DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Tagebuch Sommer 2018

Frankfurt, den 15. Mai

Eindrücke von der "internationalen christlich-jüdischen Konferenz" in Frankfurt

Ich besitze eine Marionette, das ist eine Puppe, deren Gliedmaßen man an Fäden bewegen kann und die dadurch den Anschein von großer Lebendigkeit erhält. Sie ist eine alte Frau und heißt Claire.

Vor vielen Jahren spielten wir mit ihr – „wir“, das war ein Dutzend befreundeter Frauen, die gemeinsam um einen Tisch saßen.  Jede Einzelne nahm sie, improvisierte, erweckte sie zum Leben (wir waren eine Laientheatergruppe). Was mir damals auffiel und was mich zum Staunen brachte, war die Erkenntnis, dass dieselbe Puppe in der Hand einer jeden Frau einen anderen Charakter annahm, einen neuen, eigenen Ausdruck bekam. Sie wurde jedes Mal eine andere Person. Wie ist das möglich? Ich denke noch heute manchmal daran.

Gestern fiel mir  diese Erfahrung wieder ein, als ich auf der in Frankfurt stattfindenden „Internationalen Konferenz zum christlich-jüdischen Dialog“ einen Workshop über „Eschatologie“ besuchte.  Ich hatte ihn ausgewählt, weil mir das Thema bei meinen Forschungen über den Rechtsextremismus begegnet war und ich es nicht verstand. Im Workshop nun wurde man gebeten, über einen Text zu reden, in dem die Figur „Gott“ nach Belieben und Bedarf hin und hergeschoben wurde. In wieweit trägt auch Gott „Schuld“? Gilt für ihn „Sühne“? Bedarf er der „Vergebung“? Diese und ähnliche Fragen wurden allen Ernstes ausführlich behandelt – im Rahmen des christlich-jüdischen Dialogs ja durchaus von Relevanz. Mit solchen Zuschreibungen kann man sich das Gewissen erleichtern. Warum hat Gott die Verbrechen nicht verhindert? Das Thema „Messias“ trat zuletzt auch in den Vordergrund, ich habe die Anschlussstelle vergessen (habe übrigens gar keine Notizen gemacht, so abstrus oder unbegreiflich kam mir die Sache vor).  Nach Beendigung der sehr zahlreich besuchten Veranstaltung sagte ein Mann neben mir im Aufstehen: „Ja, wir haben ihn, den Messias. Sie hätten ihn auch haben können! Wollten aber nicht!“ und im Ton seiner Stimmer klang ein „Selber schuld!“ mit,  Selbstzufriedenheit, ja, Schadenfreude.  Als ich ihm auf der Treppe wieder begegnete – jetzt in einen bayrischen Janker gekleidet – nahm ich das kurze Gespräch noch mal auf und sagte: „Schadenfroh ist auch froh.“ Er verstand erst nicht, denn auch als Christ ist man natürlich nicht schadenfroh. Ich verwies ihn auf das, was er eben gesagt. Er fand, er habe nur gesagt, was ist: „Denen fehlt was!“  Und das machte ihn froh. Damit endete das Gespräch.  Mich fröstelte.

Heute geht die Konferenz weiter. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft aufbringe,  sie noch einmal zu besuchen. Ich war ja schon Sonntag da, und alles, was ich dort erlebt habe, bewegt mich tief.  Ich kann das so schnell nicht einordnen.

Vielleicht sollte ich es von Claire erzählen lassen? Dann würde ich auch ihren Eindruck von dem, was unter "Eschatologie" läuft, mit einbeziehen. Es fehlt mir aber leider dazu das Publikum ....

 

 

 

Frankfurt, den 23. April

Was unterscheidet einen Monolog von einem Dialog? Die Antwort klingt einfach: Wenn auf der Bühne nur einer steht und redet, dann nennt man das einen Monolog. Wenn zwei da stehen und abwechselnd reden, dann ist das ein Dialog.

Wenn es so einfach wäre. Auch der Monlogsprecher redet jemanden an: das Publikum nämlich. Nur sind dies ihm unbekannte  Leute. Manchmal antworten sie ihm, durch Applaus zum Beispiel. Meistens gilt der Beifall aber seiner Darstellung als Schauspieler, und nicht dem Inhalt seiner Rede.

Faktisch kommt ein Monolog auch im Alltag häufig vor, grade zu zweit. Wenn man in einem Caféhaus sitzt, hört man das oft am Nachbartisch. Ein Gast redet, der andere hört zu - oder tut zumindest so als ob. Der Redende wünscht Zustimmung. Dazu genügt ein Nicken des Kopfes. Eine ausführliche Antwort, gar eine Widerrede, würden ihn stören.

Wo ich an solchem Monologisieren in letzter Zeit am meisten Anstoß nehme, ist innerhalb der SPD. Ich gehe noch immer auf die Versammlungen des Ortsvereins. Dort wird oft und lange geredet. Aber immer in Monologen. Die Rednerliste bestimmt die Reihenfolge der "Redebeiträge", die Reihenfolge hängt davon ab, wer sich wann meldet und der/die Versammlungsleiter die Meldung wahrnimmt. Inhaltlich haben die Reden meistens nichts miteinander zu tun, es sind jedenfalls nie Antworten auf das, was jemand zuvor gesagt hat.  Jeder spricht das aus, was er/sie sich zuhause vorgenommen hat, was ihn/sie beschwert, was er/sie sich von der Seele reden will. Danach setzt man sich befriedigt wieder hin. Was die andern sagen, ist dann nicht mehr so wichtig. Ein gemeinsames Verändern wird nicht erwartet.

Dieser Tage bin ich auf Sätze von Franz Rosenzweig gestoßen (das war ein deutsch-jüdischer Philosoph vom Anfang des 20. Jahrhunderts), die mich sehr bewegt haben. Ich bin von Beruf Übersetzerin; d.h ich versuche Aussagen aus einer anderen Sprache ins Deutsche zu übertragen - Europa wäre ohne Übersetzer und Dolmetscher gar nicht denkbar. Rosenzweig hat sich mit Luthers Bibelübersetzung beschäftigt; das vergangene Lutherjahr brachte diese Überlegungen wieder ans Tageslicht. Die Sätze lauten:

"Übersetzen heißt zwei Herren dienen. Also kann es niemand. Also ist es wie alles, was theoretisch besehen, niemand kann, praktisch jedermanns Aufgabe. Jeder muss übersetzen, und jeder tuts.  Wer spricht, übersetzt aus seiner Meinung in das von ihm erwartete Verständnis des Anderen, und zwar nicht eines unvorhandenen allgemeinen Anderen, sondern dieses ganz bestimmten, den er vor sich sieht und dem die Augen, je nachdem, aufgehen oder zufallen.  Wer hört, übersetzt Worte, die an sein Ohr schallen, in seinen Verstand, also konkret geredet: in die Sprache seines Mundes. Jeder hat seine eigene Sprache.  Oder vielmehr: jeder hätte seine eigene Sprache, wenn es ein monologisches Sprechen, (wie es die Logiker, jene Möchte-gern-Monologiker, für sich beanspruchen) in Wahrheit gäbe und nicht alles Sprechen schon dialogisches Sprechen wäre und also – Übersetzen."

"Wenn es ein monologisches Sprechen gäbe" - was bedeutet das? Richtig: jeder spricht irgend jemanden an. Aber nicht jeder mag zuhören. Ein Kind, dem niemand zuhört. verlernt das Sprechen oder drückt sich anders aus - vielleicht mit Gewalt, weil es auf diese Weise wenigstens etwas Aufmerksamkeit erhält.

Was will aber Rosenzweig sagen? Er geht vom Übersetzen aus, d.h. von dem  Bemühen, etwas Eigenes, oder Vorhandenes einem andern verständlich zu machen. So dass es zu einem Eigenen des andern werden kann, das mir dieser zurücksendet mit der Bemerkung: "Ich verstehe." Ist das nicht ein Zauberwort: Ich versteh dich? Denn damit wachsen Kinder auf: sie wollen gehört und verstanden werden, sie wollen das Andere, den oder die anderen verstehen. Das Verstehen schenkt Ruhe, Frieden, Zufriedenheit. Für einen Moment, denn dauernd dringt Neues auf uns ein. Und so fragen wir weiter, und hören, und antworten .....

So entsteht natürlicher Dialog. Und mir dämmert: der Unterschied zwischen "Monolog" und Dialog" besteht nur oberflächlich. Im Grunde geht es immer um Rede und Antwort. Wer monologisiert, fürchtet Antworten, die ihn selber bedrohen, als Person, als Mensch; er hat gelernt, dass  er solche Antworten immer fürchten muss; darum hütet er sich vor allen Antworten, die ihn nicht in seinem Selbstbewusstsein bestärken. Die  derzeitige Coaching-Industrie stützt sich darauf, dass jeder lerne, so zu antworten, dass der andere sich persönlich gestützt fühlt. Das bietet natürlich Platz für Manipulationen - die Werbung beruht darauf.

Es hat die gute Seite, dass jeder lernt, den anderen wahrzunehmen. Da ist jemand. Die Kehrseite führt zum Mobbing: die Wissenschaft der persönlichen Verletzung. Das beginnt heute auch schon im Kindergarten, so dass die Kinder früh lernen, sich dickhäutig zu machen. Vertrauen geht verloren.

Im Ortsverein habe ich Rederecht. Dort nehme ich mein Recht wahr. Ich sage, was ich denke, ich sage es so, dass mich keiner dafür angreift.  Wenn mir das gelingt, dann genügt mir das. Ich rede, also bin ich. In der SPD ist momentan sehr gern von "Erneuerung" die Rede. Zumindest Nahles sagt aber nicht, was, wen und wie sie "erneuern" will. Sie verspricht es nur, es wird zu einer Leerformel. Ihre Gegenkandidatin Simone Lange ist konkreter: zum Beispiel "Hartz IV" zurücknehmen. Wie das praktisch möglich sein könnte, hat sie sich wahrscheinlich auch schon ausgedacht. Ihre Konkretheit bescherte ihr auf dem gestrigen Parteitag einen "Achtungserfolg".

Auch Simone Lange redet erstmal viel. Doch ohne überflüssige Worte, sie spricht in ungewohnter Klarheit, es klingt alles sehr durchdacht und freundlich obendrein. Man merkt: es gäbe schrecklich viel zu tun in der SPD: modern werden, endlich solidarisch sein, die andern sehen und hören, darauf Antworten finden.... Simone Lange erscheint mir als eine Meisterin des Dialogs. Ich hoffe auf die Bereitschaft der anderen, von ihr zu lernen. Wie macht sie das mit ihrer Koalition in Flensburg? wäre nur eine der möglichen Fragen.

Fragen führen zum Dialog. Im Fragen liegt die Zukunft. Ohne Vertrauen keine Fragen. Wie finden wir zum Vertrauen zurück?

 

 

Frankfurt, den 18. April

Welch zauberhafter Frühling wird uns in diesen Tagen zuteil! Wie mich das Grünen und Blühen doch jedes Jahr wieder überwältigt! So plötzlich taucht es auf, verändert die Landschaft und noch den kleinsten Ausblick aus dem Fenster (ja, momentweise sogar dort, wo nichts als eine Hauswand zu sehen ist). Bei mir singen auch wieder ein paar Vögel, im Gegensatz zum letzten Jahr.  Und mein eigener Ahornbaum auf dem Balkon, aus einem Samenkorn gezogen, richtet sich stolz wie ein pubertäres Jüngelchen der Sonne entgegen! Er dürfte etwa 9 Jahre alt sein. Zahllose Ringelblumen folgen mit ihren ersten zwei Blättchen.

Letztes Wochenende war ich in Dortmund. Wir hatten ein Klassentreffen, es kamen aber schließlich nur fünf.  Und von diesen fünf gab es zwei, die in Dortmund wohnten und die wussten: am Samstag findet eine Neonazi-Demonstration statt. Davor fürchteten sie sich so sehr, dass sie nicht bereit waren, Samstag in die Stadt zu kommen. Ja, es war sogar die Gedanke aufgestiegen, unser Treffen abzusagen. "In Dortmund ist Samstag die Hölle los!" hieß es.

Wir übrigen drei aber hatten schon Hotel und Zug gebucht. Eine rief bei ihrer Schwester an, um nachzufragen; diese erkundigte sich bei der Polizei und erfuhr: niemand wird bedroht, wir haben alles unter Kontrolle. Ich rief im "Dortmunder U" an, weil ich dort am Samstag eine Ausstellung aus dem Kongo besuchen wollte. Dort war aber tatsächlich geschlossen, weil die Demo-Route direkt am Museums-Eingang entlang führte, wo die Polizei rundum abgesperren würde. Auch für Fußgänger.

So begaben wir uns am Samstag Vormittag neugierig in die Stadt. Liebliches Frühlingswetter. Die Straßen voll, wenn auch nicht überfüllt. Ab Hansastraße, weiter oben: Markt, mit Obst und Gemüse, mit orientalischen Früchten und Blumen, mit Fisch- und Reibekuchen-Ständen. Friedlicher Betrieb überall. Wir strebten zu einem Bäcker, der mir aus meiner  Kindheit bekannt ist - und der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt - wo es einge Spezialitäten gibt, die ich mir gern nach Frankfurt mitnehme. Eine Straße weiter sahen wir eine Demonstration, liefen hin, guckten. Es war die antifaschistische Gegendemo, einen Kilmeter weit weg von den Nazis. Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Schulen ließen Fahnen wehen - ein fröhliches Volk und friedlich.

Wir kehrten zum Markt zurück und verzehrten Reibekuchen mit Apfelmus. Anschließend fuhren wir mit Bahn und Bus zur Hohensyburg. Das war in meiner Kindheit ein Tagesausflug, zu Fuß natürlich. Jetzt brauchten wir nur vom Bus in Syburg aus die Viertelstunde hinauf zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu wandern: an Ausflugslokalen entlang, zwischen hohen alten  Bäume hindurch, die auf weiten gepflegten Wiesen mit Narzissen und blühenden Sträuchern wuchsen. Ganz oben reitet der militärisch gekleidete Kaiser hinaus ins weite Land: man überblickt dort das breite Ruhrtal (ziemlich tief unter der Steilwand) und jenseits die vielfältigen Waldgipfel des Sauerlandes. Traumhaft schön. Nur wenige Spazergänger oder sportliche Radfahrer. Kein Lärm, sondern Sonne und Schatten und Vogelgeschmetter. Nicht weit entfernt stand wie immer die Ruine der Widukinds-Burg. Weiter unten schließlich das Spielkasino, ein Brutalo-Betonbau aus den 70ern, aber mit viel Grün und blühenden Pflanzen optisch unschädlich gemacht.

Gemächlich kehrten wir zur Haltestelle zurück, und als wir schließlich am Dortmunder Hauptbahnhof ausstiegen, stand am Ausgang eine Reihe von schwarzgekleideten Bundespolizisten, junge, unangressive Männer und Frauen, die jedem Aussteigenden prüfend ins Gesicht schauten und alle zwischen sich durchgehen ließen. An jedem Ausgang standen sie, unten und oben. Die Demos waren nämlich zu Ende, und die Demonstranten sollten friedlich in ihren Zug einsteigen. Neonazis sah ich überhaupt keine, nur "Autonome" oder Anarchisten, die sich vor dem Bahnhof in aufgeregten Grüppchen sammelten.

Das war alles.

Am Freitag Abend hatten wir drei Auswärtigen aber noch den Weg zum Theater gefunden. Das Dortmunder Stadttheater hatte eine Uraufführung zu bieten, dies war die zweite Vorstellung; ich hatte davon in der Zeitung gelesen und war neugierig. Die Regisseurin ging von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" aus, um sich zu fragen: Was, wenn der moderne, digitalisierende Mensch einen neuen Menschen schafft, der zum Teil, oder ganz, nur aus Maschine besteht, fertig programmiert in die Welt geschickt? Was wird dann aus Adam und Eva?  Das Ganze war echtes Theater, dem Haydns Musik, vor allem dank den Sängern, sehr gut bekam und das uns mit echten Fragen zurückließ. Wie wird sich das Verhältnis von Mensch und Maschine weiter entwickeln?

Am schönsten aber waren die Frühstücke im Hotel, wo wir drei mit unerschöpflchem Gesprächsstoff beisammen saßen. Offenbar reichen die Erfahrungen unserer Schuljahre aus, um alles übrige in unserem Leben verständlich und erzählbar werden zu lassen. So scheint es mir. Wir haben eine gemeinsame Sprache.

 

 

 


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