DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 21. Februar

Von taz bis BILD trauert das ganze Land um Karl Lagerfeld.  Alle in feierlichem Ton, sozusagen von Anfang an in Bronze gegossen. Fragt denn niemand, warum er so plötzlich gestorben ist? Er sprang doch gerade noch fröhlich herum, beweglicher denn je? Immer eleganter? Er war ein Vorbild, und er bleibt zweifelsohne ein Vorbild.  Dafür, wie der Sohn eines reichen Vaters sich  schon in jungen Jahren selbstständig machte, unabhängig wurde.

In Frankfurt sitzen oft Bettler am Straßenrand. Gestern fiel mir einer auf, der mit seinen klaren klugen Augen so wütend dreinschaute, dass man Angst vor ihm bekommen konnte.  Er wirkte sauber und geordnet und lud in keiner Weise zu Mildtätigkeit ein. Als ich ihm zwei Münzen in den Becher gab, stöhnte er: „Der erste seit Stunden, der etwas locker macht. Diese Ignoranten gehen alle einfach vorbei!“ Ich wies ihn vorsichtig darauf hin, dass er nicht einladend dreinschaue, ja, dass er manchen vielleicht Furcht einflösse. Da schwebte ein unscheinbares Lächeln über seinem Gesicht. „Kann sein!“ gab er zu. Aber es stecke so viel Hass in ihm! Und gleich erzählte er mir seine Geschichte: Der reiche Vater habe ihn enterbt; doch seine Schwester habe versprochen, nach dem Tod des Vater mit ihm zu teilen. Nun war der Vater gestorben, und die Schwester erinnerte sich nicht mehr an ihr Versprechen.  Ich konnte nicht umhin, ihn darauf hinzuweisen, dass ein Sohn reicher Eltern erst recht nach Selbstständigkeit streben müsse. Er nickte widerwillig. „Aber es ist nun mal so wie es ist!“ Nach seiner Meinung MÜSSE jeder einem Bedürftigen was geben, ohne Rücksicht darauf, wie die Bedürftigkeit zustande kam. „Warum sollen die Leute das tun?“ fragte ich. Und verlangte von ihm, irgendetwas zu bieten.

Zumindest das Lächeln wäre ein Angebot, dessen ein jeder fähig ist. Ich habe dann nicht weiter mit ihm gesprochen. Zumindest war es mir gelungen, ihm ein schwaches Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ob er es bewahren konnte? Er hatte ein schönes Gesicht.

 

In diesen Tagen denke ich sehr viel über Antisemitismus nach, den historischen Antisemitismus im christlichen Abendland. Vor etwa tausend Jahren hatte die Kirche begonnen, sich mit jüdischen Gelehrten erst auszutauschen,  dann auseinanderzusetzen, und im 15. Jahrhundert entstanden die ersten Ghettos, die seltsamen Kleidervorschriften – die allerdings meistens nicht eingehalten wurden - und das Ganze schlug schließlich in tödliche Verfolgungen um. Ein Konkurrenzdenken entspann sich, das auch heute nicht gänzlich überwunden ist. Ich fragte mal einen katholischen Geistlichen um Rat darüber, wie ich einen jungen, religiös verpflichteten Israeli davon überzeugen könne, dass es dem Frieden diene, wenn Israel nicht vom Tempelberg in Jerusalem, d.h. von dem Areal mit den Moscheen, Besitz nähme. (Ich hatte mit dem jungen Mann ein Gespräch darüber geführt.) Wisst Ihr, was mir der katholische Geistliche  antwortete? Besser wäre es, wenn auch die Christen dort über ein Gotteshaus  verfügten! (Ich glaube, er sprach von einer Kapelle.) Ach. Darauf wusste ich nichts mehr zu sagen. Konkurrenzdenken ist offenbar gottgefällig.

Jemand sagte mir: „Sie sind doch überall angeeckt!“ – „Nein,“ erwiderte ich, „es hat immer wieder lange Zeiten des friedlichen Nebeneinander gegeben.“

Aber das Problem ist: sie waren oft anders. In einer mehr oder weniger streng christlichen Umgebung durften sie eine andere Religion haben.  Vom Kaiser geschützt. Übrigen haben auch die meisten Kirchen-Oberen sie grundsätzlich in ihrer Andersheit geschützt: weil sie als Hebräer auf den Ursprung des Christentums hinwiesen, es gewissermaßen rechtfertigten.  Die gemeinsame Schöpfungsgeschichte ist auf Hebräisch abgefasst!

Heute nun, nach der entsetzlichen Geschichte der Shoah, wohnen wieder und immer noch Juden im christlichen Abendland, das nun nicht mehr streng christlich ist, sondern auf Unterschieden aufbaut: „Vielfalt“ heißt das heute.  Wir sind stolz darauf. Wer in der Vielfalt leben will, und nicht in nationalistischer Eintönigkeit und Langeweile, der lebt auch gern mit jüdischen Nachbarn.

In Deutschland (auch wenn es das unter diesem Namen noch nicht lange gibt), in deutsch-sprechenden Gegenden, blicken wir auf eine mehr als tausendjährige GEMEINSAME Geschichte zurück. Als Nachbarn, als Gruppen, die sich gegenseitig beeinflusst haben, manchmal geradezu aufeinander angewiesen waren.  Diese GEMEINSAME Geschichte herauszuarbeiten, sollte Aufgabe der gegenwärtigen und künftigen Historiker sein.  Diese Geschichte wird uns alle, die wir in Vielfalt leben wollen, sehr stärken.

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 11. Februar

Gedanken zum selben Thema, in anderem Zusammenhang. Eine Weiterentwicklung? Ja, ich bemühe mich, das Thema der jahrhunderte-alten Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland vor allem unter nicht-jüdischen Freunden anzusprechen. Ich finde wenig Widerhall. Freilich bieten sich auch wenige Anknüpfungspunkte. Das Thema wird so zielstrebig wie unbewusst vermieden.

Vor gut einer Woche lud hier in Frankfurt das „Haus am Dom“ zu einem Podiumsgespräch über „Arisierungen in Frankfurt“ ein. Es gibt einen Magistratsbeschluss, wonach diese Geschichte aufgearbeitet werden soll. Zudem plant das hiesige Historische Museum für 2020 eine große Ausstellung zu „Frankfurt und der Nationalsozialismus“. In Vorbereitung dazu ist für März 2019 eine Tagung zum selben Thema angekündigt (21. und 22. März). Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes im Jahr 2020 wird anscheinend überall was geplant. In Frankfurt brachte die Stadt zur Nazizeit etwa 170 Liegenschaften in ihren Besitz, die zuvor jüdischen oder anderen unerwünschten Eigentümern gehört hatten. Das machte immerhin 155 Hektar aus! Daher also der genannte Magistratsbeschluss.

Auf dem Podium saßen zwei Frauen und fünf Männer. Eine der Frauen, Dr. Rachel Heuberger, Historikerin, Bibliothekarin von der Universität Frankfurt, moderierte. Die andere Frau vertrat das Jüdische Museum. Drei der Männer saßen links von der Moderatorin: jeweils für das städtische Kulturdezernat, für das Institut für Stadtgeschichte und für das Historische Museum. Rechts von der Moderatorin befanden sich zwei „Barfußhistoriker“, wie einer von ihnen sich nannte; also zwei Männer, die aus eigener Neugier zum Forschen gekommen waren und Entdeckungen gemacht hatten. Und die Vertreterin des Jüdischen Museums. Ich weiß nicht, ob es nur an der Sitzordnung lag: die jüdische Vertreterin wirkte wie die Außenseiterin, die schließlich sagte: ich vertrete den jüdischen Standpunkt. Die andern, die Männer also, den deutschen Standpunkt? Sie taten es in Variationen: Baurat Miersch, der 1945 eine sorgfältige Aufstellung aller städtischen Arisierungen angefertigt hatte, „weil nur ich das richtig machen kann“, wie er seinem Oberbürgermeister anscheinend gesagt hatte, war Gegenstand unterschiedlicher Einschätzungen zwischen den fünf Herren. Denn derselbe Miersch hatte 1936 im Namen der Stadt die Arisierungen durchgeführt. War er nun Nazi oder nicht? Darüber konnten sich die nichtjüdischen Deutschen nicht wirklich einig werden, sprachen aber länger darüber. Es war eine seltsame Diskussion. Ganz zuletzt durfte sich auch das Publikum beteiligen. Neben mir saß ein Mann, der sich schon seit einer Weile erregt hatte. Als erster konnte er seine Frage stellen: „Warum wird der Kapitalismus nicht als Ursache einbezogen?“ Einer der „Barfußhistoriker“ schlug vor, erstmal einige Fragen zu sammeln. Das geschah, und mein Nachbar erhielt keine Antwort. Er erregte sich immer mehr, bis schließlich die Veranstaltung zu Ende war. Ich fragte ihn, worum es ihm denn gehe. „Kapitalismus“ war doch nicht das Thema des Abends. Er klagte, dass man wohl oft von KZs spräche, doch nie von den Kommunisten, die noch vor den Juden dort ermordet worden seien. „Vor“ den Juden vielleicht nicht, aber zweifellos wird der damalige Kampf der Kommunisten gegen die Nazis heute ungerecht vernachlässigt. Aber auch das ist hier nicht das Thema, sagte ich. Er bestand auf seiner Meinung und forderte Solidarität. Vor allem Solidarität unter Deutschen. „Es waren deutsche Kommunisten!“ Also keine jüdischen. Aber geht es nicht um deutsche Juden? Ich hielt mich an sein Stichwort. „Solidarität“, sagte ich, „brauchen wir heute wie damals auch zwischen den jüdischen und den nichtjüdischen Deutschen.“ Er verstand nicht sofort, aber dann schüttelte er entschieden den Kopf. Und wandte sich ab. Unten am Ausgang verteilte er Flyer für die Bewegung „Aufstehen“. Ich frage mich seither, wie dieses Aussortieren in den deutschen Köpfen entsteht, wie man es zumindest bewusst machen könnte? Ist es nicht vielleicht die Ursache dafür, dass niemand gern über das Thema spricht? So dass alles beim Alten bleibt?

Frankfurt, den 1. Februar

Dieser Tage erhielt ich eine Anfrage zu Ereignissen in der Literaturgesellschaft Hessen e.V., deren Vorsitzende ich von 1998 bis 2008 gewesen bin. Der Verein befindet sich jetzt in der Auflösung, so gelangte die Anfrage zu mir. Immer noch fühlte ich mich veranwortlich und begann, die alten Akten zu durchsuchen. Beim Stöbern stieß ich auf einen Artikel, den ich 2003 für das Mitteilungsblatt des Vereins geschrieben hatte. Ich kam ins Staunen. Dieses hatte damit zu tun, dass ich mich momentan mit Fragen des deutsch-jüdischen Verhältnisses beschäftige; ich glaube, dass es eine gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte mindestens seit dem Jahr eintausend gibt, diese Geschichte sollte besser bekannt sein, vor allem unter nichtjüdischen Deutschen. Das würde dem Antisemitismus ein bisschen den Boden entziehen,zumindest wenn man die gemeinsame Seite besser darstellen würde. Mit dieser Idee stoße ich nicht auf großen Widerhall, eher auf gar keinen. Im Jahr 2003 hatte ich das offenbar schon mal versucht, es aber wieder aufgegeben. Wie das? Ich hänge Ihnen meinen damaligen Artikel aus einem "Rundbrief der Literaturgesellschaft Hessen e.V."  (2/03) an, dann sehen Sie selber! Auf diesen Artikel erhielt ich keine Reaktion, nicht die kleinste Antwort. Zehn Jahre war ich schon wieder in Deutschland, doch gab es immer noch viele Dinge, die ich nicht verstand.

Jetzt, nach 28 Jahren, sehe ich klarer....

"Kommentar von Barbara Höhfeld zu einer Lesung mit Martin Walser in Wolfenbüttel

An allen Wänden des kirchenhohen Raumes standen Bücher, Reihen von ledergebundenen, mehr als dreihundert Jahren alten Kostbarkeiten, hinauf bis zum Gewölbesockel reichten sie, die großen Bücher in den unteren Regalen, oben zierlichere Bände. Noch heute benutzen hier Bibliothekare ein Verzeichnis, das Leibniz zwischen einer seiner Reisen von dieser Bibliothek angefertigt hat. Die Bücher enthalten das Wissen, das im 16. und 17. Jahrhundert dem Studierenden, dem Suchenden, dem Regierenden auch, zugänglich war. Herzog August hieß er Regierende, der die berühmte Bibliothek in Wolfenbüttel erbauen und einrichten ließ. Zweihundert Jahre nach der Gründung war Lessing dort Hofbibliothekar; er schrieb in Wolfenbüttel sein Drama von “Nathan dem Weisen“, das aus seiner engen Freundschaft mit Moses Mendelssohn erwuchs.

In den magischen Raum dieser Bibliothek lud die in Wolfenbüttel tagende VS-Delegiertenkonferenz (VS = Verband deutscher Schriftsteller) am 29. März 2003 zu einer öffentlichen Lesung mit Martin Walser ein. Mitveranstalter waren die Bundesakademie, die Herzog-August-Bibliothek und Radio Bremen. Die Menschen strömten von nah und fern herbei. Zur Einleitung hielt Imre Török, Vorsitzender des VS Württemberg, eine Verteidigungsrede mit vielen Walserzitaten und endete mit den Worten: „Um die Schuld eines Schriftstellers zu beweisen, braucht man doch keine Indizien. Es genügen seine Bücher.“ Er sagte nicht, von welcher Schuld die Rede sei; er unterstellte stilschweigend, die Anwesenden wüssten, was er meinte. Martin Walser las den Anfang seines Romans „Der Tod eines Kritikers“. Er las brillant, wie immer, eine knappe Stunde lang. Dann lud Imre Török das Publikum zu Fragen ein, und Fred Breinersdorfer, Vorsitzender des Bundes-VS, fragte den Freund, ihn duzend, ob er vorher geahnt habe, welche Folgen sein Roman nach sich ziehen werde. „Nein“, antwortete Walser mit fast versagender Stimme und raffte sich auf: „Nein, man denkt doch, man macht Literatur, und wenn sich dann die Realität so benimmt wie die Literatur....“ Martin Walser sprach über seine Verletztheit, man spürte sie ihm an, sprach auch über seinen Zorn, den er in einen weiteren Text gegossen, aber nicht veröffentlicht habe. „Es ist gut, etwas in der Schublade zu haben.“ Da war er schon wieder heiterer. Er sagte nicht, was ihn verletzt habe, noch weniger, wer – auch er setzte ein Wissen beim Publikum voraus. Er schloss mit der Vermutung ab, auch „die Anderen“ seien möglicherweise Verletzte. "Ein Museum von Verletzungen.“

Es gab keinen Dialog. Niemand deutete an, dass es bei der schwelenden Polemik im Grunde und unterschwellig um das Verhältnis der Deutschen zu den Juden ging, vielleicht um einen Opferstatus, den die einen für sich einfordern und anerkannt sehen möchten, während die andern, Gott sei’s geklagt, ihn haben. Die Veranstaltung hatte etwas von einem Gerichtsverfahren, bei dem der Ankläger fehlte, bei dem nur die Verteidiger das Wort ergriffen.

Es hätte eines Anklägers womöglich nicht bedurft, wenn man sich auf den Geist des Ortes besonnen hätte, auf den Hofbibliothekar Lessing, seinen weisen Nathan. Hat denn damals, in der Beziehung zwischen Lessing und Moses Mendelssohn, die Verbindung zwischen deutscher Literatur und jüdischem Geist nicht ihren Anfang genommen? Wäre nicht etwas gewonnen gewesen, wenn man sich auf diesen Anfang, auf diesen Ort besonnen hätte? Weder Walser, noch seine Freunde, noch auch der Bibliotheksdirektor deuteten einen solchen Gedanken an. Walser selbst sprach gleich nach seiner Ankunft von dem „Schock“, den ihm der Anblick dieses Buch-Raumes versetzt habe, einen Schock, sagte er, wie ihn der Flugreisende erfährt, wenn er in der Karibik ankommt.

Wäre Walser doch in Wolfenbüttel angekommen....."

 

Es wurde erst recht nicht erwähnt, dass es bei diesem Buch um eine persönliche Abrechnung von Martin Walser mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ging, damals dem berühmtesten im Lande. Dieser hatte sich öfter in seiner Meinung über den Schriftsteller Walser reserviert oder gar ablehnend gezeigt. Frank Schirrmacher von der FAZ hatte den Roman sofort  als  antisemitisch bezeichnet. Dazu passte leider das Verhalten der VS-Vertreter in Wolfenbüttel im umgekehrten Sinne.

Frankfurt, den 30. Januar

Beim Aufstehen entdecke ich wehenden, dichten Schneefall; er finder im Nebel statt - der neue Henningerturm versteckt sich darin und ist nicht sichtbar. Endlich ein Tag zum Verbummeln. Kein einziger Termin drückt auf mein Zeitgefühl. Ich bin frei. Zuerst räume ich ein bisschen auf, in der Küche vor allem. Dann frühstücke ich und lese die Zeitung von gestern zuende. Die mit dem schönen Bild von Nancy Pelosi vorne drauf. Danach lege ich mich wieder ins Bett und stelle das Kopfteil hoch. So kann ich ganz im Warmen lesen und schreiben. Schließlich aber greife ich als erstes zum Laptop, um nach den Emails zu schauen. Es könnte ja was Eiliges dabei sein. Eine Nachricht aus Duisburg, von einer weiblichen "studentischen Hilfskraft", die mehr über den "Gerhard-Beier-Preis" wissen will, denn sie moderiert eine Forschungsarbeit an der dortigen Universität über "Literaturpreise". Den Beierpreis hatte die "Literaturgesellschschaft Hessen e.V" im Jahre 2001 zur Erinnerung Dr. Gerhard Beier ausgerufen, der einer der Gründer der Literaturgesellschaft im Jahr 1996 war. Ich war von 1998 bis 2008 Vorsitzende dieses Vereins. Eine äußerst arbeitsintensive Tätigkeit, ich kam zu nichts Eigenem. So kandidierte ich 2008 nicht mehr, obwohl ich niemanden gefunden hatte , der den Job übernehmenn wollte. Ich dachte: wenn sich überhaupt niemand dafür interessiert außer mir - welche Wichtigkeit hatte das dann? (Ich arbeite ungern allein.) Tatsächlich hatten die Ämter und auch viele Mitglieder tasächlich ein Interesse daran, dass ich weitermache. Ich wollte aber endlich auch wieder zum Selber-Schreiben kommen. Bis 2008 hatte ich alle Vorkommnisse innerhalb des Vereins auf seiner Webseite archiviert. Leider kam zwei Jahre später eine Nachfolgerin, die das als erstes löschte. Sie hat mir nie eine sinnvolle Erklärung dafür gegeben, außer: das nähme zu viel Raum ein. Der Raum war aber da. Jetzt also kann ich der studentischen Hilfskraft aus Duisburg nicht mehr die Namen der allerersten Preisträger von 2001 sagen, ich finde sie nicht. Frustrierend. Inzwischen hat es aufgehört zu schneien, und der neue Henningerturm zeichnet sich klar gegen die grauen Wolken ab.

Frankfurt, den 18. Januar

Gestern geriet ich in einen Pendlerzug, es war gegen Feierabend und jeder Platz besetzt. Ich schaute um mich,  alle beugten sich über ihr Bildschirmchen. Nur zwei Männer schliefen. Der eine trug Ohrstöpsel, hörte also vermutlich etwas, der andere schlief richtig, der Kopf fiel ihm mal zur Seite. Er atmete tief und regelmäßig. Ich hatte mir nämlich die andern angeguckt, ihren Atem.  Ich atmete einige Züge lang mit und erschrak über das kurze hastige Tempo.  Flach wahrscheinlich, sonst hätten sie bei dem Tempo zu keuchen beginnen müssen.  Das Gleiche bei allen Handylesern oder -leserinnen!

 

Nach einer halben Stunde stieg ich aus, in eine regnerische Nacht hinein. Vor dem Bahnhof kreuzten sich fünf Straßen. Ich war nicht sicher, welche ich nehmen sollte, und fragte. Die erste Frau wusste nicht Bescheid. Aber eine andere, eine junge, die an einer Bushaltestelle allein stand, die antwortete mir. Sie griff fröhlich nach ihrem Handy: „Da schauen wir gleich nach, dafür haben wir das Ding ja!“ und hatte die Straße mit der Hausnummer bald gefunden. Ich fragte: „Haben Sie schon mal daran gedacht, auf Ihren Atem zu achten, wenn Sie aufs Handy gucken?“ – „Meinen Atem? Nee...“ Ich erzählte von meinen Beobachtungen  eben im Zug. Sie nickte nachdenklich. Ich bedankte mich und ging.

 

Darauf habe ich meinen Weg ohne Schwierigkeiten gefunden. Es waren nur fünf Minuten zu Fuß bis zum Restaurant Agora. Dort warteten die Freunde. Eine der Freundinnen brachte mich zum Schluss mit ihrem Auto zum Hauptbahnhof, wo ich mit der S-Bahn  -  fast leer - bald wieder zuhause in Frankfurt ankam.

 

 

Frankfurt, den 16.Januar

Nein, nicht die Algorithmen bedrohen uns, wollen uns beherrschen, uns ausbeuten – nein, es sind Konzerne,  die sich der Algorithmen bedienen, um  an der sich bietenden Werbung zu verdienen, um uns auf diesem Wege um unser Geld und andere Kostbarkeiten zu bringen. Unser Privatleben.

Gestern lauschte ich einem Vortrag zum Thema „Das Private ist politisch“. Der Spruch  war eine umwerfende Erkenntnis in den 70er Jahren – heute ein wenig schal geworden. Jedoch nichts desto weniger überhaupt nicht langweilig: Die Referentin präsentierte ihre eigene Geschichte, persönlich und spannend, sie selbst stand im Mittelpunkt jener Jahrzehnte, die auf der Grundlage des „Das Private ist politisch“  Politik gemacht und Recht geschaffen haben.  Ein aufregender Rückblick.

Heute morgen wird mir auf einmal bewusst: wenn das Private heute nicht wirklich mehr viel gilt, so bedeutet doch das “Persönliche“ umso mehr.  Durch Veröffentlichungen über die privaten Medien, die seltsamerweise „soziale Medien“ genannt werden  - damit fängt das schon an, dieses gläserne Bild, das die Öffentlichkeit von jedem bekommt, der  beweisen will, dass er/sie existiert – durch die endlosen immer blasser werdenden Spiegelungen im Fernsehen, in den Illustrierten – wird der Mensch fassbar, kategorisierbar, erklärbar.  Die Gefühle verschwinden, alles wird fade. Wird zu Fake.

Aber Menschen wollen gerührt werden. Mir kommt ein kurzer Blick in eine TV-Reportage in den Sinn, wo eine stark geschminkte Sängerin, in ein knielanges Kleid aus Silberpapier gewandet, in einem nächtlichen Stadion stand, rundum voll besetzt, und junge Zuhörerinnen zum Weinen brachte, allein durch ihre Gegenwart. Sie sang nicht – nicht in dem Ausschnitt, den ich gesehen habe – sie stotterte mit tröstender Stimme, wie man mit Kindern redet: ich bin da, fürchte dich nicht, ich komme wieder....  Ein pseudo-persönlicher Moment im weiten Fußballstadion ......

Persönlich, damit meine ich: man guckt sich in die Augen, man sagt, was man meint, ohne doch den andern zu kränken;  man fragt, man hört zu, man erzählt. Das eine Mal genügen einfache, klare Sätze, ein anderes Mal müssen sich die Worte, die Zusammenhänge erst ergeben; wieder ein anderes Mal bedarf es gar keiner Worte und Blicke reichen aus.  Auch Gesang kann ans Herz und an die Seele rühren, oder gutes Theater. Aber damit kommen wir an eine Grenze, an die verschiebbare, sich stetig verändernde Grenze, die wir Kunst nennen....

Wer sich vor Algorithmen fürchtet, bedenke, dass diese mit Strom erzeugt werden. Ohne Elektrizität geht kein Roboter auf die Reise. Die ganze Elektronik bringt erstaunliche Geräte hervor – Instrumente, so gut wie ein scharfes Küchenmesser. (Wer selber kocht, kennt seinen Wert!) Aber es bleibt Werkzeug, und wir lernen, damit umzugehen.

 

 

Frankfurt, den 11. Januar 2019

Es ist Freitag, 12 Uhr, die Glocken läuten, der dünne Schneefilm, der sich diese Nacht gebildet hatte, schmilzt wieder ab. Es sind fast Null Grad auf meinem Balkon, es soll wieder wärmer werden. Meine Geranien hatte ich schon vor vier Tagen wieder nach draußen gestellt - sie fühlen sich wohler dort (solange es nicht friert), und ich kann mein Wohnzmmer besser sauber halten. Im Süden und im Osten Deutschlands kämpfen sie gegen den Schnee, er soll bis zu vier Meter hoch liegen. In Bayern rückt die Bundeswehr aus, um den Schnee von Schuldächern und Sporthallen zu schaufeln und um mit Panzerwagen Lebensmittel in zugeschneite Dörfer zu bringen. Hier rund um Frankfurt bleibt das Wetter fast konstant milde, seit dem Sommer, ja, seit fast einem Jahr. Mehr erzählten übrigens auch gestern Abend die "öffentlich-rechtlichen" Nachrichten nicht, die für sieben Minuten in die Halbzeit von einem Handballspiel gequetscht worden waren.

Ich las danach noch einen langen Text in der "London Review of Books" vom 3. Januar, in dem Korrespondenten aus sämtlichen EU-Ländern von ihrem Standort aus über die dortigen Reaktionen zum "Brexit" berichteten. "What have we done? Responses from Europe" hieß das Thema. Die Korrespondenten berichteten durchweg zunächst ausführlich über die spezielle Situation im eigenen Land, und erst in der zweiten Hälfte ihrer Antwort gingen sie auf die jeweiligen Reaktionen zum "Brexit" ein. Überwiegend stellten sie fest, dass der "Brexit"-Verlauf als Warnung aufgefasst wird und die EU-Länder enger zusammenbringt. Die Griechen weisen auf den fundamentalen Unterschied zwischen dem britischen Austritt und dem einst gefürchteten und bislang vermiedenen Austritt Griechenlands aus der EU hin. Bei "Deutschland" werden hauptsächlich namhafte Jouranlisten zitiert, - aber auch Habermas ist dabei! Aus der Feder des Korrespondenten (Thomas Meaney) ist zu lesen - ich übersetze: "Als sich selbst verleugnender Meister Europas weiß Deutschland, dass der Brexit eine Art Weckruf ist, aber hält sich dennoch in Bezug auf die Zukunft des Kontinents  an das, was Hegel 'die Perspektive eines Knechts' (?) nannte."

Gottseidank! Wer möchte denn wohl einem deutschen "Herrenmenschen" ausgeliefert sein??

(Wenn jemand weiß, wie Hegel das genau auf Deutsch geschrieben hat, freu ich mich über Korrektur.)

 

Frankfurt, den 6. Januar

 Edgar Hilsenrath ist am 30. Dezember 2018 mit 92 Jahren gestorben.  Ich habe ihn gekannt. Er war ein besonderer Mensch: einfach, direkt, praktisch – und gleichzeitig ein Dichter, durch und durch. Er verbreitete eine Freundlichkeit, die, mit Zugewandtheit verschmolzen, immer persönlich wirkte. Ich glaube, es war eine Lesung, bei der ich ihm begegnete. Es muss „Die Nacht“ gewesen sein, sein erster großer Roman, der 1978 auf Deutsch herauskam.  Was für eine Geschichte! Ein von den Deutschen zugesperrtes Ghetto in Rumänien – nach Rumänien war Edgar schon vor dem Krieg durch Flucht vor den Nazis aus Deutschland gekommen, seine Mutter floh mit den Kindern zum Großvater – erhält auf offiziellen Wege keine Nahrungsmittel. Zum Überleben braucht man neben einem Dach über dem Kopf Wege zum Schwarzhandel. Die Vierzehnjährigen  sind schlau und selbständig genug,  die in Kleidersäumen eingenähten Schmuckstücke  einzutauschen gegen Essbares. Nicht dieser Aspekt aber macht das Buch wichtig, sondern die feine und doch erbarmungslose Schilderung der Menschen, die ihren Stolz, ihre Ehre und meist auch die Bereitschaft zur  Liebe nach und nach in diesem Überlebenskampf verlieren. Hilsenrath, der auf selbst Erlebtes zurückgreift, hatte in den verflossenen 30 Jahren soviel Distanz von jener Zeit gewonnen, dass sich ein innerer  Abstand wie ein Film über die Ereignisse legte, nicht eine dünne Schicht  der Kälte und der Gleichgültigkeit, sondern ein Film aus Humor.  Aus seinem Humor. Persönlich und unverwechselbar.

In der BRD fand sich zunächst  nur ein kleiner Verlag, ein Verleger, der sich persönlich einsetzte, um das Buch zu veröffentliche. Die großen Verlage hatten befunden, dass sowas wie ein KZ nicht mit Humor betrachtet werden dürfe. Es gab dennoch einige öffentliche Anerkennung. Mit seinem nächsten Roman, „Der Nazi und der Friseur“,  gewann er das Publikum; er verkaufte sich gut, wenn auch den Unkenrufen der Starkritiker zum Trotz.

Edgar Hilsenrath hat etwa 10 Bücher in Deutschland veröffentlicht. Er war 1975 aus den USA nach Deutschland (West) eingewandert, ließ sich in Berlin nieder.  Seine Sehnsucht: die deutsche Sprache.  Ob nüchtern  und anschaulich, ob mytisch und singend – immer stimmte alles. Er probierte es aus. Vor zehn Jahren endete er mit dem Schreiben. Zuletzt lebte er in der Eifel, im eigenen Haus, das er sich erschrieben hatte, umhegt von liebenden Menschen, die ihm ergeben waren. Heutzutage spielen  manche Stadttheaterbühnen noch sein  „Der Nazi und der Friseur“.

In der taz las ich gestern den Nachruf – und erschrak über den Ton: der Dichter Hilsenrath wurde auch hier wieder nach seinem „Erfolg“ beurteilt, d.h. nach seinen Verkaufszahlen. Der Rezensent hatte keine eigene Meinung zu Hilsenrath als Literat, er berief sich auf die Zitate anderer Deutscher. Auf Mainstream. Auf das, was die Leute sagen. Genau das, was Hilsenrath nie getan hat. 

In einem Roman von 1995, „Yossel Wassermanns Heimkehr“, heißt es am Ende: „Und das wäre wohl die Geschichte von Onkel Jossel, obwohl die wirklichen Geschichten nie enden, denn man kann sie immer wieder erzählen und immer anders. Ganz anders. Und dann müsste man nochmal von vorn anfangen. Von Anfang an.“ 

Zwei Stimmen haben sich diese Geschichte erzählt. Die eine gehörte dem Wind – und die andere? Die andere gehörte der Geschichte selbst, der Geschichte der Schtetljuden. Während des Transports hatte sie sich auf das Dach des Güterwagens geflüchtet, in dem die Juden hockten. Warum auf das Dach? Dort würde sie kein Goy suchen, und sie würde überleben....

Frankfurt, den 2. Dezember

Vor einer Woche lud ich zu einem Familientreffen und bekam sehr viele Blumen. Während der kostbare Rosenstrauss nun gänzlich verwelkt ist, haben sich die Amaryllis-Blüten zu ihrer ganzen, fast gewaltigen Pracht geöffnet; einzelne Blütenmränder bilden schon, kaum sichtbar, winzige Alters-Fältchen. Gestern erhielt ich nun einen Nachzügler-Strauss; eine entfernte Kusine war wegen einer Grippe verhindert gewesen und wollte zumindest ihre Grüße senden. Es war ein neuer Amaryllis-Strauss, in einer anderen Farbe, noch in Knospen - nun wrd sich mein Blumenschmuck im Wohnzimmer um eine weitere Woche verlängern. Welche Freude!

Auf meinen letzten Eintrag möchte ich insofern noch einmal zurückkommen, als mir jemand darauf hin einen Brief geschrieben hat. Die dort vorgetragenen Argumente mögen auch anderen vertraut erscheinen. Darum hier eine allgemeine Antwort.

Zunächst wiederhole ich einen Satz vom letzten Mal, um klarzustellen, wovon ich geredet hatte: "Ich wies (in einem vorher erwähnten Leserbrief) darauf hin, dass der verbreitete Antisemitismus bekämpft werden könnte, wenn die über tausendjährige gemeinsame Geschichte von jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen ganz normal im Geschichtsunterricht vorkäme, in der Schule ebenso wie an der Uni."

Es ging mir um Wege, gegen den derzeit gern laut werdenden Antisemitismus anzugehen. Die briefschreibende Person aber setzte - zu meinem großen Erstaunen - "Antisemitismus" mit "Holokaust", "Drittes Reich" gleich! Wie kann das sein? Mit all diesen Themen, so klagte sie, seien sie und nachfolgende Generationen "traktiert worden, dass man es kaum noch hören und/oder ertragen konnte". Nun gehört ohne Zweifel das dritte Reich oder der Holokaust zur deutschen Geschichte, und  der dort herrschende Antisemitismus selbstverständlich auch. Und dass den Jugendlichen das irgendwann zuviel wurde, ist verständlich und  bekannt: häufig wurde ihnen  eine Schuld zugeschoben, die sie nicht hatten, gegen die sie sich schlecht wehren konnten. Es ging darin um "deutsche Identität", genauer um eine nichtjüdische deutsche Identität.  

Nie aber um jüdische Identität. Juden lebten schon seit Römerzeiten mit Christen zusammen in den selben Siedlungen. Schriftlich belegt gibt es sie seit mindestens tausend Jahren, nicht nur im "heiligen römische Reich deutscher Nation", sondern auch in vielen anderen Ländern Europas. Die Gelehren der verschiedenen Konfessionen haben sich gegenseitig angeregt, inspiriert, und sie haben auch miteinander gestritten. (In meinem taz-Leserbrief war ich kurz darauf eingegangen.) Es entwickelte sich eine spezifisch deutsch-jüdische gemeinsame Geschichte. Wenn diese auch schon immer Verfolgnugen von Juden umfasste, so gehörten doch auch wesentliche Inspirationen, ein steitger geistiger Austausch dazu, und  das gilt bis heute.

Um diese langjährige gemeinsame Geschichte  ging und geht es mir. Wer waren die deutschen Juden, vor 1933?   Wer war Jude, wer  bestimmte das, wer stellte Regeln darüber auf? In den (mindestens) eintausend Jahren unserer verschiedenen Gemeinwesen? Wie ist es überhaupt zu dem Grauen der KZs gekommen? Nicht, um "zu verstehen" (im Sinne von "Alles verstehen heißt alles verzeihen"), nein,  sondern um solch einen Horror in Zukunft zu verhindern.

Kürzlich trugen an einem Tag in Deutschland sehr viele Menschen, Männer wie Frauen, auf der Straße eine Kipa  - das Käppchen, das religös lebende Juden auf dem Kopf tragen - um gemeinsam, unabhängig von einer eigenen Religionszugehörigkeit, gegen den körperlichen Angriff zu protestieren, den ein junger Mann in Berlin erlebt hatte, weil er mit einer Kipa auf die Straße gegangen war. Ein friedlicher Protest gegen Gewalt. Das sind Botschaften, denen ich weite Verbreitung wünsche - und dafür muss man zumindest eine Idee davon haben, was eine Kipa ist.

Drum meine Bitte, mein Wunsch: dass aus der Erinnerung an den Holokaust die Frage erwachse: was ist das, ein Jude? Wie sah die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte eigentlich aus? Worin bestanmden, bestehen die Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Deutschen? In den "jüdischen Museen" vieler Städte und Gemeinden finden sich Antworten, vielfältige Antworten. Sie sollten auch in dem allgemeinen Geschichtsunterricht einen Platz erhalten.

 

 

 

Frankfurt, 11. November

Die Sonne strahlt, fast wie seit einem halben Jahr. Doch in der Nacht hat es etwas geregnet, die Pfützen auf dem Teerdach der benachbarten Geschäfte legen davon Zeugnis ab. Nicht, das es reichte, um die Flüsse wieder aufzufüllen. An den Tankstellen steigen die Preise, weil die Tankschiffe nur weniger als halb  beladen von Rotterdam den Rhein hinauf fahren dürfen, wegen des niedrigen Wasserstandes. Anscheinend hat die Bundesregierung ihre für "Notfälle" gespeicherten Kraftstoff-Reserven auf den Markt geworfen, um den Preisanstieg in Maßen zu halten. Hat sie eine Garantie für Regen von irgendwo bekommen, der fällt, bevor die Vorräte aufgebraucht sind?? Ein Tankwart fügte hinzu: "Auch die Brotpreise steigen."

Das hatte ich noch nicht bemerkt. Ich esse nicht viel Brot, etwa ein halbes Kilo pro Woche. Aber jeden Tag gekochte Haferflocken .....

Es geschieht immer so viel, dass ich gar nicht zum Schreiben komme.

Das Älterwerden verbraucht auch zusätzliche Zeit: die allmorgendliche Steifheit zu überwinden; mit den Veränderungen im Körper sich so zu arrangieren, dass ich die immer noch vorhandenen Reserven anders oder neu einsetzen kann. So bin ich manchmal schon stolz, wenn ich, wie gestern, in Offenbach auf dem Wilhelmsplatz bei der "Brasserei Beau d'Eau" ankomme, wo ich mit andern Frauen zum Frühstück eingeladen war. Ein sehr belebtes fröhliches Lokal, alle Tische besetzt und die Auswahl an möglichen Frühstücksvarianten verwirrend, jeder Teller appetit-anregend! An unserm Tisch, Autorinnen und Sprachlehrerinnen bunt gemischt, vergaßen wir über unsern Gesprächen bald die Zeit. Vor dem Heimweg ging ich noch kurz auf den Markt und fand einen herrlichen Blumenstrauß für einen Geburtstag, zu dem ich anschließend mit dem Auto fuhr. Zwischen Frankfurt und Offenbach oder in der Stadt nehme ich praktisch nie das Auto, die öffentlichen Verkehrsmittel reichen. Nur wenn es nach außerhalb geht, in diesem Fall nach Walldorf.

Auf der S-Bahn-Fahrt nach Offenbach genieße ich stets aufs Neue die gut ausgebildete Stimme des Sprechers. In den innerstädtischen Bahnen übt die billige Computerstimme ("bitte ausstAAIgen!")  noch immer ihre Herrschaft aus. Ich hoffe sehr, dass im nächsten Jahr, wie vom Verkehrsdezernat verprochen, endlich wieder korrektes Deutsch gesprochen wird. Das heißt, gewöhnlich vergess ich den Ärger, sobald ich aussteige; doch noch immer überfällt er mich, auch nach so langer Zeit, wenn ich die dumme Stimme wieder anhören muss.

Mein Leserbrief, von dem ich letztes Mal berichtete, ist tatsächlich in der "taz" erschienen (24. Oktober). Ich wies daraufhin, dass der verbreitete Antisemitismus bekämpft werden könnte, wenn die über tausendjährige gemeinsame Geschichte von jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen ganz normal im Geschichtsunterricht vorkäme, in der Schule ebenso wie an der Uni. Tut sie nicht. Sogar beim Studium der evangelischen Theologie brauchen die Studenten keine Prüfungen über das Fach "Judaismus" abzulegen; es gibt Vorlesungen, aber ohne Prüfung! Wer nimmt sich denn dafür schon Zeit!

Ich weiß wohl, dass für eine solche  Darstellung der gemeinsamen Geschichte Historiker beider Gruppen sich auf ein gemeinsames Narrativ einigen müssten, so wie es französische und deutsche Historiker in den 70er Jahren taten, und nach dem Mauerfall auch die deutschen und polnischen Historiker. Ein solches gemeinsames Narrativ fällt nicht vom Himmel. Unter deutschen Juden entsteht gerade ein neuer Standpunkt: sie fühlen sich von der offiziellen deutschen Gedenkkultur und -politik instrumentalisiert. Sie wollen in der Bundesrepublik als "ethnische Minderheit" anerkannt werden. Darüber ließe sich streiten - oder auch nicht, da die heutigen hiesigen Juden oft nichts mit den deutschen Juden aus den tausend Jahren vor 1933 zu tun haben. Die Instrumentalisierung ließ sich aber gerade kürzlich zum 9. November sehr gut nachvollziehen. Besonders verdächtig, wenn die deutsche Öffentlichkeit das Gedenken an den 9.11.38 zur Verherrlichung des Staates Israel benutzt. Bedeutet das nicht auch wieder eine offizielle Feststellung, wonach Juden nicht hierher, sondern eben woandershin gehören? Ich schäme mich dafür: vor Kurt Tucholsky, vor Siegmund Freud, vor Gutle Rothschild. Letztere war die Ehefrau von Amschel Meir Rothschild; es soll bald eine Biografie von ihr erscheinen, auf die ich sehr gespannt bin.

Der Staat Israel ist ein völkerrechtlich anerkannter Staat, ein schönes Land, das in vieler Hinsicht als Vorbild dienen kann, wo es aber Probleme mit den Nachbarn gibt. Nein, die Schoah  und das Gedenken daran ist ein deutsches Faktum, das nur dann verständlich wird - nicht und nie entschuldbar! - wenn man die Entwicklungen der deutschen Geschichte betrachtet. Sie kennenlernt und einordnet und bewertet. Wir leben heute in einem Rechtsstaat. Darauf können wir stolz sein. Jüdische Juristen haben übrigen aus der Weimarer Zeit die Idee des "Rechtsstaates" bei ihrer Flucht mit nach Palästina genommen und sie bei der Gründung des Staates Israel zugrundegelegt. Sie gilt grundsätzlich dort, auch bis heute.

Einen schönen Sonntag allen!

 

 

 

 

 

 


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