DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 17. September

Heimgekehrt aus Israel, spüre ich noch die Sonne in mir, es ist Hochsommer dort, jedenfalls nach hiesigen Begriffen, die Klimaanlagen laufen überall. Ich war froh, dass der Unterschied zu hier nicht abrupt verlief - mit 20° C auf dem Balkon gegen acht Uhr abends kann Frankfurt gewissermaßen noch mithalten.

Ich hatte mich auf die Reise gemacht, um meine Urenkel, die Zwillinge, kennenzulernen. Mein Enkel und seine Frau hatten sie Anfang des Sommers bekommen, ihr damals noch fünfjähriger Sohn hatte sich sehr auf die Geschwister gefreut. Vom Flughafen aus fuhren wir sofort zu ihnen. Im Feierabendverkehr brauchten wir über zwei Stunden für die Fahrt, die normalerweise dreivietel Stunden dauert,  aber es machte nichts, denn so konnten wir in Ruhe miteinander reden, meine Tochter, meine Enkelin und ich. Auch gibt es immer was zu sehen - überall zeigen sich Veränderungen. Ich komme jedes Jahr mindestens einmal nach Israel, und immer sehe ich Veränderungen. Diesmal standen überdies allgemeine Wahlen bevor.

Die Familie hatte Vorrang vor der Politik. Meine Schwiegerenkelin ist noch bis Ende Oktober in Mutterurlaub, der Vater wurde ebenfallls für eine Weile freigestelt, so dass sie beide zusammen sich auf die neuen Anforderungen einstellen konnten. Jetzt, nach drei Monaten, lief alles wie am Schnürchen zwischen ihnen und den Zwillingen, und wenn beide dennoch mal gleichzeitig  was erledigen müssen, dann springen die Großmütter ein. Ich durfte die Babys jeweils auch auf den Arm nehmen - welch ein Glücksgefühl, wenn dich solch ein winziges  KInd selbstverständlich anschaut, dich anlächelt, sich mit seinem ganzen Gewicht vertrauensvoll an dich anlehnt. Oja, diese Kinder wiegen schon einiges. Sie wachsen jeden Tag. Sie verändern sich. Man kann die Zwillinge deutlich von einander unterscheiden, ihr Ausdruck ist verschieden, wenn sie sich auch im Gesamtcharakter ähneln. Sie strahlen eine große Ruhe aus. Ihr großer Bruder hat auch schon seine Haltung gefunden, sehr liebevoll zu dem Bruder, distanziert zur Schwester. Er geht nämlich seit drei Wochen zur Schule, einer Jungenschule, und dort haben sich die kleinen Bengel offenbar darauf geeinigt, dass Mädchen nicht so wichtig sind. Mein Enkel, der Vater, nimmt das nicht ernst - das vergeht, meinte er. Die Eltern achten darauf, dass auch der Sechsjährige genügend Aufmerksamkeit bekommt, und manchmal darf er sogar Baby spielen. Und was er in der Schule macht und lernt, wird gern ausführlich besprochen. Ja, es ist herrlich, wenn sich die Eltern Zeit für die Kinder nehmen können. Das wird gewiss nicht so bleiben, aber es ist wichtig, es mal erlebt zu haben.

Über das, was bei den Wahlen auf dem Spiel steht, habe ich auf dem Rückflug in "Haaretz" viel gelesen (diese israelische Tageszeitung kommt  gleichzeitig mit den wichtigsten Artikeln auch auf Englisch heraus); erwartet wird insgesamt eine etwa häftige Spaltung des Landes in "rechts" und "Mitte-links", was die Rechten allerdings als "extrem-links" verunglimpfen. Es wird um eine Mehrheit von mindestens einem Sitz gekämpft, bei 120 Sitzen insgesamt. Da auch in Israel die Zeit der starken Volksparteien vorüber ist, müssen sich voraussichtlich  Koalitionen von mindestens drei Parteien zusammenschließen, das heißt, sich auf eine gemeinsame Politik einigen. Das scheint das schwierigste Problem zu sein - nach den letzten Wahlen im April kam aus diesem Grunde keine Regierung zustande! Das schlechteste Ergebnis wäre, wenn diese Situation sich wiederholte. Morgen früh wird man mehr wissen. In "Haaretz" jedenfalls kämpft eine Mehrheit für die Bewahrung der demokratischen Grundregeln im Lande, wie gleiches Recht für alle, für die Gewaltenteilung  und Ähnliches.

 

 

 

Frankfurt, 11. September

Es wurde allmählich Nacht. In der Abenddämmerung zeichnete sich ein landendes Flugzeug gegen den rötlichen  Horizont ab, sank und sank, bis es hinter den Häusersilhouetten verschwand. Je mehr die Farben des Sonnenuntergangs verblassten, umso heller leuchtete die dünne Sichel des Mondes über den nahen Bankhochhäusern auf. Aber auch er sank, und als das Dunkel jede Himmelsrichtung bedeckt hatte, war er  verschwunden. Werden wir hier noch lange sitzen bleiben, dachte sie. Eine tiefe Müdigkeit breitete sich in ihr aus. -

Ich habe über das Verb "werden" nachgedacht. Gewiss, man braucht es für das Futur, und auch für die Passivform. Aber dort, wo es allein steht, als einziges Verb, dort geschieht immer etwas.  Eine Bewegung. Eine Entwicklung. "Das wird schon!" sagen positiv gestimmte Leute. Pessimisten meinen eher: "Daraus wird nie was." Jeder möchte, dass aus seinen Kindern "was wird". Das "Werden" setzt sich fort, es kann unendlich sein ...... Ist es eine Besonderheit unserer Sprache, dieses Verb? Freilich lässt sich solch organisches Wachsen auch mit vielen anderen Verben ausdrücken. Ein "Werden" überall ......

 

 

Frankfurt, 7. September 2

Demo in Frankfurt

Die Franzosen sprechen von „manif“, mit Betonung auf der zweiten Silbe und einem so scharfen „f“, als stünden gleich zwei oder drei davon da! Zur Zeit der ganz großen „Demos“, ob in Berlin oder Paris, lebte ich noch in Luxemburg, und dort machte man sowas nicht. Lieber traf man sich mit einem Abgeordneten oder einem Gemeinderatsmitglied zu einem Glas Wein in der Kneipe. Während ich noch in Luxemburg war, las ich also von Demonstrationen zu Tausenden oder Hunderttausenden nur in der Zeitung. Ehrlich gestanden: ich glaubte nicht an Demonstrationen. Hielt es eher für den Zeitvertreib von naiven Wohlstandskindern. Die hatten keinen Krieg erlebt! Die wussten gar nicht, wie es ist, wenn es ernst wird. So dachte ich.

Mit der Zeit erkannte ich indessen, dass Demos sehr wohl dabei helfen, etwas zum Guten zu ändern. Die Journalisten nennen das „den Druck der öffentlichen Meinung“. Früher redeten viele noch gern vom „Druck der Straße“, das war was Negatives. Sagt heute keiner mehr. Heute kennen Kinder überall auf der Welt die „Fridays for Future“! (Naja, vielleicht nicht ganz überall.)

Seit fast 30 Jahren wohne ich nun in Frankfurt. Und bin hier tatsächlich auf der ein oder anderen Demo mitgegangen: im Zug gemeinsam durch die Straßen der Stadt laufen, seitlich begleitet von Polizisten, der Autoverkehr wurde solange umgeleitet. Ich wurde älter, mir fiel es schwerer, die Beine wollten nicht mehr, und es wurde mir auch ein bisschen langweilig dabei. Die einstige Erregung hatte sich erschöpft. Es war nur noch gut gemeint. Ich zog mich auf Altersprivilegien zurück.

Indes: Als mich der „Verein der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) am 29. Juli aufrief, am folgenden Abend zum Hauptbahnhof zu kommen, zum Protest gegen den Rassismus, den sogenannte „Gelbwesten“ dort verbreiten wollten, unter dem Vorwand des tragischen Todes eines Kindes – da wusste ich: ich muss hin! Ein psychisch Kranker hatte eine Mutter mit Kind mutwillig aufs Gleis geschubst, als grade ein ICE einfuhr. Die Mutter konnte sich retten, das Kind starb. Der Kranke hatte eine schwarze Haut, und deswegen glaubten die Völkischen, sie dürften wieder gegen „Ausländer“ hetzen. Ich ging hin: gegen Rassismus, für das Gedenken an den unglücklichen Jungen.

Keine Ahnung, was mich erwarten würde.

Ich fuhr aus dem S-Bahnschacht hoch zu den Bahnsteigen. Da sah ich eine Gruppe von Männern mit gelben Westen, auf deren Rücken allerdings „D-Bahn-Sicherheit“ zu lesen stand. Vorsichtshalber sprach ich einen an: „Sind Sie die ‚Gelbwesten’?“ Entsetzt hob er die Hände und schüttelte den Kopf: „Nein!“ Ich dankte freundlich, ich hätte nur sicherheitshalber gefragt. Er wies mich zum Bahnhofsvorplatz.

Dort sah ich überhaupt kein Gelb mehr in der Menge. Manche hielten breite Transparente, aber nur ein paar Fingerbreit über dem Boden. Davor stand dicht an dicht die Polizei. Ich wunderte mich, dass sie die Aufschriften verdeckte, versuchte zu lesen. Ein Polizist forderte mich streng auf, zu entscheiden, ob ich davor oder dahinter stehen wollte. Da ich Bekannte gesehen hatte, entschied ich mich für „dahinter“. Also hinter den Transparenten und der Reihe Polizisten. Schnell war ich im Gespräch. „Warum haltet ihr die Transparente so niedrig?“ – „Weil ich den Arm nicht so lange hochhalten kann!“

Ach. Vielleicht sind Fahnenstangen nicht erlaubt? Darauf erhielt ich keine Antwort. Es war eine „angemeldete Demo“. Aber wer unter den Protestierenden kennt schon die genauen Bedingungen. Man war „gegen rechts“, das genügte. Besonders „in Nordhessen“, erzählte mir einer. Dort trifft man auf die ‚richtigen’, die gewalttätigen Nazis. Dort ist sogar kürzlich ein Landrat ermordet worden.

Hinter uns stand eine Gruppe, die eine Reihe von Schildern aufgestellt hatte. Man musste schon ganz nah herangehen, um sie zu lesen. Jemand erklärte mir, das seien fundamentale Christen, die auch an andere Opfer erinnern wollten. Ja, auf den Schildern stand: Wir gedenken aller Opfer! Wir denken an den Arzt XY, der vor anderthalb Jahren in Offenbach mit so und so vielen Messerstichen ermordet wurde! – Was nicht drauf stand, sondern unterschwellig mitvibrierte: „Ausländer“. Es ging ihnen nicht um Mord, sondern um kriminelle Ausländer. „Rassismus!“ rief ich mit ablehnender Handbewegung.

Ihre Reaktion, die ich halb unbewusst wahrnahm, sagte mir: sie konnten mit dem Wort Rassismus nichts mehr anfangen, es war für sie eine Worthülse geworden, die keine Wirklichkeit mehr enthielt.

Von einer anderen Stelle des Bahnhofsvorplatzes schallten heftige Schreie. Ein Mann ging zu Boden. Am schnellsten waren die Kameras da. Danach auch die Polizei. Die Lage beruhigte sich wieder. Junge Burschen begannen zu rufen: „Nationalismus“  -  ein rhythmisches Händeklatschen – „raus aus den Köpfen“  -  Händeklatschen. Andere fielen mit ein, der rhythmisierte Ruf beherrschte den Bahnhofsvorplatz  zwei oder drei Minuten lang. Das klang erprobt und professionell. Ob die wohl „Nationalismus“ erklären könnten? Aber ich verzichtete darauf, hinzugehen und zu fragen – etwa: wie sie das aus den Köpfen „rausholen“ wollten? Vielleicht mit einem umgedrehten „Nürnberger Trichter“? Was bewirkt so ein Ruf? Nun, allein durch seine Lautstärke und den Anschein von Einigkeit kann er Unsicherheit bei den Gegnern erzeugen.

Gegen halb sieben ertönte von gegenüber, also von der südlichen Seite des  Bahnhofsvorplatzes her, aus einem Lautsprecher Klaviermusik; eine schöne klare Männerstimme eröffnete einen Gedenk-Gottesdienst für den gestorbenen Jungen. Es wurden Psalmen vorgetragen: „Aus der Tiefe, ruf ich, Herr, zu Dir ...“ und dazwischen immer wieder wohltuende und ehrfürchtige Klaviermusik. Die Lautsprecher müssen zu den besten gehört haben, die je meine Ohren erreicht haben, so genau und sauber war ihr Klang. Es verbreitete sich ein Hauch von Frieden. Als ein Rechter sich anschickte, einem vom VVN im erregten Gespräch laut zu antworten, sagte dieser: „pst, ein Gottesdienst“, und der Rechte schwieg.

Die Polizisten wechselten zwischendurch die Stellung. Sie hielten sich ja mitten in der Menge auf. Ich bekam kurz mit, wie ein Vorgesetzter ihnen eine neue Choreographie erklärte, und sie gingen daraufhin im Gänsemarsch zur angeordneten Stellung. Sechs von ihnen standen zu dritt Rücken an Rücken, quasi in Tuchfühlung, schräg vor einer Eingangstür zum Bahnhof. ( Auf der andern Seite vermutlich ebenso.) Etwa eine Stunde hielt ich mich in der brodelnden Menge auf, und die Polizisten in ihrer respektheischenden Montur bewahrten immer die Ruhe und auch eine Bereitschaft zur Freundlichkeit. Sie sorgten dafür, dass all die Passanten, die Reisenden, in den Bahnhof hinein oder heraus kamen. Es war heiß, und als ich mich auf den Heimweg machte – meine Beine schmerzten -­‐, schauten fast alle Polizisten ein wenig finster drein. Außer dem Vorgesetzten waren sie jung, schätzungsweise jeder siebte eine Frau. Zu jedem, an dem ich vorbeikam, sagte ich lächelnd: „Danke, dass Sie da sind!“ und konnte so ein Lächeln in die Gesichter zaubern.

Nachher erst wurde mir klar: sie mussten auch immer an die eigene Sicherheit denken. Darum standen sie vor den großen Transparenten des VVN. Sie erhielten dort gewissermaßen Rückendeckung.

Aber ihre Gegenwart spendete Sicherheit für alle. Sicherheit in der Freiheit.

 

 

Frankfurt, 7. September

Wie schnell ist der August vergangen! Ich hatte Besuch, aber vor allem beschäftigte mich die Lesung des Literaturclubs beim "Tag der offenen Tür" in der "Leitstelle Älter werden", einer Abteilung des Frankfurter Sozialamts.Wir waren eingeladen, unser neues Buch vorzustellen. Zu viert lasen wir abwechselnd, und hatten aufmerksame ZuhörerInnen, und unser migrantischer Hintergrund ergab Anlass zu Gesprächen. Es war eine wunderbare Stimmung und die Stunde verging im Handumdrehn. In der Zeit davor aber hatte ich zum ersten Mal wieder selber ein Plakat entworfen und im Copyshop gedruckt. Früher, als ich in Luxemburg öfter was organisierte, kam das immer wieder vor und hat mir Spaß gemacht. Der Spaß stellte sich auch diesmal ein. Wir organisieren unsere Lesungen abwechselnd.

Übrigens: unsere nächste Lesung ist am 17. September in der "Kulturscheune" in Büdingen-Calbach. Am 24. September, 19,30 Uhr, treten wir dann in der Stadtbücherei von Frankfurt-Sachsenhausen auf, Hedderichstraße 32.

Zwischendurch war eine Demonstration in Frankfurt, an der ich teilnahm, darüber berichte ich gleich.

 

Frankfurt, den 19. Juli

Die „London Review of Books“ ist eine englische Rezensionszeitschrift. Sie stellt Bücher vor, die meistens im Lauf der letzten ein oder zwei Jahren erschienen sind. Wie wählt sie die Bücher aus? Da ich die Zeitschrift nun schon viele Jahre lese, verstehe ich, dass die Redaktion Bücher und Fachleute zu ihrer Besprechung nach dem Gesichtspunkt auswählen, welche Bedeutung sie für die Gegenwart haben. Dann und wann erhält ein solches Buch auch seine Bedeutung dadurch, dass etwas Neues über die Vergangenheit entdeckt wird – ein Perspektivwechsel, ein Fund. Da die Texte immer so geschrieben sind, dass die Leser auch Freude daran haben, ist es mir in der Straßenbahn manches Mal so ergangen, dass ich über dem Lesen vergaß, an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Außerdem gibt es immer wieder Essays, die nicht von einem Buch ausgehen, sondern die Ereignisse auf eigene Weise beleuchten und erhellen. Die Zeitschrift erscheint zweimal im Monat.

Die Ausgabe vom 4. Juli hat es in sich. Sie beginnt mit der Frage:  „Can the poor think?“, „Können die Armen denken?“ , was natürlich eine Provokation ist. Keine Sorge, die Wissenschaft hat sich schon mit der Frage befasst.  Sie kommt zu einem Ergebnis, das  William Davies in seinem Buch „Nervous States“ so beschreibt: „Derzeit werden die Demokratien durch die Macht der Gefühle verändert“ und „Sehnsucht, Ressentiments, Ärger und Angst“ bemächtigen sich anscheinend der Welt.  (Übersetzung von mir.) Erhebungen zeigen nicht nur, dass Arme weniger rational sind als Reiche, sondern auch, dass Alte weniger rational sind als Junge! Angesichts dessen, dass im Westen das Durchschnittsalter steigt, könnten solche Erkenntnisse an politischer Bedeutung gewinnen. Wenn man sich etwa vorstellt, dass Arme und Alte sich zusammentäten, könnten Wählerblöcke entstehen, die zum Beispiel nicht mehr durchweg die eigenen ökonomischen Interessen vertreten, wie es „der Markt“ selbstverständlich fordert und erwartet. So könnten Rentner gegen die öffentliche Gesundheitsvorsorge stimmen, oder Arme für eine niedrigere Besteuerung der Reichen. Bei den Marxisten hieß das „falsches Bewusstsein".  Einen Gesichtspunkt heben Rezensent und Autor besonders hervor: körperliche Schmerzen kommen bei Alten und Armen häufiger vor als bei den andern. Wem was wehtut, der will vor allem, dass das aufhört.  Der  will zumindest abgelenkt werden. Ach, wie wahr!

Doch diese LRB-Nummer birgt weitere Überraschungen. Ich fand eine verständliche und umfassende Beschreibung von Macrons Vorgehen, seit er französischer Präsident geworden ist (ausgesprochen neoliberal, mit populistisch-väterlichen Beschwichtigungen fürs Volk). Ein Buch über Beschwörungen und Magie im 1. Weltkrieg ließ mich staunen – da wurde tatsächlich geglaubt, dass Schwertkrieger aus einer Schlacht des 15. Jahrhunderts den britischen Soldaten als Engel zur Seite gestanden hätten!  Einige Bücher über Feminismus zeigen widersprüchliche Antworten auf die Frage: wo steht der Feminismus heute. In einer Glosse fragt sich ein LRB-Redakteur, was eigentlich der Standpunkt der Torys zum Brexit sei? ob die ganze Partei, deren Parole früher einmal und jahrzehntelang „Vertrauen schaffen“ hieß, nun hinter der „Dampfwalze“ Boris Johnson stehe?

Eine mögliche Antwort darauf bietet  James Wood, ein ehemaliger Absolvent der Eton-Schule, eine der großen alten „Public Schools“ in England. Auf einer „Tagebuch“-Seite erzählt er, dass er nur durch ein Stipendium und dank der Hartnäckigkeit seiner Mutter auf diese Schule gelangt war; fast alle Mitschüler stammten hingegen aus alten, wohlhabenden Familien, wo die Knaben schon seit Generationen nach Eton geschickt wurden. Cameron, Johnson, der Erzbischof von Canterbury: alles Ehemalige seiner Generation. Wie viele weitere Prominente in England. Sie eint „effortless superiority“, eine locker-selbstverständliche Überlegenheit, welche den Schülern in Eton empfohlen wurde. „Wir wurden davor gewarnt, unsere Überlegenheit nicht zu missbrauchen, doch keiner sagte uns, wir hätten gar keine.“ Nachlässige Leichtigkeit im Umgang mit Verantwortung sieht James Wood im Verhalten des Ex-Premierministers Cameron:  er warf das Referendum unters Volk  gewissermaßen wie Fischfutter in einen Teich,  führte gemächlich eine  Kampagne, und als nicht das gewünschte Ergebnis rauskam, ging er, ein Liedchen pfeifend, nach Hause.  James Wood nennt den Brexit „madness“, einen Wahnsinn. Die Etonboys aber, sie  haben nichts zu verlieren. Sie träumen  weiter von Thatchers Deregulierung und von imperialer Größe.

Übrigens ist Farage, der mit seiner Brexit-Partei so viele Anhänger findet, ein Millionär. Er träumt von niedrigen Steuern.

Es steht noch mehr in dieser Nummer vom 4. Juli. Aber das wird mir jetzt zu viel.

 

 

 

Frankfurt, 30. Juni

Der VVN-BdA Kreis Frankfurt  (VVN = Verein der Verfolgten des Naziregimes) schrieb am 29.06.2019::

„Hallo,

etwas knapp, aber so sind die Verhältnisse nun mal.

PRO ASYL und Hessischer Flüchtlingsrat rufen zur Mahnwache vor dem italienischen Generalkonsulat in Frankfurt auf. VVN-BdA unterstützt diese Mahnwache, wir sind solidarisch mit den Seenotrettern.

Mahnwache vor dem italienischen Generalkonsulat in Frankfurt am Montag um 11.30 Uhr

Aus Seenot gerettete Menschen sind nach dem Seerecht in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Dass stattdessen das Rettungsschiff »Sea Watch 3« mit 40 aus Seenot Geretteten an Bord seit 16 Tagen vor der Insel Lampedusa an der Anlandung gehindert wird und der italienische Innenminister Salvini währenddessen die RetterInnen zu kriminalisieren versucht, ist unerträglich.

PRO ASYL und der Hessische Flüchtlingsrat rufen dazu auf, das italienische diplomatische Personal vor Ort an die menschen- und seerechtlichen Verpflichtungen zu erinnern – zum Beispiel in Form von Mahnwachen vor diplomatischen Vertretungen Italiens in Deutschland. Alle DiplomatInnen sind in ihrer Funktion als RepräsentantInnen ihrer Länder an die internationalen rechtlichen Verpflichtungen gebunden, die ihre Staaten eingegangen sind. In einer Demokratie steht es ihnen gut an, sich gegen Rechtsbrüche der eigenen Regierung zu wenden.“

Meine Antwort darauf:

„Liebe Freunde,

Ihr habt vollkommen recht!

Doch möchte ich nicht, dass unerwähnt bleibt, dass die EU-Staaten, die keine Mittelmeeranrainer sind, jahre-, wenn nicht jahrzehntelang Italien und die andern Mittelmeerländer allein gelassen haben mit den aus Seenot Anlandenden.  Die Schultern gezuckt, auf Schengen verwiesen - und basta. Das sollte man bedenken, wenn man ehrlich sein will. Wir, also die BRD, haben uns ein wenig das Gewissen mit 2015 ff erleichtert.  Aber ich glaube, wenn die Italiener sich nicht wehrten, würden sie auch heute noch allein gelassen.  Oder glaubt Ihr das nicht? Die größte und uneingeschränkte Solidarität aber verdienen die Leute von der Seawatch.“

Das habe ich geschrieben und schreibe es hier gern noch mal.

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 25. Juni

Vor wenigen Wochen ging ich hier eines Abends ins Theater, weil Ich gesehen hatte, dass im Haus am Dom später eine "Theaternachlese" zu dem Stück stattfinden sollte. Ein solches fachkundiges Gespräch hatte ich schon mal erlebt, wollte es wieder erleben.

Im Theater sagte mir der Kassierer, dass das Stück in Fortsetzungen an zwei Abend gespielt würde, dass heute der zweite Abend sei und ich deshalb nichts verstehen würde. Es lohnte sich nicht für mich. Ich kaufte mir trotzdem eine Karte. Und bereute es nicht - es war großartig gespielt, die Themen fesselten mich; allerdings verstand ich nur mit Mühe die Zusammenhänge, und ich hörte auch, als ich mich bei den Programmmädchen ein wenig umhörte, dass der erste Teil, "theatralisch" gesprochen, anschaulicher gewesen sei.

Nun: grad komm ich von dem Gespräch nachhause und bin noch ganz benommen  (nein, die Benommenheit kommt von der Hitze: ich bin begeistert). Worum ging es in dem Stück? Es heißt "The Nation", ist von einem Holländer geschrieben, spielt im Original eindeutig in Den Haag. Die deutsche Fassung war an einem unklaren, aber durchaus deutschen Ort angesiedelt, ich fand damals tatsächlich Anklänge an Frankfurt. Ein Städteplaner hat einen neuen Stadtentwurf verwirklicht, in dem alle Fragen technisch gelöst werden und alle Bewohner gleich behandelt werden. Allerdings müssen sie, ehe sie dort hinziehen, eine Erklärung unterschreiben, so etwa wie man einen Kaufvertrag unterschreibt. Man muss irgendwelche Verhaltensweisen zusichern. (Wie gesagt, den ersten Teil habe ich nicht gesehen.) Das Stück zeigt einzelne Personen, die mit dem Porjekt zu tun haben, Typen,  die dennoch ihre wirklichen und in sich auch oft widersprüchlichen, aber dadurch umso lebendigeren Eigenheiten haben. Ihr Verhalten richtet sich nach ihren Zielen, und  nach ihren  Bedürfnissen, und nach den Umständen und sie wissen nicht immer ganz genau, was sie tun. So entstehen Konflikte.  Wir erlebten auch Auseinandersetzungen auf politischer Ebene, oder unter Wirtschaftsleuten. Das Besondere an dem Stück liegt darin, dass die Konflikte und die üblichen Verhaltensweisen ziemlich genau denen der jetzt hier lebenden Menschen entsprechen, bis hin zur Sprache. Man erkennt sich wieder. Ein Schauspieler berichtete, dass ihm bei einer Personalversammlung (im Lebensalltag) auf einmal wortwörtlich Sätze aus seiner Rolle in diesem Stück über die Zunge gerutscht waren  - die ganz genau passten!

Überhaupt gaben die beiden Schauspieler uns Zuhörern einen Einblick nicht nur in die Vielschichtigkeit ihrer Rollen, sondern auch in ihre eigene Position zu der Austarierung dieser Vielschichtigkeiten in ihrer Darstellung! Der Dramaturg wiederum erläuterte die Geschichte des Stücks,  die einzelnen Entscheidungen der Regie für die deutsche Fassung, die übrigens in engem Einvernehmen mit dem Autor vonstatten ging. Und schließlich wies ein Theologieprofessor noch auf etwaige Bezüge zur Bibel hin - zum Beispiel auf das Opfer von Isaak, das dem Abraham erst befohlen, und zuletzt erlassen wird. (In dem Stück stirbt ein KInd namens Ismael.) Trotzdem war klar: Auf der Bühne wurde nicht weniger als ein Spiegelbild der westlichen Gegenwartsgesellschaft in seiner deutschen Fassung wiedergegeben. Letztlich mit offenem Ende - keine Antworten, dafür umso mehr Fragen.

Als ich rausging, nahm ich mir vor, mir in der nächsten Spielzeit  das  Stück noch mal ganz anzusehen. Tatsächlich war es mir beim ersten Besuch derart komplex vorgekommen, dass ich keine Ordnung fand. Freilich, komplex ist es noch immer und wird es bleiben, aber ich werde es nach diesem Gespräch besser ordnen können, dieses Durcheinander von persönlichsten Bedürfnissen, die man versteckt,  und politischen Verpflichtungen, die man rausposaunt,  von Liebe und Konkurrenz und Habgier und Eitelkeit. Ich werde, so hoffe ich, auch etwas lernen können  über das Erzählen von Geschichten. Geschichten, wie sie mir zustoßen.

 

 

Frankfurt, den 19. Juni

Die Eule und der Brexit

Plötzlich interessierten mich Eulen. Diese Vögel gelten als weise. Sie sind vor allem nachts aktiv. Ich ging in den Zoo, um eine lebende Eule zu sehen. Dort gibt es zur Zeit eine Schneeeule. Ich schaute sie an: sie hockte schweigend auf einem Baumstumpf im Schatten, inmitten von Büschen und Bäumen. Sie faszinierte mich. Ihr Gefieder war von blendendem Weiß, mit dunklen Einsprengseln – ein Weibchen. Nur die Männchen sind rein weiß. Die Tiere siedeln normalerweise in der arktischen Tundra. Ich saß vor dem Zaun, und auf einmal öffnete sie ihre Augen weit, blickte mich mit großen gold-gelben Pupillen an. Nach einer Weile schloss sie die Lider wieder halb und drehte den Kopf zur Seite.  Ansonsten bewegte sie sich kaum.

Es gab mancherlei Gründe, warum ich mich nach einem Bild für Weisheit umschaute. Einer war, dass ich seit langer Zeit einem Kreis von lernlustigen Laien angehöre, die sich mit Philosophie befassen. Seit einem Jahr studierten wir „Scholastik“ und hielten uns an Kurt Flaschs „Das philosophische Denken des Mittelalters“ (Reclam, 774 Seiten). Das Thema wird auch von Josef Pieper behandelt, und manche von uns  hielten sich an sein Lehrbuch. Kürzlich gestanden sie, dass der Pieper nicht mit dem Flasch vergleichbar sei, weil er viel weniger Gelehrte behandelte, auch überhaupt nicht an Flaschs Vielfalt, an seine Darstellung der Meinungskämpfe über die Jahrhunderte heranreichte.

Nach dem einjährigen Studium entfaltet sich nun vor unseren staunenden Blicken ein Bild der abendländischen Philosophie, das bis heute reicht. Flasch beginnt mit dem Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und endet mit dem Politphilosophen Macchiavelli (gestorben 1557). Wie gesagt, er beschränkt sich auf das „Mittelalter“. In dieser Zeit wurden die Grundfesten unserer geistigen Welt errichtet: gewiss mit römischen und griechischen Ziegeln, aber nach einem neuen Plan.  Das Christentum diente als Gerüst. Die Idee der „Dreieinigkeit“ (Trinität) übernahm Augustin schon, sie wurde über die Jahrhunderte in mancherlei Richtung weiter ausgearbeitet: „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ erhielten die verschiedensten Funktionen zugesprochen. Viele Gedanken übernahm man aus den Lehren des Aristoteles und des Platon, auch anderer Griechen; das Wissen darüber hing davon ab, welche Übersetzungen zur Verfügung standen. In Klöstern bildeten sich Bibliotheken.

Bis ins 11. Jahrhundert galt der Teufel noch als die Macht des Bösen, die gleich stark wie Gott war. Dann entwickelten die Gelehrten eine Philosophie der Liebe, Liebe als Gottes Eigenschaft, und  von da an nahm man den Teufel als „gefallenen Engel“ an, als Untertan Gottes von jeher. Damit war Gottes Allmacht gesichert. Im 12. Jahrhundert entdeckten die Gelehrten die „Vernunft“, nachdem die christlichen Glaubenssätze zuvor als absolut und unerschütterlich betrachtet worden waren. Nur die Vernunft beweise, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen wurde, sagten sie.  Auch die Glaubenssätze, d.h. ihre Auslegungen, seien durch Vernunft zu prüfen. Das leuchtete sehr vielen ein, weil es inzwischen nicht nur gebildete Mönche gab, sondern Universitäten mit eigenen Bibliotheken und entsprechend gebildeten Laien.  Es entbrannten heftige Kämpfe zwischen den Schulen, im 12./13. Jahrhundert ließ die Inquisition ihre ersten „Ketzer“ verbrennen. So zeigten sich im folgenden Jahrhundert schon Spuren von der kommenden Reformation, die im 16. Jahrhundert dann in voller Blüte stand. Gleichzeitig mit dem „Humanismus“, der mit Erasmus neue Vorbilder schuf. Doch da ist das Mittelalter schon zu Ende.

Dutzende von klugen Männern und wenigen Frauen prägten diese Entwicklung, jeder aus seiner oder ihrer persönlichen Erfahrung heraus, vielleicht auch Hunderte, aber so viele kann Flasch auf seinen dichtgefüllten Seiten auch nicht unterbringen, zumal er ja die arabisch-sprachigen Philosophen (z.B. Averroes) wenigstens nennen und kurz kennzeichnen muss. 

Mir fiel „Der Name der Rose“ ein -  mit diesem Krimi wurde Umberto Eco vor bald vierzig Jahren berühmt. Er spielt im Jahr 1327, und Eco hat irgendwo angedeutet, dass er im dort dargestellten Gesinnungskampf zwischen Franziskanern und Benediktinern (arm gegen reich) auch eine Parallele zwischen Sozialismus und Kapitalismus gefunden habe. Ich vertiefte mich in das Buch, wurde mitgerissen, konnte nicht mehr aufhören, bis ich es ausgelesen hatte. Obwohl die Figuren hundertprozentig erfunden sind, folgen sie inhaltlich sehr genau den Gedanken und Entwicklungen des 14. Jahrhunderts, wie ich sie bei Flasch kennengelernt habe. Konkret dreht sich der Kampf um ein Buch in der Abtei-Bibliothek, der „größten Bibliothek des Abendlandes“: dort befand sich ein Exemplar der höchst seltenen Poetik-Abhandlung des Aristoteles, die vom Lachen handelt. Vertreter des dogmatischen Glaubens wollten verhindern, dass die wissensdurstigen Vernunftanhänger  dieses Buch in die Hände bekamen – Bauern und einfache Leute durften lachen; aber Gebildete würden jeder Macht gefährlich, wenn sie anfangen würden, über das Lachen nachzudenken!

Es war wunderbar: auf einmal verstand ich fast alles, wovon die Hochgelahrten sprachen. Ich entdeckte Weisheit: Vernunft ja, jederzeit, doch um Frieden zu schaffen und zu erhalten, bedarf es auch der Demut. Und jederzeit sind die  beiden gegeneinander abzuwägen. (Warum das Kloster zum Schluss trotzdem abbrennt, verrate ich nicht!)

Und was sagte mir die Schnee-Eule?

Ich las: anders als Vögel und Menschen hat die Eule 14 Halswirbel und nicht bloß 7, wie wir. Ihre Augen stehen fest, sie sehen sehr scharf, aber den Hals kann die Eule fast bis ganz nach hinten (270°) drehen. So verfolgt sie ihre Beute mit dem Kopf, und das Scharfsehen bleibt ihr bei der Bewegung erhalten.

Sie sagte mir noch mehr: zeigt sich eine neue Form des alten Kampfes zwischen Benediktinern und Franziskanern, zwischen Papsttum und Kaisertum, und dem Kampf zu Ecos Lebzeiten zwischen Sozialismus und Kapitalismus, zeigt sich etwas Vergleichbares nicht heute beim Brexit? Wütet in Großbritannien nicht ein heißer Kampf zwischen, sagen wir, der selbstsicheren Upper Class auf der einen Seite, und dem identitätshungrigen Volk, das sich nach Nation und vergangener Größe sehnt? Dass alles wieder so werde, wie es früher war? So wie man es ihm, dem Volk, immer beschrieben und erklärt hat, wie es in den Filmen (ich denke an die Serie „Inspector Barnaby“) noch immer deutlich zu sehen ist?

Die scharfe Spaltung von Großbritannien, vor allem von England, in zwei Hälften, die bewirkt, dass das Parlament gelähmt ist, weil keine Partei genau die Hälfte vertritt und möglicherweise mit der andern Hälfte sinnvoll verhandeln könnte? Und so auch die Regierung lähmt – möglicherweise nicht nur die Regierung May, sondern auch die nächste? Wäre es nicht denkbar, dass eine Vertrauensfrage gegen Boris Johnson mehr Erfolg hätte als die gegen Theresa May? Und müsste dafür nicht womöglich das Parlament – noch nie da gewesen! – seine Sommerferien unterbrechen? Bis 31. Oktober stehen nicht weniger als sieben Möglichkeiten offen: 1. ein Brexit entsprechend dem ausgehandelten Vertrag, 2. ein Brexit ohne Vertrag, 3. Annullierung des Brexits, 4. ein zweites Referendum, 5. allgemeine Wahlen, 6. Abstimmung über die Vertrauensfrage, 7. Verlängerung für den Austritt.

Die Eule sagt mir: glaub an die Vernunft. Unter all den Dogmatikern gehört die Zukunft der Vernunft. Ob in England, in Amerika oder sonstwo. Sie muss nur den Hochmut ablegen. Denn was repräsentiert Boris Johnson anderes als Hochmut? Oder interpretiere ich die Eule falsch?

Frankfurt, den 19. Juni

Frankfurt, 6. Juni

Ein Seitenblick auf die portugiesische Geschichte

Das überlebensgroße Abbild  des „Marquês de Pombal“ ragt mitten in Lissabon auf einer Säule in den Himmel, von einem Platz, an dem jeder Autofahrer irgendwann vorbeikommt. Was hat es mit diesem Marquis auf sich? Das fragte ich mich nach meiner Reise und fing an zu forschen. Es fand sich viel Material. Doch wie soll ich das zusammenfassen? Wie erzähl ich die Geschichte?

Zwar adelig, aber arm geboren (1699), studierte Sebastiao José de Carvalho e Melo in Coimbra Rechtswissenschaften und wurde danach Soldat. Mit 23 heiratete er eine zwölf Jahre ältere, reiche und kinderlose Witwe aus hohem Adel, was deren Familie nicht gefiel. Die beiden zogen sich aufs Land zurück. 1737 starb seine Frau. Der König ernannte ihn zum Botschafter in London. England war damals ein kultiviertes, wohlhabendes und relativ freies Land,  im Gegensatz zu Portugal.  Der frisch gebackene Botschafter bewunderte alles und fragte sich: Wie machen die das hier? Schulen. Rechtsordnung, Wirtschaftsordnung, Seefahrt. Die Kolonien. Nur das parlamentarische System und der Sklavenhandel gefielen ihm nicht.

1745 wurde er nach Wien versetzt. Er sollte im österreichischen Erbfolgestreit vermitteln, eine fast unmögliche Aufgabe. 1747 heiratete er eine Österreicherin, eine Hofdame aus hohem Adel,  mit der er in der Folge fünf Kinder hatte. Neben endlosen Intrigen kämpfte Carvalho in Wien auch mit Finanzproblemen; er lernte einen portugiesischen Juden kennen, und dadurch verschwand seine bisherige Abneigung gegen Juden.

1750 starb der König, die Regierungszeit von José I. begann.  Dieser berief einen Beraterstab, darunter Carvalho. So kehrte er mit seiner Familie nach Lissbon zurück. Der König interessierte sich nicht für die eigentlichen Regierungeschäfte. 1755 ereignete sich das „Erdbeben von Lissabon“, bei dem die Stadt fast völlig zerstört wurde. Der König überlebte, ebenso Carvalho; dieser übernahm sofort den Wiederaufbau, und zwar so, dass schon nach einem Jahr ein Teil der Stadt wieder hergestellt war. Er verhinderte Seuchen, indem er durch das Heer alle Toten auf Schiffe bringen und im Meer beisetzen ließ – gegen den Widerstand der Kirche.  Er baute breite Straßen, große Plätze;  er förderte die Kachelherstellung als billigsten Schutz der Fassaden (gegen die aggressive Meeresluft); ja, er ließ überall im Land die Pfarrer Einzelheiten über den Ablauf des Erdbebens aufschreiben – heute gilt seine Umfrage als Beginn der modernen Erdbebenforschung!

Der König gab ihm alle Vollmachten, und Carvalho  wendete an, was er in London und Wien gelernt hatte. Er baute den Staat um. Im Mutterland verbot er Sklavenhandel (nicht in den  Kolonien). Er schaffte alle Register über „Neuchristen“ ab, die Nachkommen der einst getauften Juden, so dass sie nicht mehr diskriminiert wurden. Er beendete die Inquisition, er entzog der Kirche  staatliche Befugnisse. Als die Jesuiten in ihren Predigten das Erdbeben zur „Strafe Gottes“ erklärten, verbot Carvalho kurzerhand den ganzen Orden. (Was in anderen Staaten ebenfalls geschah.) Da das Schulwesen in der Hand der Jesuiten lag, musste er eine neue Bildungspolitik erfinden – problematisch. Die Studentenzahlen in Coimbra sanken von 8000 auf 500. Er schuf eine moderne Verwaltung; er übernahm aus Frankreich den Merkantilismus und gründete Staatsmonopole. Immer achtete er darauf, dass juristisch alle Macht beim König blieb.

1777 starb José I., dessen Tochter erbte die Krone; der Erste Minister,  inzwischen zum „Marquês de Pombal" erhoben, verlor die Macht. Der größte Teil seiner Neuordnungen aber erhielt sich.

Hab ich mit meiner Geschichte jemanden fesseln können? 

Frankfurt, 4. Juni

Noch immer zu 28!

Ich bin Mitglied in einem Verein der Pensionäre der Mitarbeiter der Europäischen Union. Der „Fonction publique européenne“, wie es auf Französisch heißt. Und in der Abkürzung: AIACE. Das EU-Personal umfasst zahlenmäßig etwa so viele Menschen wie die Bediensteten einer deutschen Mittelstadt, Bonn zum Beispiel.  Unsere Gehälter liegen etwas unter denen von Menschen, die für den Staat im Auswärtigen Dienst arbeiten. Wir haben die gleichen Verantwortungen wie jene, wir leben wie sie mehr oder weniger weit entfernt von unserer Heimat. Unsere Mehrsprachigkeit bildet eine der Grundlagen für das Funktionieren unserer Verwaltung.

Nun gut: darum muss man nicht auch noch nach der Pensionierung hinfahren. Von den rund 12.000 Pensionierten kamen im Mai 2019 etwa 300 zur Jahresversammlung, den „Assises“. Was erwartete einen dort?

Sie fand diesmal in Lissabon statt. Ich flog im vierten Jahr hin, weil ich mich freute, alte Freunde wieder zu treffen. Auch, weil ich die Atmosphäre der Vielsprachigkeit genieße und weil ich neue Bekanntschaften schließen  kann, mit Menschen, die ich hier in Frankfurt nie treffen würden. Es herrscht ein Gefühl von Gemeinsamkeit bei diesen Zusammenkünften. Auch werden von kundigen Kollegen die neuesten Entwicklungen der Europapolitik dargestellt, und kompetente Leute vor Ort berichten von den spezifischen Problematiken, diesmal also in Portugal. Das war kurz vor der Europawahl besonders brisant.

Portugal ist trotz allen kolonialen Reichtums immer auch ein armes Land gewesen, wenn man die einfachen Leute anschaut. Noch heute ist das allgemeine Preisniveau im Land so niedrig, dass sich derzeit die internationale Kongress-Industrie gern dorthin wendet. Zumindest Lissabon bietet eine neue und effiziente Infrastruktur, das Personal ist aufmerksam und freundlich, und dennoch kostet alles ein bisschen weniger.  Wir erfuhren, dass die Portugiesen sich wenig für Europa interessieren; ja, dass wir als ehemalige Mitarbeiter der EU uns besser nicht öffentlich äußern sollten! Nach einem kürzlich gegebenen Interview über unser Treffen hätten die Zeitungen nur geschrieben, dass wir es uns mit unseren dicken Pensionen in Fünf-Sterne-Hotels gemütlich machten, oder so ähnlich. (Wir waren verteilt auf ein Zwei-Sterne- und ein Drei-Sterne-Hotel.)  Eine Portugiesin erklärte mir: Gute Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst fände man in Portugal nur dank Beziehungen; dass es bei uns die strengen Wettbewerbe gibt, die jedem offen stehen, wisse – oder glaube - niemand. Als vorgeschlagen wurde, dass wir aus Anlass unseres 50. Geburtstags als AIACE einen öffentlichen Aufruf zugunsten der Europawahlen verfassen sollten, wurde eben dies aus  portugiesischer Sicht als kontraproduktiv angesehen. Darauf entstand eine große Debatte: angesichts der nationalistischen Europagegner überall – dürfen wir schweigen? Es ging hin und her; am nächsten Tag ging eine kurze und öffentliche Erklärung hinaus, in der sich alle Argumente aus unserer Debatte wiederfanden. In Französisch, Deutsch und Englisch. Manche weinten vor Freude.

Ja, in Englisch. Noch immer sind wir 28 in der EU. Die Versammlung beschloss in aller Form, dass die britische AIACE auch in Zukunft Mitglied der internationalen AIACE bleiben wird. Eine Erleichterung bei den betroffenen Kollegen war spürbar.

Die Kollegen der AIACE Portugal hatten alles wunderbar vorbereitet und geplant. Am ersten Tag waren wir von morgens 10 bis nachmittags 5 Uhr in Bussen auf einer Stadtbesichtigung unterwegs, mittags gab es ein köstliches Essen in einer uralten Brauerei im Zentrum. Am Ufer des Tejo,  der wenige Kilometer später ins Meer mündet und hier sehr breit ist, sahen wir das Denkmal  für Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckt hatte. Der dadurch entstandene Gewürzhandel machte Portugal reich. Den zauberhaften „manuelischen“ Baustil – eine Mischung aus gotischer und orientalischer Raumvorstellung -  besichtigten wir in den wenigen Gebäuden, die das furchtbare Erdbeben von 1755 überstanden hatten. An der riesigen Praça do Commercio („Platz des Handels“) erläuterte man uns die – durchaus absolutistische, aber auch aufklärerische, 1756 sehr fortschrittliche – Neuordnung der Stadt, die sie – und ganz Portugal - dem mit allen königlichen Vollmachten ausgestatteten Minister Marquis de Pombal verdankte. Er war es, der, zumindest im Mutterland, nicht in den Kolonien, die Sklaverei abschaffte. Als erster in Europa legte er eine geografische Abgrenzung für eine Weinbezeichnung fest – „Portwein“ in diesem Fall. Es kam dem Export zugute.  Er modernisierte die  Verwaltung, schuf Staatsmonopole, richtete sich am französischen  Merkantilismus aus.  Als nach dem Erdbeben die Stadt fast komplett neu aufgebaut werden musste, förderte er die Herstellung von Kacheln für die Fassadenabdeckung; die berühmten „Azulejos“ verdanken sich jener Epoche. Kacheln waren gegen die aggressive Meeresluft die billigste Fassaden-Sicherung.

Am zweiten Tag blieben wir im Konferenzsaal und lauschten den Referenten, die über Grundsätzliches (z.B. Wer bestimmt politisch den „europäischen Standpunkt“, im Gegensatz zu den nationalen Standpunkten, die im Ministerrat vertreten werden?) ebenso wie über die Zukunft der „Fonction publique“, also unserer NachfolgerInnen, sprachen. Werden auch in Brüssel die Lobbyisten die Zügel in die Hand nehmen? Wie kann man das  verhindern?

Am Abend trafen wir uns alle in einem Saal am Tejo, aßen von den einfachen und immer köstlichen portugiesischen Fischgerichten und lauschten zwei jungen Fado-Sängern, männlich und weiblich, mit weichen, frischen Stimmen, begleitet von zwei begabten Gitarristen. Es blieb genug Zeit zu Gesprächen, die uns manchmal weit führten....  so bauten wir neue Brücken, neben den vielen Brücken, die sich rundum boten. Jede Brücke wird gebraucht und eröffnet neue Wege, neue Chancen. Das ist Europa.

Am dritten Tag fand die eigentliche Vereinsarbeit statt: Vorstandsbericht, Kassenprüfung, Neuwahlen etc.

Nächstes Jahr werde ich wieder hinfahren – si Dieu me donne vie. Die „Assises 2020“ sollen in Griechenland am Meer stattfinden.

 

 

 

Frankfurt, den 12. Mai

Wie verhalten sich Logik und Assoziation zueinander? Was tut der Glaube dazwischen? und wie unterscheidet sich Intuition vom Glauben?

Nachwehen unserer stundenlangen und immer aufregenden, anregenden Gespräche gestern Abend.

Hass - was ist das eigentlich?

Ich merke, wie ich allmählich nachgebe, mich auf das Wort einlasse, nachdem ich viele Jahre eingewendet habe: es geht um Wut, nicht um Hass. Blinde Wut! Hassen tut einer eine andere Person, vielleicht einen Ort - Hassen ist transitiv. Wut aber zunächst nicht, Wut findet in der eigenen Brust statt - oder im eigenen Bauch, wie man heute salopp lieber sagt. Jedenfalls in der deutschen Sprache. Weil die Amerikaner in ihrem Englisch eine "hate"-Rechtsprechung entwickelt haben, wird das Wort "Hass" immer wieder und immer selbstverständlicher im Deutschen auch so benutzt. Für alles, was mit jener Wut zu tun hat, mit der nicht zu reden ist, die taub und blind macht und die die Kontrolle verweigert. In meiner Vorstellung geht es auch bei Wut um Beziehungen. Worüber bin ich wütend, auf was? Und ist die Ursache in Wirklichkeit nicht nur ein Vorwand, weil die Begegnung, der Anlass  in mir, in dem Wütenden, einen empfindlichen, einen schmerzhaften Punkt getroffen hat? An eine nicht vernarbte alte Wunde gerührt?

Ich habe das gestern nicht gesagt. Lieber hörte ich zu, wollte mich hineinfühlen und -denken in diese neuen Erfahrungen, die mit den "sozialen Medien" zu tun haben, wo man anonym und straflos jede Art von verbaler Beleidigung hinterlassen darf, und das auch tut.  Diese Beleidigungen steigern sich gegenseitig so hoch, dass manchmal konkret physische Gewalt daraus entsteht. Ich denke, da verschränken sich die verschiedensten Gefühle, die sich logisch nicht mehr verknüpfen lassen, sondern nur noch nach einer Entlastung, einer Erlösung  streben. Das macht Angst. Dem Wütenden selbst ebenso wie dem Gegenüber. Wer sich einen Standpunkt erarbeitet und ihn vertritt, wer Initiativen ergreift, die über die eigenen Person hinausreichen, ein solcher Mensch kann sich heutzutage zu irgend einem Moment bedroht fühlen. Und er weiß nicht mehr ganz genau, ob er eine solche Bedrohung für Wirklichkeit halten soll oder nur als das Gespenst einer unbegründeten Angst begreifen. Und wenn sie denn Wirklichkeit wäre - wie ließe sie sich erfassen? Woran erkennte man diese Wirklichkeit?

In einem Gespräch sagte eine Freundin, sie entdecke in der Mathematik die Schönheit. Eine andere Freundin fragte: und wo ist die Mathematik "weniger schön"? Sie glaubte, dass dort, wo es den Begriff "schön" gebe, auch sein Gegenteil zu finden sein müsste. Rein logisch.  Ich entgegnete, dass ein Begriffspaar wie "schön-hässlich" in eine andere Denkkategorie gehöre wie die "Schönheit" der Mathematik. Es gelang mir aber nicht, das plausibel zu machen. Darum habe ich weiter darüber nachgedacht. Mir fiel Kermanis Doktorarbeit ein, die den Titel trug "Gott ist schön" und in der er einen gewissen Gottesbegriff aus dem Koran mit Hilfe auch von europäischer Philosophie in hiesiges Verständnis bringen wollte. Mir hat  das sehr eingeleuchtet, damals. Wenn man Gott als "schön" ansieht, dann wird die Schönheit zu etwas Absolutem, wir würden hier vielleicht sagen, zu einer Utopie. Etwas, das Menschen per Defintion nie erreichen werden. Nun, mir scheint, dass Menschenaugen  auch in der Mathematik etwas Derartiges erkennen können - etwas von der Reinheit eines lupenreinen Brillanten, des vollkommenen Kristalls. In der mittelalterlichen Philosophie, das fällt mir jetzt auch ein, kamen im 11. Jahrhundert  (wahrscheinlich früher) einige Philosophen dazu,  Schluss zu machen mit einer gleichberechtigten Dualität zwischen Gott und dem Teufel, wie sie eine Zeitlang gegolten hatte, indem man den Mythos des "gefallenen Engel" entwickelte, dem Teufel, der auch im Sturz immer noch Gott untertan bleibt. Diese beiden Standpunkte lassen sich nicht miteinander vereinen; man muss sich für den einen oder anderen  entscheiden. Entschließt man sich aber für Gott als das wichtigste Prinzip allen Handelns und lässt den Teufel - gescheit, aber subaltern - an seinem schwefeligen  Platz (wie im Vorspiel zu Goethes "Faust"), so ergibt das einen anderen, einen freieren  Blick auf die Welt. Eben dies erreichte auch Kermani mit seiner Erkenntnis von der Schönheit des Korans als seines - des Korans - oberstes Prinzip. 

Ganz kurz muss ich noch auf Ahmed Mansour hinweisen, der durch die Republik tourt, um überall Frieden zu stiften, und das so gut macht, dass jeder, dem an Frieden gelegen ist, sich beeilt, ihn für ein Gespräch oder Vortrag einzuladen. Ich erlebte ihn vorgestern im großen Saal der evangelischen Akademie, und der war voll bis zum letzten Platz. Viele kannten Mansour aus dem  Fernsehen, wo er schon mal an Talkshows teilnimmt. Gewandt und wortstark sprach er zu Fragen wie: wo sind die Grenzen der Toleranz? Welche Werte soll Deutschland verteidigen? Das beschäftigt viele Leute, die doch deswegen nicht den Rechten in die Arme laufen wollen. Mansour gab Antworten,  mit Wärme und Überzeugungskraft. Das Grundgesetz stellte er als ein gutes Maß allen Miteinanders dar - nur den konfessionsgebundenen Religonsunterricht in staatlichen Schulen hieß er nicht gut - und stellte das patriarchale Denken mancher Einwanderer als ein gewaltiges Hindernis dar, das sich überhaupt nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren lässt. Es gehöre hier nicht hin. Menschen in Not sind willkommen - das Patriarchat aber steht im Gegensatz  zum hier geltenden Gesetz.  Das Patriarchat verklebt die Gehirne (meine Formulierung!) und verhindert Flexibilität.

Gestern Abend schmunzelten die Freunde, als ich zum dritten Mal versuchte, ihnen meine Mansour-Begeisterung mitzuteilen. Ich nahm es ihnen nicht übel. An der Vermittlung muss ich noch arbeiten.

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 11. Mai

Herz contra Hirn

Wie müht sich unser Intellekt, / bis er ein Körnchen Gold entdeckt :/ Drauf gähnt Madame Intuition/ : "Ach das....? - Das wußt ich immer schon!"

Dies schrieb die Dichterin Mascha Kaléko, die von 1907 bis 1975 lebte. Am vergangenen Wochenende kamen viele Kaléko-Begeisterte in Armoldshain im Taunus zusammen, ich war unter ihnen. Wir wollten Genaueres hören, mehr von ihr lesen; und wir erfuhren, wie sie - vor allem nach dem 2.Weltkrieg - vielfach missverstanden wurde.

In der heute fast ungewohnten Leichtigkeit der deutschen Sprache, ihrer Sprache, fühlt man sich intuitiv wohl und unversehens kommt es in unsereren oberflächlichen Zeiten vor, dass die Leichtigkeit alles ist, was die Kritiker mitnehmen.  Das gilt heute - Dr. Hainz beschrieb ministerielle Erlasse des österreichischen Schulministerium, wonach die Herrn und Damen  Deutschlehrer an den Oberschulen die Dichterin Kaléko als einfach und oberflächlich darzustellen angehalten wurden, und es galt schon in den 68er Jahren, wie Frau Dr. Wiedemann aus damaligen Publkationen ohne weiteres herauslesen konnte.

Mascha Kaléko lebte seit ihren Jugendjahren in Berlin; dort begann sie Ende der 20er zu veröffentlichen. 1933 feierte sie ihren ersten großen Erfolg mit "Lyrisches Stenogrammheft", und sie veröffentlichte weiter bis 1935; dann erst bemerkten die Nazis, dass sie Jüdin war, und verboten ihr das Publizieren. Es gelang ihr noch 1938, mit Mann und Kind auszuwandern; sie gingen nach Amerika. Wie behauptet sich eine Dichterin in einer fremden Sprache? Es gelang ihr, Werbetexte auf Englisch zu verkaufen! Ihr Mann, ein Musiker, führte Konzerte mit chassidischen Chorliedern auf - und  beide zusammen verdienten auf diese Weie recht und schlecht ihren Lebensunterhalt. Nach der Gründung von Israel wollte ihr Mann nach Jerusalem ziehen, er hatte dort bessere Arbeitsmöglichkeiten. Mascha zog mit; ihr erwachsener Sohn blieb in Newyork. Mascha lernte das Hebräische nie richtig, sie schrieb weiter auf deutsch. Schon Ende der 50er Jahre konnte sie auch wieder in Deutschland veröffentlichen - aber die Fremdheit des Exils blieb in ihr haften, wo immer sie sich befand. Und manche politischen Texte ließen die deutschen Verleger gleich ganz aus ......

Julia Rosenkrantz hat eine umfangreiche und, wie allgemein festgestellt wurde, die beste Biografie von Mascha Kaléko geschrieben, ich kann sie nur empfehlen. Und Kalékos Gedichte wirken immer wieder, sind unsterblich. Auch wenn letztlich manches ungsagt bleiben musste:

"Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es."

 

 

 


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