furcht bannen“ im Infinitiv, BLEIBT in dieser Form eine Aufgabe, die immer wieder neu angegangen werden muss, durch alle Jahrhunderte hindurch, und eben darüber schreibt Boucheron, nicht über schon „gebannte Furcht“!

Im übrigen zeigt sich Boucheron durchaus nicht nur optimistisch. Er verfasste seinen Text zur Zeit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ und sah eher schwarz für Europa, d.h. für die Europäische Union. Als er sich nach neuen Ideen umsah, traten ihm die italienischen Stadtstaaten vor Augen, deren Geschichte er so gut kannte. Ließen sie sich als Vorbild heranziehen? Als Zentren von Macht, Wirtschaftskraft, Kunst und Kultur vergleicht er sie mit dem, was sich bei uns heute als „Nationalstaat“ herausgebildet hat. Nicht dass er nicht auch Unterschiede bemerkte. Aber die Gemeinsamkeiten sind in den europäischen Verträgen vorgegeben: miteinander Frieden halten, Handel treiben, sich weniger als Rivalen denn als Verbündete begreifen und sich auch in geistigen Fragen austauschen. Sobald man aufhört, schreibt Boucheron weiter, die Welt danach zu beurteilen, was ihr im Vergleich zu Europa gefehlt hat, und fragt: was hat Europa gefehlt? eröffnen sich neue Perspektiven. Wenn nicht mehr nur „die Andern“ das Nicht-Wir sind, sondern wenn wir anfangen, uns selbst als „die Andern der Andern“ zu betrachten, kann aus den ehemaligen Kolonialherren eine Provinz werden, „Provinz“ in der herablassenden europäischen Bedeutung. Ertragen wir das? Immerhin ging die Idee der vergleichenden Wissenschaften im Wesentlichen auch von Europa aus. Gerade das „Collège de France“, 1530 von Francois 1er als Gegenkraft zu den Universitäten in Paris gegründet (die Universitäten erstarrten gerade unter der dogmatischen Fuchtel der Kirche), strebte stets nach Vergleichen. Darin, meint Boucheron, drückte sich eine Unruhe aus, die Europa zu jener Zeit schon deutlich ergriffen hatte: eine Unsicherheit des Urteilens, da diese oder jene „Wahrheit“ sich gegenseitig ausschlossen und doch keine zu widerlegen war.  Boucheron zitiert George Steiner, der als das kostbarste Erbe Europas dessen Fähigkeit zur Selbstkritik bezeichnet.

Es folgt Thomas Piketti. Er stützt sich auf die Thesen aus seinem berühmten Buch über „Kapitalismus im 21. Jahrhundert“, in welchem er die wachsende Ungleichheit anprangert. Für die EU fordert er eine neue Steuerpolitik: Im Rat der Finanzminister vertrete bisher jedes Mitglied nur sein eigenes Land, oder seine Regierung, dürfe nur in deren Interesse sprechen, dürfe keiner Entscheidung zustimmen, die einer europäischen Mehrheit zuträglich wäre, wenn sie zum eigenen Nachteil führt. Zur  Behebung solcher Missstände schlugen er und andere schon um das Jahr 2000 einen neuen Wahlmodus für das Europäische Parlament vor: dessen Abgeordnete sollten gleichzeitig im heimischen Parlament sitzen, um so die Verbindungen zwischen den Ländern und der EU deutlicher, ihre Beziehungen enger zu gestalten. „Unser oberstes Ziel muss es sein, die europäische Souveränität und die nationalen Souveränitäten in Einklang zu bringen.“  Ein solches Parlament könnte eine europäische Unternehmenssteuer und eine Steuer auf sehr hohe Einkommen auf den Weg bringen, deren Ertrag gemeinsam nach europäischen Gesichtspunkten verwendet würde. Dadurch würde auch dem Konkurrenzdenken zwischen unseren Mitgliedsstaaten seine Aggressivität genommen.

Antonio Negri hingegen, der große alte Linke Europas, ist weniger an der Wirklichkeit orientiert. Er beklagt die – nach wie vor bestehende - Ausbeutung von Arbeitern. Europa müsse sich, um daran etwas zu ändern, von Neoliberalismus, von Nationalismus und den übrigen autoritären Systemen lösen. Es müsste sich auf Kooperation stützen, Kriege verhindern, eine ökologische Sozialordnung errichten, Arbeitsplätze für die Jugend und für Migranten beschaffen. Wie das geschehen soll, bleibt sein Geheimnis. Seine Stimme wird dennoch gehört.

Den Schluss macht Elisabeth Roudinesco, die Geschichte der Psychoanalyse lehrt, aber auch in verschiedenen Medien zu Tagesfragen Stellung nimmt, wie etwa Adoptionsrecht oder Antisemitismus. 2014 erhielt sie einen Preis für ihr Buch Sigmund Freud en son temps et dans le nôtre.  Für Europa sucht sie nach Fixpunkten in der Vergangenheit, zunächst bei Kant und seiner Schrift  Zum ewigen Frieden, und zitiert: Für Kant ist „Frieden kein natürlicher Zustand zwischen Menschen, er muss deshalb gestiftet und abgesichert werden.“  Oder soll sie sich eher an die « Déclaration universelle des Droits de l’Homme » von 1948 halten? Weiter durch die europäische Geschichte schweifend, findet  sie Vorbildliches und Abschreckendes zugleich, zuletzt die « hysterische Überhöhung der Identitäten ». Um nicht pessimistisch zu enden, hält sie sich an Victor Hugo, der in seiner Friedensrede vor dem internationalen Friedenskongress von 1849 den Völkern Europas zurief : « Un jour viendra …..  Et ce jour-là, vous vous sentirez une pensée commune, des intérêts communs, une destinée commune….. «

Eine Frage indes erwähnt keiner der Autoren : Das Problem der vielen verschiedenen Sprachen in Europa. Das Buch ist auf Französisch geschrieben, nur der Beitrag von  Antonio Negri wurde aus dem Italienischen übersetzt.  Außer ihm scheinen alle von Paris aus zu denken und zu schreiben – in ihren Aufsätzen beziehen sie sich nicht selten auf spezifisch französische Standpunkte. Bei Roudineso gibt es sogar ein Kapitel zum « Pessimisme français ». Der Umstand, dass die Entwicklungen in unseren Ländern oft durchaus nicht parallel verlaufen – man denke gegenwärtig an Spanien oder an Polen oder Griechenland – erleichtert die Europapolitik ganz und gar nicht. Umso mehr bedarf es eben jener Diplomatie, die in Italien vor einem halben Jahrtausend entwickelt wurde. In jener Periode wurde aus einem « Botschafter », den man aussendet, der Botschafter im heutigen Sinne, derjenige, der vor Ort residiert. An der Brüsseler EU-Regierung, die es  derzeit in reduzierter Form ja schon gibt, beteiligen sich - was den Rat angeht - persönlich alle Minister der nationalen Regierungen, und sind – bei der Kommission – alle Länder vertreten, mit der Aufgabe, die gemeinsamen Ziele zu erarbeiten und zu verfolgen. Ohne Übersetzungen wäre das alles nicht möglich.

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Une certaine idée de l’Europe, erschienen 2019 bei „Champs actuel“ (Flammarion),  Hg. „Le Grand Continent“

Erschienen am 14. November 2019  in „kulturissimo“, Kulturbeilage des „tageblatt“, Esch/Alz. (Luxemburg)

 

Frankfurt, den 23. November

Auf den vorherigen Eintrag zurückkommend, muss ich ergänzen, denn ich lerne, ich lerne. Über Leibniz lerne ich aus der Einführung von Hans Poser.

Tatsächlich stammt der Dreierschritt zur Erkenntnis verworren – klar – deutlich von dem französischen Philosophen Descartes. Leibniz genügte das nicht, er erweiterte ihn, indem er ihn noch einmal dreiteilte: erstens in entweder dunkel oder klar, zweitens  die klare Erkenntnis in entweder verworren oder deutlich, und drittens würde die klare Erkenntnis, ob verworren oder deutlich, entweder symbolisch oder intuitiv daherkommen.  Ich kann hier Leibniz selbst zitieren:

„Dunkel ist ein Begriff, der nicht ausreicht, um die dargestellte Sache wiederzuerkennen. (...) Klar ist eine Erkenntnis, wenn ich sie so habe, dass ich aus ihr die dargestellte Sache wiedererkennen kann. Verworren ist sie, wenn ich die Merkmale, die zur Unterscheidung der Sache hinreichen, nicht aufzählen kann, obwohl die Sache solche Merkmale besitzt, in die ihr Begriff aufgelöst werden könnte wie Farben, Gerüche (.....)  Ein deutlicher Begriff hingegen ist ein solcher, wie ihn die Münzprüfer von Gold aufgrund von Merkmalen und Prüfverfahren haben, die zur Unterscheidung von allen ähnlichen Körpern ausreichen.  (....) Da aber in zusammengesetzten Begriffen die einzelnen Merkmale zwar klar, aber doch nur verworren bekannt sind, ist eine solche Erkenntnis von Gold zwar deutlich, aber doch inadäquat. Wenn aber alles, was in eine deutliche Erkenntnis eingeht, auch wieder deutlich erkannt ist, oder wenn man die Analyse bis zum Ende führen kann, dann ist die Erkenntnis adäquat; ob Menschen das können, weiß ich nicht; doch kommt dem das Wissen der Zahlen sehr nahe.“

Nun müsste man weiter forschen: was meint er mit „adäquat“, wie unterscheidet er „symbolisch“ von „intuitiv“ – das lass ich jetzt mal sein.  Lernen ist eine langsame Angelegenheit.

Gestern war ich in Hamburg, et das „valait le voyage“, wie es in den französischen Fremdenführern von Michelin heißt, der alle Sehenswürdigkeiten danach einteilt, ob sie nur einen Umweg oder doch eine ganze Reise wert sind. Hamburg war die Reise wert!

Darüber beim nächsten Mal.

 

 

Frankfurt, den 17. November

Auf dem Weg zur Erkenntnis stellte der Philosoph Leibniz folgende Wegweiser auf: Confusus. Clarus. Dinstictus. Er übersetzte das mit: Verwirrt. Klar. Deutlich.

Dieser Weg entspricht in etwa dem, den der französische Denker Boileau empfahl (bitte, am 12. November nachschauen!). Inwischen ist mir eine bessere Übersetzung für diesen französischen Satz eingefallen:

"Was man gut überlegt hat, lässt sich klar aussprechen, und die Worte dazu kommen von selber."

Auch hier lässt sich der Dreierschritt nachvollziehen: was einem zunächst verworren vorkommt, wird beim Nachdenken klar und daraus  ergeben sich dann die Worte wie von selbst ("aisément" auf Französisch). Die Worte im Einzelnen, die mehr als nur allgemeine Klarheit, die volle Unterscheidbarkeit schenken. Die "Verwirrung" oder "Konfusion" erinnerte mich an das Chaos, wie es in der biblischen Schöpfungsgeschichte als Anfang der Welt dargestellt wurde. Luther übersetzte des mit "wüst und leer", auf Hebräisch heißt es, glaub ich,  Tohuwabohu. Im 20. Jahrhundert übersetzten Buber und Rosenzweig diese Zeile noch Mal neu mit "Irrsal und Wirrsal". Wir sagten dazu früher: "Ich versteh nur Bahnhof." (Wo kommt dies  nun eigentlich her? das lass ich jetzt mal beiseite.)

Aus dem Nebel, sobald dieser sich lichtet, taucht ein klares Bild auf.  Erst dann kann man genauer hinschauen und erkennen, kann die Eiche von der Birke unterscheiden, den Rettich von den Möhren. Auch den Onkel von der Tante? Selbstverständlich - jedoch erfass ich die beiden vermutlich schneller, ja, bild mir ein, sie unterscheiden sich schon im Zustand der "Klarheit" - wenn ich mich da nur nicht täusche! Den Onkel und die Tante, die mir von Kindheit an vertraut sind, die erkenn ich in anderen Gegenden meines Gehirns, andere Teile meines Bewusstseins haben die Erinnerung an sie gespeichert. Dennoch gilt auch hier der Dreierschritt.

Wie steht es aber nun mit Goethes Ausspruch, 100 Jahre nach Boileau und Leibniz? Sie erinnern sich:

Mephisto sagt zu Faust: "Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt das rechte Wort zur rechten Zeit sich ein."

Boileau und Leibniz meinten: erst aus dem Undeutlichen den Begriff erarbeiten ("ce qui se conçoit bien"), nämlich die Klarheit,  dann kommen zuletzt die Worte von selbst.

Nun redet Goethe hier nur indirekt, er lässt an seiner Stelle den Teufel sprechen. Und was will der Teufel? Verwirrung natürlich, die verspricht ihm reiche Ernte. In seinen folgenden  Versen mokiert er sich über "die Worte": "Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten..."   So erklärt er "Worte" von vornherein als Lüge. Das war hundert Jahre nach Leibniz und der französischen Klassik. Ja, es war sogar kurz nach der französischen Revolution.

In der Überlieferung ist heute vor allem der erste Satz übrig geblieben, und dieser wird im allgemeinen Sprachgebrauch als wahr empfunden. Heute nennen wir diese Wahrheit das  "Bauchgefühl". es ist Intuition. Jeder hat es schon mal bei sich selbst erlebt, denke ich.

Aber in Zeiten der sogenannten "Fake News", der Pseudo-Nachrichten,  unter dem Hagel jener Sprüche von Pseudo-Politikern, die alles, was sie nicht selber sagen, einfach für "Fake" erklären, also für gelogen, und die ihren Anhängern damit  ein befreiendes Gefühl von Wahrheit, von Einmaligkeit vermitteln, heute wird das schwieriger. Heute sollten redliche Menschen zu Leibniz zurückkehren und sich neu orientieren an dem Dreierschritt: confusus, clarus, distinctus.  Verworren, klar, deutlich. Und sich dafür die Zeit nehmen, die sie brauchen. Die Fragen stellen, die auftauchen. Nach Menschen sich umschauen, die sie fragen mögen. Leibniz schreibt auch über die Notwendigkeiten des  Gesprächs, jedoch sozusagen in einem andern Kapitel. Nur Mut! Vernunft ist in der Anlage den Menschen angeboren.

 

Frankfurt, den 12. November

In unserer Philosophierunde befassten wir uns seit zwei Jahren etwa mit dem "philosophischen Denken des Mittelalters" (so heißt ein wunderbares Buch von  Kurt Flasch); jetzt haben wir uns dem deutschen  Philosophen und Gelehrten Wilhelm Gottfried Leibniz zugewandt (1646 bis 1711). Leibniz gehört schon zur Neuzeit, zur Moderne.

Das vermischte sich in meinem Kopf mit vielen andern Fragen, und so entstand eine Rede, die ich vorgestern zum Ende einer Lesung  des "Literaturclubs der Frauen aus aller Welt" in der Frankfurter "Denkbar" gehalten habe. Bekanntlich brachten wir, das heißt der Club, im März einen gemeinsamen Erzählband heraus, dem wir durch öffentliche Lesungen Bekanntheit zu verschaffen suchen.

Hier meine Rede (mit kleinen redaktionellen Änderungen und leichten Abweichungen vom "gesprochenen Wort"):

Am 9. November 2019 in der „Denkbar“ zu Frankfurt am Main:

„Begegnungen“, Erzählband des „Literaturclubs der Frauen aus aller Welt“, Frankfurt, hg. Von Pupuze Berber, erschienen März 2019

 

Lesung mit und aus „Begegnungen“, mit Venera Tirreno, Liza Kuryanovich, Alexandra Arenas und Tina Maggio

Moderation: Barbara Höhfeld

(Alexandra hatte sich wegen Krankheit entschuldigt. Stattdessen trug ich folgendes vor:)

 

„Der Literaturclub hat sich für seine Mitglieder zum Ziel gesetzt, die Kenntnis des Deutschen zu vertiefen, und arbeitet daran regelmäßig mit dem erfahrenen Lektor Dr. Beckermann. In mehrsprachigen Räumen verändern sich die Sprachen. Auch das Deutsche erneuert sich hier.“

So schrieb ich auf der Einladung. Aber kann ich das auch beweisen? Als Siebenjährige wurde ich allein, das heißt in einem Kindertransport, nach Mähren geschickt, das war rund 1000 km weit weg. Als ich heimkehrte, sprach ich im mährischen Dialekt. Meine Mutter war empört, sie verstand kein Wort. In sehr kurzer Zeit sprach ich wieder „richtig“, d.h. wie die andern. Doch behielt ich zeitlebens eine besondere Affinität zum Österreichischen. Mähren ist heute ein Teil von Tschechien; aber es hat, wie Prag, viele Jahrhunderte zu Österreich gehört. Das alte königlich-kaiserliche Österreich war immer mehrsprachig – und um 1900 entstanden in Wien und Prag große bleibende Werke in deutscher Sprache.

Ich war mit einem Franzosen verheiratet – der sprach ein wunderbares Deutsch, er verstand alles – später, während der Ehe, sprach er, aus beruflichen Gründen, nur noch Französisch und ich immer Deutsch, und so wuchsen unsere Kinder zweisprachig auf. Was ich am Französischen bewunderte, war seine Präzision. In der Schule lernten dort die Kinder von klein auf nach dem Prinzip: „Was man gut durchdacht hat, kann man klar aussprechen, und die Worte kommen dann wie von selber.“ (Ce qui se conçoit bien s’énonce clairement et les mots pour le dire arrivent aisément“). Das lernten sie alle auswendig. Dieser Satz kam mir dieser Tage in Erinnerung, und wie ich drüber nachdachte (allein die Übersetzung erfordert viel Nachdenken), fiel mir ein anderer Satz ein, den in Goethes Faust der Mephisto ausspricht – das ist ein klassisch-vornehmer Name für Teufel. Mephisto belehrt Faust und sagt: „Denn eben wenn Begriffe fehlen, dann stellt das rechte Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Ja, heißt das denn nicht das genaue Gegenteil? Erst die Wörter und dann kommen die Begriffe, das heißt die übergeordneten Gedanken? Während der Franzose zuerst Nachdenken fordert, und dann erst das Aussprechen erlaubt?

Der Teufel redet noch weiter (wenn der am Mikro ist, gibt er es nicht so schnell wieder her!) und sagt:

„Mit Worten läßt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten, an Worte läßt sich trefflich glauben, von einem Wort läßt sich kein Iota rauben“

Ist demnach also das übergeordnete System, der Leitgedanke, des Teufels?? Oder sind in Wirklichkeit die Worte des Teufels? Goethe bleibt hier zweideutig.  

Auf den alten Streitpunkt, was zuerst da ist, der Gedanke oder das Wort, gehe ich hier nicht ein, sondern was mich interessiert, sind die kulturellen Unterschiede, die aus den beiden Zitaten sprechen. Sie kommen  nicht nur aus zwei Sprachgebieten, sondern sind auch mit rund hundert Jahren Abstand entstanden.

Das klassische Französisch entstand, als sogenannte Hochsprache, im 17. Und 18. Jahrhundert am königlichen Hof in Paris. Die Pariser Universität steckte noch im katholisch-dogmatischen Mittelalter; der Königshof gründete darum außeruniversitäre Institute wie die „Académie française“ und das „Collège de France“, die bis heute in Frankreich ein sehr großen Prestige besitzen. In der Akademie wird bis heute über „korrektes“ Französisch streng gewacht. Am Collège de France lehrt derzeit ein relativ junger Historiker die Geschichte als vergleichende Wissenschaft! (Patrick Boucheron)

Das klassische literarische Deutsch entstand im Wesentlichen Ende des 18. und im 19. Jahrhunderts. Goethe führte diese Entwicklung zu einem ersten Gipfel. Er starb 1832. Der Faust gilt als sein bedeutendstes Werk.

Boileau fungierte am Pariser Hof als Literaturkritiker, wohl gemerkt, hundert Jahr früher, zur Zeit von Louis XIV,  er wurde gehört, er kannte sich aus. Goethe lebte und arbeitete an einem kleineren Hofe, in Weimar, einerseits als Jurist, Verwaltungstechniker und Minister unter einem Großherzog, andererseits als Dichter, Dramatiker, Theaterdirektor. Dieses „Einerseits-Andererseits“ hat er in dem Vers „Zwei Seelen wohnen – ach! In meiner Brust!“ zum Ausdruck gebracht. Da gab es immer was, das sich nicht vereinbaren ließ, das nebeneinander als innerer Widerspruch nicht in eindeutige Klarheit zu fassen war.

In Deutschland setzt sich diese Tradition bis heute fort. Ja, sogar Zugewanderte erfreuen sich daran. Eine gute Freundin, die vor Jahrzehnten aus politischen Gründen nach Deutschland geflüchtet war und hier Asyl erhalten hatte, eine äußerst gebildete und kluge Frau, erklärte mir allen Ernstes, dass ein Muslim niemals das Grundgesetz über die Regeln des Islam stellen dürfe und würde! Es ging um gleiche Rechte für alle, um die Anerkennung des Rechtsstaates, wo Religion Privatsache bleibt. Ich war sehr erstaunt, sie, glaub ich, verstand mein Staunen nicht. Das war, was sie in Deutschland verstanden hatte: innere Widersprüche sind erlaubt. Nur, dass diese seit den Naziverbrechen eben schärfer kontrolliert werden. Goethe hat als Minister das Gretchen (aus „Faust“) noch zum Tode verurteilt und hinrichten lassen, wie das Gesetz es befahl. Heute gibt es ein solches Gesetz nicht mehr. Es wäre verfassungswidrig.

Das Grundgesetz – unsere Verfassung. Die Deutsche Akademie für Sprache und Bildung stellt sich seit neuestem Fragen zu „Sprache und Verfassung“. So wird am 14. November in der evangelischen Akademie am Römer  über zwei Frage dazu diskutiert: „Soll das Volk die Verfassung verstehen?“ und „Welche Sprache spricht die europäische Verfassung?“

Die erste Frage zielt auf das, was Intellektuelle gern „Populisten “ nennen, das zweite auf die Mehrsprachigkeit in Europa: verträgt sich diese mit dem Unionsgedanken?

Ja, denn die Union lebt dank der Übersetzer und Dolmetscher. Das ist ein großer Aufwand. Die christliche d.h. die römische  Kirche stützte sich viele Jahrhunderte lang auf das Lateinische als gemeinsames Verständigungsmittel – bis sich die Sprachgemeinschaften erhoben und nach und nach ihre eigene Sprache an die Stelle des Lateinischen setzten. Boileau war eifrig daran beteiligt; der etwa gleichaltrige deutsche Gelehrte und Philosoph Wilhelm Gottfried Leibnitz aber schrieb noch das meiste in Latein oder aber in Französisch – allein in diesen beiden Sprachen konnte er seine Klarheit gewinnen. Noch klarer erschien ihm aber die Mathematik. Nichts ist so klar und eindeutig wie Zahlen!

Nur die Seele erfassen sie nicht......

 

 

 

Frankfurt, 10. November

Vor einiger Zeit - es mögen zwei, drei Monate her sein - fiel mir eine  Papiertüte mit vertrockneten Blumenknollen in die Hände. Sie lagen im hintersten Winkel eines Küchenschranks und schienen durch und durch verdorrt. Waren es Knollen von Hyazinthen  oder von Amaryllis? Ich erinnerte mich nicht, nur daran, dass ein Freund, ein Amarylliskenner, mir einmal Blumen im Topf geschenkt und dabei bemerkt hatte, dass ich die Knollen nach dem Abblühen trocknen lassen sollte, in Papier wickeln und nächstes Jahr wieder in die Erde stecken sollte. Es waren drei, vier Jahre seither vergangen.  Ich steckte sie in frische Erde in einen Blumentopf und  goss fleißig. Aber es kam nichts. Nur das eine oder andere Kräutlein sprießte, deren Samen  ohnehin bei mir überall in der Erde steckt. Es kam nichts und ich wollte aufgeben. Doch fiel mir auf, dass die Erde in dem Topf immer wieder ganz trocken war, obwohl ich doch öfter goss. Wenn nichts wächst - und die dünnen Kräutlein reichten dafür nicht! - dann bleibt die Erde feucht und droht zu faulen. Nichts davon. Nur deswegen ließ ich die Knollen stehen und goß auch weiter nach. Dieser Tage nun - welch Überraschung! - trat aus einer der Knollen (deren oberstes Ende vorschriftsmäßig leicht aus der Erde rausragte) eine frische grüne Spitze, klitzelklein, aber kräftig! Und jetzt, nach einigen weiteren Tagen, zeigen  sie alle drei solche Spitzen! Vermutlich werden es Hyazinthen. Ich bin sehr gespannt.

Ob ich noch irgendwo im Schrank die Amaryllis wiederfinde?

Frankfurt, den 7. November

Morgens, zum Frühstück, esse ich immer Haferflockensuppe.  Das bekommt mir gut, das sättigt, ohne schwer im Magen zu liegen, das hält eine Weile vor. Wenn ich Freunden davon erzähle, fragen sie, mit einem leichten Zweifel in der Stimme: "Porridge?" - Nein, kein "Porridge". Oder genau genommen schon: das wird auch aus Haferflocken gekocht, schmeckt aber nicht gut. Mit begegnete Porridge zum ersten Mal 1957 in England. Es war salzig und und ohne Annehmlichkeiten. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, es "Haferflockenbrei" zu nennen. Bei uns zuhause hieß es "Hafergrütze". Allerdings kamen in den Flocken damals auch "Spelzen" vor, das sind Reste von der Umhüllung des Haferkorns, die im Mund stechen. Heute werden die Körner bei der Flockenherstellung so behandelt, dass kein Spelz mehr übrig bleibt. Ich erlaube mir obendrein die Zugabe von Rosinen (wäre früher ein Luxus gewesen). Und frisches Obst schneide ich nach dem Kochen hinein, das so, wenn es aus dem Kühlschrank kommt, ein wenig Wärme aufnimmt, denn Kaltes vertrag ich morgens schlecht. Neurdings gehe ich auch wieder dazu über, die Flocken in Milch zu kochen. Anscheinend bekommt das meinen Calzium-Haushalt gut. Der Arzt empfahl es mir, aber es schmeckt mir auch ganz köstlich! Zucker geb ich in keinem Fall dazu. Zucker braucht man nicht (Ich meine: den gekauften Industriezucker). Außer: man will Marmelade kochen.  Für festtägliche Frühstücke, oder für Gäste hab ich doch gern auch ein oder zwei Gläschen Marmelade parat.

Das Winterwetter hat schon begonnen, letzte Woche war es sehr kalt. Jetzt wurde es wieder milder, die Geranien brauchte ich noch nicht hereinzuholen. Sie  blühen in herrlichen dicken Dolden vor meinen Augen. Das städtische Verkehrsamt hat Putzkolonnen in die U-Bahnstationen geschickt - mit erstaunlichem Erfolg. Die Rolltreppen im Südbahnhof wurden mit Drahtbürsten so sorgfältig gewienert, dass sie wie neu aussehen. Von dem gemusterten Plattenboden  sind fast überall die Spuren von jahrzehntealten Kaugummis verschwunden. Nurfette  an der U-Bahn Hauptwache steckt noch millimeterdick der Schmutz zwischen den Noppen auf dem Boden, die den Blinden ihren Weg weisen sollen. Aber an der Hauptwache sah ich dieser Tage auch einen jungen Putzmann, der die obere Seite des Rahmens der Fahrplanständer abwischte! Die obere Seite eines Bilderrahmens ist in jedem Haushalt der Standardtest für "ordentliches Putzen"! Wie oft kommt das hier vor? dachte ich, sprach den jungen Mann an, beglückwünschte ihn für seine Sorgfalt und wollte doch wahrhaftig wissen, wieviel Schmutz er dort abgewischt hatte. Er zeigte mir sein Ledertuch - es war überall nicht sehr sauber, und ich merkte: er wusch es nicht nach jedem Wischen aus. Er stopfte es stattdessen wieder in seine breite Hosentasche.....  Wahrscheinlich geht das auch gar nicht: Jedesmal mit den Händen in den Wassereimer, bzw. die Putzlauge...... Nicht zufällig hatten Hausfrauen früher, als es noch keine Gummihandschuhe gab, immer gesprungene Hände....

Ich freute mich trotzdem über das Streben nach Sauberkeit. Erst die Stimme "Petra", die in der U-Bahn die Stationen ansagt, riss mich wieder aus der Freude: nach wie vor betont sie die Sätze falsch - "bitte ausStAIGEN"! Das Verkehrsamt hatte doch versprochen,  eine bessere Stimme einzukaufen! Offenbar gibt man das Geld jetzt lieber zum Putzen aus. An diese falsche Sprachmelodie in den Ansagen gewöhnt man sich schließlich, es ist, als würde sie mit der Zeit zu einem spezifischen Frankfurter Dialekt....

Ansonsten fühl ich mich wohl in Frankfurt. Freilich, ich erlebe nicht die Situation einer  frisch verheirateten jungen Frau, die für ihren Ehemann aus Marokko und sich selbst eine kleine Wohnung sucht, die sie sich leisten könnten ... Sie haben praktisch keine Chance, in der Stadt was zu finden.

 

 

 

 

 


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