DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 12. Mai

Wie verhalten sich Logik und Assoziation zueinander? Was tut der Glaube dazwischen? und wie unterscheidet sich Intuition vom Glauben?

Nachwehen unserer stundenlangen und immer aufregenden, anregenden Gespräche gestern Abend.

Hass - was ist das eigentlich?

Ich merke, wie ich allmählich nachgebe, mich auf das Wort einlasse, nachdem ich viele Jahre eingewendet habe: es geht um Wut, nicht um Hass. Blinde Wut! Hassen tut einer eine andere Person, vielleicht einen Ort - Hassen ist transitiv. Wut aber zunächst nicht, Wut findet in der eigenen Brust statt - oder im eigenen Bauch, wie man heute salopp lieber sagt. Jedenfalls in der deutschen Sprache. Weil die Amerikaner in ihrem Englisch eine "hate"-Rechtsprechung entwickelt haben, wird das Wort "Hass" immer wieder und immer selbstverständlicher im Deutschen auch so benutzt. Für alles, was mit jener Wut zu tun hat, mit der nicht zu reden ist, die taub und blind macht und die die Kontrolle verweigert. In meiner Vorstellung geht es auch bei Wut um Beziehungen. Worüber bin ich wütend, auf was? Und ist die Ursache in Wirklichkeit nicht nur ein Vorwand, weil die Begegnung, der Anlass  in mir, in dem Wütenden, einen empfindlichen, einen schmerzhaften Punkt getroffen hat? An eine nicht vernarbte alte Wunde gerührt?

Ich habe das gestern nicht gesagt. Lieber hörte ich zu, wollte mich hineinfühlen und -denken in diese neuen Erfahrungen, die mit den "sozialen Medien" zu tun haben, wo man anonym und straflos jede Art von verbaler Beleidigung hinterlassen darf, und das auch tut.  Diese Beleidigungen steigern sich gegenseitig so hoch, dass manchmal konkret physische Gewalt daraus entsteht. Ich denke, da verschränken sich die verschiedensten Gefühle, die sich logisch nicht mehr verknüpfen lassen, sondern nur noch nach einer Entlastung, einer Erlösung  streben. Das macht Angst. Dem Wütenden selbst ebenso wie dem Gegenüber. Wer sich einen Standpunkt erarbeitet und ihn vertritt, wer Initiativen ergreift, die über die eigenen Person hinausreichen, ein solcher Mensch kann sich heutzutage zu irgend einem Moment bedroht fühlen. Und er weiß nicht mehr ganz genau, ob er eine solche Bedrohung für Wirklichkeit halten soll oder nur als das Gespenst einer unbegründeten Angst begreifen. Und wenn sie denn Wirklichkeit wäre - wie ließe sie sich erfassen? Woran erkennte man diese Wirklichkeit?

In einem Gespräch sagte eine Freundin, sie entdecke in der Mathematik die Schönheit. Eine andere Freundin fragte: und wo ist die Mathematik "weniger schön"? Sie glaubte, dass dort, wo es den Begriff "schön" gebe, auch sein Gegenteil zu finden sein müsste. Rein logisch.  Ich entgegnete, dass ein Begriffspaar wie "schön-hässlich" in eine andere Denkkategorie gehöre wie die "Schönheit" der Mathematik. Es gelang mir aber nicht, das plausibel zu machen. Darum habe ich weiter darüber nachgedacht. Mir fiel Kermanis Doktorarbeit ein, die den Titel trug "Gott ist schön" und in der er einen gewissen Gottesbegriff aus dem Koran mit Hilfe auch von europäischer Philosophie in hiesiges Verständnis bringen wollte. Mir hat  das sehr eingeleuchtet, damals. Wenn man Gott als "schön" ansieht, dann wird die Schönheit zu etwas Absolutem, wir würden hier vielleicht sagen, zu einer Utopie. Etwas, das Menschen per Defintion nie erreichen werden. Nun, mir scheint, dass Menschenaugen  auch in der Mathematik etwas Derartiges erkennen können - etwas von der Reinheit eines lupenreinen Brillanten, des vollkommenen Kristalls. In der mittelalterlichen Philosophie, das fällt mir jetzt auch ein, kamen im 11. Jahrhundert  (wahrscheinlich früher) einige Philosophen dazu,  Schluss zu machen mit einer gleichberechtigten Dualität zwischen Gott und dem Teufel, wie sie eine Zeitlang gegolten hatte, indem man den Mythos des "gefallenen Engel" entwickelte, dem Teufel, der auch im Sturz immer noch Gott untertan bleibt. Diese beiden Standpunkte lassen sich nicht miteinander vereinen; man muss sich für den einen oder anderen  entscheiden. Entschließt man sich aber für Gott als das wichtigste Prinzip allen Handelns und lässt den Teufel - gescheit, aber subaltern - an seinem schwefeligen  Platz (wie im Vorspiel zu Goethes "Faust"), so ergibt das einen anderen, einen freieren  Blick auf die Welt. Eben dies erreichte auch Kermani mit seiner Erkenntnis von der Schönheit des Korans als seines - des Korans - oberstes Prinzip. 

Ganz kurz muss ich noch auf Ahmed Mansour hinweisen, der durch die Republik tourt, um überall Frieden zu stiften, und das so gut macht, dass jeder, dem an Frieden gelegen ist, sich beeilt, ihn für ein Gespräch oder Vortrag einzuladen. Ich erlebte ihn vorgestern im großen Saal der evangelischen Akademie, und der war voll bis zum letzten Platz. Viele kannten Mansour aus dem  Fernsehen, wo er schon mal an Talkshows teilnimmt. Gewandt und wortstark sprach er zu Fragen wie: wo sind die Grenzen der Toleranz? Welche Werte soll Deutschland verteidigen? Das beschäftigt viele Leute, die doch deswegen nicht den Rechten in die Arme laufen wollen. Mansour gab Antworten,  mit Wärme und Überzeugungskraft. Das Grundgesetz stellte er als ein gutes Maß allen Miteinanders dar - nur den konfessionsgebundenen Religonsunterricht in staatlichen Schulen hieß er nicht gut - und stellte das patriarchale Denken mancher Einwanderer als ein gewaltiges Hindernis dar, das sich überhaupt nicht mit dem Grundgesetz vereinbaren lässt. Es gehöre hier nicht hin. Menschen in Not sind willkommen - das Patriarchat aber steht im Gegensatz  zum hier geltenden Gesetz.  Das Patriarchat verklebt die Gehirne (meine Formulierung!) und verhindert Flexibilität.

Gestern Abend schmunzelten die Freunde, als ich zum dritten Mal versuchte, ihnen meine Mansour-Begeisterung mitzuteilen. Ich nahm es ihnen nicht übel. An der Vermittlung muss ich noch arbeiten.

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 11. Mai

Herz contra Hirn

Wie müht sich unser Intellekt, / bis er ein Körnchen Gold entdeckt :/ Drauf gähnt Madame Intuition/ : "Ach das....? - Das wußt ich immer schon!"

Dies schrieb die Dichterin Mascha Kaléko, die von 1907 bis 1975 lebte. Am vergangenen Wochenende kamen viele Kaléko-Begeisterte in Armoldshain im Taunus zusammen, ich war unter ihnen. Wir wollten Genaueres hören, mehr von ihr lesen; und wir erfuhren, wie sie - vor allem nach dem 2.Weltkrieg - vielfach missverstanden wurde.

In der heute fast ungewohnten Leichtigkeit der deutschen Sprache, ihrer Sprache, fühlt man sich intuitiv wohl und unversehens kommt es in unsereren oberflächlichen Zeiten vor, dass die Leichtigkeit alles ist, was die Kritiker mitnehmen.  Das gilt heute - Dr. Hainz beschrieb ministerielle Erlasse des österreichischen Schulministerium, wonach die Herrn und Damen  Deutschlehrer an den Oberschulen die Dichterin Kaléko als einfach und oberflächlich darzustellen angehalten wurden, und es galt schon in den 68er Jahren, wie Frau Dr. Wiedemann aus damaligen Publkationen ohne weiteres herauslesen konnte.

Mascha Kaléko lebte seit ihren Jugendjahren in Berlin; dort begann sie Ende der 20er zu veröffentlichen. 1933 feierte sie ihren ersten großen Erfolg mit "Lyrisches Stenogrammheft", und sie veröffentlichte weiter bis 1935; dann erst bemerkten die Nazis, dass sie Jüdin war, und verboten ihr das Publizieren. Es gelang ihr noch 1938, mit Mann und Kind auszuwandern; sie gingen nach Amerika. Wie behauptet sich eine Dichterin in einer fremden Sprache? Es gelang ihr, Werbetexte auf Englisch zu verkaufen! Ihr Mann, ein Musiker, führte Konzerte mit chassidischen Chorliedern auf - und  beide zusammen verdienten auf diese Weie recht und schlecht ihren Lebensunterhalt. Nach der Gründung von Israel wollte ihr Mann nach Jerusalem ziehen, er hatte dort bessere Arbeitsmöglichkeiten. Mascha zog mit; ihr erwachsener Sohn blieb in Newyork. Mascha lernte das Hebräische nie richtig, sie schrieb weiter auf deutsch. Schon Ende der 50er Jahre konnte sie auch wieder in Deutschland veröffentlichen - aber die Fremdheit des Exils blieb in ihr haften, wo immer sie sich befand. Und manche politischen Texte ließen die deutschen Verleger gleich ganz aus ......

Julia Rosenkrantz hat eine umfangreiche und, wie allgemein festgestellt wurde, die beste Biografie von Mascha Kaléko geschrieben, ich kann sie nur empfehlen. Und Kalékos Gedichte wirken immer wieder, sind unsterblich. Auch wenn letztlich manches ungsagt bleiben musste:

"Mein schönstes Gedicht?

Ich schrieb es nicht.

Aus tiefsten Tiefen stieg es.

Ich schwieg es."

 

 

 


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