DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 2. Dezember

Vor einer Woche lud ich zu einem Familientreffen und bekam sehr viele Blumen. Während der kostbare Rosenstrauss nun gänzlich verwelkt ist, haben sich die Amaryllis-Blüten zu ihrer ganzen, fast gewaltigen Pracht geöffnet; einzelne Blütenmränder bilden schon, kaum sichtbar, winzige Alters-Fältchen. Gestern erhielt ich nun einen Nachzügler-Strauss; eine entfernte Kusine war wegen einer Grippe verhindert gewesen und wollte zumindest ihre Grüße senden. Es war ein neuer Amaryllis-Strauss, in einer anderen Farbe, noch in Knospen - nun wrd sich mein Blumenschmuck im Wohnzimmer um eine weitere Woche verlängern. Welche Freude!

Auf meinen letzten Eintrag möchte ich insofern noch einmal zurückkommen, als mir jemand darauf hin einen Brief geschrieben hat. Die dort vorgetragenen Argumente mögen auch anderen vertraut erscheinen. Darum hier eine allgemeine Antwort.

Zunächst wiederhole ich einen Satz vom letzten Mal, um klarzustellen, wovon ich geredet hatte: "Ich wies (in einem vorher erwähnten Leserbrief) darauf hin, dass der verbreitete Antisemitismus bekämpft werden könnte, wenn die über tausendjährige gemeinsame Geschichte von jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen ganz normal im Geschichtsunterricht vorkäme, in der Schule ebenso wie an der Uni."

Es ging mir um Wege, gegen den derzeit gern laut werdenden Antisemitismus anzugehen. Die briefschreibende Person aber setzte - zu meinem großen Erstaunen - "Antisemitismus" mit "Holokaust", "Drittes Reich" gleich! Wie kann das sein? Mit all diesen Themen, so klagte sie, seien sie und nachfolgende Generationen "traktiert worden, dass man es kaum noch hören und/oder ertragen konnte". Nun gehört ohne Zweifel das dritte Reich oder der Holokaust zur deutschen Geschichte, und  der dort herrschende Antisemitismus selbstverständlich auch. Und dass den Jugendlichen das irgendwann zuviel wurde, ist verständlich und  bekannt: häufig wurde ihnen  eine Schuld zugeschoben, die sie nicht hatten, gegen die sie sich schlecht wehren konnten. Es ging darin um "deutsche Identität", genauer um eine nichtjüdische deutsche Identität.  

Nie aber um jüdische Identität. Juden lebten schon seit Römerzeiten mit Christen zusammen in den selben Siedlungen. Schriftlich belegt gibt es sie seit mindestens tausend Jahren, nicht nur im "heiligen römische Reich deutscher Nation", sondern auch in vielen anderen Ländern Europas. Die Gelehren der verschiedenen Konfessionen haben sich gegenseitig angeregt, inspiriert, und sie haben auch miteinander gestritten. (In meinem taz-Leserbrief war ich kurz darauf eingegangen.) Es entwickelte sich eine spezifisch deutsch-jüdische gemeinsame Geschichte. Wenn diese auch schon immer Verfolgnugen von Juden umfasste, so gehörten doch auch wesentliche Inspirationen, ein steitger geistiger Austausch dazu, und  das gilt bis heute.

Um diese langjährige gemeinsame Geschichte  ging und geht es mir. Wer waren die deutschen Juden, vor 1933?   Wer war Jude, wer  bestimmte das, wer stellte Regeln darüber auf? In den (mindestens) eintausend Jahren unserer verschiedenen Gemeinwesen? Wie ist es überhaupt zu dem Grauen der KZs gekommen? Nicht, um "zu verstehen" (im Sinne von "Alles verstehen heißt alles verzeihen"), nein,  sondern um solch einen Horror in Zukunft zu verhindern.

Kürzlich trugen an einem Tag in Deutschland sehr viele Menschen, Männer wie Frauen, auf der Straße eine Kipa  - das Käppchen, das religös lebende Juden auf dem Kopf tragen - um gemeinsam, unabhängig von einer eigenen Religionszugehörigkeit, gegen den körperlichen Angriff zu protestieren, den ein junger Mann in Berlin erlebt hatte, weil er mit einer Kipa auf die Straße gegangen war. Ein friedlicher Protest gegen Gewalt. Das sind Botschaften, denen ich weite Verbreitung wünsche - und dafür muss man zumindest eine Idee davon haben, was eine Kipa ist.

Drum meine Bitte, mein Wunsch: dass aus der Erinnerung an den Holokaust die Frage erwachse: was ist das, ein Jude? Wie sah die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte eigentlich aus? Worin bestanmden, bestehen die Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Deutschen? In den "jüdischen Museen" vieler Städte und Gemeinden finden sich Antworten, vielfältige Antworten. Sie sollten auch in dem allgemeinen Geschichtsunterricht einen Platz erhalten.

 

 

 

 

Frankfurt, 11. November

Die Sonne strahlt, fast wie seit einem halben Jahr. Doch in der Nacht hat es etwas geregnet, die Pfützen auf dem Teerdach der benachbarten Geschäfte legen davon Zeugnis ab. Nicht, das es reichte, um die Flüsse wieder aufzufüllen. An den Tankstellen steigen die Preise, weil die Tankschiffe nur weniger als halb  beladen von Rotterdam den Rhein hinauf fahren dürfen, wegen des niedrigen Wasserstandes. Anscheinend hat die Bundesregierung ihre für "Notfälle" gespeicherten Kraftstoff-Reserven auf den Markt geworfen, um den Preisanstieg in Maßen zu halten. Hat sie eine Garantie für Regen von irgendwo bekommen, der fällt, bevor die Vorräte aufgebraucht sind?? Ein Tankwart fügte hinzu: "Auch die Brotpreise steigen."

Das hatte ich noch nicht bemerkt. Ich esse nicht viel Brot, etwa ein halbes Kilo pro Woche. Aber jeden Tag gekochte Haferflocken .....

Es geschieht immer so viel, dass ich gar nicht zum Schreiben komme.

Das Älterwerden verbraucht auch zusätzliche Zeit: die allmorgendliche Steifheit zu überwinden; mit den Veränderungen im Körper sich so zu arrangieren, dass ich die immer noch vorhandenen Reserven anders oder neu einsetzen kann. So bin ich manchmal schon stolz, wenn ich, wie gestern, in Offenbach auf dem Wilhelmsplatz bei der "Brasserei Beau d'Eau" ankomme, wo ich mit andern Frauen zum Frühstück eingeladen war. Ein sehr belebtes fröhliches Lokal, alle Tische besetzt und die Auswahl an möglichen Frühstücksvarianten verwirrend, jeder Teller appetit-anregend! An unserm Tisch, Autorinnen und Sprachlehrerinnen bunt gemischt, vergaßen wir über unsern Gesprächen bald die Zeit. Vor dem Heimweg ging ich noch kurz auf den Markt und fand einen herrlichen Blumenstrauß für einen Geburtstag, zu dem ich anschließend mit dem Auto fuhr. Zwischen Frankfurt und Offenbach oder in der Stadt nehme ich praktisch nie das Auto, die öffentlichen Verkehrsmittel reichen. Nur wenn es nach außerhalb geht, in diesem Fall nach Walldorf.

Auf der S-Bahn-Fahrt nach Offenbach genieße ich stets aufs Neue die gut ausgebildete Stimme des Sprechers. In den innerstädtischen Bahnen übt die billige Computerstimme ("bitte ausstAAIgen!")  noch immer ihre Herrschaft aus. Ich hoffe sehr, dass im nächsten Jahr, wie vom Verkehrsdezernat verprochen, endlich wieder korrektes Deutsch gesprochen wird. Das heißt, gewöhnlich vergess ich den Ärger, sobald ich aussteige; doch noch immer überfällt er mich, auch nach so langer Zeit, wenn ich die dumme Stimme wieder anhören muss.

Mein Leserbrief, von dem ich letztes Mal berichtete, ist tatsächlich in der "taz" erschienen (24. Oktober). Ich wies daraufhin, dass der verbreitete Antisemitismus bekämpft werden könnte, wenn die über tausendjährige gemeinsame Geschichte von jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen ganz normal im Geschichtsunterricht vorkäme, in der Schule ebenso wie an der Uni. Tut sie nicht. Sogar beim Studium der evangelischen Theologie brauchen die Studenten keine Prüfungen über das Fach "Judaismus" abzulegen; es gibt Vorlesungen, aber ohne Prüfung! Wer nimmt sich denn dafür schon Zeit!

Ich weiß wohl, dass für eine solche  Darstellung der gemeinsamen Geschichte Historiker beider Gruppen sich auf ein gemeinsames Narrativ einigen müssten, so wie es französische und deutsche Historiker in den 70er Jahren taten, und nach dem Mauerfall auch die deutschen und polnischen Historiker. Ein solches gemeinsames Narrativ fällt nicht vom Himmel. Unter deutschen Juden entsteht gerade ein neuer Standpunkt: sie fühlen sich von der offiziellen deutschen Gedenkkultur und -politik instrumentalisiert. Sie wollen in der Bundesrepublik als "ethnische Minderheit" anerkannt werden. Darüber ließe sich streiten - oder auch nicht, da die heutigen hiesigen Juden oft nichts mit den deutschen Juden aus den tausend Jahren vor 1933 zu tun haben. Die Instrumentalisierung ließ sich aber gerade kürzlich zum 9. November sehr gut nachvollziehen. Besonders verdächtig, wenn die deutsche Öffentlichkeit das Gedenken an den 9.11.38 zur Verherrlichung des Staates Israel benutzt. Bedeutet das nicht auch wieder eine offizielle Feststellung, wonach Juden nicht hierher, sondern eben woandershin gehören? Ich schäme mich dafür: vor Kurt Tucholsky, vor Siegmund Freud, vor Gutle Rothschild. Letztere war die Ehefrau von Amschel Meir Rothschild; es soll bald eine Biografie von ihr erscheinen, auf die ich sehr gespannt bin.

Der Staat Israel ist ein völkerrechtlich anerkannter Staat, ein schönes Land, das in vieler Hinsicht als Vorbild dienen kann, wo es aber Probleme mit den Nachbarn gibt. Nein, die Schoah  und das Gedenken daran ist ein deutsches Faktum, das nur dann verständlich wird - nicht und nie entschuldbar! - wenn man die Entwicklungen der deutschen Geschichte betrachtet. Sie kennenlernt und einordnet und bewertet. Wir leben heute in einem Rechtsstaat. Darauf können wir stolz sein. Jüdische Juristen haben übrigen aus der Weimarer Zeit die Idee des "Rechtsstaates" bei ihrer Flucht mit nach Palästina genommen und sie bei der Gründung des Staates Israel zugrundegelegt. Sie gilt grundsätzlich dort, auch bis heute.

Einen schönen Sonntag allen!

 

 

 

 

 

 

 


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