DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 15. Juli

Die Sonne hat sich in einen Wolkenpalast zurückgezogen. Immer noch zeigt das Thermometer 31 °C. Es war windstill, bis eben - plötzlich kommt Sturm auf. Aber regnen wird es voraussichtlich nicht, zu hoch liegen die Wolken. En paar Kinderstimmen werden laut zwischen den Häusern. Es ist halb acht am Abend.

In den letzten Tagen habe ich viel in alten Schriften gewühlt, hauptsächlich elektronisch. Schon seit den achtziger Jahren benutzte ich einen Computer; es wird zeitraubed die Disketten abzuspielen, auf dem alten Gerät, das ich noch immer besitze, und nutze, wenn ich was ausdrucken will. An meinen modernen Rechner habe keinen Drucker angeschlossen. Wenn ich auf Papier drucken muss, übertrage ich das Gespeicherte auf einen USB-Stecker und geh zum Kopierladen. Dort hilft man mir auch, wenn ich besondere Projekte plane.

Ich möchte nämlich endlich mal wieder ein Heft mit Texten zusammenstellen: "Essays I" nenne ich das erste, das fast fertig ist, und die Sammlung für "Essays II" ist schon angelegt. Ich fasse so die Jahre 2008 bis 2018 zusammen. Pascale Velleine besorgt das Cover.

Woher kommt mir auf einmal die Unternehmungslust, die mir so lange gefehlt hat? Ich weiß es nicht. Sie ist einfach da.Wenn ich auch all die Jahre immer geschrieben habe: in mein handschriftliches Tagebuch, in mein Webtagebuch, aber auch Artikel für die luxemburgische Zeitung "kulturissimo" (eine monatliche Kulturbeilage im "tageblatt"). Das "tageblatt" bekommt jetzt einen neuen Chefredakteur, und wahrscheinlich wird er mit den schönen alten Freiheiten aufräumen, die sich im "kulturissimo" ausgebreitet hatten: schreiben, was ich für richtig halte. Eher ältere Autoren nutzten die Möglichkeit ..... aber Jüngere legten dort  manchmal ihre Ideen über Poetik oder Musik auseinander.

Innerhalb der Literaturgruppe Poseidon in Darmstadt entstehen Texte; heute war übrigens der letzte Tag unserer Ausstellung zusammen mit dem Bund bildender Künstler aus Darmstadt zum Thema "Offenbach": OFFFUNDSTÜCKE hatten wir sie genannt. Sie fand im "Haus der Stadtgeschichte" statt, übermorgen fahr ich hin zum Abbauen. Ich hatte ein Gedicht über die französisch-reformierte Kirche geschrieben, und Bernhard Meyer aus Darmstadt hatte daraus ein "Künstlerbuch" gestaltet; es wurde auf einem eleganten Biedermeier-Pult ausgestellt und drumherum hingen "Fahnen", das waren Riesenseiten aus dem Buch, mit bunten Buchstaben. Das muss ich nun alles mit nach Hause nehmen. Wir wollen eine zweite Auflage vom "Künstlerbuch" machen, mit ein paar Korrekturen, die notwendig sind. Dann werde ich voraussichtlich im Rahmen der reformierten  Gemeinde in Offenbach nochmal eine Lesung machen und das Buch vorstellen.

Auch im "Literaturclub der Frauen aus aller Welt" arbeiten wir an einer neuen Anthologie, mit der wir obendrein unseren 20jährigen Geburtstag feiern wollen. Ich freu mich drauf.

Vor drei Monaten ungefähr wurde ich gefragt, ob ich eine Rezension über den Band "Rosenzweig, Luther und die Schrift" verfassen wolle, und ich sagte zu (nach einer Nacht des Bedenkens). Es war eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Das Buch war zum Lutherjahr erschienen, herausgegeben von Micha Brumlik. Franz Rosenzweig, der Religionsphilosoph vom Anfang de 20. Jahrhunderts, hatte 1926 einen Essay "Luther und die Schrift" veröffentlicht, und seine Sprachbegeisterung deckte sich mit seinem Deutschsein, das damals als selbstverständlich galt. Diese Konstellation ist durch die Verbrechen der Nazis zerbrochen - was lässt sich unter der Voraussetzung heute über Rosenzweigs damalige Gedanken sagen? Sehr viel, fand ich, und so freute ich mich auf eine Rezension in einer Fachzeitschrift. Dass ich dann gefragt wurde, sie selbst zu schreiben, erchreckte mich im ersten Moment. Dann habe ich mich mit großer Begeisterung darein vertieft. Ob sie tatsächlich gedruckt wird, weiß ich noch nicht. Es war jedenfalls der Mühe wert. Und ich warte ab.

Zwischendurch kommen immer mal wieder kleine Ausflüge: kürzlich nach Düsseldorf, wo ich nicht nur mit meinem Bruder Geburtstag feierte, sondern am andern Morgen noch eine Galerie besuchte, in der Vero Pfeiffer ausstellte, die Malerin, die Farben zum Subjekt macht. Zu Individuen! Keine gleicht der andern, und irgendwie wirken sie aufeinander. Sie stellte gemeinsam mit Jürgen Drescher aus, der riesige sandfarbene Objekte dagegen setzte: eins hieß "Die Sprechblase". Und über ihre Werke traten die Künstler in einen wortlosen Dialog miteinander....

 

 

 

 

 

 

 

 

Tagebuch Sommer 2018

Frankfurt, den 2. Juli

Die Freunde wollten ihn heben, um ihn in seinen Rollstuhl zu setzen, und während sie ihn hoben, verlor er das Bewusstsein. Aus dieser Ohnmacht wachte er nicht wieder auf. So starb Hilmar Hoffmann am 1. Juni, so erzählten es die Freunde jenen, die sich gestern, am 1. Juli, in Frankfurt in der „Denkbar“ trafen, um an ihn zu erinnern. Er selbst hatte für den 1. Juli die Vorstellung seines Buches an eben diesem  Ort geplant.  Die Erinnerung wirkte um so stärker.

Elisabeth Abendroth führte in den Abend ein: mit seinem fünfzigsten Buch habe Hilmar Hoffmann  vielleicht, oder nach ihrer Meinung,  sein wichtigstes geschrieben.  Es heißt: „Generation Hitlerjugend“ und  hat autobiografischen Charakter. Jochen Nix , der wunderbarste Sprecher in Frankfurt, las längere Abschnitte daraus vor,  und aus dem Gehörten wurde jedem Zuhörer einleuchtend und verständlich, was es war, das Frau Abendroth so beeindruckt hatte: Die Redlichkeit, die Genauigkeit, mit der Hilmar Hoffmann die eigenen Erfahrungen aus  der Kriegsgefangenschaft, der Nachkriegszeit beschrieben hatte. Er war ein begeisterter Hitlerjunge gewesen. Bereitwillig zog er, noch unmündig, mit anderen Unmündigen  in den Krieg. Die erwachsenen Soldaten in Russland schickten die Kinder zurück. In der Heimat wurden sie daraufhin an die Westfront beordert. Dort kamen sie in Gefangenschaft: als Gefangene mussten sie zuerst die Leichen all der anderen Hitlerjungen bergen, die neben ihnen im Kampf gestorben waren.

Ich habe das Buch noch nicht gelesen, es ist 600 Seiten lang. Der Verleger Axel Dielmann stellte die Lektoratsarbeit an dem Buch vor: wie er, der noch nicht mal 60-Jährige, mit dem 90-Jährigen sich habe auseinandersetzen setzen müssen, und wie der Ältere offenen Ohres und beweglichen Geistes auf ihn eingegangen sei.  Dielmann wollte eine Episode aus Hilmar Hoffmanns  Leben umfänglicher, vollständiger dargestellt sehen, als der Autor geplant hatte. Es war sein „Umerziehungskurs“ im englischen Wilton Park,  für den die britische Regierung die größten Denker des Landes zusammengerufen hatte – Bertrand Russel wurde genannt – und an dem insgesamt etwa 4000 junge deutsche Kriegsgefangene schon ab 1944 teilnahmen. Die Themen Demokratie, freie Presse usw., vor allem die eigene Erfahrung von freiem Austausch im Gespräch ermöglichten einen ganz neuen Blick auf die Freiheit. All das hinterließ Spuren, die sich beim Aufbau der westlichen Bundesrepublik später bemerkbar machten. Churchill hatte sich schon früh Gedanken darüber gemacht, wie diese verführte Jugend zurückgewonnen werden könnte, für ein anderes Deutschland. In Großbritannien lebten auch sehr viele deutsche Exilanten. Sie wurden in den sechswöchigen Unterricht einbezogen.

Die Denkbar war voll gestern Abend, und nachher blieben noch viele da, um miteinander zu reden.  Es war ein erschütternder Abend: für die Familie, für die Freunde, für die Anhänger von Hilmar Hoffmann. Ich selbst habe ihn kaum noch gekannt, ich bin zu spät nach Frankfurt gekommen. Aber seinen prophetischen Spruch: „Kultur für alle!“, mit dem er zeitlebens Politik betrieben hat, den trag ich gern weiter, so gut ich kann. „Kultur“ ist ein Deich gegen die Verdummung durch Ideologien, immer noch und immer wieder. 

 

Frankfurt, den 15. Juni

 

Kürzlich fuhr ich mit der S-Bahn nach Offenbach. Welche Erholung, als ich die Ansage hörte. Die Stimme der Ansagerin klang wieder  ausgeglichen und wohltönend, sie sprach klar und korrekt mit jenem wohlwollenden Unterton, der fremden Reisenden ein Gefühl von Willkommensein einflößt; alles, was sie sagte, hatte Sinn.

„Wieder“ sage, ich denn früher war das auch hier in Frankfurt so. Ich habe mich immer an der Stimme erfreut. Vor einem halben Jahr etwa begannen die Frankfurter Stadtwerke jedoch, die Ansage auf eine Computerstimme umzustellen.  Das wäre an sich nicht schlimm. Nur Spezialisten könnten heraushören, dass es sich um eine künstliche Stimme handelte – so weit sind heute die Computerkünste gediehen.  In Frankfurt hat man aber offenkundig einen Programmierer mit dieser Arbeit betraut, der keine Ahnung vom Sprechen hat, von der Kunst des Artikulierens und der Sprachmelodik.  Sozusagen einen Anfängerprogrammierer, einen, der sich nur mit  Digitalem auskennt, aber noch nie einen professionellen Sprecher gehört hat.  Nicht mit Bewusstsein.  Dem das Hören vielleicht überhaupt nichts bedeutet, nicht unter einer beträchtlichen Lautstärke.

In den Bussen und Bahnen Frankfurts leidet seither die Aussprache der deutschen Worte immer öfter unter einem Akzent, der weder ausländisch noch dialektal ist – dem Akzent von jemand, der Worte spricht, die ihm unbekannt sind:  er spricht mal zu langsam, mal zu schnell,  und vor allem, er betont immer wieder falsch. Da heißt es „s-bAAhn“, „landstrAAße“,  „umstAAiigen“,  stets mit einem sehr breiten „a“, wie ich es von keiner anderen Sprechweise kenne; „auf den  verkehr AACHCHten“ – ich vermag gar nicht, das in Buchstaben wiederzugeben, so fremd ist es allen mir bekannten Aussprachemöglichkeiten. Keine Satzmelodie mehr,  nichts  Vertrautes.  Es klingt verächtlich, überflüssig, als wäre es nur für Blöde erforderlich.  Da weiß man doch, warum man sich Stöpsel ins Ohr steckt!

Frankfurt rühmt sich seiner sprachlichen Vielfalt – doch geht es dabei immer um Sprachen, die Sinn vermitteln, die irgendjemandem vertraut klingen, denen allemal eine Kultur zugrunde liegt.  Unsere gemeinsame Umgangssprache ist Deutsch. Eine große Zahl von Zugewanderten bemüht sich redlich und gründlich, richtiges Deutsch zu lernen.  Und nur der Programmierdienst der Stadtwerke soll davon freigestellt werden? Nix Kultur? O, ich weiß, grammatische Fehler kommen nicht vor. Nur eben bei der vertrackten Aussprache, da hapert es.  Die lernt man leider nicht in der Schule. Nur etwa in der Hochschule für Musik , darstellende Kunst und Tanz. Oder bei Waggong im Bunker, in der Germaniastraße. Oder bei ganz vielen anderen Lehrern und Lehrerinnen in der Stadt und ihrer Umgebung. „Stimmbildung“ heißt das Zauberwort, es genügt auch „Sprechtechnik“.  In der Hochschule heißt es einfach „Sprechen“. Jeder Deutschlehrer kennt und lehrt die richtige Sprachmelodie.

Ich habe versucht, die Kulturdezernentin auf diesen Kulturmangel in den städtischen Bussen und Bahnen aufmerksam zu machen. Sie antwortete mir, dafür sei sie nicht zuständig.

Ja, wer ist es denn? Wer fühlt sich verantwortlich für die Sprache?

 

 

Frankfurt, den 5. Juni

Vierzehn Tqge lang war ich unterwegs, jetzt habe ich mich nach einem Tag wieder halbwegs hier eingelebt. Zuerst war ich in Valencia; eben habe ich mir Fotos ausgedruckt, die dort entstanden sind. Ich drucke sie in einer Drogerie aus; in den Computer werd ich einen Teil davon später einspeichern - ich spare gern Speicherplatz, und alle Fotos brauche ich sowieso nicht aufzuheben.

Valencia ist eine seltsame Stadt; solange man nicht dort war, kann man sich nach den allgemein verbreiteten Fotos kein Bild von ihr machen. Extrem moderne Hallen, angeblich eine uralte Stadt ......  Tatsächlich haben schon die Römer Valencia unter eben diesem Namen gegründet. Dort herrschten danach mal die Westgoten, mal die Mauren; immer lebte dort Mischbevölkerung, die verschiedenen Religionen bestanden nebeneinander. Und das sogar noch, nachdem im 13. Jahrhundert die katholischen Kastilier das Regiment übernahmen! Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzte sich die Inquisition in Valencia durch,  verjagte die Mauren oder zwang sie zur Taufe. Die Juden mussten schon etwa hundert Jahre früher verschwinden; von ihnen war in dem offiziellen Stadtführer  gar nicht die Rede. Erst durch gezielte Nachforschungen im Internet, auf Spanisch, fand ich Informationen über die jüdische Gemeinde, die es natürlich, wie in allen Handelsstädten,  gab (und auch heute wieder gibt). In einem Seitenschiff des Doms zierte das gotische Fenster ein großer bunter Davidstern; bei der Führung wurde dieser damit erklärt, dass "Maria von König David abstamme". Ob sich der Dom aus der einstigen Synagoge entwickelt hat?

Eine schöne alte Stadt, gebaut in den verschiedensten Stilen, mit zahllosen Kirchen und vielen weltlichen Gebäuden; die Bürgerhäuser oft im Stil von 1900. Der zentrale Platz mit seinem prächtigen Brunnen war mit Marmor gepflastert.

Valencia liegt in einer breiten Talmulde, in der Ferne erheben sich Berge. An Wasser mangelte es nie; so diente die Gegend den schönsten Zwecken der Landwirtschaft: Zitrusfrüchte, Ölbäume, Wein wachsen im Überfluss,  auch Reis, Feigen und andere Früchte wachsen hier und viele Arten Gemüse. Der  Fluss, Turia geheißen, floss früher außen an der Stadt vorbei. Nachdem er die Stadt immer wieder überflutet hatte, wurde er Mitte des 20. Jahrhunderts umgeleitet, in hinreichendem Abstand - ich habe ihn nicht sehen können. Was ich sah, war das einstige Flussbett, ein relativ breites Tal, das man in einen Park verwandelt hatte, einen Park für das Volk, öffentlich, mit allen Unterhaltungen, die ein Park bieten kann. Weiter flussabwärts, wo sich das Tal kurz vor dem Meer noch mal ordentlich verbreitert, hatte man in jüngster Zeit die Moderne aufblühen lassen, in gewagter Architektur all jene Großgebäude errichtet, die eine aufstrebende Stadt braucht: Stadion, Messehalle, Kulturzentrum. Ein mutiger Architekt aus Valencia hat das alles erdacht. Und oben auf den einstigen Ufern, von dort aus sich weit in die Landschaft ausbreitend, endlose Reihen von Wohnhäusern, acht- oder mehrstöckig. Die Avenuen, die dort hinführen, beeindruckten mich durch ihre breite Weitläufigkeit und ihre Bäume: abwechselnd Palmen und lila-blau blühende Bäume. So reichen zwei  Busstationen von den klobigen mittelalterlichen Stadttoren hin zum luftigen grünen Park mit den modernen Bausilhouetten im Osten und die modernen Vorstädte im Norden. Die Straßen- und Ortsschilder waren meistens zweisprachig beschrieben. Es sei eine Art von Katalanisch, was man hier traditionell spreche, erklärte man mir.

Ich war nicht aus touristischen Gründen in Valencia, sondern um alte Kollegen aus Europa wiederzutreffen; ich kam einen ganzen Tag zu spät, weil ausgerechnet an diesem Tag die französischen Fluglotsen streikten. So verpasste ich die Stadrtführung. Was ich nicht verpasste und sehr genoss: die "convivialité" unter den Kollegen, das heißt eine Freude, sich zu treffen, ja, sich untereinander - wieder - kennen zu lernen, sich aus dem gegenwärtigen Leben zu erzählen, in dem Bewusstsein, dass wir alle ein wenig unsere Wurzeln hinter uns herziehen, mit unserer Mehrsprachigkeit und den europäischen Lebenserfahrungen, die wir mit einsprachigen Inländern meistens nicht teilen können.

Nach drei Tagen - wehmütige Abschiede.

Von zuhause aus fuhr ich bald wieder los, diesmal nach Berlin, zu einem Familientreffen. Es gelang und brachte eine andere Art von "Convivialité" mit sich, das vertraute Miteinander von Leuten, die sich aus ihrer Kinderzeit kennen, die auf dieser Grundlage eine gemeinsame Sprache sprechen. Aber ich schaute auch ein klein wenig nach Berlin selbst, las jeden Morgen die Zeitung. Was mir darin auffiel, war ein gewisser schnoddriger Ton, der mit Schlagwörtern um sich warf, ohne Fantasie und ein bisschen vulgär. Aber natürlich nicht nur, es gab auch Seriöses. Offenbar brennen in Berlin öfter Busse (Stadtbusse),  ohne Fahrgäste, weil die Fahrer rechtzeitig merken, wenn ein Bus brennen will. Wir haben gut gegessen und sind gut bedient worden.

Na, ich schließ jetzt mal.

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 15. Mai

Eindrücke von der "internationalen christlich-jüdischen Konferenz" in Frankfurt

Ich besitze eine Marionette, das ist eine Puppe, deren Gliedmaßen man an Fäden bewegen kann und die dadurch den Anschein von großer Lebendigkeit erhält. Sie ist eine alte Frau und heißt Claire.

Vor vielen Jahren spielten wir mit ihr – „wir“, das war ein Dutzend befreundeter Frauen, die gemeinsam um einen Tisch saßen.  Jede Einzelne nahm sie, improvisierte, erweckte sie zum Leben (wir waren eine Laientheatergruppe). Was mir damals auffiel und was mich zum Staunen brachte, war die Erkenntnis, dass dieselbe Puppe in der Hand einer jeden Frau einen anderen Charakter annahm, einen neuen, eigenen Ausdruck bekam. Sie wurde jedes Mal eine andere Person. Wie ist das möglich? Ich denke noch heute manchmal daran.

Gestern fiel mir  diese Erfahrung wieder ein, als ich auf der in Frankfurt stattfindenden „Internationalen Konferenz zum christlich-jüdischen Dialog“ einen Workshop über „Eschatologie“ besuchte.  Ich hatte ihn ausgewählt, weil mir das Thema bei meinen Forschungen über den Rechtsextremismus begegnet war und ich es nicht verstand. Im Workshop nun wurde man gebeten, über einen Text zu reden, in dem die Figur „Gott“ nach Belieben und Bedarf hin und hergeschoben wurde. In wieweit trägt auch Gott „Schuld“? Gilt für ihn „Sühne“? Bedarf er der „Vergebung“? Diese und ähnliche Fragen wurden allen Ernstes ausführlich behandelt – im Rahmen des christlich-jüdischen Dialogs ja durchaus von Relevanz. Mit solchen Zuschreibungen kann man sich das Gewissen erleichtern. Warum hat Gott die Verbrechen nicht verhindert? Das Thema „Messias“ trat zuletzt auch in den Vordergrund, ich habe die Anschlussstelle vergessen (habe übrigens gar keine Notizen gemacht, so abstrus oder unbegreiflich kam mir die Sache vor).  Nach Beendigung der sehr zahlreich besuchten Veranstaltung sagte ein Mann neben mir im Aufstehen: „Ja, wir haben ihn, den Messias. Sie hätten ihn auch haben können! Wollten aber nicht!“ und im Ton seiner Stimmer klang ein „Selber schuld!“ mit,  Selbstzufriedenheit, ja, Schadenfreude.  Als ich ihm auf der Treppe wieder begegnete – jetzt in einen bayrischen Janker gekleidet – nahm ich das kurze Gespräch noch mal auf und sagte: „Schadenfroh ist auch froh.“ Er verstand erst nicht, denn auch als Christ ist man natürlich nicht schadenfroh. Ich verwies ihn auf das, was er eben gesagt. Er fand, er habe nur gesagt, was ist: „Denen fehlt was!“  Und das machte ihn froh. Damit endete das Gespräch.  Mich fröstelte.

Heute geht die Konferenz weiter. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft aufbringe,  sie noch einmal zu besuchen. Ich war ja schon Sonntag da, und alles, was ich dort erlebt habe, bewegt mich tief.  Ich kann das so schnell nicht einordnen.

Vielleicht sollte ich es von Claire erzählen lassen? Dann würde ich auch ihren Eindruck von dem, was unter "Eschatologie" läuft, mit einbeziehen. Es fehlt mir aber leider dazu das Publikum ....

 

 

 

Frankfurt, den 23. April

Was unterscheidet einen Monolog von einem Dialog? Die Antwort klingt einfach: Wenn auf der Bühne nur einer steht und redet, dann nennt man das einen Monolog. Wenn zwei da stehen und abwechselnd reden, dann ist das ein Dialog.

Wenn es so einfach wäre. Auch der Monlogsprecher redet jemanden an: das Publikum nämlich. Nur sind dies ihm unbekannte  Leute. Manchmal antworten sie ihm, durch Applaus zum Beispiel. Meistens gilt der Beifall aber seiner Darstellung als Schauspieler, und nicht dem Inhalt seiner Rede.

Faktisch kommt ein Monolog auch im Alltag häufig vor, grade zu zweit. Wenn man in einem Caféhaus sitzt, hört man das oft am Nachbartisch. Ein Gast redet, der andere hört zu - oder tut zumindest so als ob. Der Redende wünscht Zustimmung. Dazu genügt ein Nicken des Kopfes. Eine ausführliche Antwort, gar eine Widerrede, würden ihn stören.

Wo ich an solchem Monologisieren in letzter Zeit am meisten Anstoß nehme, ist innerhalb der SPD. Ich gehe noch immer auf die Versammlungen des Ortsvereins. Dort wird oft und lange geredet. Aber immer in Monologen. Die Rednerliste bestimmt die Reihenfolge der "Redebeiträge", die Reihenfolge hängt davon ab, wer sich wann meldet und der/die Versammlungsleiter die Meldung wahrnimmt. Inhaltlich haben die Reden meistens nichts miteinander zu tun, es sind jedenfalls nie Antworten auf das, was jemand zuvor gesagt hat.  Jeder spricht das aus, was er/sie sich zuhause vorgenommen hat, was ihn/sie beschwert, was er/sie sich von der Seele reden will. Danach setzt man sich befriedigt wieder hin. Was die andern sagen, ist dann nicht mehr so wichtig. Ein gemeinsames Verändern wird nicht erwartet.

Dieser Tage bin ich auf Sätze von Franz Rosenzweig gestoßen (das war ein deutsch-jüdischer Philosoph vom Anfang des 20. Jahrhunderts), die mich sehr bewegt haben. Ich bin von Beruf Übersetzerin; d.h ich versuche Aussagen aus einer anderen Sprache ins Deutsche zu übertragen - Europa wäre ohne Übersetzer und Dolmetscher gar nicht denkbar. Rosenzweig hat sich mit Luthers Bibelübersetzung beschäftigt; das vergangene Lutherjahr brachte diese Überlegungen wieder ans Tageslicht. Die Sätze lauten:

"Übersetzen heißt zwei Herren dienen. Also kann es niemand. Also ist es wie alles, was theoretisch besehen, niemand kann, praktisch jedermanns Aufgabe. Jeder muss übersetzen, und jeder tuts.  Wer spricht, übersetzt aus seiner Meinung in das von ihm erwartete Verständnis des Anderen, und zwar nicht eines unvorhandenen allgemeinen Anderen, sondern dieses ganz bestimmten, den er vor sich sieht und dem die Augen, je nachdem, aufgehen oder zufallen.  Wer hört, übersetzt Worte, die an sein Ohr schallen, in seinen Verstand, also konkret geredet: in die Sprache seines Mundes. Jeder hat seine eigene Sprache.  Oder vielmehr: jeder hätte seine eigene Sprache, wenn es ein monologisches Sprechen, (wie es die Logiker, jene Möchte-gern-Monologiker, für sich beanspruchen) in Wahrheit gäbe und nicht alles Sprechen schon dialogisches Sprechen wäre und also – Übersetzen."

"Wenn es ein monologisches Sprechen gäbe" - was bedeutet das? Richtig: jeder spricht irgend jemanden an. Aber nicht jeder mag zuhören. Ein Kind, dem niemand zuhört. verlernt das Sprechen oder drückt sich anders aus - vielleicht mit Gewalt, weil es auf diese Weise wenigstens etwas Aufmerksamkeit erhält.

Was will aber Rosenzweig sagen? Er geht vom Übersetzen aus, d.h. von dem  Bemühen, etwas Eigenes, oder Vorhandenes einem andern verständlich zu machen. So dass es zu einem Eigenen des andern werden kann, das mir dieser zurücksendet mit der Bemerkung: "Ich verstehe." Ist das nicht ein Zauberwort: Ich versteh dich? Denn damit wachsen Kinder auf: sie wollen gehört und verstanden werden, sie wollen das Andere, den oder die anderen verstehen. Das Verstehen schenkt Ruhe, Frieden, Zufriedenheit. Für einen Moment, denn dauernd dringt Neues auf uns ein. Und so fragen wir weiter, und hören, und antworten .....

So entsteht natürlicher Dialog. Und mir dämmert: der Unterschied zwischen "Monolog" und Dialog" besteht nur oberflächlich. Im Grunde geht es immer um Rede und Antwort. Wer monologisiert, fürchtet Antworten, die ihn selber bedrohen, als Person, als Mensch; er hat gelernt, dass  er solche Antworten immer fürchten muss; darum hütet er sich vor allen Antworten, die ihn nicht in seinem Selbstbewusstsein bestärken. Die  derzeitige Coaching-Industrie stützt sich darauf, dass jeder lerne, so zu antworten, dass der andere sich persönlich gestützt fühlt. Das bietet natürlich Platz für Manipulationen - die Werbung beruht darauf.

Es hat die gute Seite, dass jeder lernt, den anderen wahrzunehmen. Da ist jemand. Die Kehrseite führt zum Mobbing: die Wissenschaft der persönlichen Verletzung. Das beginnt heute auch schon im Kindergarten, so dass die Kinder früh lernen, sich dickhäutig zu machen. Vertrauen geht verloren.

Im Ortsverein habe ich Rederecht. Dort nehme ich mein Recht wahr. Ich sage, was ich denke, ich sage es so, dass mich keiner dafür angreift.  Wenn mir das gelingt, dann genügt mir das. Ich rede, also bin ich. In der SPD ist momentan sehr gern von "Erneuerung" die Rede. Zumindest Nahles sagt aber nicht, was, wen und wie sie "erneuern" will. Sie verspricht es nur, es wird zu einer Leerformel. Ihre Gegenkandidatin Simone Lange ist konkreter: zum Beispiel "Hartz IV" zurücknehmen. Wie das praktisch möglich sein könnte, hat sie sich wahrscheinlich auch schon ausgedacht. Ihre Konkretheit bescherte ihr auf dem gestrigen Parteitag einen "Achtungserfolg".

Auch Simone Lange redet erstmal viel. Doch ohne überflüssige Worte, sie spricht in ungewohnter Klarheit, es klingt alles sehr durchdacht und freundlich obendrein. Man merkt: es gäbe schrecklich viel zu tun in der SPD: modern werden, endlich solidarisch sein, die andern sehen und hören, darauf Antworten finden.... Simone Lange erscheint mir als eine Meisterin des Dialogs. Ich hoffe auf die Bereitschaft der anderen, von ihr zu lernen. Wie macht sie das mit ihrer Koalition in Flensburg? wäre nur eine der möglichen Fragen.

Fragen führen zum Dialog. Im Fragen liegt die Zukunft. Ohne Vertrauen keine Fragen. Wie finden wir zum Vertrauen zurück?

 

 

Frankfurt, den 18. April

Welch zauberhafter Frühling wird uns in diesen Tagen zuteil! Wie mich das Grünen und Blühen doch jedes Jahr wieder überwältigt! So plötzlich taucht es auf, verändert die Landschaft und noch den kleinsten Ausblick aus dem Fenster (ja, momentweise sogar dort, wo nichts als eine Hauswand zu sehen ist). Bei mir singen auch wieder ein paar Vögel, im Gegensatz zum letzten Jahr.  Und mein eigener Ahornbaum auf dem Balkon, aus einem Samenkorn gezogen, richtet sich stolz wie ein pubertäres Jüngelchen der Sonne entgegen! Er dürfte etwa 9 Jahre alt sein. Zahllose Ringelblumen folgen mit ihren ersten zwei Blättchen.

Letztes Wochenende war ich in Dortmund. Wir hatten ein Klassentreffen, es kamen aber schließlich nur fünf.  Und von diesen fünf gab es zwei, die in Dortmund wohnten und die wussten: am Samstag findet eine Neonazi-Demonstration statt. Davor fürchteten sie sich so sehr, dass sie nicht bereit waren, Samstag in die Stadt zu kommen. Ja, es war sogar die Gedanke aufgestiegen, unser Treffen abzusagen. "In Dortmund ist Samstag die Hölle los!" hieß es.

Wir übrigen drei aber hatten schon Hotel und Zug gebucht. Eine rief bei ihrer Schwester an, um nachzufragen; diese erkundigte sich bei der Polizei und erfuhr: niemand wird bedroht, wir haben alles unter Kontrolle. Ich rief im "Dortmunder U" an, weil ich dort am Samstag eine Ausstellung aus dem Kongo besuchen wollte. Dort war aber tatsächlich geschlossen, weil die Demo-Route direkt am Museums-Eingang entlang führte, wo die Polizei rundum abgesperren würde. Auch für Fußgänger.

So begaben wir uns am Samstag Vormittag neugierig in die Stadt. Liebliches Frühlingswetter. Die Straßen voll, wenn auch nicht überfüllt. Ab Hansastraße, weiter oben: Markt, mit Obst und Gemüse, mit orientalischen Früchten und Blumen, mit Fisch- und Reibekuchen-Ständen. Friedlicher Betrieb überall. Wir strebten zu einem Bäcker, der mir aus meiner  Kindheit bekannt ist - und der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt - wo es einge Spezialitäten gibt, die ich mir gern nach Frankfurt mitnehme. Eine Straße weiter sahen wir eine Demonstration, liefen hin, guckten. Es war die antifaschistische Gegendemo, einen Kilmeter weit weg von den Nazis. Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Schulen ließen Fahnen wehen - ein fröhliches Volk und friedlich.

Wir kehrten zum Markt zurück und verzehrten Reibekuchen mit Apfelmus. Anschließend fuhren wir mit Bahn und Bus zur Hohensyburg. Das war in meiner Kindheit ein Tagesausflug, zu Fuß natürlich. Jetzt brauchten wir nur vom Bus in Syburg aus die Viertelstunde hinauf zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu wandern: an Ausflugslokalen entlang, zwischen hohen alten  Bäume hindurch, die auf weiten gepflegten Wiesen mit Narzissen und blühenden Sträuchern wuchsen. Ganz oben reitet der militärisch gekleidete Kaiser hinaus ins weite Land: man überblickt dort das breite Ruhrtal (ziemlich tief unter der Steilwand) und jenseits die vielfältigen Waldgipfel des Sauerlandes. Traumhaft schön. Nur wenige Spazergänger oder sportliche Radfahrer. Kein Lärm, sondern Sonne und Schatten und Vogelgeschmetter. Nicht weit entfernt stand wie immer die Ruine der Widukinds-Burg. Weiter unten schließlich das Spielkasino, ein Brutalo-Betonbau aus den 70ern, aber mit viel Grün und blühenden Pflanzen optisch unschädlich gemacht.

Gemächlich kehrten wir zur Haltestelle zurück, und als wir schließlich am Dortmunder Hauptbahnhof ausstiegen, stand am Ausgang eine Reihe von schwarzgekleideten Bundespolizisten, junge, unangressive Männer und Frauen, die jedem Aussteigenden prüfend ins Gesicht schauten und alle zwischen sich durchgehen ließen. An jedem Ausgang standen sie, unten und oben. Die Demos waren nämlich zu Ende, und die Demonstranten sollten friedlich in ihren Zug einsteigen. Neonazis sah ich überhaupt keine, nur "Autonome" oder Anarchisten, die sich vor dem Bahnhof in aufgeregten Grüppchen sammelten.

Das war alles.

Am Freitag Abend hatten wir drei Auswärtigen aber noch den Weg zum Theater gefunden. Das Dortmunder Stadttheater hatte eine Uraufführung zu bieten, dies war die zweite Vorstellung; ich hatte davon in der Zeitung gelesen und war neugierig. Die Regisseurin ging von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" aus, um sich zu fragen: Was, wenn der moderne, digitalisierende Mensch einen neuen Menschen schafft, der zum Teil, oder ganz, nur aus Maschine besteht, fertig programmiert in die Welt geschickt? Was wird dann aus Adam und Eva?  Das Ganze war echtes Theater, dem Haydns Musik, vor allem dank den Sängern, sehr gut bekam und das uns mit echten Fragen zurückließ. Wie wird sich das Verhältnis von Mensch und Maschine weiter entwickeln?

Am schönsten aber waren die Frühstücke im Hotel, wo wir drei mit unerschöpflchem Gesprächsstoff beisammen saßen. Offenbar reichen die Erfahrungen unserer Schuljahre aus, um alles übrige in unserem Leben verständlich und erzählbar werden zu lassen. So scheint es mir. Wir haben eine gemeinsame Sprache.

 

 

 


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