DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 26. März

Er hat gewonnen!

Auf der Wahlparty gestern abend waren die Leute richtig aus dem Häuschen. Die Wahlparty fand im "Haus am Dom" statt, im Restaurant "Cucina delle Grazie", und man konnte so richtig laut werden, im Schatten des Domes, neben den römischen Ruinen und der großen Baustelle, auf der an einem neuen Römerplatz mit mittelalterlichen Gebäuden gepuzzelt wird. Der Weg vom Dom zum Rathaus war grad so lang wie früher für den neuen Kaiser, der, frisch gekrönt, vom Dom zum Rathaus spazierte, um im "Kaisersaal" das Festessen einzunehmen.

Von Festessen allerdings war gestern abend keine Spur. Alkoholfreie Getränke standen auf den Tischen zur Selbstbedienung, Bier und anderes musste man bezahlen. Die Party hat sicher noch lange gedauert. Ich bekam Gelegenheit, dem Peter Feldmann persönlich zu gratulieren, schließlich war ich eine seiner ersten Anhängerinnen. Wenn ich noch an das Treffen in meinem Wohnzimmer denke, Anfang Dezember, wohin ich ca. 50 Parteigenossen einlud, und genau drei kamen! Es war ein schöner Nachmittag, weil wir uns in Ruhe mit dem Kandidaten unterhalten konnten. Ab Juli wird er sein Amt übernehmen und anderen Verpflichtungen nachgehen.

Die Oberbürgermeister von Frankfurt besitzen ein gewisses politisches Gewicht im Land, sogar in der Republik. Gewiss muss jeder auch damit umzugehen lernen, um zum Wohle der Stadt was draus zu machen.

Ich bin überzeugt, dass Peter Feldmann etwas bewegen wird, auch wenn er es mit der (bislang, im Wahlfieber) feindseligen Mehrheit im Stadtparlament nicht leicht haben wird.

 

 

 

Frankfurt, 25. März

Heute findet die Stichwahl für den künftigen Oberbürgermeister statt. Wird es nun Peter Feldmann oder Boris Rhein?

Beide Parteien waren in ihren Meinungen gespalten, keine gab ihrem Kandidaten während der Wahlkampagne uneingeschränkten Rückhalt. Alle waren sich einig, das die ausscheidende Bürgermeisterin Petra Roth doch die beste war.

Vorgestern erlebte ich mit, wie der Landeschef der hessischen SPD, neben Feldmann stehend, diesen öffentlich dafür beglückwünschte, dass er es überhaupt bis zur Stichwahl geschafft hatte. Er habe ihm das nicht zugetraut, oder so ähnlich argumentierte er. Zauberhafte Wahlunterstützung!

Der Landesvorsitzende selbst war seinerzeit als Verlegenheitslösung ausgesucht worden, nachdem seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti, von vier Genossen im Stich gelassen, nicht zur hessischen Ministerpräsidentin gewählt worden war und Neuwahlen ausgerufen werden mussten. Die verlor die SPD massiv, mit dem neuen Vorsitzenden an der Spitze.

In Wirklichkeit stehen sich auch heute bei der Oberbürgermeister-Wahl nicht zwei Parteien gegenüber, sondern das Volk und das Kapital, letzteres repräsentiert durch den Flughafen, der einen Ausbau ohne Rücksicht auf Wohngebiete befürwortet.

Lärm oder nicht-Lärm, kurz gefasst. Wobei zu Nicht-Lärm natürlich alle brennenden sozialen Fragen gehören: Ausbildung von genügend KindergärtnerInnen und ErzieherInnen, ausreichende Bezahlung der Geringlöhner im Dienst der Stadt, Bau von Sozialwohnungen und so weiter. Nicht, dass Feldmann als Oberbürgermeister diese Dinge sofort umsetzen könnte. Aber es bestehen doch Chancen, längerfristig. Bei Rhein nicht.

 

 

Frankfurt, 16. März

Jetzt sind eine dritte und eine vierte Blüte meiner Orchidee aufgegangen. Wie sie sich auf ihrem engen Stengel ihren Platz schaffen!

Gestern abend trafen sich die zwei Oberbürgermeister-Kandidaten (Stichwahl am 25. März) zu einem letzten Rededuell in der Eingangshalle der "Frankfurter Rundschau". Zwei tüchtige Journalisten begleiteten das Gespräch, das ihnen momentweise tatsächlich trotz ihrer Tüchtigkeit entglitt: plötzlich redeten die Kandidaten miteinander! Ein richtiger Streit!

In meiner Sicht repräsentieren die beiden Kandidaten die zwei hauptsächlichen Politik-Optionen unserer Zeit: den profitorientierten Kapitalismus auf der einen Seite, soziale Gerechtigkeit auf der anderen. Dass Soziales ohne eine gut laufende Wirtschaft nicht möglich ist, wussten schon die Gründer der Bundesrepublik: sie sprachen damals von einer sozialen Martkwirtschaft. Der CDU-Kandidat vertritt sie aber offensichtlich nicht - die Partei hätte wirklich einen anderen Kandidaten ernennen müssen, um glaubwürdig zu wirken. Frau Roth thront momentan in der Stadt auf Plakaten, von denen sie mit dornröschenhaftem Charme herab verkündet: "Ich wähle Boris Rhein." Das wussten wir schon, sie hat ihn ja vorgeschlagen, als sie ihren Rücktritt bekannt gab. Mich hat schon der Gedanke gestreift, dass Roth sich mit dieser Entscheidung - die gewiss im Sinne der CDU-geführten Landesregierung in Wiesbaden getroffen wurde - eine heimliche Rache für alle Intrigen nimmt, die sie in ihren langen Amtsjahren hat abwehren müssen .... Eine reine Fantasie von mir ....

Feldmann erwies sich als schlagfertiger als sein Gegner, er brachte das Publikum mehrmals zum Lachen. Gleichzeitig ließ er seinen Gegner als weniger bewandert erscheinen, in der Stadtpolitik und -geschichte kannte jener sich nicht so gut aus. Während Rhein eindeutig auf Widersprüchen in der Angelegenheit der neuen Landebahn ertappt wurde, blieb Feldmann dabei, dass er nichts verspreche, das er vermutlich nicht einhalten könne, nämlich, der Maximalforderung der Flughafenausbaugegner nach völliger Schließung der neuen Landebahn nachzukommen.

Aber auch die "Ausbaugegner" sind nicht, wie die CDU-Leute gern behaupten, gegen den Flughafen. Sondern gegen den jetzt getätigten Ausbau. Er belastet einfach zu viele Menschen durch unmenschlichen Lärm. Die Flughafenbesitzer schicken ihre Angestellten auf Demos "Pro-Flughafen"! Sie manipulieren Diskussionen bei einer jüngst organisierten Fernseh-Sendung am hessischen Rundkfunk, wo von acht Diskutanten nur zwei die Interessen der Geschädigten vertraten. Wo angeblicher "Musiklärm" mithilfe eines Keybords gemessen wurde, das man doch beliebig auf laut und leise stellen kann, das dann 92 Dezibel ergab! Kurzum, der Flughafen vertritt mit allen Mitteln des Geldes - das Kapital.

Ob "die Menschen" dagegen ankommen werden?

 

 

Frankfurt, 15. März

Heute soll die Temperatur bis 16 oder sogar 20° steigen! Wird aber auch höchste Zeit.

Ich werfe nichts weg, wenn es irgend geht. Kein Essen, keine Pflanzen. Beim Essen muss man dann schon genau hingucken, ob es noch gut ist. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend gelernt, wie man das macht. Wenn etwas schimmelig geworden ist, muss es weggeworfen werden, weil die giftigen Sporen noch weit unterhalb des Schimmelpelzes in die Materie hineinreichen, man sieht sie nicht.

Eine Zeitlang habe ich auch grünen Salat nach einer Woche weggeworfen, obwohl er noch vollkommen frisch aussah. Früher hielt sich kein grüner Salat länger als drei, vier Tage - höchstens. Jetzt hält er sich sechs oder acht Wochen lang. So dass ich überhaupt nur noch selten grünen Salat kaufe. Er wird behandelt, ich weiß nicht wie. Es fehlt mir Vertrauen. Wieso wundert sich sonst niemand darüber?

Käse verdirbt eigentlich nie, er schmeckt nur nicht mehr so gut. Schimmeligen Quark dagegen werfe ich weg.

Bei Äpfeln unterscheide ich zwischen Druckstellen - die schneide ich ab, weil sie meistens nicht gut schmecken - und Fäulnis. Faule Äpfel sind giftig, jedoch gut für den Kompost. (Heute heißt das: Biotonne.) Dieser Unterschied zwischen Welken - Druckstelle - Fäulnis - Rotte! Auf dem Komposthaufen verfaulen die Dinge nicht, sondern sie verrotten und verwandeln sich allmählich in schwarze Erde. Immer wieder ein Wunder.

Reste esse ich am nächsten Tag, ich verarbeite sie irgendwie oder ich friere sie ein.

Vor längerer Zeit kaufte ich eine Orchidee. Sie blühte und blühte, bis die Blüten schließlich alle abgefallen waren. Ich warf die Pflanze nicht weg, stellte sie in irgendeine Ecke (im Badezimmer vor dem Fenster zwischen andere Pflanzen) und sagte mir von Zeit zu Zeit: warum wirfst du die nicht weg, wie andere Leute das machen? Bis ich plötzlich vor vier Tagen entdeckte, dass sie einen neuen Blütenzweig ausgetrieben hatte. Eine Blüte war schon offen, und nun erlebe ich tagtäglich mit, wie sich eine zweite öffnete, wie eine dritte Knospe sich zum Öffnen vorbereitet. Es ist eine helle Freude. Diesmal ist es keine in einem Großraumladen billig erstandene Pflanze mehr, sondern MEINE Orchidee, weiß und innen rot und ein bisschen braun, in ihrem Schmelz und ihrer unvergleichlichen Zartheit.

Ja, sowas macht mir mehr Freude als neu Gekauftes.

Frankfurt, 14. März 2012

Muepus Buch ist erschienen! Große Freude.

Was ist das denn für ein Buch, wird mancher fragen.

Ich habe es in der Vergangenheit immer mal wieder erwähnt; wir arbeiteten seit 2007 daran. Ich fungierte als "Herausgeberin". Nun also, am 6. März, hielt ich mein erstes Exemplar in den Händen.

Ich will nicht verhehlen, dass mein anfängliches Gefühl in Richtung Enttäuschung ging. Ästhetisch gefiel mir der Buchdeckel nicht, weil die Zeichnung anscheinend nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat. Ich hatte aber keinerlei Mitspracherecht dabei. Um den Titel, einen anderen Titel, hatte ich hingegen gekämpft, vergebens. Der jetzige Titel hat auch nichts mit dem Inhalt zu tun, klingt aber gut. Viele haben mir schon Komplimente zu dem Titel gemacht, anscheinend weckt er Neugier auf das Buch, und das soll ein guter Titel ja auch.

Das Buch heißt: "Sisyphos im Lärm der Stille", ist eine Anthologie aus Werken von Muepu Muamba auf Deutsch und wird durch einem unveröffentlichten Brief von Patrice Nganang eröffnet.

Muepu Muamba stammt aus Kongo, er schreibt Französisch, ein wunderbar feines und unvergleichliches Französisch. Seine Übereinstimmung von Sprache und Inhalt und die Einzigartigkeit des aus diesem Zusammenklang entstehenden Ganzen hatten mich verlockt, das Angebot der Herausgeberschaft anzunehmen. Mein Ziel war, die Übersetzung möglichst nahe an das Original heran zu bringen; ich wollte also übersetzen und auswählen, so dass ich mein Bild von diesem Dichter der deutschen Öffentlichkeit vorstellen könnte.

Im Konkreten habe ich nur etwa die Hälfte der in der Anthologie enthaltenen Gedichte übersetzt, für die andere Hälfte musste ich Fassungen übernehmen, die schon mal an anderer Stelle veröffentlicht worden waren. Auch auf meine "Hintergrundbetrachtungen" musste ich um des Friedens willen verzichten. Wir waren zu dritt, mit dem Verleger zu viert. Da braucht man Kompromissbereitschaft. Auch hatten wir kein Geld; dem Verleger gelang es nicht, irgendwo eine Förderung aufzutreiben. So musste alles so billig wie möglich produziert werden.

Das Gute daran: das Buch existiert! Und noch besser: es ist sehr, sehr lesenswert! Es bietet etwas ganz und gar Ungewöhnliches, etwas in Deutschland ganz wenig Vorhandenes:

AFRIKA AUS AFRIKANISCHER SICHT.

Also schnell bestellen:

"Sisyphos im Lärm der Stille", Anthologie von Muepu Muamba, erschienen im Draupadi-Verlag, Heidelberg; 16 €.

Frankfurt, 8. März

Ein paar Gedanken über Martin Lüdkes „Bausteine zu einer persönlichen Literaturgeschichte“:

 

In der „Historischen Villa Metzler“ am Mainufer in Frankfurt präsentiert das Kulturamt allmonatlich einen Literaten mit seinem jüngsten Werk. Die Autoren sind renommiert und besitzen eine besondere Beziehung zu Frankfurt. Das Biedermeier-Ambiente lockt zahlreiche gebildete Bürger an, die Darbietungen lohnen meistens das Kommen.

Im Januar 2012 war Martin Lüdke angekündigt, ein Literaturkritiker zwischen Mainz und Frankfurt, im Fernsehen und an vielen anderen Orten präsent. Er wolle sich vom „Kanon“-Denken lösen; er wolle „Bausteine zu einer persönlichen Literaturgeschichte“ vorstellen: „Meine Moderne“ nannte er sie.

Das „Kanon-Gerede“ von Reich-Ranitzky abwärts hatte mich eh schon irritiert. Auch wenn mir Martin Lüdke manchmal wie ein Hans-Dampf auf allen Gassen erscheint, so besitzt er doch umfassende Kenntnisse; meine Neugier trieb mich, ihn anzuhören.

Leider wurde ich an jenem Abend anderweitig aufgehalten. So blieb mir nur der Anruf beim Buchhändler. Ich bekam ein elegantes, schmales Bändchen von 62 Seiten, das von neun Autoren der Moderne und von Lüdke selbst (Jahrgang 1943) handelte. In seinem „Vorwort“ legt er die Veränderungen des öffentlichen Bildes von der modernen Literatur staunend und auch mit Trauer dar: Heutzutage sei der Blick „auf das gerichtet, was kommen wird. Im gleichen Maße fällt das Alte, was vergangen ist, ‚hinten’ runter.“

Immerhin hat er mit dem Vorwort zu seiner „persönlichen Literaturgeschichte“ das Lamento über diesen Aspekt des Alterns hinter sich gebracht – denn was anderes bedeutet es, wenn die Autoren meiner Jugend heute nichts mehr zu sagen haben? Lüdke tut das einzig richtige, er guckt nach, wie die heißen, bei denen eine Re-Lektüre sich noch lohnt, nachdem in den Achtzigern „Heißenbüttel, unbestrittener Cheftheoretiker einer experimentell-avantgardistischen Literatur.....fröhlich zur Feier einer neuen Beliebigkeit“ aufgerufen hatte. Lüdkes Moderne siedelt sich in den zwei Jahrzehnten von seinen eigenen „ersten Schreibversuchen bis hin zum ..... Zerfall der Moderne“ an.

Er brauchte weitere zwanzig Jahre, um sich dieser Entwicklung bewusst zu werden, um die „Beliebigkeit“ von anderen Literaturtheorien abzugrenzen und um herauszufinden, wie er die, die dann übrigbleiben, mit sich und untereinander verknüpft, und den Entschluss zu fassen, der Literatur Bedeutsamkeit zuzuschreiben, wider alle Chefideologen.

Wem öffnet nun Lüdke die Tür zu seinem Olymp der Weltliteratur? Er beginnt mit Vladimir Nabokov, es folgt Hans Magnus Enzensberger. Danach kommen Samuel Beckett, Nazim Hikmet, Francis Ponge. Schließlich greift er Fernando Pessoa, William Faulkner und Claude Simon heraus. Um mit Thomas Bernhard zu schließen. Steckt nun seinerseits ein Programm dahinter?

Ist Literatur Gedächtnis? Wessen Gedächtnis? Führt sie einen Dialog mit dem Gedächtnis ihrer Leser? Ihrer Leserinnen? Nabokov erscheint mir als typisch für ein Männergedächtnis mit seiner Lolita. Ich selbst würde mit Enzensberger anfangen. Er deutete am Anfang der Sechziger meine bundesrepublikanische Welt (West), ich musste seine Gedichte immer wieder lesen, er schenkte mir kostbare Hinweise auf das, was ich sah und erlebte. Beim Gedicht „Landessprache“ verharrte ich lange: „Was habe ich hier verloren/in diesem Land/dahin mich gebracht haben/meine älteren/durch Arglosigkeit“. Es war Enzensberger, der mir am genauesten mein Leben zur Sprache brachte, später wieder mit „Ach, Europa“.

Sein von Lüdke hoch gepriesenes „Museum der modernen Poesie“ bemerkte ich dagegen gar nicht. Ich lebte 1960 schon im Ausland und verlor die innerdeutschen Entwicklungen aus den Augen. Ich las Französisch, ich lebte in einem Karussell der Sprachen, ich war nicht auf Übersetzungen angewiesen. Ich las Proust, ich entdeckte Queneau, René de Obaldia, Perec. Eine Übersetzung brauchte ich hingegen für Joyce, denn Joyce konnte ich im Original nicht verstehen. Auch für die Russen brauchte ich sie: von Dostojewski bis Solschenizyn. Die Italiener von Grazia Deledda bis Moravia durfte ich wiederum im Original entdecken.

Sie alle kommen bei Lüdke nicht vor, übrigens auch die Juden nicht und die Frauen schon gar nicht. Ich lebe nun seit zwanzig Jahren wieder in Deutschland und unterzog mich seither tausend Mühen, um zu verstehen, was hier in der Zwischenzeit geschehen ist, wie die Leute „ticken“, nachzufühlen, was sie im Innersten bewegt, wenn sie über Gernhards Witze lachen und mich draußen stehn lassen. Lüdkes Buch könnte ich die tausendundeinste Mühe auf diesem Weg nennen. Er zeichnet die Entwicklung eines bundesrepublikanischen (West) Jungen auf höchstem Niveau nach. Ein Junge, der noch im Alter für seine jugendliche Weltsicht kämpft. Der Versuch ist insofern gelungen, als ich (zum Beispiel ich) mit seiner Auseinandersetzung meinen eigenen Weg vergleichen und damit ein wenig klären kann: woher komm ich? Wohin geh ich? Was bedeutet das?

Das Leben zur Sprache bringen.

Enzensberger tut dies unerschütterlich bis heute. Rose Ausländer tat es in ihren Gedichten. Edgar Hilsenrath erzählte immer wieder von der Liebe an Orten, wo sie keiner erwartete. Handke schreibt in einer untergründigen Sprache, deren vielfache Bedeutung (mir) die Texte erst verraten, wenn ich sie auswendig gelernt habe. Nico Helminger – ein Luxemburger Dichter – zieht mich mit seinen Gedichten immer wieder in die Arme des fast Unsagbaren. In Sagans „Bonjour Tristesse“ fand ich damals, 1955, etwas, das mir bis dahin unbekannt gewesen war.

Darf ich auch Brecht nennen? Wir haben ihn in der Schule nicht gehabt. Ich lernte auch ihn erst in den Sechzigern kennen, als Zeitgenosse von Enzensberger und Sagan sozusagen. Lüdke weist auf solche Ungleichzeitigkeiten ebenfalls hin. „Meine Moderne“ ist ein lesenswertes Buch, auch, weil es Widerspruch weckt.

 

„Meine Moderne“, Essay von Martin Lüdke; Verlag Das Wunderhorn; 2011

 

 

 

 

 

Frankfurt, 28. Februar

Ein Tag Sonnenschein, ein Tag grauer Himmel. Heute ist es wieder düster.

Der Wahlkampf in Frankfurt geht weiter. Am heftigsten tobt der Streit über den Fluglärm - alle diejenigen, die seit dem Herbst neu davon betroffen sind, verlangen die Schließung der neuen Landebahn. Alle, die nicht betroffen sind, schütteln entschieden den Kopf: die hat Milliarden gekostet, die kriegt man nicht mehr weg! Vom Kandidaten Rhein erwartet keiner, dass er drauf eingeht - er verspricht höchstens eine Verlängerung der Nachtruhe auf die Zeit von 22 bis 6 Uhr. Die verspricht Peter Feldmann schon lange. Darüber hinaus kann er aber nichts versprechen, da er, auch wenn er Oberbürgermeister wird, zunächst gar nicht die Macht hätte, um dieses Versprechen einzuhalten. Frau Heilig von den Grünen verspricht munter die Schließung der neuen Landebahn, obwohl ihre Partei bislang die Landebahn unterstützt hat und mit einem Koalitionsvertrag an die CDU und den Flughafen gebunden ist. Sie wird sowieso nicht Bürgermeisterin, also kann sie bequem alles versprechen.

Peter Feldmann zu wählen, ist die einzige Alternative, durch die evt. längerfristig etwas geändert werden kann. Denn Boris Rhein wird und will auch gar nichts ändern, d.h. er will weitermachen oder alles schlimmer werden lassen, im Sinne der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich.

Neulich erzählte jemand, im SPIEGEL habe gestanden, dass der einstige Bundesfinanzminister Waigel zu seiner Amtszeit vielleicht von den Griechen bestochen worden sei, um seinen öffentlich geäußerten Widerstand gegen die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone aufzugeben. Anscheinend hat er den Widerstand aufgegeben, und den Spiegel scheint er auch nicht dementiert zu haben. Vielleicht ist aber alles nur ein Missverständnis und spiegelt bloß die Wut der Leute darüber, dass die griechische Betrügerei nicht erkannt worden ist, d.h. dass WIR uns seinerzeit von den Griechen haben "über den Tisch ziehen lassen" - das NAGT am Selbstbewusstsein und hilft überhaupt nicht.

Von anderer Seite hörte ich was über die Fachhochschule Frankfurt: die dortigen Studenten hören "Ästhetik" auf Englisch, von einer Dame aus London; versteht Ihr genug Englisch? wurden sie gefragt; nein, sie verstünden nichts, doch würde, so sei ihnen versichert worden, ihre Anwesenheit bei der Vorlesung genügen, damit sie ihren "Schein" bekommen. Wen kümmert schon Ästhetik? Wird wohl bald eine Geheimwissenschaft werden.

Nur nicht aufgeben. Ich habe die Öffentliche Aktion gegen die Streichung von Kultursendungen beim Westdeutschen Rundfunk auch mit unterschrieben. Die Adresse ist unter dem Stichwort "Radiorettung" zu finden. Beim Hessischen Rundfunk sind die Kultursendungen schon lange gestrichen, bzw. auf Popniveau gesunken, das hat Koch schon vor zehn Jahren zuwege gebracht.

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, 21. Februar

Seit ein paar Tagen ist der Frost gebrochen, und sofort riecht es nach Frühling. Es scheint sogar öfter die Sonne, und die Rosenmontagsbesucher - gestern war Rosenmontag, und manche TV-Sender zeigten fast nichts anderes als die diversen Rosenmontagszüge der Republik! - also die Karnevalisten allüberall fühlten sich wegen des schönen Wetters von besonderer Gnade umgeben. Und der Fasching, er ist doch kein leerer Wahn ....

Angeregt von unserer Lesung in der Klosterpresse, schreibe ich jetzt behutsam an meinem Roman weiter. Das heißt, ich finde nun wieder den Mut dazu, die Kraft. Es ist seltsam, welche Art von Kraft hier gebraucht wird: die Konzentration auf die Situationen, in denen sich die Personen der Handlung befinden, oder in die sie geraten, aus denen sie sich befreien oder auch nicht - wobei die einzigen Bausteine des filigranen Werks aus Worten bestehen. Ein verkehrtes Wort, und schon droht der Einsturz. Das meine ich mit "Behutsamkeit". Vielleicht gelingt es mir, die Geschichte vor Jahresende abzuschließen, oder schon früher. Das hängt auch davon ab, ob ich noch mal Recherchereisen unternehmen muss. So möchte die elfjährige Tochter meiner Hauptperson gern im Sommer mit ihrer Mutter nach Bordeaux fahren. Werde ich also eine eigene Bordeaux-Reise voranschicken müssen, um diese schillernde Stadt mit den Augen einer Elfjährigenzu betrachten? Oder reicht meine eigene Vorstellungskraft, reichen meine Erinnerungen an 2010 dafür aus?

Vorerst muss ich mich auf eine weitere Lesung am 11. März in Mörfelden vorbereiten. Ich lese dort gemeinsam mit zwei anderen Frauen beim "Dichterfrühstück". Die Büchereileiterin gab den Titel "Textvariationen" vor; ich lese Gedichte und einen Prosatext zum Thema "Freundschaft".

Sodann werde ich am 22. April Muepus Anthologie vorstellen, die im März aus der Druckerei kommen soll. Der Verleger hat ihr den Titel "Sisyphos im Lärm der Stille" gegeben. (Ich hatte eine Gedichtzeile als Titel vorgeschlagen: "Diktierte der Morgentau mir den Takt" - vermutlich dient des Verlegers Wahl aber besser dem Verkauf des Buches).

Hamidul Khan veranstaltet an jenem Wochenende im April eine "Immigrations-Buchmesse" im Nordwestzentrum in Frankfurt. In dem Zusammenhang werden wir passenderweise Muepus Buch zum erstenmal der Öffentlichkeit zeigen. Wir haben über vier Jahre daran gearbeitet! Das einzige Bedauern in diesem Zusammenhang gilt der Tatsache, dass es das Buch nur auf Deutsch, nicht auf Französisch gibt. Vielleicht findet sich ein französischer Agent, wenn er das deutsche Exemplar mal in die Hände gekriegt hat?

 

 

 

 

 

Frankfurt, 20. Februar

Gestern war ich im Kino.

Im Februar und März zeigt ein Kino an der Hauptwache jeden Sonntag um 11 Uhr den 3D-Film „Pina“ über das Lebenswerk von Pina Bausch, ihr Tanztheater in Wuppertal. Wim Wenders hat ihn gedreht. Der Film war so schön, dass ich schon darüber nachdenke, ihn mir nochmal anzugucken. Ob ich jemanden finde, der mitkommt?

Der Film wechselt zwischen Bühnenszenen, Gesprächen mit einzelnen Tänzern und verschiedenen Orten: neben der Theaterbühne die Schwebebahn, ein Grubenstollen, ein Riesensteinbruch oder diverse Straßenkreuzungen in Wuppertal. Alle Bilder sind schön, so wie es sich für Wim Wenders gehört. Auch der Tod von Pina Bausch, der alle Beteiligten während der Dreharbeiten überraschte, wird einbezogen. Die Trauer spielt mit; doch in der Erinnerung tritt die Freude in den Vordergrund, die Freude der Tänzer und Tänzerinnen, ihr Staunen über das Erlebte.

Der 3D-Effekt hebt das Besondere der Arbeit von Pina Bausch auch in dem Sinn hervor, in dem eine Tänzerin von ihren Erfahrungen sprach: für Pina Bausch zu arbeiten, bedeutete, über das einfache Menschsein hinauszugreifen. Ich fand es angenehm, mich im selben Raum zu befinden. Jedoch fiel mir nachträglich auf, dass mein Körper die Bewegungen nicht in der gleichen Weise spiegelte, wie ich es sonst mit Tanzfilmen, mit Ballettvorführungen erlebt habe. Ich hatte nicht das Gefühl, selbst getanzt zu haben. Speicherten sich die Erinnerungen an den Film in einem anderen Teil meines Gehirns als sonst?

Ob das anderen auch so ging? Ob es anders wäre, wenn ich selbst in Wuppertal ins Theater ginge? Warum tue ich das nicht mal einfach?

Es gingen mir gestern noch mehr Gedanken durch den Kopf: zum Beispiel der, dass die einzelnen Tänzer und Tänzerinnen der Tanztheater-Gruppe jede Anwandlung von Konkurrenzdenken offenbar überwunden hatten. Vielleicht hatte das mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zu tun, die ebenso selbstverständlich war wie die liebevolle Zusammenarbeit. Es war die Zusammengehörigkeit von Menschen, die gleichzeitig die volle Verantwortung für sich selber trugen, mit Selbstbewusstsein trugen, die den Zuschauern dieses Gefühl von Leichtigkeit vermittelte.

Pina Bausch selber kam als Tänzerin und in den Erzählungen ihrer Truppe vor: "Seit zwanzig Jahren unter Pinas Beobachtung," sagten wenigstens zwei Tänzerinnen und führten darauf ihr eigenes Können zurück. Pina Bausch redete wenig, urteilte fast überhaupt nicht oder höchstens mit Sätzen wie: du musst weitersuchen. Einem Tänzer sagte sie: "Ich muss Angst vor dir haben."

Das Filmtheater war alles andere als überfüllt - vielleicht zu einem Viertel besetzt. Ich wünschte mir, alle Menschen würden diesen Film anschauen gehen.

 

 

 

Frankfurt, 18. Februar

Stiftung Lesen

Sehr geehrte Frau K.,
am 8. Februar habe ich vereinbarungsgemäß bei IKEA in Frankfurt- Niedereschbach gelesen. Ich kam mit 10 Minuten Verspätung an, weil ich für meine Hinfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln eineinviertel Stunden brauchte, und ich hatte nur mit einer Stunde gerechnet.
Ohnehin wartete nur die Mitarbeiterin von Ikea auf mich, keine Kinder. Die aßen und spielten in dem weiträumigen Restaurant, in das ich geführt wurde. Mitten im Saal war eine Ecke mit Sofas und bunten Kissen eingerichtet. Die drei angekündigten Bücher lagen auf dem Tisch. Ich bekam ein Mikrofon. Mit dessen Hilfe rief ich die Kinder einige Male auf, herzukommen, und tatsächlich kamen auch ein paar. Ich begann zu lesen. Praktisch las ich aus allen drei Büchern; das eine Bilderbuch zweimal, das zweite einmal und aus dem Lindgren-Band mit Erzählungen eine Erzählung. Es waren immer ein paar Kinder um mich; aber ich glaube, draußen im Saal hörten noch mehr zu. Die Kinder waren etwa zwischen 4 und 6 Jahre alt.
Ich las bis 17, 30 Uhr. Ich brauchte nichts zu unterschreiben. Durch den Dauerlärmpegel, den ich mit dem Mikro gut überspielen konnte, entstand doch einige Ermüdung.
Es war eine interessante Erfahrung. Ich hoffe, dass die Stiftung Lesen Nutzen davon hat.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Höhfeld

Vom OB-Wahlkampf

Am letzten Mittwoch trafen sich beim DGB in der Leuschnerstraße fünf der Oberbürgermeisterkandidaten für Frankfurt zu einer Podiumsdiskussion. Schon eine halbe Stunde vor Beginn strömten die Zuhörer massenweise in den Saal, wo man offenbar nicht mit soviel Zuspruch gerechnet hatte. Es standen lange Tischreihen im Raum, und grade als ich kam, öffnete man die Schiebewand, so dass der Saal noch mal um die Hälfte verlängert wurde. Der Platz reichte zum Schluss noch immer nicht; niemand kam auf die Idee, die Tische einfach  zusammenzuklappen und nur Stuhlreihen aufzustellen.

Soviel zur Reaktionsgeschwindigkeit des Personals im Gewerkschaftshaus.

Eine öffentliche Gegenüberstellung der beiden Kandidaten von SPD und CDU also. Gleich spürte man an den Reaktionen des Publikums, dass Anhänger von allen fünf Kandidaten zugegen waren und sich bemerkbar machten. Nahezu einstimmig aber wurden die Reden von Herrn Rhein (CDU) kommentiert: als verdrehende und verächtliche Behauptungen ausgebuht. So sagte Herr Rhein z.B.: es käme ihm hier so vor, als bestünde in Frankfurt eine "Wohnungsnot", wo man doch höchstens von einer "angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt" sprechen könne. Dass die Marktmieten für Niedrigverdiener unerschwinglich sind, war ihm keine Bemerkung wert. Statt dessen, so wurde ihm vorgehalten, wolle seine Regierung (er ist z.Zt. Innenminister im Land Hessen)  noch einen Teil  der vorhandenen Sozialwohnungen frei verkaufen! Er wandte ein, dass dies noch keine beschlossene Sache sei ... und so fort.

Peter Feldmann stand sehr gut da, erhielt viel Beifall. Nur beim letzten Punkt der Diskussion fiel er ab: dieser handelte vom Fluglärm. Im Saal befanden sich eine Menge Leute, die den Ruf "Die Bahn muss weg" skandierten, d.h. sie verlangten, dass die im September neu eröffnete Landebahn des Frankfurter Flughafens wieder geschlossen werde. Der Lärm über ihren Dächern erweist sich als unerträglich. Peter Feldmann kann das verstehen, doch vermag er dem Standpunkt eines Rückbaus der Landebahn nicht zuzustimmen, weil er nicht der Standpunkt der Partei ist, weil die Partei den Bau seinerzeit gebilligt hat - wenn auch unter Bedingungen, gegen die jetzt verstoßen wird. Statt aber eben dies klar zu sagen, kam er auf einen anderen Punkt seines Programms - Bekämpfung der Kinderarmut. So wichtig dieser Punkt, so unangemessen tauchte er an dieser Stelle auf. Schade. Freilich wirkte alles übrige noch immer zu seinen Gunsten, die Sympathie blieb ihm, das war meine Eindruck, erhalten.

Die besten Erklärungen, solche, denen man uneingeschränkt folgen konnte, stammten von der Vertreterin der Linken und dem Piraten. Das kommt ja öfter vor. Das Dumme ist, dass auch sie, würden sie Oberbürgermeister, nicht mehr zu ihren Erklärungen stehen könnten. Weil die Stadt selbst Miteigentümerin des Flughafens ist und Verträge unterschrieben hat. Feldmann versprach, dass er sich nachhaltig für eine Nachtruhe - also Flugverbot - von 22 bis 6 Uhr einsetzen werde. Gegenwärtig besteht eine durchlöcherte Nachtruhe zwischen 23 und 5 Uhr. Wenns nach der Regierung geht, soll diese noch stärker durchlöchert werden.

Für mich war die Kundgebung ein großes Erlebnis. Das Publikum gewann sehr rasch ein solches Eigengewicht, wie ich es noch nie erlebt hatte. Es reagierte gescheit, schnell, entschieden; es war nicht gegen die Person von Herrn Rhein, sondern gegen das, was er sagte. Manche waren sehr laut, aber alle hörten genau zu. Die Veranstaltung dauerte zwei Stunden. Sie wurde glänzend vom Chefredakteur der Frankfurter Rundschau moderiert.

 

Frankfurt, 14. Februar

Hui, schon wieder mehr als zwei Wochen vergangen! Das liegt daran, dass zu viel passiert. Da bleibt das Besinnliche auf der Strecke.

Am aufregendsten war unsere Lesung am letzten Samstag: Siggi Liersch aus Mörfelden-Walldorf und ich traten mit Texten in der "Klosterpresse" auf, die wir unter den Titel "Versuche, das rechtslastige Erbe abzuschütteln" gesetzt hatten. Das ist ein schwieriges Thema, und ich kenne eine Menge Leute, die sich für diese Frage einfach überhaupt nicht interessieren. Doch am Samstag kamen die anderen, die, die sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen. Unsere Lesung dauerte fast anderthalb Stunden, alle blieben, und nachher wurde noch ungefähr eine halbe Stunden diskutiert! Alle, das waren etwa dreißig Personen, meist Freunde von uns.

Siggis und meine Darbietung waren so verschieden, wie man sichs verschiedener gar nicht vorstellen kann, ich jedenfalls nicht. Während ich an einem Roman schreibe, den ich ungeniert unter die Rubrik "anspruchsvolle Unterhaltung" setzen würde, eine Story, in der sich die Personen auf ihrer Alltagsebene mit dem Thema auseinandersetzen, hat Siggi einen Essay vorgetragen, der nicht nur satirisch war, sondern als Text auch ein Spiegelbild des Subjekts bot, das die Nazikriminalität und den eigenen Alltag nicht miteinander in Einklang zu bringen vermag. Die Bilder waren schief, der Zusammenhang verschwamm, die Zuhörer verloren den Faden und wurden doch gleich wieder hineingezogen - genauso ergehe es ihnen mit dem Thema, bekannten viele nachher, fühlten sich von der Komposition angesprochen. Das Wort, das mir an Siggis Text am stärksten auffiel, war das Wort "Gedankennot".

In der Diskussion wurde beanstandet, dass wir zwischen unseren zwei Lesungen keine Pause gelassen hätten. "Beim nächsten Mal machen wir eine Pause!" versprach Siggi. Das heißt, es wird ein nächstes Mal geben. Wir sind ein gutes Team.

 

 

 

 

Frankfurt, 28. Januar

Über das Fragen

Als Kinder durften wir wenig fragen, und wir erhielten noch weniger Antworten. Oft wurden wir für unser Fragen gescholten, als gehöre es sich nicht. Diese Haltung lag in der Luft. "Neugier" war gewaltig verpönt, als schlimmes Laster gebrandmarkt. Im Duden spürte ich davon vor einigen Jahren immer noch etwas: "Neugier" war eindeutig negativ besetzt. Ich suchte eine Übersetzung für das französische "curiosité", was soviel wie Wissenslust, Wissbegier, auch Fragelust bedeutet, aber eben nicht "Neugier" mit ihrem Sack voll Missgunst und Häme unter dem Arm.

Dass es sowas gibt wie richtig Fragen, habe ich erst durch meinen Kontakt mit dem Jüdischen gelernt. Ich erfuhr, dass das Fragen zur Erziehung gehörte, und wer nicht zu fragen verstand, der galt als ungebildet.

Tatsächlich musste ich das Fragen mühsam lernen. Ich begann damit vor mehr als dreißig Jahren und empfinde mich heute noch immer als Lehrling auf diesem Gebiet.

Gestern war ich auf der Mitgliederversammlung einer Literaturgesellschaft, wo mir  meine Auseinandersetzung mit dem Fragenstellen wieder in Erinnerung gerufen wurde. Eine junge Frau hatte vor einem Jahr den Vorsitz des Vereins übernommen, den sie vorher nicht kannte, von dessen Geschichte sie nichts wusste. Der Verein stand an einem Punkt, wo sich kein Mitglied mehr der Arbeit - eine Arbeit von beträchtlichem Umfang - des/der Vorsitzenden widmen wollte, und so meldete sich diese junge Frau, die sich selbst eine "freie Unternehmerin" nannte und meinte, über alle modernen Kenntnisse und Fertigkeiten zu verfügen, die das Amt brauchte, und eben durch das Moderne neuen Anschub geben zu können.

Jedoch sprach sie wenig mit den Mitgliedern, und vor allem stellte sie keine Fragen. Sie fragte nicht jeden, den sie traf: "Warum fandet ihr keinen Vorsitzenden innerhalb des Vereins?" Sie fragte nicht: "Was für eine Art Verein seid ihr? Wo ist die Satzung?" oder "Welche Geschichte verbindet euch mit anderen Vereinen?" oder "Was erwartet ihr von mir, die ich nicht aus der Literaturszene komme?" oder was immer ihr sonst einfallen mochte.

Sie bildete sich stattdessen eine Meinung aus Zusammenhängen, die jetzt, nachträglich, schwer zu rekonstruieren sind, da die Streitbasis enorme Ausmaße angenommen hat. Doch das Fragen gehörte nicht zu ihren Stärken, wohl aber das Kommandieren wie "bringen", "abholen", was natürlich in einem Verein nicht die Stimmung verbessert, vorsichtig gesprochen.

Sie wurde am 27.1. von der Mitgliederversammlung ihres Amtes enthoben, weil sie bei der Wahl im letzten Jahr und tatsächlich noch eine Reihe von Monaten danach kein Vereinsmitglied geworden war. Es wurde auf der Versammlung berichtet, sie habe den "Verein von außen führen wollen", was sie aber jetzt bestreitet. Bei der Wahl im letzten Jahr hatte jeder selbstverständlich angenommen, dass sie Mitglied sei.

Schade. Wenn sie gewollt hätte, dann hätte sie auch als Vorsitzende einer Literaturgesellschaft eine glänzende Zukunft gehabt. Sie hätte nur fragen müssen: Was bedeutet Literatur für euch, wer schreibt was und warum, wo finde ich das. Und sie hätte zuhören müssen. Das Zuhören fiel ihr schwer.

 

(Aufgrund von Widerspruch durch die Betroffene am 2.2. geändert.)

 

 

 

Das Geheimnis des Fragens ist das Zuhören.

Frankfurt, 26. Januar

Meine Einträge schreibe ich fast immer direkt ins Internet,  ich arbeite die Texte nicht vorher durch. Das ist ein Teil des Vergnügens, das mir die Sache bereitet: wie ein Drahtseilakt.

Nun habe ich meine Notizen über die Arabischen Literaturtage noch einmal durchgesehen und sie als meinen Beitrag zum Rundbrief des VS Hessen an Alexander Pfeiffer, den Vorsitzenden, geschickt.

Hier ist die überarbeitete Fassung:

 

Notizen über die „Arabischen Literaturtage“ in Frankfurt am Main

von Barbara Höhfeld

Die "Arabischen Literaturtage" sind wie im Nu vorübergegangen, anderthalb Tage vom Freitag, dem 20., bis Samstag, dem 21. Januar 2012. Ich war nicht bei jeder Veranstaltung dabei, doch die, bei denen ich war, haben mich erschüttert. So sehr, dass ich mir am Samstagabend gegen halb acht nicht mehr zutraute, noch länger zu bleiben. Nachzudenken und zu verarbeiten blieb mir genug.

Das Besondere an diesen "Literaturtagen" lag darin, dass kluge und bewanderte Menschen offen und verständlich redeten (die Dolmetscher aus dem Arabischen arbeiteten perfekt! Danke!) und nur minimale Rücksichten auf heimische Diktaturen nahmen - für die zumindest gilt das, die anschließend in die Heimat zurückkehrten, wie Rosa Yassin Hassan, eine Autorin aus Damaskus. Wenn man als geistiger Mensch so unter Lebensgefahr existiert wie die Syrer oder auch die Algerier, dann weiß man offenbar mehr, weiß genauer, worauf es ankommt, als wir es hier in unserem Schlamm zwischen Werbung und Karriere wissen (wollen).

Eine weitere Besonderheit lag in der untrennbaren Verschmelzung von Literatur und Politik. Die Chefredakteurin Alawiyya Sobh  aus Beirut beispielsweise arbeitet für ihre Zeitschrift "Snob" auf der Grundlage einer Lizenz für eine "Frauenzeitschrift". Sie wurde vom deutschen Moderator gefragt, ob sie auch mal "politische" Themen anschneide. Ihre Antwortet: "Nein, das dürfen wir  mit unserer Lizenz nicht. Wir behandeln nur Frauenfragen, etwa die nach Gewalt in der Ehe."
Der Saal reagierte mit allgemeinem Schmunzeln.

Es war mal wieder klar, dass nichts unpolitisch ist.

Aus zwei Romanen wurde jeweils eine Szene vorgelesen, eine erotische Szene als Farce - große Heiterkeit im Saal - und eine weitere erotische Szene  als feinfühlige Erkundung des eigenen Körpers - tiefe Stille im Publikum. Beide Romane waren von Frauen geschrieben: in dem Willen, das Bild der Frau nicht mehr von Männer sich vorschreiben zu lassen. Mansura Eseddin aus Ägypten verfasste den Roman  "Hinter dem Paradies" (Unions-Verlag); Alawiyya Sobh aus Libanon stellte den Roman "Marjams Geschichten" vor, 2010 bei Surkamp erschienen.

Allerdings leben nicht nur Syrer und Libanesen gefährlich, auch Ägypter und Iraker arbeiten unter Einschränkungen und Bedrohungen. Der Comic des ägyptischen Zeichners Magdy El Shafee war und ist immer noch in Ägypten verboten. „Metro“ hieß die „graphic novel“, die während den zwei Tagen im Literaturhaus ausgestellt wurde.
In allen Veranstaltungen erfuhren wir vieles über die Situation von Frauen, über die des Buchmarkts, auch über die "Benutzung" von Konfessionen für politische Zwecke in den einzelnen Ländern. Die nationalen Unterschiede sind bemerkenswert. Es herrschte bei den arabischsprachigen Kollegen weitgehender Konsens darüber, dass die Veränderungen von den Bevölkerungen ausgehen müssen, nicht von außen eingebracht werden können.

In einer Pause konnte ich mit Thomas Lehr sprechen, der zur Zeit in Frankfurt-Bergen-Enkheim "Stadtschreiber" ist. Er war zur Tagung eingeladen, weil er 2010 den Roman "Fata Morgana" veröffentlicht hatte, der abwechselnd in New York und in Bagdad spielt. Fünf Jahre hatte er daran geschrieben, ist dabei tief  in die irakische Geschichte und Mentalität eingedrungen. Ich fragte ihn, ob er auch Arabisch könne; er antwortete, dass seine Zeit leider nicht für ein umfassendes Studium der Sprache gereicht habe. Ein bisschen habe er sich dennoch eingearbeitet - lesen, schreiben, Umgangsvokabular. Aber auch bei diesem Wenigen schon habe er die Toleranz entdeckt, die Öffnung für mehrfache Deutungen, die sich im Arabischen verbergen. In den semitischen Sprachen, könnte man allgemein sagen, denn im Hebräischen machte ich ähnliche Erfahrungen. Genauigkeit einerseits, die Chancen der Mehrdeutigkeit andererseits fand der Zuhörer auch in Thomas Lehrs Stellungnahmen wieder, die er während der Diskussionen abgab - im wohltuenden Unterschied zu den Moderatoren, die sich immer wieder in deutschen Klischeevorstellungen eines "Entweder-Oder" verfingen.

"Litprom", die Gesellschaft zur  Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Südamerika,  organisierte die Literaturtage - das Publikum dankte den Projektleitern durch überaus zahlreiches Erscheinen. Alle Veranstaltungen waren ausverkauft.

 



Frankfurt, 25. Januar

Gestern abend ging ich relativ früh schlafen, doch wachte ich kurz nach drei in der Nacht auf. Ich ging und brühte mir einen Tee auf und setzte mich vors Fernsehen. Was sah ich? Obama! die vollständige Rede vor dem Kongress, in gewohnter geschliffener Sprache und Aussprache. Er verknüpfte soziale Politik - Schulen, medizinische Versorgung - mit den Bedürfnissen des Landes, dem mächtigsten Land auf der Erde, das sich nicht angreifen lasse und das unter keinen Umständen dem Iran den Bau einer Atombombe erlauben werde. Das Militärische stand ganz, ganz oben, zum Schluss erhoben sich alle, auch die Republikaner, um den amerikanischen Soldaten Ehre zu erweisen.

Es zählte keine andere Nation neben der US-amerikanischen; es gab nur Freunde und Feinde in der Welt.

Und die Reichen sollen auf ihre Einnahmen 30% Steuern zahlen (der Gegenkandidat fordert 14%, wie ich in anschließenden Kommentaren hörte). Bildung tut not: wenn sogar Siemens zusammen mit Privatschulen Fortbildungen für die Erlangung von Arbeitsplätzen anbiete, für die sich sonst kein Amerikaner mangels Qualifikation bewirbt, dann heißt der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit Bildung, und der Staat muss sie anbieten!

Komisch, neulich hörte ich im französischen Fernsehen den Namen Siemens, und da bedeutete er in Ton und Inhalt etwas 100%ig Französisches. Aus dem Mund von Obama kam der Name als etwa 100%i Amerikanisches.

Schwamm drüber. Es ist die Nähe des Sozialen zu dem Nationalen, die bei mir die Alarmglocken klingeln lässt. Das Nationale und das Soziale Arm in Arm - wie soll das gut gehen?

 

Frankfurt, 22.1.2012

Die "Arabischen Literaturtage" sind vorüber. Ich war nicht bei jeder Veranstaltung, doch die, bei denen ich war, haben mich erschüttert. So sehr, dass ich mir gestern gegen halb acht nicht mehr zutraute, länger zu bleiben. Nachzudenken und zu verarbeiten blieb mir auch so genug.

Das Besondere an diesen "Literaturtagen" lag darin, dass kluge und bewanderte Menschen offen und verständlich redeten (die Dolmetscher aus dem Arabischen arbeiteten perfekt! Danke!), und nur minimale Rücksichten auf heimische Diktaturen nahmen - für die, welche anschließend in die Heimat zurückkehrten. Die Frau aus Damaskus z.B. Wenn man als geistiger Mensch so unter Lebensgefahr existiert wie die Syrer oder auch die Algerier, dann weiß man mehr und genauer, worauf es ankommt als wir hier in unserem Schlamm zwischen Werbung und Karriere. Eine weitere Besonderheit lag in der untrennbaren Verschmelzung von Literatur und Politik. Die Chefredakteurin aus Beirut beispielsweise arbeitet für ihre Frauenzeitschrift "Snob" auf der Grundlage einer Lizenz für eine "Frauenzeitschrift". Sie wurde vom deutschen Moderator gefragt, ob sie auch mal "politische" Themen anschneide. Sie antwortete: "Nein, das dürfen wir nicht. Wir behandeln nur Frauenfragen, etwa die, nach Gewalt in der Ehe."
Der Saal reagierte mit allgemeinem Schmunzeln.

Es war mal wieder klar, dass alles politisch ist.

Es wurden aus zwei Romanen jeweils eine Szene vorgelesen, eine erotische Szene als Farce - große Heiterkeit im Saal! - und eine als feinfühlige Erkundung des eigenen Körpers - tiefe Stille im Saal. Beide waren von Frauen geschrieben: in dem Willen, das Bild der Frau sich nicht mehr von Männer vorschreiben lassen. Die Autorinnen hießen Mansura Eseddin aus Ägypten und Alawiyya Sobh aus Libanon. Frau Eseddins Roman heißt auf Deutsch "Hinter dem Paradies"; Frau Sobhs Roman trägt den Titel "Marjams Geschichten" und ist 2010 bei Surkamp erschienen.

Allerdings leben auch Ägypter und Iraker nicht ungefährlich; wir erfuhren viel über die Situation von Frauen, über die des Buchmarkts, auch über die "Benutzung" von Konfessionen für politische Zwecke in den einzelnen Ländern. Die Unterschiede sind bemerkenswert. Es herrschte bei den arabischsprachigen Kollegen weitgehender Konsens darüber, dass die Veränderungen von den Bevölkerungen ausgehen müssen, nicht von außen eingebracht werden können.

In einer Pause konnte ich mit Thomas Lehr sprechen, der zur Zeit in Frankfurt-Bergen-Enkheim "Stadtschreiber" ist. Er war zur Tagung eingeladen, weil er 2010 den Roman "Fata Morgana" veröffentlicht hatte, der abwechselnd in New York und in Bagdad spielt. Fünf Jahre hatte er daran geschrieben, ist tief  in die irakische Geschichte und Mentalität eingedrungen. Ich fragte ihn, ob er auch Arabisch könne; er antwortete, dass seine Zeit nicht für ein umfassendes Studium der Sprache gereicht habe. Doch ein bisschen habe er sich schon eingearbeitet - lesen, schreiben, Umgangsvokabular. Er habe dabei die Toleranz entdeckt, die Öffnung für mehrfache Deutungen.

Das merkte man seinen Stellungnahmen während der Dikskussionen an, auch im wohltuenden Unterschied zu den Moderatoren, die sich immer wieder in deutsche Klischeevorstellungen des "Entweder - Oder" verfingen.

"Litprom" organisierte die Literaturtage - das Publikum dankte den Projektführern durch überaus zahlreiches Erscheinen. Alle Veranstaltungen waren ausverkauft.

 

 

 

Frankfurt, 21. Januar 2012

Die Oberbürgermeisterwahl vom 11. März 2012 in Frankfurt stellt alle Wahlberechtigten vor die Frage, ob sie eine Politik wollen, die die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, oder eine Politik, die durch soziales Handeln für ein Mindestmaß von Gerechtigkeit sorgt.

Peter Feldmann steht für eine der Stadt angemessene Sozialpolitik. Dass er auch kompetent in Wirtschafts- und Sozialfragen ist (als stellvertretender Vorsitzender des Wirtschafts- und Finanzausschusses im Römer), dass er sich in internationalen Fragen auskennt, macht Peter Feldmann zum einzigen vertretbaren Oberbürgermeister-Kandidaten!

 

Das steht mir im Kopf, weil ich grad von einem SPD-Infostand komme und ich das oben Gesagte immer wieder den Passanten vorgestellt habe.

 

Heute Nachmittag kehre ichzu den "Arabischen Literaturtagen" im Frankfurter Literaturhaus zurück. Darüber morgen mehr!

Frankfurt, 18. Januar

Endlich friert es draußen. Die Sonne scheint - und das bedeutet dem schnöden Großstädter, dass die Straßen in der Stadt frei sind. Und ich kann die Heizung vorübergehend abstellen, um Öl zu sparen.

Meine Enkelin hat ihre ersten Tage als Soldatin nun  schon hinter sich und scheint sich soweit als Individuum zu behaupten. Es sei nicht schlimmer als sie erwartet hätte, sagte sie nach drei Tagen.

Ich kehre zurück in den Wahlkampf. Peter Feldmann ist sozial erfahren und bewandert; er vertritt soziale Ziele, speziell die Bekämpfung von Kinderarmut und von Vereinsamung älterer Leute in der Stadt. Außerdem kennt er sich als stellvertretender Vorsitzender des Wirtschafts- und Finanzausschusses in der Stadtverordnetenversammlung mit Finanzen aus. Schließlich weiß er auch international bescheid. Mit diesem Gepäck steht er gegen einen CDU-Mann, dem man getrost nachsagen kann, dass er die Reichen reicher und die Armen ärmer machen will, wie schon die Regierung, in der er Innenminister ist. Ich erinnere nur daran, dass diese Regierung Sozialwohnungen abschaffen will.

Meine Arbeit als Lesepatin geht auch weiter. Dieser Tage hörte ich, dass das Mädchen unter meinen zwei Patenkindern neuerdings mit einer Erstklässlerin lesen übt! Sie selbst liest noch nicht fließend, aber das, was sie weiß, gibt sie weiter. Ich bin begeistert.

Die Stiftung Lesen braucht Geld und kooperiert daher mit IKEA. Ikea wiederum will Reklame damit machen, dass die Firma die Bildung fördert, indem sie in ihren Räumen "Kinderlesungen" anbietet. Ich forschte nach: was darf oder soll man lesen? Ich erfuhr, dass es um zwei übersetzte Bücher ging (Lindgren und Nordquist), die den Vorlesern "gestellt" würden. Warum keine original deutschsprachigen Bücher? fragte ich zurück, nicht ohne Entrüstung (schließlich bin ich Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller). Stiftung Lesen antwortete mir, dass sie sich diese Frage auch gestellt und beschlossen hätten, noch den deutschen Autor Maar hinzuzunehmen, mit dem Titel "Die miesen fiesen Kerle".

Wenn ich mir die Gehässigkeit vorstelle, die allein dieser Titel ausströmt, dann wird mir ein wenig übel.

Ich würde wahrlich lieber Grimm lesen. Darf ich aber nicht, sagt mir die Frau von Stiftung Lesen, wegen der Rechte. Liest man in einer kommerziellen Umgebung, muss man Gebühren zahlen, evt. auch für Illustrationen, obwohl man die in dieser Umgebung ja gar nicht zeigen kann. (Bericht siehe 18. Februar)

Ach, nun muss ich aufhören, die Uhr ruft mich zum Friseur.

Frankfurt, 10. Januar

Denkt Ihr, ich hätte das Jahr mit einem Fluch begonnen?

Weit entfernt!

Im Gegenteil: ich fühlte mich nach der Lektüre von Koeppens Roman befreit und froh. Diese Freude, die aus neu gewonnener Klarheit fließt. Koeppen sagte mir: den Nazis ging es nicht um "Liebe zum Vaterland" oder um die Familie, die "Ahnen", überhaupt nicht um Liebe, sondern um das Töten. Die Kultur des Tötens. Koeppen erzählte mir darüber hinaus, in der Gestalt der Söhne und durch seinen Roman selbst, dass die Literatur, die Musik, die Religionen (oder das Gebet) uns Wege bieten auf dieser Erde, auf denen wir unser eigenes Glück finden und gleichzeitig auch anderen Glück bringen können. Das war mein Neujahr.

Gestern spielte Zorn bei meinem Schreiben mit. Der Zorn wuchs aus meiner Angst, aus dem Gedanken an meine Enkelin, die heute zum Militär geht. Meine süße, große, schöne, gescheite Enkelin, Chamuda. Sie wird heute Soldatin in der israelischen Armee, sie geht, weil sie es will. "Aus moralischen Gründen" wolle sie sich dieser Pflicht nicht entziehen, sagte sie.  Ich verstehe sie, ich respektiere das. Ihre Freundinnen fanden Wege, um der Wehrpflicht zu entgehen. Eine wird stattdessen ein "soziales Jahr" machen (das geht, wenn der Militärdienst z.B. aus gesundheitlichen Gründen unmöglich ist). Sie aber, meine Enkelin, will sich selbst ein Bild machen. Sie will nicht ausweichen. Sie ist achtzehn.

Mein Zorn rührte daher, dass ich bei CNN jemanden hatte sagen hören, Israel würde auch ohne die USA den Iran angreifen. Ich halte die Idee eines Krieges gegen Iran für Wahnsinn. Anscheinend die amerikanischen Generäle auch, das hatte mich bisher beruhigt. Das Hauptproblem in Israel ist der Landraub, die stetig weitergeführte Vertreibung von Palästinensern, die untentwegt geschürte Unruhe, sei es in der Westbank, sei es am Tempelberg in Jerusalem, sei es auch durch die gefängnisähnliche Absperrung von Gasa. Diese Unruhe, dieser Landraub wird von vielen Nachbarn angeprangert, unter anderm auch von Iran.

Wie wird das nun weiter gehen?

 

 

 

 

2012

Frankfurt, 9. Januar

In Paris war es schön. Ich hatte ein gemütliches Zimmer gegenüber vom Musée des Arts et Métiers, eigentlich ist es ein Museum für die Geschichte der Technik. Das Foucault'sche Pendel hängt dort, den Urmeter kann man sich ansehen, und die allerfrühesten Autos. Und ich hatte einen schmalen, nur ein Kilo schweren Computer bei mir, auf dem ich meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte. Das geht oft besser, wenn ich unterwegs bin, wenn mich nicht Verpflichtungen ständig ablenken.

Na gut, im Grunde liegts an mir, an meiner Zielstrebigkeit oder deren Mangel, wenn ich in Frankfurt mit dem Schreiben oft stecken bleibe. Ich lasse mich ablenken.

Von Paris aus fuhr ich nach Luxemburg, zu Freundinnen. Die Freundin, bei der ich wohnte, war nicht bei bester Gesundheit, und zu Sylvester zog sie sich um sieben Uhr schon zurück. Ich wusste das, und ich hatte mich nicht bemüht, irgendwo im Kreise von andern Freunden den Abend zu verbringen. Dieses "Sylvesterfeiern" hat für mich im Lauf der Jahre etwas Zwanghaftes bekommen; als müsse man, egal wie, die paar Stunden bis Mitternacht rumbringen, die Zeit totschlagen .....

Ich genoss die Ruhe. Die Böllerei begann erst gegen halb zwölf, dauerte bis etwa halb eins, oder eins. Ich fand im Bücherstapel meiner Freundin einen Roman von Wolfgang Koeppen: "Tod in Rom". Koeppen habe ich vor Jahren gelesen und mich ein bisschen bei der Lektüre gelangweilt. Jetzt aber, das merkte ich rasch, war ich reif für Koeppen. Der Roman erschien 1954 und handelte von der Ideologie des Nationalsozialismus, dargestellt an verschiedenen Charakteren. Das war noch frisch damals. Ein junger deutscher Musiker, der nach Rom zur Uraufführung seines jüngsten Werkes kommt, führt uns ein. Ganz sympathisch. Der Vater mit Familie - Bürgermeister in Deutschland, Biertrinker und ehemaliger "Mitläufer" - reist ebenfalls an, unter anderem, um bei der Gala dabei zu sein. Dann taucht ein Onkel auf, Bruder des Vaters, der in einem arabischen Staat als Wehrberater tätig ist und in einer abgedunkelten schwarzen Limousine mit Chauffeur durch Rom fährt: er war General, führender SS-Mann, und ist immer noch Nazi durch und durch. Seinen Sohn lernen wir ebenfalls kennen (die Konstruktion läuft darauf hinaus, dass Rom die Bühne für das Drama stellt), er ist katholischer Priester geworden. Ich las den ganzen Roman, um kurz nach halb zwölf war ich durch. 

Zum erstenmal trat mir diese Ideologie klar vor Augen: die höchste Instanz war der Tod. Töten oder sterben, das war der ideale Lebenslauf. Die Kraft dazu nahmen die Leute, nicht nur Männer, aus der Sexualität, die unvollständig oder gar nicht ausgelebt wurde. Ohne den "Tod" auf den Lippen oder in der Hand fühlten sich diese Menschen unvollständig. Ich könnte auch sagen: sie waren unzufrieden. Oder unbefriedigt. Wenn der Obernazi jemanden als "jüdisch" bezeichnete, dann meinte er jemanden, der zufrieden ist.

Das war dann schon meine eigene Interpretation. Koeppen lässt den Bürgermeistersohn in der Musik sein Ziel, seine höchste Instanz finden, und den Generalssohn als Priester durch das Gebet seinen Zugang zu Gott suchen und schließlich finden. Dem General aber erlaubt er, zuletzt die zwei Frauen zu erschießen, die ihm - sexuell und anders - ein Gefühl des Nichtgenügens vermittelt haben. Vielmehr, ich habe die Absätze, in denen er die Frauen vielleicht erschießt, einfach überschlagen. Ich wollte das nicht lesen. Und diesen Wunsch konnte ich vor mir selbst rechtfertigen: hätte Koeppen dem Ex-General als abschließendes Erlebnis im Roman die Erkenntnis gegeben, dass er diese beiden Frauen nie "bekommen" wird, dass er endgültig verloren hat, dass sein Leben in Sinnlosigkeit endet, dann wäre das ein richtiger Schluss gewesen. Dass Koeppen das 1954 nicht schaffte, zeigt, dass er immer noch Angst hatte. Kein Wunder, es war ja alles  noch so frisch.

So ging ich ins neue Jahr: mit der Hoffnung und Zuversicht, dass Mörder, Räuber, Menschenjäger in Sinnlosigkeit ersticken und ersticken werden ....

 

 

Frankfurt, der 19. Dezember

Jetzt bleiben mir grade zwei Tage, um alles zu erledigen: das was vom ganzen Jahr her noch ansteht, die Vorbereitungen zum nächsten Jahr, die Reisevorbereitungen, denn ich feiere Weihnachten nicht bei mir zuhause, sondern bei meiner jüngeren Tochter.

Trotz der Zeitknappheit möchte ich an dieser Stelle erzählen - wovon?

Von der Wahl Peter Feldmanns zum offiziellen Oberbürgemeister-Kandidaten der SPD? Faktisch geschah die Wahl durch die Stimmabgabe von mehr als der Hälfte aller Frankfurter Genossen; formal musste sie aber durch einen Delegierten-Parteitag bestätigt werden. Das geschah auch, und zwar in harmonischer Weise. Der Gegenkandidat Michael Paris hielt auf dem Parteitag die beste Rede, die ich von ihm seit Beginn des parteiinternen Wahlkampfs gehört habe: Locker, elegant und großherzig. Er versprach in überzeugendem Ton, dass er den Gewinner voll beim Wahlkampf unterstützen werde.

Das ist es, was ich mit "Harmonie" meine. Nicht aber das Gerede der übrigen Parteifunktionäre, die alle dasselbe sagten, die zum Schluss eine Resolution durchpeitschten, die nicht auf der Tagesordnung stand, aber in der allgemeinen Euphorie gebilligt wurde. Es gab darin einen Punkt zum Fluglärm in Frankfurt, dem großen Thema, seit am 26. Oktober die neue Landebahn in Betrieb genommen wurde. In manchen Gegenden Frankfurts kann man vor Lärm kaum noch bei geschlossenen Fenster leben! Dass damit die ganzen schönen Schrebergärten wertlos werden, ist  ein anderer  Aspekt. Da aber viele SPD-Obere in den Gremien des Flughafens sitzen, wollen sie als einzigen Kompromiss um das Nachtflugverbot kämpfen, das ohnehin schon beschlossen war, wogegen allerdings jetzt die Landesregierung klagt (die sitzt mit noch mehr Leuten in den Gremien). Ein Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr!! Sechs Stunden Schlaf, mehr brauchen die Proleten nicht, soll das wohl heißen. Einer von den Frankfurter Regierungsparteien wird mit dem Satz zitiert: "Es besteht die demokratische Freiheit wegzuziehen." Das ist alles, was die Funktionäre anpeilen.

Allerdings, in den Zeitungen steht viel, die stärken die Gerüchteküche. Doch auch wenn der Zynismus sich nicht in öffentlichen Worten äußert, bleibt er bestehen. In den neuerdings vom Fluglärm betroffenen Gebieten  wohnen kaum Reiche. Immerhin verspricht Peter Feldmann, dass er sich um eine Ausweitung des Nachtflugverbots von 22 bis 6 Uhr einsetzen will. Dem Beschluss des Ortsbeirats 5 ( Niederrad, Sachsenhausen, Oberrad, also das gesamte Südufer der Stadt), die neue Landebahn wieder zu schließen, beschlossen mit den Stimmen der CDU und der Grünen, mag keiner von den Funktionären beipflichten. Im Januar soll es eine SPD-Mitgliederversammlung dazu geben. Derzeit finden montags am Flughafen selbst, außerhalb der Parteigrenzen,  Demonstrationen statt (Terminal 1, Halle B, ab 18 Uhr).

Weiter gibt es zu erzählen: Muepu Muambas Anthologie auf Deutsch ist nun beim Verlag, und das Buch soll im Februar oder März endlich  herauskommen. Ich habe bis zuletzt für meine Auffassung von einem literarischen Deutsch gekämpft; Muepus Frau war oft anderer Meinung. Jetzt können wir uns freuen auf ein ganz besonderes Buch innerhalb der deutschsprachingen Afrika-Literatur. Den Titel kenne ich noch nicht, der Verleger wollte darüber selbst entscheiden und hat ihn mir bisher nicht verraten. Ich lasse mich überraschen. Im  Internet findet man das Buch unter Muepu Muamba im Draupadi-Verlag.

Schließlich habe ich eine Erzählung in einen Wettbewerb gegeben, der im März entschieden wird. Ich bin gespannt und gehe nun mit fröhlichen Hoffnungen ins Neue Jahr.

 

 

 

 

Frankfurt, den 10. Dezember

Soviel zu tun, dass ich nicht mehr zum Schreiben komme!

Zumindest an dieser Stelle. Zum Beispiel arbeite ich an einer Erzählung, die nächste Woche bei einem Wettbewerb eingereicht werden soll.

Seit 19. Oktober gibt es an der Uni eine Vorlesungsreihe, die näher oder ferner mit Kongo zu tun hat, mit der Demokratischen Republik Kongo, kurz Kongo-Kinshasa. Sie geht nächsten Mittwoch zuende und ist im "Fachbereich Katholische Theologie" angesiedelt, speziell beim Thema "interkulturelle Theologie". Dort befasst man sich mit der Frage, wie die traditionellen, örtlichen Kulturen sich mit dem Christentum verweben lassen; in dieser Vorlesungsreihe ging es überwiegend um Bantukulturen und um deren Vorstellungen vom Menschen, vom Leben. "Afrikanische Theologien und ihr Beitrag zu einer Kultur des Lebens" hieß etwa die Vorlesung vom letzten Mittwoch. Den afrikanischen Theologien sei gemeinsam, dass sie in einer Umgebung der eklatanten Ungerechtigkeit entstanden seien. Der Redner stellte die Frage, was "Entwicklung" eigentlich sei? In der Vorstellung der Helfer liefe Entwicklung auf eine Angleichung an die reichen Länder hinaus. Das Ergebnis sei jedoch, dass in Afrika nur eine Minderheit reich und die Ressourcen zerstört würden. Was man als "Hilfe" bezeichne, sei nur eine Unterstützung bestehender Strukturen und nicht die Suche nach eigenen, neuen, den heutigen Bedingungen entsprechenden Strukturen. 

Der Dozent stellte an diesem Punkt die Frage, welche Theologien hier eingreifen könnten. Voraussetzung sei, dass die Unabhängigkeit (des Individuums wie der Gemeinschaften oder Staaten) aufrecht erhalten werde, dass jegliche Intervention die Selbstbestimmung respektiere. An die europäisch-westliche Theologie gerichtet war die Forderung, dass sie sich mit ihren eigenen Problemen wie etwa Demokratie-Defiziten, wie die Neigung zu imperialen Einmischungen befasse.

Wer ist dieser Dozent?

Er heißt Dr. Boniface Mabanza, er ist katholischer Theologe, er stammt aus Kinshasa und ist zum Promovieren nach Deutschland (Münster in Westfalen) gekommen. Der Titel seiner Dissertation lautete: "Gerechtigkeit als zentraler Begriff einer politischen Theologie im Zeitalter der Globalisierung", und das Buch, das daraus entstanden ist und das ich erwerben konnte, heißt einfacher: "Gerechtigkeit kann es nur für alle geben - eine Globalisierungskritik aus afrikanischer Perspektive". Dr. Mabanza sprach ein kristallklares Deutsch, seine Überlegungen entwickelten sich einleuchtend und logisch eine aus der anderen. Der gut besetzte Hörsaal folgte ihm mit Vergnügen. Auch wenn nach der Vorlesung andere Dozenten knifflige Fragen stellten, antwortete der Redner klug und treffend, schöpfte aus großem Wissenschatz. An einer Stelle tauchte die Frage auf: was ist der Zweck des Wirtschaftens? Mit dieser Frage entstehe ein neuer Sprachgebrauch! Und noch immer glaubten viele, man könne auf die Frage nach der Wirtschaftskrise eine Antwort bei den Ökonomen finden!

Es glitzerte ein milder Spott durch den afrikanischen Humor. Für den Afrikaner steht der Mensch immer im Zentrum des Wirtschaftens.

Dr. Mabanza orientierte sich stark an der Praxis, an den konkreten Verhältnissen. In seinem Land, das seit 1998 sechs Millionen Tote zu betrauern hat, wo es Kindersoldaten, Vergewaltigungen und Hunger gibt, war die Kraft und die Zuversicht der Lebenden zerstört worden. Mabanza will sich nicht vornehmen, Elend einfach abzuschaffen - weil unrealistisch - sondern er will entstehende Organisationsformen bei Straßenkindern, bei Kindersoldaten oder Minenarbeitern stärken, unterstüzen. Es geht um Selbstbestimmung als dem besten Wege aus der Misere. "Straßenkinder lehren uns, wie man die Komplexität der Situation mit Handlungsfähigkeit verknüpft."

Es waren wunderbare Vorlesungen! Nicht ein Hauch jener katholischen Engstirnigkeit, wie ich sie aus anderen Zusammenhängen kenne.

 

 

 

 

Frankfurt, 16. November

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Vermischtes

Sonntag gehen wir in die Oper. Gegeben werden "Hoffmanns Erzählungen". Das Frankfurter Opernhaus bietet einen "Familiensonntag", wo drei Kinder zwischen 10 und 18 Jahren umsonst reinkommen, wenn ein "voll zahlender" Erwachsener mitgeht. Im Moment sind wir zwei Erwachsene und zwei Kinder. Nun ruft mein Lesepatenkind bei ihrer besten Freundin zuhause an, damit sie mir morgen sagen kann, ob die Freundin auch mitwill. Sie hat noch nie bei dieser Freundin angerufen! Muss sich erst die Telefonnummer bei einer anderen Bekannten besorgen! Aber das Lesepatenkind lässt sich was einfallen. Es scheint, als wären die Zeiten von "Keine Ahnung - kein Bock" allmählich vorüber.

Heute Nachmittag war ich zum dritten Mal an der Uni, um Vorlesungen eines kongolesischen Theologen über Kirche, Kultur und Religion in Kongo anzuhören. Er spricht nicht nur ein sehr deutliches Deutsch, sein Vortrag ist auch kristallklar und spannend obendrein. Heute war von drei kongolesischen "Propheten" die Rede. Für einen katholischen Theologen ist es natürlich nicht selbstverständlich, Personen aus der Neuzeit "Propheten" zu nennen. Für einen normalen Katholiken haben die alle zur Zeit des Alten Testaments gelebt. Aber in Kongo gelten die drei als Propheten, jeder kennt sie, und zwar nicht, weil sie die Zukunft weissagten, nein, gar nicht. Ein Prophet ist jemand, der die Gegenwart beschreibt, der sichtbar macht, wo sich was ändern muss, einer, der die Würde und das Leben schützt.

Die drei Propheten, genauer, eine Prophetin und zwei Propheten, hießen:

Kimpa Vita, Simon Kimbangu und Joseph-Albert Malula. Vita lebte von 1684 - 1706, sie war Christin, in Kongo trieben die Portugiesen Sklavenhandel. Dagegen und gegen die portugiesische Herrschaft predigte die junge Frau ab dem zwanzigsten Lebensjahr, predigte für eine Wiederbelebung der kongolesischen Werte. Als sie aber mit 24 ein Kind gebar, wurde ihr von Kirche und Staat der Prozess gemacht, sie wurde als Hexe verbrannt. Nicht genug damit: Ihr Mann und ihr Kind wurden mit ihr verbrannt! Kimpa Vita lebt weiter in der Volkserinnerung, bis heute.

Das gleiche lässt sich von Simon Kimbangu (1889-1951) sagen. Er predigte, er vollbrachte Wunderheilungen - und die belgische Kolonialverwaltung ließ ihn 1921 wegen Störung der öffentlichen Ordnung zum Tode verurteilen. Dann begnadigte man ihn zu lebenslanger Haft. Er saß dreißig Jahre im Gefängnis! Doch seine Anhänger sammelten sich und gründeten die Kimbanguisten-Kirche. Sie ist heute die größte von den zahlreichen Freikirchen in Kongo und der römischen Kirche nicht ganz geheuer, weil sie es mit der Trinität nicht so genau nimmt.

Der dritte, Joseph-Albert Malula, war zwar römisch-katholischer Bischof, doch der Kirche meist weit voraus. Das zweite vatikanische Konzil hat er wörtlich genommen: Einbeziehung der Laien und Ähnliches. Er wird als "Vater der Inkulturation" bezeichnet, d.h. als derjenige, der die afrikanisch-kongolesische Kultur in die Kirche hinein und die Lehre in die Kultur gebracht hat. Er setzte in Rom sogar einen eigenen kongolesischen Ritus durch. Offiziell wird dieser die "römische Messe für die kongolesischen Bistümer" genannt. 

Und es ist heute abend so kalt geworden, dass ich wenigstens einen Teil meiner Geranien und anderer frostempfindlichen Pflanzen hereingeholt habe. Noch hält sich das Thermometer auf dem Balkon bei +1° Celsius.

 

Frankfurt, 10. November

Meine Lieblingszeitschrift

Alle vierzehn Tage bekomme ich die neueste „London Review of Books“, eine Rezensionszeitschrift. Nicht immer finde ich die Zeit sie zu lesen, und wenn ich sie  gelesen habe, dann denke ich erst recht, ich müsse sie aufheben, um das Gelesene noch mal zu lesen, um mit jemandem drüber sprechen zu können. So stapelt sich die Zeitschrift bei mir. Manchmal verschenke ich die alten Nummern. Zweimal habe ich einen Artikel ins Deutsche übersetzt und ein selbstständiges Heftchen draus gemacht, das ich dann Freunden schenkte. Ich erhielt wenig Feed-Back.


Die Nr. 20 von diesem Jahr treibt meine Begeisterung in einen neuen Rekord: JEDER Artikel ist wert, bewahrt zu werden, weil er Neues erzählt, Gesichtspunkte erweitert, Zusammenhänge aufdeckt.


Das beginnt schon mit dem ersten Text, „Putin’s Rasputin“, geschrieben von einem Mann namens Peter Pomerantsev (so schreibt man russische Namen auf Englisch). Pomerantsev hat in Moskau vier Jahre lang TV-Produktionen hergestellt und darüber schon im Februar dieses Jahres in der LRB berichtet (was ich wohl übersehen habe). Diesmal schildert er eine Figur aus dem Moskauer Kultur- und Politleben, Wladislaw Surkow. Pomerantsev bezeichnet den demnächst vorgesehenen Ämtertausch zwischen Putin und Medwedew als den „höchsten Triumph ... von Putins Chefideologen und unsichtbarem („grey“) Kardinal, Wladislaw Surkow, den Kreml-Demiurgen. Bekannt als der <Puppenspieler, der das russische Politik-System privatisierte>, ist Surkow der wahre Genius der Putin-Ära“, schreibt er. Es gibt Fotos von dem Mann, auf denen er selbst etwas Puppenhaftes austrahlt.


Mehr verrate ich nicht, dann müsste ich nämlich wieder den ganzen Artikel übersetzen, so dicht ist er.


Danach begann ich, wie üblich, das Heft von hinten zu lesen und stieß auf „Angry white men – R.W. Johnson on Obama’s electoral arithmetic“, mit andern Worten, über die Wahlaussichten von Obama im nächsten Jahr. Sie sind ziemlich schlecht, aber es ist spannend zu wissen warum. Auch dieser Artikel war keine Buchrezension, sondern ein Essay zur politischen Lage.


Davor steht was Ur-Englisches: jemand hat ein Buch über „Common Sense“, vielmehr über die Geschichte des Common Sense geschrieben und eine politische Lektion daraus gefiltert. (Ich kann hier „common sense“ nicht übersetzen, da das Wort im Original seine Bedeutung verändert, ja, diese Veränderungen machen den wesentlichen Inhalt des Buches aus.)  Der Rezensent ist David A. Bell und lehrt Geschichte in Princeton.


Weiter vorn werden die Proteste in der Wall Street beschrieben, und ich freu mich, die Beschreibungen mit dem hiesigen Camp an der EZB vergleichen zu können. Hier hats keine Auseinandersetzungen mit der Polizei. Allerdings auch kaum gewöhnlcihe Nachbarn, die sich belästigt fühlen könnten, was in New York offenbar der Fall ist.


Weiter folgt  - von hinten gesehen - die Rezension einer über 500seitigen Wilhelm-Reich-Biografie. Als Reichs wichtigstes Buch wird „Massenpsychologie des Faschismus“ genannt, während ich vor dreißig, vierzig Jahren das Buch „Die Funktion des Orgasmus“ entdeckte und daraus lernte. In letzterem steht ein Satz, den ich bis heute auswendig weiß: „Unbewusste Verspannungen sind identisch mit verdrängten Ängsten“. Oder umgekehrt. Nicht zufällig befasse ich mich mit der Feldenkrais-Methode.


Des weiteren folgt ein Essay zur politischen Lage in Großbritannien: dort hat die Regierung in ihrem Kürzungsrausch auch den Zugang zur Rechtshilfe für Arme erheblich eingeschränkt. Sie sollen sich selbst vertreten vor Gericht, und der Leser erfährt von vielen Fällen, wo das nicht gelingt, gar nicht gelingen kann. Wieder ein Beispiel dafür, dass für die Schulden der Reichen die Armen büßen müssen.


Und dann eine fantastische Besprechung über Michel Houellebecqs neuestes Buch, jedenfalls auf dem englischen Markt, wo es „The Map and the Territory“ heißt. Ich habe Houellebecq gern auf Französisch gelesen. Er benutzt eine gehobene Umgangssprache, und für mich, die ich vielleicht zweimal im Jahr nach Frankreich komme, klingt darin das typisch Französische, die Qualität der Andeutungen und versteckten Hinweise, die Pfiffigkeit der Bilder nach und ich freu mich dran. Im Deutschen wird das flach. In seinen Geschichten spiegelt Houellebecq die Verwerfungen der Gegenwart anschaulich wider; jedoch habe ich nach drei Romanen, die ich gelesen hatte, gefunden, dass er sich ein bisschen wiederholt. Man glaubt seine Figuren schon zu kennen, zumal es im wesentlichen um Männer geht und „Frauen“ nur dramaturgische Funktionen zugestanden werden. Der Rezensent der LRB rollt nochmal sämtliche Vorgeschichten auf – d.h. er hat alle bisherigen Romane gelesen – und fasst in großartigen Sätzen des Schriftstellers Meinung über sich und die heutige Zeit (in Paris) zusammen. Vielleicht genügt es, diesen Aufsatz zweimal zu lesen, um über den ganzen Houellebecq bescheid zu wissen, sogar besser, als wenn man ihn selber liest. „Yet no other contemporary writer, left or right, has made the supposedly outdated Freudo-Marxism of Herbert Marcuse look like such a prescient glimpse into the future we now inhabit.“  Da der Schriftsteller in dem Buch „The Map and the Territory“ einen Schriftsteller namens Michel Houellebecq zu Tode kommen lässt, fragt sich der Rezensent hoffnungsvoll, „was Michel Houellebecq wohl mit seinem Nachleben anfangen wird.“


Einen großen Artikel habe ich mir noch aufgehoben: „Jeremy Harding schreibt über den Krieg an Amerikas Südgrenze“, d.h. an der Grenze zu Mexiko. Ich werde ihn lesen, wenn ich den Kopf frei und viel Zeit habe.


Eben finde ich in meinem Briefkasten schon die nächste Ausgabe der LRB.


    






Frankfurt, 2. November

Eine Malerin, von der ich seit einigen Jahren ein Bild besitze, das ich gern anschaue - sie heißt Cornelia Cube-Druener - lud mich zu ihrer Vernissage auf den Johannisberg ein. Sie stellt dort zusammen mit einem anderen Künstler, Günter Metz, neue Lithografien aus. Günter Metz zeigt Mezzotinto- Radierungen.

Ich fuhr am Sonntag dorthin, es wurde, ich weiß nicht warum, eine Entdeckungsfahrt in den Rheingau. Es schien mir, als käme ich zum erstenmal dorthin. Zum erstenmal aus freiem, eigenen Antrieb und mit der nötigen Neugier versehen. Ich fuhr gemächlich und genoss die Landschaft, die sich kurz hinter Wiesbaden wie eine Felix-Krull-Kulisse entfaltete. Ich glitt auf einmal neben dem Rhein dahin, der schmal aussah, weil eine Insel mit dichten Bäumen die Sicht auf das andere Ufer verstellte. Das bemerkte ich aber erst auf dem Rückweg. Die Autobahntrasse verwandelte sich in eine provinzielle Schnellstraße mit Ausfahrten, die einer Weinkarte glichen: Eltville, Östrich-Winkel, Geisenheim und eben Johannisberg. Ein mittelalterlicher Kran möblierte das Rheinufer. Die Häuser blinkten freundlich aus ihren gepflegten Fenstern, sie spiegelten die Sonne wieder. Die Sonne brachte vor allem die goldgelben Blätter zum Leuchten, die rechts die Hänge der Weinberge bedeckten und links den Ufern des leicht mäandernden Rheins als Begrenzung dienten. Ein leichter Dunst umgab die Landschaft und verwandelte jeden Ausblick in ein romantisches Gemälde.

Auf dem Johannisberg - juristisch ein Ortsteil von Geisenheim - gibt es ein Schloss mit einem berühmten Restaurant und viele andere kleine und größere Weingüter und Probierkneipen. Obendrein ein ehemaliges Kloster, keine 150 Jahre alt, inzwischen Hotel und Restaurant, doch hat sich der Kreuzgang erhalten und der bietet, verglast wie er ist, wunderbare Ausstellungsflächen. Alle sechs bis acht Wochen darf der Besucher dort eine neue Schau bewundern. Derzeit also die Werke meiner Freundin Cornelia und ihres Kollegen.

Es sind zarte Bilder, die hinter der Harmonie von Formen und Farben auch eine Unruhe spüren lassen, ohne dass sie dafür irgendeinen Grund enthielten (den ich entdecken konnte). Sie wecken die Unruhe in dem Betrachter, der (die) sie dann bei sich selbst suchen müsste. Wenn er wollte. So steht Cube-Druener ganz in der gegenwärtigen Wirklichkeit: jeder für sich, und was machen wir gemeinsam? Eine Vernissage, mit Wein, Saft und Wasser, mit einer Rede und dem spannenden Gitarristen Jürgen Nemetz. Oder ein Camp neben der Europäischen Zentralbank. Das Organisieren fällt nicht schwer, die Ziele legt jeder für sich fest. So ist das heute, zumindest in Frankfurt und drum herum. Zur Vernissage waren sehr viele Leute gekommen. Im Camp neben der EZB finden sich auch viele ein, vom Obdachlosen bis zum Nadelstreifenanzug.

In Frankfurt hat übrigens die Oberbürgermeisterwahl begonnen, die CDU verlegt sie einfach um ein Jahr vor, indem sie Petra Roth schon 2012 zurücktreten lässt. Das ist wahltaktisch geschickt.  Davon ein andermal.


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