DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 17. März

 

Wenn meine Töchter mich besuchen, oder andere liebe Gäste, komme ich nicht zum Schreiben. Familie geht immer vor – offenbar bin ich unter diesem Gesetz aufgewachsen. Dort, wo ich aufwuchs, zählte das Schreiben nichts, noch weniger als das Lesen, beides galt als Zeitverschwendung.  Ganz gewiss für eine Frau.

So kämpfe ich noch immer mit mir selber, wenn ich als Beruf „Schriftstellerin“ angebe. In letzter Zeit geht es mir leichter über die Lippen. Anerkennung begegnet mir, das hilft.

Vor gut zwei Wochen wohnte ich „JuLiP“ bei, der Verleihung eines Jugendliteraturpreises in der Frankfurter Zentralbibliothek. Es ging um das Schreiben von Kindern zwischen 10 und 13 Jahren, von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren; dazu gab es noch Platzierungen von jungen Leuten über 17.  Die Organisatoren dieses Ereignisses hatten mit Frankfurter Schulen zusammengearbeitet; der Preis wurde erst zum zweiten Mal überhaupt verliehen, und so  konnte der Initiator Levend Seyhan mit Stolz in der Stimme mitteilen, dass sich 2014 dreimal so viele Schulen und AutorInnen beteiligt hatten wie 2012. „Die Literatur als Grundlage zur Bildung von Selbstvertrauen bei Kindern“ gab er in seiner Einführung als das Ziel der Veranstaltung an.  Die Jury forderte von den Texten, dass sie die Leser emotional bewegen sollten – stilistische, sprachliche Gesichtspunkte traten an die  zweite Stelle. „Was am Ende zählt, ist die Wirkung“ schrieb die Jury im Vorwort.  Letztlich gewannen dann tatsächlich doch Geschichten, die  mir als „die besten“ auch in literarischer Hinsicht  erschienen. Der Preis ist nämlich mit einer Buchausgabe verknüpft, in der 45 Erzählungen versammelt waren, nicht nur die der dreimal drei Preisträger, plus drei „Sonderpreise“. So hatte die Leserin Chancen zum Vergleich zwischen den insgesamt eingereichten Texten.

Der erste Preis bei den Jüngsten („Unser Versprechen“ von Anju Felicita – die junge Autorin nützte die Gelegenheit zu einem Pseudonym!) diente sogar als Zitatquelle für die Einführungsrede ebenso wie für das Vorwort im Buch: „Es war traurig, dass so wenige Leute die Macht der Wörter kannten, nicht wussten, was sie ausrichten konnten.“

Die Macht der Worte, die Macht der Sprache gewinnt sich nicht von selbst. Sie fordert Arbeit, Nachdenken, Übung. Wer zweisprachig aufwächst, dem wird das häufig von selber klar.

Levend Seyhan, ein Jurist, ist einer von denen, die sich in Sprache auskennen, weil sie mit zwei Sprachen gleichzeitig aufgewachsen sind. In seinem Roman „Torsten stirbt im Wohnzimmer“ erfährt ein Neugieriger einiges davon, ganz beiläufig – die eigentliche Geschichte handelt nämlich von Liebe und Wut, von Scham und Trauer – von Menschlichkeit; sein Respekt vor der Sprache in den Sprachen hat ihn auf die Idee mit „JuLiP“ gebracht. Und das Bewusstsein für die Notwendigkeit, Kindern von Anfang an die Bedeutsamkeit von Literatur nahezubringen – durch Selbermachen, nicht nur durch Auswendiglernen.  „Nicht der, der die Sprache beherrscht, ist zu verehren, sondern der, der die Menschlichkeit in seiner Sprache ehrt“ steht auf Levend Seyhans Webseite.

Es war ein fröhlicher Nachmittag. Mehr Mädchen als Jungen gewannen Preise. Wehmütig dachte ich: wenn es das doch auch schon zu meiner Zeit gegeben hätte!

Hier die passende Webseite: www.julip-frankfurt.de

 

 

 

Frankfurt, 21. Februar

Süße Vesper

O bedeutet häufig Null,

hier aber nicht.

Auch "Original" ist oft gemeint,

hier aber nicht.

Hier bedeutet O: Orange

bedeutet Marmelade

süß und bitter

wie sie sein soll

fein dem Gaumen

anregend dem Geiste

stärkend zur Vesper.

Marinas Marmelade - kein Lob ersetzt

die Köstlichkeit des Schmeckens.

Frankfurt, 16. Februar

Lektüre beendet. Es kommt kein Bürgerkrieg auf. Im Gegenteil: man einigt sich friedlich, ja harmonisch. Der Staat funktioniert weiter, weiter patriarchalisch, nur unter muslimischen Vorzeichen. Die Frauen verschwinden aus der Öffentlicheit, müssen wieder wählen zwischen Beruf und Familie .... keine wehrt sich dagegen.

Tatsächlich: in diesem ganzen Roman gehorchen alle Frauen, die Dümmsten wie die Gebildetsten, nur den Wünschen der Männer. Der Ich-Erzähler macht jeder Person innerhalb der Story ebenso wie jedem Leser, jeder Leserin klar: Frauen dienen der Befriedigung des Mannes, das ist ihr Daseinszweck.

Kinder kommen nicht vor.

Ich denke seither darüber nach, was die Frauen unternehmen müssten, um Macht zu gewinnen. Was unternehmen sie seit den Suffragetten, seit Luise Büchner und ihren Freundinnen? Was wollten wir feministischen Theaterfrauen? Wir wollten, dass sich jede Frau selbst auf ihre Würde besinnt. Ach .... welch schwieriges Unterfangen. Auch mein jüngster Roman "Kindertreu" ist letztlich eine patriarchalische Geschichte. Patriarchat light. Eva gegen Lilith.

Was ich an den Lilith-Leuten auszusetzen habe, ist ihre Kurzsichtigkeit, ihre Ich-Bezogenheit, ihre Engstirnigkeit. Nur wer an den Grund der Welt geht, findet die Welt. (Es lebe Christine von Braun! Ihr Werk "über den Schwindel" ist solche eine Suche nach dem Ursprung der Welt ... Doch wer liest sie? Wer versteht sie?)

Wir wollten Freiheit. Wer Freiheit sucht, ist nicht an Macht interessiert. Erst wer sich durch alle Wogen der Freiheit durchgekämpft hat, weiß die "Macht" zu schätzen. Macht-Gewinnung erfordert Disziplin, und das ist ziemlich das Gegenteil von Freiheit. Frau von der Leyen, die Bürgertochter par Excellence, besitzt Disziplin. Hat sie gelernt. Ihre Freiheit besteht darin, dass sie ihre Disziplin nach Bedarf nutzen kann, ohne Einschränkungen durch  Frauenrollenbilder. (Ästhetik genügt. Auch die lieferte ihr das Bildungserbe.)

Wie vermitteln wir den Mädchen Freude an der Disziplin? wäre eine grundsätzliche Frage. Weitersagen!

Houellebecq's Erzähler hat die Wahl, sich wie Huysmans, sein literarisches Vorbild, zum Laienbruder in einem Kloster zu machen - das bedeutete: er wäre katholisch geworden, hätte sich und die Moral und die Philosophie des Katholizismus ernst genommen und hätte sich für die Keuschheit entschieden. Er wählt aber, wie die meisten andern, den opportunistischen Weg: er konvertiert zum Islam, wird gut bezahlter Uni-Prof und bekommt das Recht auf drei Ehefrauen zugeteilt. Er lebt genauso wie zuvor, nur viel angesehener und anerkannter.

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 14. Februar

Fortsetzung der Houellebecq-Lektüre. Jemand fragte mich, von was für einer Situation der Autor denn ausgehe bei seinen Schilderungen. Die betreffende Person erwog wohl, sich den Roman letztlich doch noch anzuschaffen, mit der heimlichen Neigung, es zu vermeiden ....

Ich sagte: er geht von der Situation aus, wie sie heute ist. Der Roman spielt 2022. Die dargestellten Ereignisse beginnen 2017, das entwickelt sich und gipfelt in diesem Wahlsonntag, an dem Anschläge und Überfälle passieren, die aber öffentlich nicht bekannt gegeben werden. Unter demokratischen Gesichtspunkten eine Katastrophe, doch keiner muckst. Alle hocken sie zuhause. Pariser sind aufs Land geflüchtet. Unser Ich-Erzähler auch. Er strandet im Nirgendwo, weil ihm das Benzin ausgeht.
Alle warten, dass sich das Leben normalisiert, und siehe, am Montag läuft wieder alles.

Als ich in einer Lesepause das Buch durchblätterte, fiel mein Blick auf die letzte Seite. Dort schreibt der Autor: "Ich habe nie studiert, und alle meine Informationen über den Universitätsbetrieb erhielt ich bei Agathe Novak-Lechevalier, maître-de-conférences an der Universität Paris X - Nanterre. Wenn meine Geschichten sich in einem halbwegs glaubhaft dargestellten Umfeld abspielen, ist das allein ihr zu verdanken."

Das verblüffte mich. Während doch die <Éducation Nationale> im Zentrum der Handlung steht (bisher jedenfalls) und ganz selbtverständlich "die" Education Nationale ist, die ich kenne, durch Lehrende und Studierende und Erzählungen von früher, beschreibt der Autor sie auch nur von außen??

Vor ein paar Jahren befasste ich mich mit Giono, der ebenfalls zu den Großen der französischen Literatur gehört und NICHT an der Uni war, nicht akademisch formatiert wurde - und nun Houellebecq.

Wichtiger aber schien mir zunächst, dass diese Mme Novak-Lechevalier eine Frau war, die der Autor ernst nahm. Im Roman kam nur eine einzige Frau vor, die mit Respekt bedacht wurde, und diese Frau verließ Frankreich, um nach Israel auszuwandern, um sich den neuen französischen Verhältnissen zu entziehen. Im Roman kommt bislang keine einzige Frau vor, die sich der neuerlichen Versklavung entzieht, sich wehrt, irgendwas unternimmt. Houellebecq hat ihren Platz auf seinem Schachbrett gewissermaßen frei gelassen. So als sollten sie ihn selbst ausfüllen. Die letzte Seite verstehe ich als Aufforderung in diesem Sinn.

Ich werde darauf zurückkommen!

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 10. Februar

Houellebecq erzählt gut, so gut, dass sich in meinem Kopf augenblicklich Bilder einstellen, wie ein Theater fast, nein, auch nicht wie ein Film - beim Lesen werde ich einfach mit in die Geschichte hineingezogen. Der Ich-Erzähler hat Huysmans studiert, das ist  ein Schriftsteller aus dem späten  19. Jahrhundert, und an ihm orientiert er sich immer wieder. Huysmans ist der einzige, dem er glaubt, dem er vertraut, soviel erkennen wir. Auch wenn er ihm zunächst nicht auf dem späten Weg einer Bekehrung zum Katholizismus folgen will. Immer wieder erholt er sich bei einer Huysman-Lektüre, wenn die Nachrichten zu überwältigend werden.

Wie gesagt, es standen Präsidentschaftswahlen an. Die Ergebnisse am Wahlsonntag werfen alles über den Haufen, was Frankreich seit Menschengedenken gekannt hat: die beiden stärksten Kandidaten sind die des Front national und der Muslimbruderschaft. Die Sozialisten sind abgeschlagen, die Konservativen zählen gar nicht mehr. Unser Huysmans-Anhänger kennt immerhin genug Leute, um sich kundig zu machen, um zu erfahren, wie die politischen Kreise nun vorgehen wollen. Am Fernsehen, im Internet ist nämlich ga nichts zu erfahren. Und wenn es in der Stadt Gewalttätigkeiten gibt, wird nicht darüber geredet. Und was ist es, was er erfährt?

In den Verhandlungen über eine etwaige Machtverteilung liegt den Muslimbrüdern offenbar nichts an Außenpolitik, wenig an Wirtschaft - nur eins verlangen sie: die Education Nationale. Jeder Franzose müsse die Möglichkeit einer islamischen Erziehung erhalten, was Geschlechtertrennung in Schulen und Universitäten bedeutet. Mädchen sollen im Algemeinen nur eine Grundausbildung erhalten und dann zur Hauswirtschaft gelenkt werden.

Haarsträubend. Ist das noch Satire? Im Roman bestünde die einzige Alternative darin, dass die Sozialisten eine Koalition mit dem Front National eingehen, was aber offenbar in Houellebecqs Welt außerhalb jeder Denkmöglichkeit liegt.

Es droht, so oder so, ein Bürgerkrieg ...

schrecklich.

Die einzige Hoffnung besteht nun für mich darin, dass ich den Roman noch nicht zuende gelesen habe.

 

 



Frankfurt, 7. Februar

 

 

 

FREITAG, DEN 13. FEBRUAR, 19 UHR 30, IM „LITERATURHAUS DARMSTADT“, Kasinostr. 3:

Frauentausch mit Texten

Die Autorinnen BARBARA HÖHFELD und IRIS WELKER-STURM

tauschen sich über ihre neuesten Veröffentlichungen aus.

Mit Lesungen und Publikumsgespräch.

 

In Barbara Höhfelds Familienroman „Kindertreu“ geht die Autorin über mehrere Generationen der Frage nach, wie die Vergangenheit sich in die Gegenwart mischt. Ein Roman, der Gefühle bewegt und anregt, gleichzeitig zum Nachdenken verleitet und dabei Spannung erzeugt.

Die Wortstellerin Iris Welker-Sturm setzt sich in ihrem Gedichtband „das unerhörte zwischen“  auf oft überraschende Weise sprachspielerisch mit der Geschlechterfrage, mit Sprach- und Denkgewohnheiten und mit aktuellen politischen Fragen auseinander.

Beide Autorinnen arbeiten in der Darmstädter Literaturgruppe „Poseidon“ mit. Die Veröffentlichungen sind 2014 im Verlag auf der Warft im Geheimsprachenverlag, Münster/Westf.   erschienen.

 

 

 

Gestern Abend begann ich mit dem Lesen von "Soumission", dem neuen Roman von Michel Houellebecq. Ursprünglich wollte ich ihn nicht kaufen; habe schon so viel Houellebecq gelesen, dachte ich, da bringt er mir nichts Neues mehr. Doch dann war ich bei Professor Wismann (in Bad Homburg, im "Kolleg Humanwissenschaften", Teil der Uni) und hörte, wie er Houellebecq als riesigen Satiriker feierte, den wir UNBEDINGT  lesen müssten. Also gut, sagte ich mich; doch die erste Fernbestellung in einer mir bekannten französischen Buchhandlung mißlang, weil die neuerdings ein festes Konto, mein Geburtsdatum und andere solche neoliberalen Scherzchen verlangte. Dann aber hatte mein Buchhändler von hier gegenüber die französische Fassung vorrätig!!

Es wurde fast ein feierlicher Moment, als ich das Buch aufschlug. Auf Seite 34 hielt ich zum erstenmal inne: Was geschah da mit mir? Seit mehreren Jahren versuchte ich bei jedem Frankreichbesuch herauszufinden, was dort politisch eigentlich geschieht. Ich fand keine Antwort. Ein hiesiger Franzose erklärte mir: in Paris sind sie weit von der Realität! Ja, aber die Leute? Die Zeitungleser, die Fernsehgucker, die Wähler - ? Nix. Gutes Essen, Goncourt, Teuerung, Sport. Der einzige politische Kopf, den ich traf, erläuterte mir Theorien gegen den Neoliberalismus. Aber was ändern?  Der Mann war Agrégé, Gymnasialprofessor, kurzum ein Teil der "Education Nationale", abgesichert, hilflos. Den einzigen Lichtblick bot jüngst Piketty mit seinem Buch, das die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich allüberall historisch und damit als umkehrbar betrachtete. Theoretisch zumindest. Das Buch war erfolgreich in den USA.

Und nun Houellebecq. Er schreibt als Ich-Erzähler, d.h. er feindet andere als selbst verletzlicher Einzelner an. Gleichzeitig steht dieser einzelne Ich-Erzähler für die ganze Nation. Das ist mein Eindruck, daraus ergibt sich die Wucht dieser Geschichte.

Sie spielt in der "Education Natinale" ganz oben. Bei den Professoren. Ein armer Student, begabt, hat es geschafft, er hat seinen Lehrstuhl, er legt seinen gesamten Unterricht auf einen einzigen Wochentag, und im übrigen geht er - mir fällt kein passenderes Wort als "Ficken" ein, obwohl ich es normalerweise nicht gebrauche - er fickt sich durch mehrere Generationen von Weiblichkeiten, dann bekommt er das Gefühl, alt zu werden. Als wäre sein Sexualleben nun vorüber. Soweit bin ich gekommen.

Gleichzeitig, fast unmerklich aber, schieben sich in der Erzählung muslimische Gestalten nach vorn: in der Uni, aber auch sonst in der Öffentlichkeit. Wahlen stehen bevor und stellen die französische Öffentlichkeit vor das Dilemma (ich glaube, im Roman haben sie das Jahr 2017 erreicht), entweder "Front National" oder "Muslimische Bruderschaft" zu wählen. Die übrigen - die "Linken", die"Rechten" - haben gar keine Chancen mehr. 

Weil sie - wie der Ich-ERzähler - hauptsächlich an Geld und an Sex interessiert sind (und z.B. wie auch Strauss-Kahn), dadurch sehr müde werden und ihren Sinn für Zukunft und andere Ziele verloren haben.

Soweit bin ich gekommen. Ich werde weiter berichten!

Doch gestern las ich in der Zeitung folgende Meldung - das gehört nicht zum Roman! -: in der Mitte Frankreichs muss ein Abgeordneter nachgewählt werden. Im ersten Wahlgang erhielt keiner die absolute Mehrheit, also steht eine Stichwahl zwischen den vordersten beiden Kandidaten bevor. Und wer sind diese Kandidaten? Einer vom Front National, einer von den Sozialisten. Die konservative, gemäßigt "rechte" Partei UMP kann nun ihren Wählenr Empfehlungen geben, die meistens befolgt werden. Was geschieht aber? Sarkozy, zur Zeit UMP-Vorsitzender, ließ sich von einem innerparteilichen Konkurrenten unversehens überholen: dieser legte den konservativen Wählern den Sozialisten ans Herz; Sarkozy, voll wütend, überließ daraufhin seinen Wählern die Entscheidung selbst! D. h. um seinem Konkurrenten eins auszuwischen, nähme er den "Front National" in Kauf!

Wer ist dieser Konkurrent? Er heißt Alain Juppé und fungiert seit Jahrzehnten als Bürgermeister von Bordeaux. Zwischendurch auch mal als Außenminister, doch danach zog er sich wieder in sein Aquitanien zurück. Nun meldet er sich. Behutsam, unschuldig fast. Ein Mann aus Bordeaux.

In meinen Augen ist Bordeaux der einzige Ort in Frankreich, der es mit Paris aufnehmen kann. In Mittelpunkt der Stadt steht ein prächtiges Denkmal für die Girondisten, die während de Revolution in Paris von den Jakobinern geköpft wurden. Die Jakobiner vertraten den Zentralastaat, die Girondisten wünschten sich eine Art Bundesstaat. Mehr Freiheit für die Kaufleute am Atlantik. Bordeaux schaut auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück, und die ist bis heute lebendig geblieben. Während die Geschichte von Paris zu einer Art Disneyland für Japaner und Chinesen herabsank, hielt Bordeaux sich lebendig mit Schiffahrt, Wein und und immer den Gedanken im Hinterkopf: "L'état, c'est Paris", der Staat ist Paris, nicht wir. La Nation, das ist was andres. Paris regiert als Zentralstaat; die Nation ließe sich auch anders organisieren. Die Bordeleser haben sich bis heute eine Unabhängigkeit bewahrt, wie sie sonst in der französischen Provinz kaum zu finden ist. Unabhängigkeit mit Verantwortung. Das ist jetzt mein persönlicher Beitrag. Juppé spricht für Bordeaux. Sarkozy spricht nur für sich. Er vertritt eben diesen Egoismus, der sich wie Mehltau über unsere ganze schöne europäische Kultur legt. So dass jetzt die Ukrainer glauben, sie kämpften für Europa, anstatt zu merken, dass sie längst Geiseln der Neoliberalen geworden sind.

Über die Education Nationale, die französische Erziehungspolitik, die auch , aber nicht nur, ein erstarrtes System ist, ließe sich lange streiten.  Man müsste dafür sehr, sehr viel Wissen mitbringen ..... Und wer hat das schon .....

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 2. Februar

Lichtmess! Es wird heller!

Kennen Sie Robert Frost? Ich hörte gestern zum erstenmal seinen Namen; meine kanadische Freundin Lori Tengler brachte ein Gedicht von ihm mit. Robert Frost ist, so erfuhr ich, einer der berühmtesten Lyriker der USA; er lebte hauptsächlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Gedicht, das Lori mitbrachte, hieß "The Road not Taken"; sie hatte auch eine Übersetzung von Paul Celan ins Deutsche dabei. Hier ist dieser zauberhafte Text:

 

"In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,

und ich, betrübt, dass ich, ein Wandrer bleibend, nicht

die  beiden Wege gehen konnte, stand

und sah dem einen nach, so weit es ging:

bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.

 

Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,

und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,

denn er war grasig und er wollt begangen sein,

obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,

sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.

 

Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise

voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.

Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!

Doch wissend, wie's mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,

erschien mir zweifelhaft, dass ich je wiederkommen würde.

 

Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst

und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:

Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,

und ich, ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,

und dieser war der ganze Unterschied."

 

(Paul Celan als Übersetzer von Robert Frosts "Der unbegangene Weg")

 

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, 25. Januar

Auszug aus meinem handgeschriebenen Tagebuch:

21.1. - Nacht. LRB: sehr lange Geschichte, wie aus Fetzen zusammengenäht, mit groben Stichen. Geschichte über die Ausbeutung von Londons Untergrund. Ab einer gewissen Tiefe darf man dort, wenn ich recht verstanden habe, graben, wohin man will. Geldmacher denken sich sechs unterirdische Stockwerke aus, Konzeptkünstler bauen Tunnelnetze. Erben, die ihre Paranoia ausleben. Eine Welt ohne Kinder. Erfüllt von Müll und einer geheimnisvollen Sprache. Religiöses sprießt, bleichen Antlitzes. Eine Geschichte so recht zum Lesen in der Nacht, in einem Moment der Schlaflosigkeit .....

 

Heute: tagsüber bin ich den Text noch mal mit Wörterbuch durchgegangen. Hier meine Vokabelliste:

 

 

Into the Underworld – Iain Sinclair on the excavation of London (LRB vom 22. Januar 2015)

 

burrow: Erdloch, Höhle, Fuchsbau, unterirdische Gänge

 

poultice: Breipackung, Packung, Umschlag,

 

David Hockney: berühmter britischer Maler, geb. 1937; in den Schuhen von van Gogh?

 

The Hackney Hole: so heißt das Loch, das Mr. Lyttle grub (siehe unten).

 

passerine  : in „passerine birds“ = Sperlingsvögel

 

kerb crawler; kerb=Bordstein; crawler=Kriecher, Raupenkette (Bedeutung unklar)

 

James Graham Ballard (* 15. November 1930 in Shanghai; † 19. April 2009 in Shepperton) war ein britischer Schriftsteller. Sein Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Bandbreite in der Auswahl der Genres (Science-Fiction, zeitgenössischer Roman, experimentelle Literatur) aus. (Internet)

dowser: Wünschelrute, Wünschelrutengänger

 

quango: halbstaatliche Organisation ("quasi autonomous non-governemental organiszation")

 

Poundbury (ein Leon-Krier-Dorf auf Land von Prinz Charles)

 

flab: Speck

 

beanie: Scheitelkäppchen, Kipa

 

The Mole Man of Hackney : pensionierter Ingenieur namens Lyttle, aus Hackney, der auf eigenem Gelände sehr viel und tief gegraben hat, bis ein Bürgersteig einbrach. Da wurde er von seinem Grundstück verwiesen,  bekam Rechnungen von der Stadt und starb.

 

midget: Zwerg; winzig

 

Morlocks: erdachte Unterweltfiguren aus dem Roman „Zeitreise“ von H.G. Wells.  In der dt. Übersetzung „Morlocken“.

 

reef: Riff, Felsen

 

to mooch about: herumlungern

 

padlock: Vorhängeschloss; verschließen

 

DIY = do-it-yourself : Heimwerker, Bastler

 

bodger: 1. der Patzer; 2. der Stümper

 

uncluttered: ordentlich (clutter = Durcheinander)

 

to chug: tuckern (von einem Schiff)

 

scavenging trade: Müllsammler? Trödler?

 

solitary: Eigenbrötler; Alleinstehende/r

 

lather: Schaum

 

blight: Mehltau; Schädigung, Nachteil

 

 Den Originaltext findet man im Internet z.B. unter "The Mole Man".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, 16. Januar

Gestern begegnete mir auf der Straße eine rundliche junge Frau in langem Mantel und mit einem stramm gebundenen Kopftuch. Kein Härchen lugte hervor. Stattdessen ragte ein rosa Smartphon aus dem Kopftuch heraus - das Telefon hielt sich von ganz allein zwischen Kopf und Tuch, die Frau ließ locker und bequem beide Arme schwingen. Dabei redete sie unbekümmert.

Eine unerwartete Form von Freiheit ...

Ja, warum unerwartet? Weil ich von einem straff gebundenen Kopftuch auf  Unfreiheit schließe? Wie steht es denn dann mit den hochhackigen Schuhen der jungen Damen im Bankenviertel, die alle ihren glockigen Zweidrittel-Mantel tragen, häufig im Fischgrätenmuster? Bedeutet Mode denn Freiheit? (Dass die eine in vollkommener Eleganz dahinschreitet, die andere mit schweren Hüften mühsam stelzt - macht dann doch wieder einen Unterschied.)

Mich beschäftigt als Nachwirkung des furchtbaren Pariser Mordanschlags gegen Journalisten die Frage: wie finde ich Sympathie für diejenigen, die mir fremd sind? In der "London Review of Books" vom 8. Januar fand ich einen großartigen Text von Jenny Diski: "Doris Lessing and me" ist er überschrieben. Genauer gesagt, stand ein erster Teil davon schon in der vorigen Ausgabe. Darin erfuhr die Leserin, dass Jenny als Heranwachsende unüberwindliche Schwierigkeiten mit ihren Eltern gehabt hatte, dadurch in ein Krankenhaus kam; von dort holte sie Doris Lessing zu sich, ohne dass sie das Kind, die Heranwachsende vorher überhaupt gekannt hatte. Sie wollte ihr eine Chance bieten, in ihrem Haus hatte sie Platz. Jenny bekam ein Zimmer und verhielt sich höflich und zurückhaltend, wie es sich gehörte. Doch in ihr rumorten die Fragen: Es ist ja schön hier, sagte sie sich, aber was, wenn die Doris Lessing herausfindet, dass sie mich gar nicht mag? Wo geh ich dann hin? Es gibt dann keinen Ort in der Welt, wo ich noch hinkönnte. Sie wagt nicht, die Frage zu stellen, wochen- und monatelang nicht. Denn wenn die Frage ausgesprochen würde, dann wäre alles aus, die Welt würde explodieren - Jenny Diski beschreibt auf unvergleichbare Weise, mit unübertrefflicher Genauigkeit, was in dem Kind damals vorging. Es verfiel wie schon früher in Depression und Wortlosigkeit. Es schwieg, und wenn jemand fragte, was ihm fehle, konnte es nichts anderes als "Nichts" sagen.

Nach einer Weile ging auch das nicht mehr, und das Mädchen fand die Worte, den Mut, und ließ alles heraus, seinen Kummer, seine Ängste. Doris Lessings Reaktion kam völlig unerwartet: Sie antwortete nicht, sie stand auf, sie ging und knallte die Haustür hinter sich zu, was normalerweise verboten war. Jenny blieb wie erstarrt zurück. Doris blieb tagelang fort. Eines Morgens fand Jenny einen Zettel auf dem Küchentisch, auf dem Doris ihr einen Brief geschrieben hatte: Doris beklagte sich bitter über die Erpressung, die Jenny ihr zugemutet habe. Eine solche Erpressung könne sie nicht dulden, Jenny müsse erwachsen werden ....

Jenny blieb und wurde erwachsen und entwickelte sich zu einer der brillantesten Autorinnen im Vereinigten Königreich.

 

 

 

 

Frankfurt, den 5. Januar 2015

Nach drei öffentlichen Lesungen aus meinem Roman im vergangenen Jahr - in Frankfurt, Kassel und Münster(Westf.) - fange ich ein, einen Weg zur Routine zu finden. Noch immer weiß ich aber nicht, welche Stellen meines Romans sich am besten für eine Lesung eignen. Es hängt auch von der Länge der Lesezeit ab, die mir zugestanden wird. Am liebsten würde ich alles vorlesen .....

Was aber nicht im Sinne eines Verkaufsziels wäre .....

Bei der Lesung in Münster konnte ich auch wieder Kollegen näher kennenlernen, die im Geheimsprachenverlag veröffentlichen: Michael Wohlfahrt, der ebenfalls einen Blog führt. Er nannte sein Buch "Heile Welt", es enthält Gedanken über die DDR und ihr Verschwinden, die Verwunderung über Veränderungen, die so niemand erwarten konnte. Michael Wohlfahrt war evangelischer Pfarrer in der DDR.

Über Weihnachten verbrachte ich eine Woche in Paris. Dort feierte ich Familienleben, es war herrlich. Nebenher versuchte ich zu verstehen, wie Frankreich sich politisch sieht, wie sie dort mit den potentiellen 25 % für den Front National umgehen. Was ich fand, waren grundsätzliche Gedanken, so nach alter Art grundsätzlich, wie ich sie hier in Deutschland kaum noch finde. Piketty ist ein Beispiel, das beste, weil er es geschafft hat, in den USA berühmt zu werden. Es kommt mir so vor, als arbeiteten die französischen Intellektuellen unbekümmert weiter an theoretischen Fragen, ohne sich um die neoliberale Kirmes zu scheren. Das geht dort vielleicht leichter als diesseits des Rheins, weil die Universitäten, die Hochschulen, die ganze geistige Infrastruktur weniger von "Reformen", d.h. neoliberaler Zerstörungswut angefressen wird. 

In Deutschland wiederum entdeckte ich den Philosophen Byung-Chul Han, koreanischer Herkunft und schon so lange im Lande, dass er nicht nur vorzügliches Deutsch schreibt, sondern auch die hiesigen Befindlichkeiten begreift. Sie dann doch wieder als Außenstehender beschreiben kann, und das wirkt erfrischend. Ich las sein jüngstes Buch "Psychopolitik", in dem er nachweist, dass die Herrschaftstechnik des Kapitalismus sich seit Marx schon wieder mal verändert hat. Während Foucault sich noch mit "Überwachen und Strafen", mit einer Disziplinargesellschaft befasste, werden heute die Arbeitenden psychologisch so zugerichtet, dass sie sich selbst unter den extremsten Leistungsdruck setzen, und wenn etwas schief geht, den Fehler bei sich suchen. Eine Revolution wird unmöglich, weil niemand mehr da ist, gegen den man sich wenden kann. (Pegida ist dafür ein exzellentes Beispiel: der Gegner ein Phantom.)
Während Piketty noch halbwegs lange Sätze formuliert, nach Art europäische Intellektueller, gibt sich Han, ähnlich wie der Friedenspreisträger Jaron Lanier, mit kleinen Sätzen, mit klaren Aussagen, mit Beschreibungen von Wirklichkeiten zufrieden. Han untersucht die Machtstrategien des Kapitalismus, nicht diesen selbst. Wie schafft das System es, sich die Leute untertan zu machen, mit immer weniger Lohn und wachsender Ungleichheit. Durch Psychopolitik, heißt Hans Antwort. Piketty erkennt immerhin noch historische Entwicklungen der letzten 200 Jahre. Han erklärt: "Dataismus" heiße eine neue Religion, die sich als "zweite Aufklärung" sehe. "Daten sind ein transparentes Medium". Wenn es genug Daten gäbe, würde jede Theorie überflüssig. (Auch Lanier klagte darüber, er sah Verdummung darin.) Transparenz wird angesprebt, jeder Mensch ist sichtbar, messbar - Han sagt: "Zur Ökonomie der Transparenz gehört es, Abweichungen zu unterdrücken."

Ja, das macht mir deutlich, wieso die Konformität heute als besondere Tugend gefeiert wird! SPD-Gabriel schrieb an die Mitglieder: wenn doch 27 EU-Länder für eine Regelung wie die "Investorenschutzklausel" seien, dürfe Deutschland nicht allein dagegen sein. Ob er das  auch in bezug auf die Wahl von Hitler sagen würde? Und weiß er überhaupt, dass man außerhalb von Deutschland klagt, die BRD dränge allen andern ihren Willen auf?

Ihr wisst schon: mit der "Investorenschutzklausel" soll eine eigene Rechtsordnung der internationalen Konzerne die überlieferten Rechtsordnungen ablösen, die dann nur noch für kleinere Delikte zum Einsatz kämen. Große Dinge wie Umweltschutz, Wasser für alle, soziale Absicherungen für jeden, die würden damit aufgehoben, falls sie den Konzernen Nachteile brächten. Und das werden sie auf jeden Fall - die Konzerne stecken das Geld für Schulen, Krankenhäuser etc. lieber den eigenen Managern und den Aktionären in die Tasche, als es für arme Leute auszugeben.

Es könnte einen wahrhaftig ein Schwindel erfassen, wenn man das alles anschaut ...

Aber ich habe mich mit Karl Otto Apel beschäftigt. Das ist ein lebender deutscher Philosoph, der nach der Wahrheit sucht, der "Relativismus" zurückweist, als dem Moment verhaftet. Der "Gerechtigkeit" nicht, wie manche amerikanischen Philosophen, davon abhängig macht, was einer geerbt hat. (Nach Rawls ist es nur "fair", wenn ein Kind reicher Eltern bessere Schulen besucht als das Kind armer Eltern.) Apel betont die "Intersubjektivität", während die "Psychopolitik" fest mit der Individualisierung rechnet (jeder sein eigener Unternehmer). Apel spricht über "Diskurse", also Gespräche zwischen zwei oder mehr Personen, die eine gemeinsame Aussage suchen oder zumindest miteinander sprechen, sich verständigen wollen. Er zitiert Perelman, wonach "es, wenn ich in einen Diskurs eintreten will, nicht genügt, von dem auszugehen, was ich für wahr halte. Ich muss von etwas ausgehen, das alle für wahr halten." Das bedeutet: wenn ich nur von dem ausgehe, was ich für wahr (oder erstrebenswert) halte, muss ich den anderen zwingen - dafür brauchts Herrschaftsinstrumente, Manipulationsmöglichkeiten. Konsumzwang ist eine davon.

So, da dies nun klargestellt, geht es mir wieder besser.

 

 

 

 

 

 

 

Paris, 23. Dezember

Zeit haben. Nachdenken. Träumen. Loswandern, ohne festes Ziel, oder auch mit einem. Zum Beispiel will ich heute noch in die Rue de l'Odéon und dort in einem Schuhgeschäft nachgucken, wo es besonders bequeme Schuhe gibt, ob sie dort noch was in meiner Größe vorrätig haben.

Meine Füße werden nämlich immer empfindlicher, ich muss sie bald versorgen wie Babys, so kommt es mir vor. Früher habe ich sie eher vernachlässigt. Sie waren da, wo ich stand; ich dachte meistens nicht drüber nach. Nur dann, wenn sie weh taten, das kam manchmal vor. Besonders als Kind klagte ich darüber, damals auf der Flucht, die wir zu einem großen Teil zu Fuß bewältigt haben. Natürlich fand man zur Zeit des Kriegsendes auch keine passenden Schuhe für heranwachsende Kinder. Ich ging am liebsten barfuß. 

Die Schuhe sollen ja nicht nur passen, sollen zum Gehen ermutigen, sondern auch noch elegant und gut aussehen!

Paris taugt am besten zum Flanieren. Es bietet immer neue, immer andere Ausblicke, und es steckt voller Geschichte.

A propos Geschichte: vor meiner Abreise aus Frankfurt habe ich noch einen Essay über Jeanne d'Arc geschrieben, genauer: eine Rezension über Ursula Flackes Buch "Jeanne", worin sie eine ganz eigene und sehr überzeugende Darstellung von der "Jungfrau" gibt. Das spukt mir jetzt noch durch die Gedanken, und in  Paris ist das Thema ausnahmsweise nicht verortet. Der Text soll im Rundbrief des Hessischen Schriftstellerverbandes veröffentlicht werden. Anlass war die Verleihung des "Renate-Chotjewitz-Häfner-Preises" an Ursula Flacke im November, wo die Autorin keine Gelegenheit hatte, aus dem Roman was vorzulesen.

Ansonsten kümmer ich mich überwiegend um meine Familie. Das tut wohl. Für Reisende meiner Art bedeutet Familie auch Heimat. Eine, die sich über weite Teile der Welt verzweigt Und,  beispielsweise, auch die Eltern und Geschwister der Frau meines Enkels einbezieht. Genauer gesagt: diese Familie hat mich einbezogen, seit ich letztes Jahr bei ihr zu Besuch war. Nachdem gerade mein Urenkel geboren worden war. Es ist immer ein Geben und Nehmen, auch in den Familien.So werde ich das Weihnachtsessen zusammen mit den Kindern der zweiten Ehefrau meines einstigen Mannes und Vaters meiner Kinder feiern, und wir werden uns angeregt unterhalten! So ar es schon in den vergangenen Jahren. Und Emil, der Pianist, wird uns zeigen, was er in  den letzten Monaten auf der Hamburger Hochschule Neues gelernt hat.

 

 

 

 

Frankfurt, 6. Dezember

Nun sind wirklich viele Tage seit dem letzten Eintrag vergangen. Ich war außerordentlich beschäftigt. Die Schiene bin ich schon seit gut drei Wochen los; allerdings ist die Achillessehne noch nicht vollständig zusammengewachsen und verlangt weiter ein bisschen Schonung. Ich lebe also in einer Art Langsam-Gang. Ist gar nicht unangenehm.

Besonders genossen habe ich die sieben oder gar acht Tage, in denen auf die ein oder andere Weise mein Geburtstag gefeiert wurde: sei es durch explizite Festlichkeiten, sei es durch ungwöhnlichen und freudebringenden Besuch. Da nenne ich nicht nur als erstes meine Töchter - die mir beigestanden sind, ohne die ich das alles überhaupt nicht geschafft hätte - sondern auch meinen Enkel Ben mit  seiner Frau Shlomit, zwei Studenten aus Israel, und ihrem Sohn Hallel. Für Shlomit war es ihr allererster Deutschland-Besuch, und die Freude, das Vergnügen waren umso größer, als es ihr hier gefallen hat, als sie sich wohlgefühlt hat. Alle drei haben sich wohl gefühlt!

Die Literaturgesellschaft Hessen (LIT) begann am Mittwoch mit der "Party", im Café Wiesengrund; dort sprach Maria Regina Kaiser über mein Werk, und Susanne Czuba-Konrad stellte meinen jüngsten Roman vor. Sie äußerte sich ziemlich neutral, was mich ein wenig enttäuschte. Aber sonst war  es  ein wunderbarer Abend, voller Herzenswärme und Freundschaft. Ich ging so reich beschenkt nach Hause, dass ich ein Taxi bestellen musste - eigentlich hatte ich gebeten, keine Geschenke mitzubringen, sondern für die LIT zu spenden.Wahrscheinlich ging beides.

Oder Spenden für Emil. Mein Enkel Emil Reinert, der seit 1. Oktober an der Musikhochschule in Hamburg studiert, gab am Samstag Vormittag ein Konzert für mich (in dem herrlichen kleinen Saal von Frau Gedvilaite, herzlichen Dank!). Er hatte seinen allerersten Lehrer aus Paris mitgebracht, und beide spielten mir zu Ehren Schubert und Mendelssohn; zuietzt ein langes Stück vierhändig gemeinsam. Es war furios!

Am Samstag Abend der Höhepunkt: Ein Festessen bei "Holbein's" (soll ich das ärgerliche Apostroph einfach weglassen? Oder gilt das als oberlehrerhaft?) Das Essen schmeckte allen, denn wer veganisch oder sonstwie einen speziellen Speisezettel pflegte, der bekam, was er brauchte, so dass alle, alle zufrieden waren und es allen wirklich geschmeckt hat. Samt den wunderbaren Weinen. Es gab auch Reden, wie ich es mir gewünscht hatte. Doch herrschte in dem sonst sehr ästhetischen Raum keine gute Akustik für Reden, so dass nicht alle verstehen konnten, was gesagt wurde. Ich aber verstand, und war sehr gerührt.

Es gab am Freitag Abend, am Samstag nach dem Konzert und am Sonntag beim Frühstück noch mal Gelegenheit miteinander zu reden. Ich hatte hauptsächlich Familien-Mitglieder eingeladen, es waren rund 50, und so reichte die Zeit nicht wirklich aus, um mit allen zu reden. Aber wir sahen uns, und in manchen Fällen telefonierten wir nachher oder vorher - es ging ja allen so, dass sie keine Gegelegenheit fanden, sich mit allen zu unterhalten. Man versuchte es wenigstens.

Bis Montag Abend kam ich noch dazu - dann waren erstmal alle wieder weg. Trotz Pilotenstreik.

So hatte ich buchstäblich eine ganze Woche Zeit, mich an mein neues Alter zu gewöhnen, und es wurde schon langweilig, daran zu denken.

Am nächsten Dienstag fahre ich nach Kassel, in die "Kasseler Werkstatt", und stelle dort meinen jüngsten Roman vor, der bekanntlich "Kindertreu" heißt, was ein Neologismus ist, also ein dem Wörterbuch unbekanntes Wort, weswegen es mein Verleger vom "Geheimsprachenverlag" besonders schätzt. Es lockt aber, so mein bisheriger Eindruck, keine Leser an. Offenbar wirkt der Begriff "Kinder" nicht verkaufsfördernd in Deutschland.

Das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Frankfurt, den 3. November 2014

Nun heben sich meine Balkon-Geranien mit ihrem tief leuchtenden Grün gegen die gelb-goldenen Ahornblätter dahinter ab - es ist wirklich Herbst geworden. Die Ringelblumen wiegen sich lächelnd vor dem grauen Himmel. Noch wird es nicht ernst mit dem Winter.

Es passiert jeden Tag was, das hab ich schon öfter gesagt. Und warum erzähle ich nicht jeden Tag? Ja genau - weil eben immer was los ist und ich nicht dazu komme. Bekanntlich lautet mein Motto beim Tagebuchschreiben "spontan und belangbar"; ich schreibe üblicherweise direkt auf die Tagebuchseite, und dennoch weiß ich, dass es eine Veröffentlichung ist und ich wirklich vertreten muss, wass ich da spontan vor mich hinschreibe. Die dafür nötige Konzentration fehlt mir, wenn andere Prioritäten mein Hirn besetzen.

So laufe ich seit fünf Wochen mit einer "Schiene" am Bein herum, ein Plastikstiefel, der an die Schuhe von Skirennfahrern erinnert. Er ist nicht schwer, und ich habe dabei auch keine Schmerzen; doch kann ich nur langsam damit gehen, ich benutze einen Stock fürs Gleichgewicht, und ich humpele auf sehr sichtbare Art. Die "Schiene" hebt meinen linken Fuß fast eine Handbreit über den rechten; manche Leute, so hörte ich, lassen sich deswegen eine dicke Sohle auf den rechten Schuh setzen, um den Höhenunterschied auszugleichen. Mir machten die Verwindungen in der Wirbelsäule zunächst physisch Spaß, es war spürbare Bewegung, fast eine Art von Tanz. Allmählich vergeht das Vergnügen aber. Ob ich am Ende der Woche den Stiefel ablegen kann? Oder erst in zwei Wochen?

Diese "Orthese" verleiht mir in Bus und Bahn und auf der Straße  eine Sichtbarkeit, die mich überraschte. Einerseits springen die Leute auf, um mir einen Sitzplatz anzubieten, andererseits werde ich immer wieder gefragt, was mir denn fehle. Ich antworte inzwischen nur noch "Achillessehne", und damit sind die meisten zufrieden. Komisch: als ich bloß am Stock humpelnd durch die Gegend zog, beachtete mich keiner. Immerhin wollte zwei Monate lang auch kein Arzt mein geschwollenes Bein ernst nehmen, und so erhielt ich die Diagnose erst sehr spät. Zu spät für eine spontane Operation. Immerhin riss mich die Diagnose aus der Traurigkeit über die unerklärliche Einschränkung meiner Beweglichkeit heraus und schenkte mir neue Perspektiven: ein Sehnenriss kann heilen!

So nebenher kümmere ich mich um Lesungen mit meinem Roman "Kindertreu" (die nächste ist morgen um 16 Uhr im Riedhof) und überwache die Vorbereitungen für meinen Geburtstag.

Ich werde Ende des Monats 80 Jahre alt und habe mir gedacht: noch einmal ein großes Fest, damit verabschiede ich mich. Wer mir danach noch ein Fest ausrichten will, ist willkommen, aber ich selbst möchte nicht mehr dafür veratnwortlich sein.

Vorläufig habe ich auch meine Arbeit mit meinem Lesepatenkind eingestellt; es fand sich jemand, der sie übernommen hat. Insgesamt hatte ich mir wohl zuviel aufgebürdet. Gleichzeitig kommen ständig neue Ansprüche auf mich zu, oder ich schaffe sie mir. Wie diesen Kongress über Mehrsprachigkeit, den ich bei der LIT anregen möchte, wobei es mir um "mehrsprachige Menschen" geht und nicht um ein abstraktes Konzept von Mehrsprachigkeit, das nach meinem Empfinden überhaupt nichts mit einem Subjekt zu tun hat und nicht einmal als Anstoß zur Herstellung von Lehrplänen taugt. Lehrpläne gehen im Allgemeinen von Einsprachigkeit aus.

Soweit für heute!

 

 


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