DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, den 21. Oktober

Welchen Gewinn bringt mir das Schreiben eines Webtagebuchs? Nur selten höre ich, dass es jemand gelesen hat, und noch seltener gibt mir jemand Antwort. Würde ich nicht dann und wann indirekt erfahren, dass darin gelesen wird, vielleicht verlöre ich den Mut.

Vielleicht. Und wüßte doch: Ich darf sie nicht aufgeben, die Chance, meinen eigenen Blick in Worte zu fassen und öffentlich zu machen; denn die Notwendigkeit der Formulierung, die Verantwortung, die damit verbunden ist, schärft den Geist, die Sprache, den Blick und schließlich das Denken. 

Der Nachteil: einen Standpunkt zu äußern, ohne dem davon Betroffenen in die Augen zu schauen, ist eine Form von Feigheit. Jedenfalls eine Minderung seines Wertes.

Da wäre es doch besser, einen Briefwechsel zu führen; dort muß ich  a n t w o r t e n   - mich also in mein Gegenüber einfühlen, den andern in seiner Besonderheit zur Kenntnis nehmen und achten.

Indes: Der öffentliche Monolog nährt immerhin die Hoffnung einer möglichen Antwort von irgendwo her.....

Frankfurt, den 29. Oktober

Die Woche zerrann in Pflichten und Freuden dergestalt, dass ich wenig zur Besinnung kam. Einmal träumte mir, ich sei mit meinem Wagen, einem offenen Cabrio, aus Versehen ein paar Stufen hochgefahren und ich hätte noch Glück gehabt, weil das Gefährt sich in letzter Minute auf dem oberen Absatz auf drei Rädern stabilisierte. Das vierte Rad hing über der Treppe. Meine junge Enkeltochter lief herum, bemerkte meine Verlegenheit nicht, obwohl ich nach ihr rief, und nun fürchtete ich, sie könne sich unversehens unterhalb des Wagens aufhalten, wenn der nun doch noch die Balance verlöre....

Das träumte ich nach dem ersten Tag der Feldenkrais- Fortbildung vom letzten Wochenende. Es war ein Anatomie-Kurs, wir hatten gelernt, dass  sich der Fuß beim Gehen vor allem auf drei Punkte stüzt: Ferse und äußerer und innerer Ballen. 

Vermutlich läßt sich mein Traum auch klüger deuten als durch den Vergleich mit der Stabilität des menschlichen Fußes. Das Gefühl der Instabilität - wenn ich mich bewege, stürzt das Auto ab - stellt sich bei vielen Gelegenheiten des Alltags ein. Muß ich eine Situation genau einschätzen, bevor ich entscheide? Wieviel riskier ich? An welchen Maßstäben orientier ich mich?

Wie spielerisch gehe ich um mit allem, was mir begegnet?

Die Traumsituation stellt eine Sackgasse dar, aus der eine Umkehr nicht möglich ist.

Nur Aufwachen geht noch. Das ist der Vorteil eines Albtraums, an den man sich erinnert: man kann aufwachen.



Frankfurt, den 2. November 2007

Mir schickte jemand eine Videobotschaft "nachtundnebel", eine Comicsschleife von vielleicht einer oder zwei Minuten. Ganz hübsch gemacht, aber wo ist der Nebel? dachte ich, bis ich merkte, dass gewisse, sich bewegende Streifen als "Nebelschwaden" fungieren sollten, obwohl sie nichts kaschierten und den Blick bis zum Horizont freiließen. Einen Comic-Horizont mit Fernsehturm. Die Adresse lautet: www.nacht-und-nebel.info/intro/ - wenn ich mich recht erinnere.

Ach, es gibt so vieles, das ich nicht verstehe. Zum Beispiel, wieso Lehrer glauben können, daß jeder Schüler auch dann lernt, auch wenn der Lehrer sich nicht persönlich um ihn/sie kümmert. Denn das sagt einem jeder Lehrer, mit dem man in Deutschland spricht: "Ich kann mich nicht um jeden einzelnen kümmern." Weil nämlich zu viele in einer Klasse sind.

Ein anderes Gebiet: wieder sagt mir ein Veranstalter, dass eine Simultananlage zum  Dolmetschen zu teuer komme. "Große Zustimmung und positive Rückmeldung" habe er auch so bekommen, mit "ehrenamtlichen Übersetzern" wie er sagt. Es ging mir aber nicht ums "Ehrenamtliche", sondern ums Verstehen! Ich habe von dem betreffenden Vortrag (ein Historiker aus Barcelona, zum spanischen Bürgerkrieg) nichts behalten, und ich glaube, es lag nicht an der Dolmetscherin, sondern daran, dass der Redner seinen Vortrag aus Zeitgründen halbieren mußte! Zeitgründe deshalb, weil die halbe Zeit fürs Dolmetschen drauf ging!

Wer interessiert sich fürs "Verstehen"??? Und wie funmktioniert das Verstehen?

 

Frankfurt, 3. November

Jüngst kaufte ich mir ein Liederbuch, in dem fast alle Volkslieder stehen, die ich als Kind gesungen habe, von "Jenseits des Tales" bis "Heißa Katreinerle" über "Stehn zwei Stern am hohen Himmel" und so fort.  Auch alte Soldatenlieder, wie "O Straßburg, o Straßburg" oder "Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren" - wie erinnere ich mich an die Inbrunst, mit der ich achtjährig  eben dieses Vorbeimarschieren größerer Soldatenmengen unten auf der Straße mit diesem Lied begleitete! (".. öffnen die Mädchen Fenster und die Türen - hei warum, hei darum, hei nur wegen dem tschingdarassa bumdarassassa" - ist doch so!) Viele Abendlieder, die immer Melancholie mit sich tragen: "Ade zur guten Nacht, jetzt wird der Schluß gemacht...."

Wenn manche Lieder, nach meiner Erinnerung zumindest, aus der Nazizeit stammen, dann hat der Kompilator des Buches meistens "19. Jahrhundert" drüber geschrieben. Doch, ich finde tatsächlich auch ein Lied über "die Heimat" die "wir schützen", weil "sie dem Volk gehört", ein für mein Empfinden nationalistisches Lied. Ich kenne es nicht, und beim Nachschaun merke ich: der Kompilator stammt aus der DDR. Da hat er andere Sensibilitäten als ich.

Gestern abend habe ich fast zwei Stunden lang gesungen. Das erhellte meine Stimmung, richtig physiologisch, wie eine Sonnenbank. "Und so sing ich denn mit frohem Mut, wie man singet, wenn man wandern tut: lieb Heimatland ade."

 

Frankfurt, 8. November

Nur ein "n", ein kleines "n", das fehlt, und sein Fehlen gibt mir einen Stich, irgendwo im Bauch, ganz oben. "Einladung zu Lyrik und Lieder" finde ich in meiner Email, die Anführungsstriche sind von mir, es gibt keine in dieser Einladung, sie hätten ja wenigstens formal, wenn auch unelegant, das Deutsche retten können. Wer spricht denn so: Einladung zu Lieder? Zu Liederlichkeit, möchte ich ergänzen.

Aber solche Schlampereien begegnen mir öfter - eben noch, als ich, zur Vorbereitung auf einen Artikel über die "Griechischen Kulturwochen", die Webseite der Tänzerin Limnaios besuchte. Grauenhafte Übersetzungen von Rezensionen aus Le Soir, der belgischen Tageszeitung. Da will man "den Zuschauer nicht verletzen oder gar vor den Kopf stoßen" - was für eine seltsame Reihenfolge. Natürlich wird der Übersetzer nicht genannt!

Am gröbsten werden die Regeln der Deklination im Musikgeschäft verletzt:  einem Hauptwort im Singular folgt das Verb im Plural. Der Singular ist der Name einer Band, irgendein abseitiges Wort, sagen wir "Grundgesetz": dann tobt die Presse "Grundgesetz werden mit Pfeifkonzert empfangen" oder so....

Tiens, wie ich das überlese, fällt mir eine Ähnlichkeit mit der  feudalherrschaftlichen Anrede auf, im Stil von "Königliche Hoheit werden gestatten...."

Hier in Frankfurt wirbt z.Zt. ein Einkaufszentrum mit dem absoluten Partyspaß: "38 Stunden Nonstop-Shopping".

Seit einiger Zeit führ ich eine Mail-Korrespondenz mit einem luxemburgischen Intellektuellen. Mir ist jetzt die Idee gekommen, dass hier in der "Metropole" der Zeitgeist herrscht, während dort in der Provinz der Weltgeist sein Zuhause gefunden hat. Dort kümmert man sich nicht um die Verrücktheiten der Gegenwart, sondern bezieht sich nachdenklich und entschieden auf das Wissen und Denken der letzten 3000 Jahre, hält es damit lebendig, führt es auch irgendwie weiter.

Während sich die Neuheiten hier erst die Hörner abstoßen, bevor sie dort als "Bewährtes" übernommen werden.


 

Frankfurt, 10. November 2007

Eine unbekannte Autorin:

zum zehnten Todestag von Hanne Kaufmann


Heute vor zehn Jahren ist meine Freundin  Hanne Kaufmann gestorben – sie wäre achtzig Jahre alt, wenn sie noch lebte. Ihren Siebzigsten hat sie herrlich gefeiert, in jener Verquickung von Festlichkeit und Unbefangenheit, wie ich es nur in Dänemark erlebt habe. Während des mehrstündigen Festmahls war jemand für die Redner zuständig, setzte ihre Reihenfolge fest, rief sie auf, nicht um der Regelhaftigkeit, sondern der Bequemlichkeit willen. Es hatten sich nämlich mindestens zehn Redner angemeldet. Und doch gab es keine Wiederholungen und auch keine Floskeln, jeder wußte eine andere Facette von Hanne zu schildern. Strahlend hörte das Geburtstagskind sich die Huldigungen an, ja, es waren Huldigungen: für eine Intellektuelle, eine Schriftstellerin, eine Kunstkennerin, eine unerschöpfliche Quelle des Humors, eine helfende Hand, die niemals erlahmte, und vieles andere mehr.
Hanne Kaufmann hat in Dänemark zwischen 1956 und 1970 acht Werke veröffentlicht. Sie zählt zu den anerkannten Schriftstellern ihres Landes, wie der dänischen „Autorenbibliografie“ zu entnehmen ist. Außerdem schrieb sie für Zeitungen, die „Berlingske Tidende“ zum Beispiel.  Ich betone das, weil jetzt unter ver.di im Internet mehrfach zu lesen ist, dass sie nur „ein Buch“, etwas Autobiografisches, verfaßt habe, von dem behauptet wird, sie erinnere sich darin, „als eine von siebentausend Juden“ gerettet worden zu sein. Wahr ist, dass von ihrem gesamten Werk nur dieses eine mit dem deutschen Titel „Die Nacht am Öresund“ in Deutschland veröffentlicht worden ist (Übersetzung: Norbert Lochner). Auf Dänisch nannte Hanne ihr 1968 erschienenes Buch „Warum war diese Nacht so anders als alle anderen Nächte?“, eine Frage, die aus der jüdischen Pessach-Lithurgie stammt und die auf die Rettung des Volkes Israel aus Ägypten verweist, also weit über den Moment hinaus. Andererseits beschrieb Hanne Kaufmann diese Nacht der Rettung als ein sehr persönliches Erlebnis, was schon aus ihrem Vorwort in der deutschen Fassung deutlich hervorgeht:
„Vielleicht war alles ganz anders, als ich es in Erinnerung habe. Vielleicht habe ich es nur so erlebt, wie ich es erleben wollte. Vielleicht war weniger Selbstlosigkeit im Spiel und mehr Eigennutz. Vielleicht weniger Heldenmut und mehr Abenteuerlust. Vielleicht weniger Liebe als Rache. – Ich kann in dieser Sache nicht objektiv sein. Nur feststellen: Die Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943  war für mich etwas Besonderes, weil ich zum erstenmal das Gute als Folge des Bösen erlebte...“
Als ich Hanne Kaufmann 1975 in Luxemburg kennenlernte, war sie schon alkoholkrank – und dennoch hat sie seither nie aufgehört, mich zu faszinieren. Sie war „flink und präzise“, wie ich damals feststellte, und sie blieb darin ein Vorbild, dem ich nachzueifern trachtete. Sie knüpfte unentwegt Fäden zwischen Menschen, die sich sonst nie getroffen hätten. Sie arbeitete beim „Amt für amtliche Veröffentlichungen“, einer europäischen Einrichtung, später auch als  freie Sprachlehrerin für verschiedene europäische Institutionen. Sie schrieb für mehrere Zeitungen. 1977 zog sie nach Dänemark zurück und blieb dort bis zu ihrem Tode. In Deutschland hat sie seit ihrer Kindheit nie wieder gelebt, mit Ausnahme jener Woche (ich glaube, es war 1976), die sie brauchte, um den Hausstand ihres verstorbenen Vaters in Oberursel aufzulösen. Sie erinnerte sich danach nur mit Grausen an diese Tage im verödeten Haus.
Als sie mich im Frühjahr 1997 in Frankfurt besuchte – sie war nach Biebesheim, dem Herkunftsort ihres Großvaters eingeladen worden (s. Internet) – übersetzten wir gemeinsam ein Kapitel aus einem anderen ihrer Romane: „Katedralen“, erschienen 1964. Darin setzte sie sich mit den Bombardierungen gegen die deutsche Zivilbevölkerung auseinander, mit dem Dilemma zwischen ihrem Friedenswunsch und der Notwendigkeit, sich gegen einen kriegslüsternen Feind zu wehren. Dieses Kapitel wurde in einem Sonderdruck des VS Hessen „Federn für den Frieden“ im Mai 1999 abgedruckt. Eine Fortsetzung unserer Arbeit scheiterte an ihrer Krankheit, ihrem Tod.
„Das Gute als Folge des Bösen“ – auch hier versteckt sich ein literarischer Hinweis: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ – Mephisto in „Faust“. Goethe in Frankfurt. Hanne Kaufmann, als jüdisches Kind aus Frankfurt vertrieben, hatte sich immer den Frankfurter Tonfall bewahrt. Sie war sich der Mehrschichtigkeit, ja, der gelegentlichen Widersprüchlichkeit allen Erlebens bewußt. Das machte eine Begegnung mit ihr zu einem Abenteuer, zu einem befreienden Erlebnis. Manch braver Bürger fühlte sich freilich davon auch überfordert.








Frankfurt, den 12. November

Als "Lernnacht" bezeichnet man in der jüdischen Religion eine abendliche Zusammenkunft vor einem Trauertag. Gestern abend lud das hiesige jüdische Museum zu einer solchen ein. Die Veranstaltung dauerte von fünf bis sieben Uhr, es kamen mehr Leute als Stühle aufgestellt waren, doch holte man noch genügend Stühle aus einem Nachbarraum. "Lernen" bedeutet auf Hebräisch auch "beten".

Hier aber war eine Diskussion angekündigt. Thema war "Die Zukunft der Erinnerung - Gedenkstätten und Forschungsinstitutionen in Frankfurt am Main". Auf dem Podium saßen Frau Trude Simonson, Herr Dr. Groß, Herr Dr. Leuschner und Prof. Brumlik; die Moderation bewerkstelligte geschickt und intelligent ein Redakteur der FAZ. Frau Simonson ist Überlebende von Auschwitz; Dr. Groß leitet in Personalunion das Jüdische Museum und das Fritz-Bauer-Institut (das Museum gehört der Stadt, das Institut der Universität); Dr. Leuschner sitzt der "Initiative 9. November" vor und Prof. Brumlik ist ordentl. Professor für Erziehungswissenschaften in Frankfurt und ein Vertreter der jüdischen Gemeinde.

Nach und nach schälte sich heraus, dass ein ganz konkretes Anliegen im Vordergrund stand: Soll auf dem zukünftigen Gelände der Europäischen Zentralbank ein weiteres Gedenkmuseum errichtet werden? Nein, meinten einhellig die Redner auf dem Podium. Ja! riefen einige leidenschaftliche Besucher, denen es um die "Authentizität" des Ortes ging.

Die heute - aus architekonischen Gründen - unter Denkmalschutz stehende ehemalige Großmarkthalle soll in den nächstgen Jahren zum Sitz der Europäischen Zentralbank umgebaut werden. Zur Nazi-Zeit diente ein Teil der Großmarkthalle, die einen Gleisanschluß besaß, als Sammellager für die zwecks Deportation in Stadt und Land verhafteten Juden. Daran soll nun erinnert werden. (Solange da Großmarkt herrrschte, hat wohl niemand dran gedacht?) Eine Gedenktafel ist schon beschlossen. Aber ein richtiges Museum?

Es gibt in Frankfurt eine ganze Anzahl von Orten der Erinnerung an die jüdischen Bewohner und an ihre Verfolgung, wobei das Museum mitsamt seiner Dépendance am Börneplatz sich auf die Geschichte der Frankfurter Juden konzentriert und das Fritz-Bauer-Institut sich der Erforschung der Schoah widmet. Im Anne-Frank-Haus wird an Anne Frank erinnert, die Initiative 9. November sitzt im Bunker an der Friedberger Anlage, der in seiner ganzen Grauslichkeit ins Gedächtnis ruft, dass an dieser Stelle vor der sog. Kristallnacht eine prächtige Synagoge stand. Eine doppelbödige Authentizität des Ortes, gewissermaßen.

In diese meine erste "Lernnacht" war ich mit der Erwartung gekommen, etwas zu lernen über die "Zukunft der Erinnerung", über das Gedenken an die Schoah. Wie wird man endlich eine Mehrzahl der nicht-jüdischen Deutschen einbeziehen,  für die Gedenk-Kultur gewinnen können, wie ihnen verständlich machen, worum es geht?

Darüber wurde nicht gesprochen. Ich fühlte mich mal wieder allein gelassen. Kämpfe ich nicht gerade darum, dass der Schriftstellerin Hanne Kaufmann als Autorin gedacht wird und nicht nur als "eines von 7000 Opfern"? Wann endlich wird die Person geehrt anstelle irgendeiner Schublade, in die man sie hineinstopft und vergißt? Ist nicht die "Authentizität des Ortes" auch so eine Schublade?

Frankfurt, den 2. Dezember 2007

So vieles geschieht, Tag für Tag, dass ich nicht nachkomme.

Die hessische SPD lud ein - es ist Landtagswahlkampf. Die Kandidatin für den Posten des Regierungschefs wollte mit Vertretern der Bildung diskutieren. An den hessischen Schulen kriselt es.

Ich wollte die junge Kandidatin wiedersehen, wie übersteht sie den Wahlkampf: tatsächlich hat sie sich professionalisiert, ihre Ermüdung führt zu mehr Klarheit und Direktheit. So hat sich ihre Selbstdarstellung im letzten halben Jahr sehr verbessert, fand ich.

Ich selbst wollte auch was: einen Standpunkt in die Köpfe einsinken lassen. Die Zweisprachigkeit. Eine gute Stunde hatte ich Zeit, um mir die Formulierung zu überlegen, und es gelang mir, mich kurz und prägnant zu fassen. Meine Frage hieß: "Kann man nicht das Wort 'Migrant' aus dem Diskurs herausnehmen und stattdessen das Wort 'Zweisprachig' einfügen? Das Wort 'Migrant' grenzt Menschen aus, das Wort 'zweisprachig' schreibt ihnen eine zusätzliche Kompetenz zu."

Die Kandidatin Ypsilanti verstand mich, antwortete aber skeptisch: das werde wohl noch eine Zeit dauern. Die Reaktion einer Lehrerin bestätigte mir das; sie glaubte, das Problem (der ungenügenden Deutschkenntnisse) liege bei den Eltern der Schüler, die selber nicht deutsch könnten und eine "andere Kultur" hätten. 

Als ich heimkam, fühlte ich mich erschöpft wie Sisyphus.

Frankfurt, den 5. Dezember

"Löschkandidat". Das Wort fand ich bei Wikipedia, dahinter eine sehr lange Liste von Namen. Jemand hatte mir stolz von seiner "eigenen" Seite bei Wikipedia erzählt, er wollte gar, dass ich darüber was schreibe. Auf der Seite stand, dass der Mann geboren wurde, zur Schule ging, studierte, einen Beruf hatte und danach noch mal studierte. Er hatte eine Doktorarbeit zum Thema X geschrieben, während seiner Berufstätigkeit zwei, drei Schriften zum Thema Y veröffentlicht und nun bei seinem Altersstudium eine Publikation über Z herausgebracht. Ich fand keine Inhalte: wenn er etwa über Werkschutz geschrieben hätte, so war nicht zu erfahren, was da Kostbares gschützt werden mußte und wie mein Autor das persönlich bewerkstelligt hatte. Wenn er sich über Grammatik gebeugt hätte, so verriet er doch nicht, welche neuen Wege der Verständigung er vielleicht entdeckt hatte. Was seine Meinung war. Nein, nur der trockene minimale Lebenslauf war zu erkennen - der eines "Löschkandidaten" eben!

Wer müßte sich nicht letztlich mit der Erkenntnis abfinden, ein "Löschkandidat" des Lebens zu sein?

Frankfurt, 6. Dezember

In der Zeitung las ich, dass die Schüler-Probanden der PISA-Studie auch nach dem Vorhandensein einer Spülmaschine im Elternhaus gefragt wurden. Man muß wohl verstehen: "bildungsnah" = Spülmaschine, "bildungsfern" = SchülerIn muss selber abtrocknen. Bei uns zu Hause wurden meine Brüder nicht zum Abtrocknen herangezogen, das mußte immer ich, die einzige Tochter, machen. Das eigentliche Spülen übernahm meine Mutter selbst, es sollte ja alles richtig sauber sein. Diese Verantwortung überließ sie mir nicht, zumindest kaum bevor ich 16 war - an genaue Altersgrenzen erinnere ich mich nicht.

Ich selbst, nun auch schon im Großmutteralter, besaß noch nie eine Spülmaschine. Eine solche in der Küche zu haben, war mir immer zu laut, auch traute ich den Chemikalien nicht, die man da hinein gibt. Bei mir wird alles Geschirr von Hand abgewaschen, bis es sauber ist, dann unter klarem heißen Wasser abgspült. Anschließend gebe ich es in einen nach unten hin offenen Schrank, wo die Sachen ganz natürlich von selbst trocknen. Kein Abtrocknen in meinem Haushalt!

Noch etwas anderes fiel mir bei der Zeitungsmeldung ein. Meine jüngere Tochter bekam in einer Grundschulklasse einmal Punkte abgezogen, weil sie auf die Frage "Was steht im Kühlschrank?" die Marmelade nicht erwähnt hatte. Nun stelle ich Marmelade nicht in den Kühlschrank, weil Marmelade definitionsgemäß schon konserviert ist und keinen Kühlschrank braucht. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich sogar versucht, bei der Lehrerin meiner Tochter zu protestieren, kam aber damit nicht an. Die Frau verstand nicht, wovon ich sprach. 

Das hing damit zusammen, dass wir damals im "Ausland" lebten. Unter "Ausländern" prallen manchmal fest verankerte Gewohnheiten aufeinander, und weil jeder seine eigene Gewohnheit für die natürliche Lebensart hält, kommt keine Verständigung auf.

Ob an der Ausarbeitung der PISA-Fragen auch Leute beteiligt sind, die selbst einen Haushalt führen können? Einen ohne Mikrowelle und Spülmaschine? Ein solcher setzt mehr Kenntnisse über Waren und Verfahren voraus als man beim Hantieren mit Maschinen und Fertigkost braucht. Diese Kenntnisse ersetzen gewiß die Lesefähigkeit nicht, sind aber auch kein Hindernis - im Gegenteil. Würden sie nur vernünftig gewürdigt!

 

Frankfurt, den 13. Dezember

Das Thema "Zweisprachigkeit" gerät mehr und mehr in den Mittelpunkt meiner - wie soll ich es nennen? meiner Bestrebungen? meines Umgangs mit der Welt? meiner Interessen? nein - meiner Selbstverständlichkeiten. Eben habe ich auf der Webseite von "Africultures" einen Satz kommentiert, den ich dort gefunden hatte. Der Satz heißt: "Wer nur eine einzige Sprache hat, ist behindert", auf Französisch: "Ceux qui n'ont qu'une langue sont dans l'infirmité". Der Satz stammt von Boubaca Boris Diop, einem Senegalesen, wenn ich nicht irre. Er schreibt auf Französisch, hat schon mehrere Romane etc. veröffentlicht. Neulich hielt er in Bordeaux ein Schreibseminar auf "Wolof" ab, das ist seine eigentliche Muttersprache. Es gibt in Afrika wenig Veröffentlichungsmöglichkeiten, außerdem haben die Kinder dort entweder Französisch oder Englisch in der Schule gelernt, und nicht die Heimatsprache.

Das  wachsende Selbstbewußtsein der Afrikaner ("Auf Augenhöhe" titelte die taz beim Bericht über Lissabonn") drückt sich auch darin aus, dass sie ihre Muttersprachen in ihr Schreib-Bewußtsein hereinholen.

 

Frankfurt, 16. Dezember

Ein kleines Erlebnis aus der Straßenbahn, ein ganz Winziges - und doch! Lesen Sie:

Ich hörte zwei alte Damen - älter als ich - über Änderungen an einer bestimmten Haltestelle reden, sie hatten darüber in der Zeitung gelesen. Sie rätselten endlos herum, was sich da nun geändert haben könnte: der Standort, das Wartehäuschen oder sonst irgendwas, das sie sich nicht vorstellen konnten und von dem sie im Vorbeifahren gar nichts gesehen hatten. Ich mischte mich ein: man habe die Bus-Haltestelle mit der Straßenbahn-Haltestelle zusammengelegt, darin bestehe die Änderung.

Die beiden schwiegen. Sie hatten sich plötzlich nichts mehr zu sagen. Es war, als hätte ich in einen Luftballon gepiekt, und nun war die Luft entwichen. Mir wurde unbehaglich. Wäre den alten Damen das Nichtwissen, das Schwelgen im Nichtwissen  lieber gewesen? Dann hätten sie weiter Vermutungen austauschen können, von denen sie wußten, dass sie keine Folgen und wenig Realitätsbezug hatten? Nur in der Zeitung gelesen, und dafür wären sie ja nicht verantwortlich?

Mit fiel ein, dass sie wohl noch beim BDM gewesen sein müssten, "Bund junger Mädchen" aus der Hitlerzeit, alle gingen da hin. Es war ihre schönste Zeit, die Jugend, und nach dem Krieg sollte das alles böse gewesen sein?? Als Ausweg aus dem Dilemna haben sie sich im Lauf der Jahre angewöhnt, nur noch über Dinge zu reden, die sie nicht kennen, und für die sie darum nicht verantwortlich gemacht werden können.

Wissen bedeutet Verantwortung.

"Ach", sagte nach einer  Weile seufzend die eine zur andern, "schön, wieder zuhause zu sein. Gehn wir nächste Woche nochmal zum Weihnachtsmarkt?"

 

Frankfurt, 19. Dezember

"Okapi" klingt schön, und ich hatte das Wort auch schon irgendwo gehört.

Jetzt verbindet mich mit "Okapi" die Vorstellung von einer ganzen Welt. Eine Welt, auf die ich vor 20 Jahren in Burundi einen Blick werfen durfte, ich war dort als Übersetzerin des Europäischen Parlaments, und zusammen mit ein paar Kollegen hatte ich damals Gelegenheit, noch drei Tage im Land herumzufahren.

Weniger als 4oo km westlich von Burundi liegt Goma, eine große Stadt in Ostkongo, jetzt und schon seit Jahren mitten in einem Krieg. Von Goma bis zur kongolesischen Hauptstadt sind es 3000 km! Fluglinie, nehme ich an. In Goma, in der Provinz Kivu, sind die Verhältnisse geografisch wie bevölkerungsmäßig denen in Burundi und Ruanda jedenfalls sehr ähnlich, habe ich mir sagen lassen.

So konnte ich mir lebhafte Vorstellungen machen, als ich letzten Sonntag hier in Frankfurt der Radioreporterin Gisèle Kaung Kaj aus Goma lauschte. Sie stellte "Radio Okapi" vor. (Ein Okapi ist einTier, das nur in Kongo vorkommt, etwas zwischen Giraffe und Zebra.) Radio Okapi gibt es seit 2002, Geburtshilfe leistete die Schweizer Stiftung "L'Hirondelle", die UNO finanziert, und es ist dem Sender gelungen, ein in ganz Kongo zu hörendes Nachrichtennetz aufzubauen. Giséle berichtete, wie die Journalisten in die gegnerischen Lager gehen, um mit den jeweiligen Machthabern zu sprechen. Heute will jede Partei, jede Gruppe ihren Standpunkt auf Radio Okapi vertreten, und es ist eine vor wenigen Jahren noch unvorstellbare Informations-Transparenz im Lande entstanden. Es wird meistens in fünf Sprachen gesendet: in vier Landessprachen und auf Französisch.

Gisèle Kaj berichtete auch von der militärischen Schlagkraft der verschiedenen Gruppen, dass die nationale Armee schlechter ausgerüstet und schlechter ausgebildet sei als die sogenannten Rebellen. Sie sprach über eine wachsende "Tribalisierung" der Auseinandersetzeung - damit wollte sie sagen, dass die Annahme, alle Bewohner seien eben "Kongolesen", nicht mehr selbstverständlich ist.  Tutsi-Sippen habe es innerhalb des Kongo schon lange gegeben, doch seit dem Völkermord in Ruanda wurden die Angst und der Streit zwischen den Volksgruppen auch ins Nachbarland Kongo hineingetragen. In Nord-Kivu leben derzeit etwa 800.000 Binnenflüchtlinge!

Die Journalistin selbst ist ihres Lebens nicht sicher, ihr Haus wird ständig von der Polizei bewacht und abends wagt sie sich nicht hinaus.

Des ungeachtet flog sie am Montag in ihre Heimat zurück. Es war ihr erster Besuch in Europa. Ihr schönes klares Gesicht, ihre Heiterkeit, ihre Selbstsicherheit und Professionalität haben mich tief beeindruckt.

 

 

 

Frankfurt, 20. Dezember

Wem möchte ich ein "frohes Weihnachtsfest" wünschen, und "viel Glück im neuen Jahr"?

Jedem, der dies liest. Jidfereen, wie die Luxemburger so schön sagen. Jeder und jedem.

Dennoch bleiben mir noch einige Weihnachtsbriefe zu schreiben, nicht jeder hat einen Computer. Ich nehme dieses Jahr die elegant glitzernden Karten der UNICEF, deren Gestaltung dem Empfänger zeigt, dass die Schreiberin sich dem Mainstream eingefügt hat, oder dies zumindest bei Bedarf so darstellen kann: man hilft, man ist "Unterstützer", man wahrt die Form, man weiß, was sich gehört.

Bei Bedarf? Wessen Bedarf? Richte ich mich nicht nach meinen eigenen Bedürfnissen? Nach dem Wunsch, "dazu zu gehören"?

Dazu gehören, heißt auch, sich auf Angeberei zu verstehen. Man will ja nicht ständig riskieren, platt gebügelt zu werden. Gelungene Angeberei bedeutet, Überlegenheit gezeigt zu haben. "Ich will nicht zu den Losern gehören", sagte mir dieser Tage ein pensionierter Bankbeamter, der noch danach sucht, wohin er gehört. "Es gibt keine Loser!" schoß ich zurück, ohne weiter nachzudenken. Aber dann sprach er von "Gewinnern". "Tja," gab ich achselzuckend zu bedenken, "wenn Sie Gewinner sein möchten, dann brauchen Sie natürlich auch Verlierer."

Was wünsche ich mir wirklich?

Dialog.

 

 

Paris, den 25. Dezember

Wie ich in Luxemburg hörte, soll man die Beleuchtung auf den Champs Elysée angucken gehen, doch bin ich nicht weiter als auf die Rue de Bretagne im 3e gekommen bisher, da hat es auch schöne Illuminationen: Die Strasse wird gesäumt von Riesenlampengirlanden, die die schöne Gestalt der Quallen angenommen haben, ohne doch zu schwimmen. Sie scheinen mit leisem Beben in der Luft zu stehen. Auf der Rue de Bretagne kauft man den herrlichsten Käse beim Maître Fromager, Père & Fille, es gibt den köstlichsten Wein, ausgesuchte Charcuterie und die kunstvollsten Leckereien der französischen Confiseure.

Wir wollten im Clan die "Westside Sory" angucken gehen, aber die Antwortmaschine teilt uns mit, dass nur noch Plätze mit eingeschränkter Sicht zu haben sind. Wir sind uns noch nicht einig, ob wir uns darauf einlassen wollen.

Überall wird von Sarkozy geredet, dem Staatspräsidenten, der alle in hilflose Nörgler zu verwandeln scheint: man weiss nicht, was genau man ihm vorwerfen soll. Am ehesten den Umstand, dass täglich von ihm die Rede ist, im Radio, im Fernsehen und in der Zeitung. Wobei aber keineswegs klar zu sein scheint, was er eigentlich zuwege bringt: obwohl er ständig in der Öffentlichkeit auftritt, erfährt man nichts politisch Relevantes.

Vielleicht hätte ich auf der Hinfahrt den "Canard Enchaîné" lesen sollen. Stattdessen las ich Luxemburger Zeitungen. Dort steht manchmal was von oder über Leute, die ich kenne. Diesmal fand ich drei Artikel von mir selbst in der Kulturbeilage des "Jeudi", dem "kulturissimo": einen über Theodorakis in Frankfurt, einen über eine literarische Ostbelgien-Anthologie und einen über Ilan Pappes Buch "Die ethnische Säuberung Palästinas".

Da war ich auch zufrieden. Worüber schreib ich als nächstes? Vielleicht über das literarische Manifest von Patrice Nganang. 

Paris, 27. Dezember

Ja, wir waren in "Westside Story" im Châtelet, es wurde auf englisch gegeben, war ergreifend schön - am grossartigsten aber die Tänze. Sogar die ungünstigen Sitze, ganz an der Seite, wo vom vorkragenden Balkon das Sichtfeld eingeengt war, selbst da wirkte das Spektakel noch auf Leib und Seele. Axel und Emil hatten Plätze in einer Loge ausfindig gemacht, die offenbar nur für besondere Umstände benutzt wurde, von der aus man aber viel besser sehen konnte. Niemand nahm Anstoss daran, dass sie da sassen. Ansonsten war das Theater ganz voll. Pascales Kommentar: offensichtlich bleibt so ein Thema immer zeitgemäss! Die Westside Story wurde in Erinnerung an den 50. Jahrestag der Broadway-Premiere aufgeführt. Pascale und ich haben sie 1980 zusammen in New York gesehen.

Heute traf ich die Schriftstellerin Fatima Gallaire; sie erzählt wunderbar Geschichten, bei ihr wird alles zu einer Geschichte. Wir kennen uns seit bald 20 Jahren. Ich habe einige Stücke und eine Novelle von ihr übersetzt, aber in Deutschland nie einen Verleger gefunden, der an einer Veröffentlichung interessiert war. Fatimas Gesellschaft tut wohl, ich bekomme mehr Mut, mich selbst zu vertreten in der Öffentlichkeit, wenn ich mit ihr gesprochen habe. Sie ist sehr stark.

Fatima erzählte von ihrer Tochter, die Biologielehrerin geworden ist, nach dem Referendariat sich aber nicht mehr vorstellen konnte, 40 Jahre zu unterrichten. Nun wendet sie sich dem Journalismus zu und kriegt auf einem Blog schon enorm viel Feedback.

Paris, 7. Januar 2008

Die Sonne scheint, und die frisch gereinigte Sandsteinfront der Gare de l'Est leuchtet im Widerschein, selbst  im Schatten, da sich die Nachmittagssonne schon dem Horizont nähert und nur den First noch beleuchtet.

In einer halben Stunde fahre ich zurück nach Frankfurt, die Taschen gefüllt mit Büchern über Afrika. Das neue Jahr widme ich der afrikanischen Kultur, seiner Literatur und insbesondere den Gedichten Von Muepu Muamba, dem treuen Freund. Es soll ein Buch daraus werden. Qui vivra, verra. Hier in Paris finde ich enorm viel über das gegenwärtige Afrika. "Haben Sie ein  Que sais-je über Wole Soyinka?" fragte ich im Buchladen Présence africaine, die Frau schüttelte traurig den Kopf; SO weit ist man nun doch noch nicht.

Alle beziehen sich auf Wole Soyinka, den Nobelpreisträger aus Nigeria, der in London lebt - ich muss ihn, seine Schriften, näher kennen lernen.

 

Frankfurt, den 11. Januar 2008

Nun komme ich endlich wieder ins Netz! Irgendjemand muß hinter meinem Rücken die Stecker im Router umgewechselt haben, dafür besuchte mich nun extra jemand von der Telekom, um das rauszufinden. Blamage!

Inzwischen hat die taz zum Thema "1968" einen kleinen Ausschnitt aus meinem Roman ins Netz gestellt (www.taz.de/archiv/dossier/1968 oder so ähnlich); mein Roman - er heißt jetzt "DIE HAUSHÄLTERIN" - spielt im Jahre 1975 im Großherzogtum Luxemburg, zu einer Zeit, als in Luxemburg die ersten Wellen der in Berlin und Paris tobenden 67er und 68er Stürme an den Ufern der Alzette ausliefen. Der Ausschnitt zeigt sozusagen "68 von außen". Ich rechne damit, dass mein Buch noch dieses Jahr auf dem Buchmarkt erscheint. Das Manuskript liegt mir seit zehn Jahren in der Schublade. Jetzt habe ich endlich genügenden Abstand davon gefunden. Die Geschichte handelt von einer Deutschen, die zum ersten Mal Juden begegnet. Sie handelt von der Arbeit und der Arbeitsatmosphäre in den Institutionen der Europäichen Gemeinschaften. Der Umgang mit den verschiedenen Sprachen unter den in Luxemburg lebenden Menschen wird behandelt, und gleichzeitig wird eine bitter-süße Liebesgeschichte erzählt. Ich nenne es einen "europäischen Roman".

In Berlin besuchte ich vier Tage lang die Veranstaltungen von "Kultur und Politik in Nahost", die Catherine David im "Haus der Kulturen" laufen läßt, hauptsächlich Filme. Ich sah mir jeden Tag drei oder vier Filme hintereinander an, und es tat mir wohl, auch wenn das meiste auf Arabisch lief. Gewöhnlich gab es englische Untertitel. Die Filme - nur Dokumentarfilme - kamen aus Ägypten, Libanon, Palästina und Israel, jedenfalls die, die ich gesehen habe. Außerdem waren noch Syrien und Irak vertreten; dieses "Fest" begann schon Mitte Dezember und endet übermorgen. Trotz der vielen traurigen Geschichten tat das Zuschauen wohl; das lag, glaube ich, an dem zärtlichen Umgang, den alle Orientalen untereinander pflegten. Das galt sogar noch für den Film über die Straßenkinder in Kairo. Ich kauerte in meinen Kinosessel und gehörte dazu... Nirgendwo begegnete mir eine Spur von Hass. Es war ein sehr schönes Erlebnis, und dass nur wenige Zuschauer kamen, schmerzte. Anscheinend haben die Veranstaltungsrubriken der  Berliner Tageszeitungen die Filme nicht angekündigt. Darüber muß man sich doch wundern: durften sie nicht? Denn natürlich verteidigte kein einziger Film die israelische Siedlungspolitik. Reicht der Arm der Siedlerlobby so weit?

 

 

Frankfurt, 13. Januar

In Frankfurt bereitet man sich auf das jährliche Filmfestival "Africa Alive" vor, das am nächsten Donnerstag, den 17.1., in Höchst beginnt. Am Freitag um sechs versammeln sich Freunde und Exzellenzen im Filmmuseum zu einer feierlichen Eröffnung. Zwei Schwerpunkte hat das Festival, neben einer nicht beschreibbaren Vielfalt:

Es zeigt Filme von Sembene, dem großen Genie des afrikanischen Films, der letztes Jahr gestorben ist.

Zweitens erinnert es an die charismatischen Anführer der afrikanischen Unabhängigkeiten, die größtenteils ermordet wurden. Im Mittelpunkt steht Thomas Sankara, der vier Jahre lang Präsident von Burkina Faso war, ehe er 1987 ermordet wurde. Er lebt als unvergessenes Vorbild der Nichtkorrumpierbarkeit in der Erinnerung weiter. So verkaufte er die dicken Dienstwagen seines Vorgängers und schaffte für die Regierung die damals billigsten Autos an. Er verzichtete auf eine Klima-Anlage in seinem Büro mit der Begründung, sein Volk könne sich auch keine Klima-Anlagen leisten. Politisch bedeutsamer aber waren seine Verstaatlichungen von westlichen Unternehmen, vor allem aber seine Weigerung, "Hilfe" von außen, etwa von Frankreich oder von der Weltbank, anzunehmen. Damit entzog er sein Land dem westlichen Einfluß! Seine These war, dass Afrika sich aus eigener Kraft erholen müsse. Er nahm Frauen in die Regierung auf, er verbot die Klitorisbeschneidung. Kurzum, er machte sich alle Machos, alle Reichen und alle Machtgierigen zu Feinden.

Man wird auf dem Festival Filme über Sankara und Lumumba sehen können. Im Vorraum werden Bilder und Texte über Sankara auf einem Bildschirm laufen. Sein 20. Todestag wurde im Oktober nicht nur in Burkina Faso feierlich begangen; es gibt Gruppierungen, die seine Forderungen aufgreifen und weiterführen wollen, getreu seinem Motto: Menschen kann man erschießen, Ideen nicht!

Das Festival selbst ist angelegt als ein Ort, wo die Welt nicht mehr von Weißen vermittelt wird, die (meistens) mehr an sich selber denken als an die, über die sie Filme drehen, sondern wo die Schwarzen, genauer gesagt: die Afrikaner, ihr eigenes Bild von der Welt zeigen. Welch eine Chance für alle!  

 

 

Frankfurt, 15. Januar

Warum interessiert mich Afrika?

Ich habe praktische Gründe. Einer heißt: am nächsten Sonntag werde ich bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen von "Africa Alive" dolmetschen. Da muß ich mich vorbereiten. Bei dem Gespräch im Frankfurter Filmmuseum geht es um die künftige politische Verfaßtheit der afrikanischen Staaten. Wieviel soll von tradtitionellen Werten übernommen werden, wieviel Modernität zugelassen? Wie läßt sich das verbinden?

Dir Fragen klingen zunächst recht theoretisch. Ich werde meine Freunde vorher noch befragen müssen, was genau gemeint ist. Freilich ersehe ich auch einiges aus der Zusammensetzung des Podiums: Ein Rechtsanwalt, ein Journalist, ein Historiker, ein Soziologe und Philosoph, der auch was vom Film versteht - alle aus Schwarzafrika stammend, alle welterfahren - da kommt ein großes Wissen zusammen.

Bei den Fragen steht wieder Thomas Sankara im Mittelpunkt, dieser schöne junge Mann aus Burkina Faso, der in der Blüte seines Lebens ermordet wurde, weil er, wie schon 20 Jahre früher Patrice Lumumba in Kongo, nicht den Anordnungen der westlichen Machthaber und Geldgeber folgen wollte und weil es genügend Genossen aus dem eigenen und den Nachbarstaaten gab, denen er im Weg stand. So sehen es jedenfalls seine heutigen Anhänger, und sie berufen sich bei der Verherrlichung des Andenkens an Thomas Sankara einzig und allein auf seine vierjährige Amtszeit als Präsident, in denen er Sparsamkeit, Arbeit, Gleichberechtigung für alle in den Vordergrund stellte. Selbst ist er auch nur mit einem Putsch an die Macht gekommen. Ein "Demokrat" in unserem hiesigen Sinne war er nicht. 

Welche Maßstäbe werden zugrundegelegt?

Die Diskussion wird es zeigen: nachmittags am 20. Januar im Frankfurter Filmmuseum. Nähere Informationen im Netz unter Africa Alive!

Frankfurt, 16. Januar

Warum fällt mir gerade jetzt das Bilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" wieder ein, um das sich vor gut einem Jahr in Berlin eine dreitägige Konferenz von Kinder-Psychoanalytikern drehte? Ich hatte im vornhinein ein Referat aus dem Französischen übersetzt, und war hingefahren mit der Absicht, auch beim Dolmetschen zu helfen. Das war nicht nötig, vielmehr, mangels Simultananlage wollte man auf eine zeitraubende Konsekutiv-Übersetzung lieber verzichten. Ich hatte also Zeit und Muße, einer ganzen Reihe von Vorträgen zu folgen.

Nirgendwo wurde erwähnt - und dort, wo ich nachfragte, hatte auch keiner drüber nachgedacht - dass der englische Titel dieses Buches, also der Originaltitel, lautet: "Where the wild things are" (geschrieben und gemalt von Maurice Sendak). Das Original hatte nichts mit "Kerlen", also Männern, im Sinn, sondern mit Gestalten, die einem Kind Angst machen. Ein männliches Kind, gewiß, doch im Zentrum steht, dass dieses Kind sich schlecht benommen, die Mutter bedroht hat und nun mit seinen Schuldgefühlen zurechtkommen muß. Das Bilderbuch hilft, Schuldgefühle zu bearbeiten: nachdem das Kind der "Wildheit" ausgeliefert war, kann es wieder Frieden mit der Mutter, der Welt und sich machen. Die anwesenden Therapeuten stellten unentwegt neue Aspekte dieses richtungweisenden Kinderbuchs heraus.

Warum fällt mir das jetzt ein? Wegen der allseits herrschenden Schuldgefühle? Eine  Freundin, nur ein bisschen jünger als ich, gestand mir am Telefon, ihr würde allgemein ein Schuldsyndrom nachgesagt, damit müsse sie leben. Ich sah keine Chance, ihr dazu eigene Gedanken mitzuteilen, dafür reichte unsere Zeit nicht. Ich dachte aber daran, dass auch ich die meiste Zeit meines Lebens bereit gewesen war, Schuld auf mich zu nehmen, ohne mir dessen bewußt zu sein. Seit neuestem aber leb ich in der Vorstellung: ich habe meine Schuld abgedient. So wie im Märchen bei Frau Holle. Oder in der Bibel, wo Jakob sieben Jahre  abdient, um eine Frau zu bekommen (und nochmal sieben, für die Richtige). ABGEDIENT!

Ich kann mich jetzt fröhlich um mich selber kümmern. Als erstes werde ich meinen Roman veröffentlichen!

Und all die TherapeutInnen, die für teures Geld auf eine Konferenz kommen, wo sie dann die Referate nicht verstehen, weil sie nicht genug Englisch können, die sich sagen: selber schuld, warum kannst du kein Englisch - die müssen eben sehen wo sie bleiben!

 

 



Frankfurt, 18. Januar

Poesie verkauft sich nicht gut, und doch werden immer Gedichte gelesen. Arabische Poesie dagegen - wer könnte die hier bei uns verstehen? Die Akademie in Hofgeismar bot an, am nächsten Wochenende moderne arabische Literatur auf deutsch vorzustellen - niemand wollte kommen. Das Seminar wird abgesagt. Schwer, sich die Gründe auszumalen.

In Paris sah ich einen Film mit dem Titel: "Der Besuch der Fanfare". Darin erzählte ein israelischer Regisseur die Geschichte der Polizeikapelle aus dem ägyptischen Alexandria, die zu einem Konzert in ein arabisches Kulturzentrum nach Israel eingeladen worden war. Die Mißverständnisse sind vorprogrammiert, ich will hier gar nicht von den vielen komischen und absurden Situationen erzählen, in welche die würdigen Musiker geraten, sondern nur von der arabischen Poesie: der Film schaffte es, sie auch den Zuhörern zugänglich, ja unvergeßlich werden zu lassen, die kein Wort Arabisch verstanden. Das geschah durch die Zusammenhänge und durch die Kunst der ägyptischen Schauspieler.

Ob der Film in Deutschland überhaupt zu sehen ist? Ich kann ihn nur von Herzen jedem empfehlen.

In Berlin sah ich poetische Dokumentarfilme aus Nahost, ich sah sie tagelang, ohne müde zu werden; denn sie verstanden, Wahrhaftigkeit mit Poesie und Zärtlichkeit zu verknüpfen. Aber die Besucherzahlen tendierten gegen Null. Wie kommt das nur?

Weiß jemand eine Antwort?

 

Frankfurt, 22. Januar

Gestern abend sah ich einen ungewöhnlichen Film: "Jujufactory".  Er spielt in Brüssel. Der Autor und Regisseur heißt Balufu Bakupa-Kanyinda und stammt aus Kongo, wohnt in Paris, lehrt Filmwissenschaft in New York und hat eine Produktionsfirma in Kinshasa. Einen erheblichen Teil seiner universitären Ausbildung - Soziologie, Kunstgeschichte, Philosophie u.a. - hat er in Belgien absolviert. Er berichtete, dass er mehrere Monate an einem Film gearbeitet hatte, der in Schwarzafrika spielen sollte, und zu diesem Zweck hielt er sich dort auf (ich glaube, es war in Libreville). Doch nach mehrmonatigen Vorbereitungen wurde ihm klar, dass ihm das Thema fremd blieb, dass er es nicht erfühlte. In seinem Kopf bewegten sich ganz andere Bilder: die Bilder eines Exils. Das Problem war, dass seine Pariser Geldgeber unbedingt einen Film haben wollten, der in Afrika vor Ort spielt. So entschloß sich Balufu, das Geld zurückzugeben und auf eigene Kosten den Film zu drehen, den er im Kopf - und im Herzen - trug. "Jujufactory" handelt von einer Bevölkerungsgruppe in Belgien, die neben Wallonen, Flamen, Deutschen eine vierte Gemeinschaft bilden: die kongolesischen Belgier. Es wurde ein Film über Belgien, der die Finesse, die Grobheit, die unendliche Vielschichtigkeit dieses Landes wiederspiegelt: aus belgisch-kongolesischer Sicht. Diese ermöglicht Humor so gut wie geistigen Anspruch, Liebesgeschichten, Weltgeschichte und Lokalkolorit. Vor Ort werden eigene Wurzeln gesucht - und gefunden.

Balufu Bakupa-Kanyinda ist überzeugt, dass die Pariser Geldgeber "Afrika" eben nur auf dem afrikanischen Kontinent anzusiedeln wünschen, während Balufu sieht, dass Afrikaner heute auf der ganzen Welt siedeln, auf allen Kontinenten. Damit hat er sicherlich recht. Ich meine aber, dass in diesem Fall obendrein noch die Verachtung der Pariser für belgische Verhältnisse eine Rolle gespielt haben könnte.  Hinter dem alten Klischee des blöden Belgiers läßt sich kolonialistisches Denken gut verbergen.

Frankfurt, 26. Januar

Die Erinnerungstage fliegen dahin: am 15.1. wäre mein Vater 106 Jahre alt geworden. Ich bin sicher, dass jeder von meinen drei Geschwistern daran gedacht hat, nur untereinander darüber zu sprechen, hatten wir keine Gelegenheit. Mein Vater war ein überzeugter Deutschnationaler, ein Anhänger von Hitler. Dessen mußten wir uns immer schämen. Gestern abend sah ich im Fernsehen Leute, die erzählten, wie ihre Väter alles verschwiegen, gar verleugneten, was die Nazis, und sie, die Soldaten, als Teil davon, verbrochen hatten. So standen Menschen vor der "Wehrmachtsausstellung" mit einem Schild "Unsere Väter waren keine Verbrecher" (ha, wieviele Väter die Frau wohl hatte??). Und auf einmal erfüllte mich Stolz auf meinen Vater: er hat seine Überzeugungen nie verleugnet. Er hat auch nach dem Krieg dazu gestanden, er wollte sein Mäntelchen nicht nach dem Wind drehen. Er blieb standhaft. So wußten wir, wovon wir uns abwendeten, als wir es taten. So kennen wirt diesen Bruch nicht, unter dem viele Deutsche unserer Generation leiden: von außen etwas über die eigene Familie zu erfahren, das dem Selbstbewußtsein schadet.

Danke, Vater! Zumindest auf deinen Mut können wir uns berufen!

 

Frankfurt, 28. Januar

Bei "Africa Alive" wurde gestern im Deutschen Filmmuseum ein Dokumentarfilm über Straßenkinder in Accra gezeigt. Kinder bis etwa 13, die noch in ihrer jugendlichen  Körpervollkommenheit glänzten, mit großen empfindsamen Augen. Mehrere sagten, wie sie sich nach ihrer Mutter sehnten.  Wir sahen ihre Schlafplätze neben einem Kreisverkehr oder unter einer Brücke. Wir hörten auch, dass sie etwaige Wertsachen, also Geld, elektronische Spiele zum Beispiel, irgendwo deponieren müssen, damit sie ihnen nicht gestohlen oder weggenommen werden. Wo, sagten sie nicht. Sie sprachen eine Sprache, die die Regisseurin nicht verstand. So hatte sie bei den Interviews nicht zurückfragen können. Überhaupt hatte es ihr an Zeit gefehlt, sich über die rein visuellen Aspekte hinaus auf die Kinder einzulassen, ein gründliches Vertrauen aufzubauen. "Das Budget erlaubte das nicht". Die Regisseurin hatte den Film im dritten Jahr ihrer Ausbildung bei der badenwürttembergischen Filmakademie gedreht. Die alles erläuterte die junge Dame ihrem Publikum nach der Vorführung. Es gab aus dem Publikum heraus dringende Nachfragen nach "Projekten", die den Kindern Hilfe bringen könnten. Ja, solche Projekte existieren, versicherte die Regisseurin.

Neben mir saß ein "Clochard", ein zerlumpter bärtiger erwachsener Mann. Meine Sorge, es könnte ein unangenehmer Geruch von ihm ausgehen, bestätigte sich nicht. Auch sonst störte er nicht. Doch während des Gesprächs mit der Regisseurin  nahm er eine knisternde Tüte aus seiner schmutzigen Umhängetasche, begann zu essen und zu trinken. Er schmatzte. Das Knistern störte die umsitzenden Leute, alles ordentliche Vertreter des Mittelstands, dieselben, die sich nach Hilfsmöglichkeiten für die Straßenkinder von Accra erkundigten. Ein Mann wies den Clochard wegen des Knisterns sogar ärgerlich zurecht.

Nach dem Gespräch waren alle Besucher zu einem Sektempfang geladen. Ich sah den Clochard mit einem Sektglas umhergehen. Seine Augen konnte ich nicht erkennen, sie lagen im Schatten einer breiten Hutkrempe. Alle ignorierten ihn. Er leerte sein Glas und verschwand.

Ich schämte mich. Aber was nützt das noch.

 

Frankfurt, 31. Januar

Zorn sei etwas Kostbares, Lebenswichtiges, schrieb Peter Sloterdijk in einer vorletzten Veröffentlichung. Sein jüngstes Buch stellte er vorgestern im Frankfurter  Literaturhaus vor, es handelt von den "drei Monotheismen". Er wurde von den faden Fragen eines Journalisten angestupst, neben denen seine brillanten Antworten umso heller leuchteten. Die Antworten beruhten fast immer auf der unausgesprochenen Prämisse: Ihre Frage ist falsch gestellt, was ihnen einen untergründigen Witz verlieh. Er sprach entschieden aufklärerisch, zeigte so, wieviele Nuancen und Möglichkeiten die Welt bietet, wenn man sich von Dogmen befreit....

Beim Warten an der Kasse hatte ich mich vorher über unverschämte Vordrängler geärgert, doch all mein Frust verflog unter Sloterdijks Geistesblitzen.

Nicht so gestern abend. Da wollte mich ein Kellner im Filmmuseum nicht bedienen, weil er erst mit andern, nach mir Gekommenen plaudern mußte. Auf meine ungehaltene Frage hin wurde ich beschimpft und verließ schließlich wütend das Lokal.

Der nachfolgende Film, eine deutsche Journalistenarbeit mit dem Titel "Schwarzes Deutschland", vermochte meinen Zorn nicht aufzulösen. Der Film bestand aus Porträts von schwarzen Deutschen, die es zu was gebracht haben, und zwei schwarzen Nichtdeutschen, die hier leben. Der Journalist beklagte sich am Ende der Diskussion beim Publikum darüber, dass wir, das Publikum, zu viele Ansprüche an seinen Film stellen (politische, historische, philosophische), wo er selbst doch vor allem fünf sympathische Menschen habe zeigen wollen! Er war noch sichtlich gerührt von seinem eigenen Film.

Auf dem Heimweg dachte ich an die Warnung meiner einstigen Gesangslehrerin: "Nicht Sie sollen von Ihrem Gesang gerührt werden, sondern das Publikum! Sie selbst müssen nur auf Ihre Technik achten."

Frankfurt, 4. Februar

Kürzlich wurden im ganzen Haus neue Türklingeln eingebaut. Ihre Töne konnten wir (ich jedenfalls) nicht aussuchen, sie klingen laut, vulgär. Schmerzhaft. Es dauerte Wochen, bis die ganze Anlage funktionierte. Das ist jetzt über ein halbes Jahr her, und seitdem hat es mindestens schon zweimal Pannen gegeben, und die Klingeln funktionierten nicht. Heute morgen stand eine ältere Frau unten vor der geschlossenen Haustür und rannte hin und her wie ein aufgeregtes Huhn. Als ich rauskam, wäre sie mir fast um den Hals gefallen vor Dankbarkeit. Ich wußte zu dem Moment noch nichts von der Klingelpanne. Die Augenärztin vom zweiten Stock hatte einen Zettel an die Haustür geklebt, wonach die Klingel defekt sei. Der Zettel enthielt keine Ratschläge, was etwaige Klienten denn tun sollten, um in die Praxis zu gelangen. Wo doch die Patienten der Augenärztin ohnehin oft die Schilder nicht lesen können, die zu ihr führen.

Ich entschuldigte mich bei der Frau  dafür, dass ich ein wenig ruppig geworden war. Sie fand gar nichts dabei, glücklich, überhaupt ins Haus zu gelangen. Eine freundliche kleine Frau mit weißen Haaren und osteuropäischem Akzent.

Ich lese in einem britischen Flyer: "Irland ist das zweitreichste Land in der OECD, hinter Japan." Und ich dachte, das reichste Land wäre Luxemburg!

 

Frankfurt, 6. Februar

Ein Freund rief kürzlich aus einer fernen Stadt an, um mir zu sagen: " Eine so alte Freundschaft wie die unsre sollte man doch nicht aufgeben!"

Ich stimmte ihm zu, wünschte jedoch weiterhin eine Entschuldigung von ihm für ein Verhalten, das mich gekränkt hatte. Er verweigerte sie mit der Begründung, es sei ihm doch zu der Zeit nicht gut gegangen.

Ich frage mich jetzt, worin solche "Freundschaft" eigentlich besteht?

Gestern abend guckte ich wieder "Dr. House", eine Serie bei RTL, der mancherorts "Kultstatus" verliehen wird, und ich verstehe auch warum: Intelligent und sexy sind diese Beziehungsgeschichten von Ärzten und Ärztinnen (Krankenschwestern kommen fast nicht vor), die in jeder Fortsetzung mindestens einem Menschen das Leben retten, meistens nebenher noch einem oder zwei Patienten den Kopf zurechtrücken. Gestern abend fetzte sich die Ex-Frau des genialen, aber unausstehlichen Chefarztes mit ihrem Ex-Mann, weil dieser ihren derzeitigen Gefährten gekänkt hatte (subtil! Ein Meisterwerk der offensichtlichen Hinterlist!) . Die Frau arbeitet als Juristin in der Krankenhausverwaltung. So konnte ihr Ex bequem in einer Arbeitspause in ihr Büro gehen und sie fragen: "Liebst du mich oder haßt du mich?" Ihre ehrliche Antwort: "Ich hasse dich. Und ich liebe dich. Aber ich liebe auch den xy." Er fragte weiter: "Und den xy haßt du nicht?" - "Nein." Befriedigt stand er auf und verließ das Büro.

Da mußte ich an meinen "alten Freund" denken. Leider wohnt er in einer fernen Stadt, weder Telefon noch Briefe können die Gegenwart in einem solchen entscheidenden Gespräch ersetzen. Da müßte er schon den Zug nehmen und herkommen.

 

Frankfurt, 13. Februar

Immer nehme ich mir vor, mir Witze zu merken. Es gelingt mir meistens nicht, bzw. sind die Witze, die ich tatsächlich behalte, nicht überall erzählbar. Z.B. die Karikatur, die mir neulich jemand zeigte: ein Pfarrer hat bei Ikea ein Kruzifix erstanden, und nun sitzt er vor den Einzelteilen - das Holzkreuz, der Leib Christi und vier Schrauben - und fühlt sich von seinem Gewissen geplagt. Das nennt man ein Dilemma!

Mich plagt mein Gewissen, wenn ich Lesungen organisiere, bei denen der Lesende ein ungenügendes Honorar bekommt, oder, Gott behüte, gar keins. Nun bin ich wahrhaftig nicht  gut darin, Gelder zu sammeln und mögen sie für einen noch so guten Zweck sein. Diese Bettelei, wenn man womöglich noch nicht einmal "Spendenquittungen" ausstellen kann! Oder im Grunde die Spendenquittungen die tatsächliche Ware sind, für die man Geld bekommt, wenn man nur das Etikett "gemeinnützig" draufkleben darf.

Literatur verstehen, darin neue, andere Zusammenhänge des Lebens begreifen, das leuchtet den Leuten, die Geld für Spendenquittungen übrighaben, im Grunde nicht ein. Man muß ihnen den "Erfolg" eines Autors vorgaukeln, und der drückt sich eindeutig in gesteigerten Einnahmen aus, damit sie aufhorchen und hingucken, gar hingehen.

Dabei bietet die Lesung eines gebildeten und kenntnisreichen Autors/Autorin immer eine Begegnung mit Unbekanntem, Neuem, auch ein Wiedererkennen von Eigenem ist vorstellbar, das sich nach Echo oder Spiegelung sehnte.

Gewiß, das Witze-Erzählen ist eine Art von Manipulation. Es kann eine Gesellschaft lockern, Spannungen lösen, die Aufmerksamkeit umlenken. Das muß ja nicht immer schlecht sein.

Eine Freundin schickt mir manchmal lustige Geschichten. Etwa aus einer amerikanischen Serie des Namens "Smart Ass Answer".  Das bedeutet "Schlagfertigkeit" auf deutsch. Zum Beispiel diese: "Eine Lehrerin stimmt ihre Klasse auf die Prüfungsarbeit am nächsten Tag ein. 'Dass mir morgen keiner fehlt! Als Entschuldigung würde ich höchstens einen Atombomben-Angriff, eine schwere Verletzung oder Krankheit, oder einen Todesfall in der unmittelbaren Familie anerkennen!' Da meldet sich ein Schüler aus den hinteren Reihen und fragt: 'Wie wäre es denn, wenn ich mich morgen wegen extremer sexueller Erschöpfung entschuldigen müßte?'

Die Klasse bricht in dröhnendes Gelächter aus. Als wieder Ruhe eingekehrt ist, sagt die Lehrerin freundlich: 'Tja, dann müßtest du deine Arbeit wohl mit der anderen Hand schreiben!"

Frankfurt, 16. Februar

Afrika ist ein Thema, mit dem ich mich seit einiger Zeit eingehend beschäftige. Gestern habe ich Joseph Conrads "Heart of Darkness" gelesen. Was für eine Geschichte! Ein Seemansgarn aus einer Epoche, da man sich Zeit zum Erzählen nahm. Zum Beispiel auf einem Schiff, das in der Themse liegt und auf die Ebbe warten muß, um raus aufs Meer fahren zu können, das dauert Stunden. Einer der Schiffer erinnert sich an eine frühere Fahrt in "fresh waters", womit er die Binnenschiffahrt meint. Das war etwa 1890. Er war losgezogen, um Kapitän auf einem Dampfschiff auf dem Kongo zu werden. Beschreibt die Reise an der Küste Afrikas entlang: grade Küste, dunkler Wald, unheimlich. Schließlich steigt er an der Kongomündung aus und erfährt auf der "Station", dass sein Schiff gesunken ist. So muß er einige Monate auf der Station bleiben, bis das Dampfschiff gehoben und repariert wird. Derweilen lernt er die Leute kennen, die die Station bevölkern: gelangweilte, gefühllose Weiße - nur Männer -, die Schwarze, auch nur Männer, in Ketten legen, auspeitschen, herumkommandieren. Warum? Sie wollen Geld verdienen oder zumindest in der Kolonialverwaltung Karriere machen.

Geld verdiente man dort zu der Zeit anscheinend vor allem mit Elfenbein. Dieses mußte aus dem Landesinneren herbeigeschafft werden, und dazu diente auch des Erzählers Dampfschiff. Der Kapitän schätzt die Weißen nicht: Verwalter, Händler, Nichtstuer, Schwätzer. Er lebt schon auf dem Schiff, während es noch repariert wird. Die Reparaturen leitet er selber. Seine Arbeiter sind Schwarze. Auf der Fahrt arbeiten ebenfalls nur Schwarze auf dem Schiff - der Kessel wird mit Holz beheizt.

Die Weißen reden immer wieder von einem Mann, der flußaufwärts lebt, ein mysteriöser Mr. Kurtz, so daß unser Kapitän schließlich nur noch auf ihn neugierig ist, ihn persönlich kennenlernen will. Ein Missionar? Ein Händler? Man erfährt es nie ganz genau, Conrads Geschichte läuft auf einen anderen Sinn hinaus: was ist der Mensch. Was sind das für Menschen, die "nach da unten" reisen? Und was sind es für Menschen, die dort wohnen?

Ich merke: es wird mir nicht gelingen, den Zauber von Conrads Erzählkunst einzufangen, wie er Klima, Landschaft, Charaktere erfaßt, lebendig werden und  Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich muß noch drüber nachdenken. Conrads Eltern waren polnische Widerständler, vom russischen Zaren nach Sibirien verbannt. Einstweilen kann ich nur jedem die Lektüre empfehlen: "Herz der Dunkelheit" heißt sie.

 

 

Donnerstag, 21. Februar

Nicht immer gelingt es mir, die Werbung zu ignorieren, die mir auf dem Bildschirm in den Wartezeiten des Umschaltens entgegenblinkt. Und schon ärgere ich mich über den schändlichen Gebrauch des Deutschen: hier ein Verb im Plural für ein Substantiv im Singular. Es handelt sich um eine wörtliche Übersetzung aus dem Amerikanischen: "Tokio Hotel are...." wird dann mit "T.H. sind.....( irgendwo groß rausgekommen)". (T.H. nennt sich eine Musikgruppe oder "Band").  Die Anglizismen im Deutschen sind beliebt, weil keiner sich traut, einen entsprechenden Begriff auf Deutsch zu prägen. Genügt es denn nicht, Vokabeln zu übernehmen, muß man auch noch die Grammatik zerstören? denke ich zornig in solchen Momenten. Schließlich gibt es im Deutschen genug Wörter, die einen Plural im Singular simulieren - Gebüsch, Gewitter, Sammlung etc. - und wo das folgende Verb selbstverständlich im Singular bleibt. Gesetzt, eine Band nennte sich "Vogelnest", so schrieben die Journalisten prompt: Vogelnest singen ihr Publikum in alle Höhen und Tiefen - oder ähnliches Kauderwelsch.

Warum die Amerikaner sich diesen Verstoß gegen die Grammatik leisten, habe ich noch nicht herausgefunden.

Wäre eine Untersuchung wert. Die Amerikaner, die Gebildeten unter ihnen, verstehen es nämlich glänzend, mit der Sprache umzugehen: knapp, klar, einleuchtend, dabei durchaus schön, schwingend, rhetorisch geschliffen. Man kann das, wenn man will, bei den ausführlichen Reportagen über den Vorwahlkampf in USA feststellen: die reden alle frei, aber nie ganz dasselbe, und nie langweilig.

Jemand berichte mir gestern über eine Internationale Computerspezialisten-Konferenz: die US-Amerikaner als die brillantesten Redner. Inder und Franzosen haben einen so starken Akzent, dass man sie NICHT versteht, sagte meine Gewährsperson. Warum merken die das nicht? Warum tun die nichts dagegen?

 

Sonntag, 24. Februar

"Heart of Darkness" beschäftigt mich noch immer, als literarisches Vorbild, als Beschreibung von Afrika, die sehr kontrovers eingeschätzt wurde im Lauf der hundert Jahre ihrer Existenz: mal antikolonialistisch, mal kolonialistisch; mal literarisch mißlungen (anfangs, es gab ja keine ordentlichen Helden in der Erzählung!), mal das schlechthinnige Meisterwerk (Frau Prof. Gehrmann spricht von "Mehrfachcodierung").  Ich werde die Geschichte ein zweites Mal lesen, das ist sicher. Einstweilen studiere ich noch, z.B. in Gehrmanns Buch "zur literarischen Konfiguration eines kolonialkritischen Diskurses", wobei die "Kongo-Greuel" unter der Herrschaft von Leopold II. der Ausgangspunkt sind. Conrads Erzählung spielte eine große Rolle bei der öffentlichen Wahrnehmung dieser Kongo-Greuel am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Sklaverei war seit 50 Jahren oder mehr offiziell abgeschafft, und nun erlaubten sich diese Belgier noch viel Schlimmeres! Solch eine Verlogenheit!

Ich hatte von diesen Horror-Geschichten NICHTS gehört, bevor ich mich mit Muepu Muambas Texten befaßte. Unglaublich. Ist aber so.

Glücklicherweise lese ich parallel dazu das "Manifest einer neuen afrikanischen Literatur " von Patrice Nganang, Ergebnis einer zukunftsorientierten Gegenwart, die sich auskennt.

Und wenn Muepus Buch fertig ist, dann wende ich mich wieder meinen eigenen Geschichten zu, bereichert und mit neuen Perspektiven.

 

Donnerstag, 6. März

Seit dem 24. Februar habe ich Besuch: zwei dreizehnjährige Buben wohnen bei mir, um hier in Frankfurt ihre Ferien zu verbringen. Sie kommen aus Paris, wo derzeit Schulferien sind (es gibt dort keine zu Ostern). Der eine Junge ist mein Enkel, der andere sein Freund. Sie verstehen sich gut, in der ganzen Zeit haben sie sich nicht einmal gezankt, zumindest nicht so, dass ich es mitbekommen hätte. Sie lassen sich generell nicht viel anmerken, es ist, als sei ihr wichtigstes Ziel, ihre Gefühle zu verbergen. Ich achte das, aber manchmal komme ich mir doch sehr allein vor damit.

Dabei sind sie wohl erzogen, sie machen jeden Tag ihre Betten, sie decken den Tisch nach dem Essen ab, sie stecken ihre gebrauchte Wäsche in die Waschmaschine und holen sich die getrocknete Wäsche selbst von der Leine. Ein Hoch auf die Mütter, die sie dazu erzogen haben, selbst mit anzupacken! Als ich sie fragte, ob sie mir im Gästeklo eine neue Birne einschrauben könnten, haben sie sich die Sache angeguckt, dann um einen Schraubenzieher gebeten - und schon war die Sache geschehen.

Es ist mühsam, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ich weiß auch nicht recht, wieso. Ein bißchen liegt es an den Sprachen, sie können noch nicht gut deutsch, und ich spreche sicher nicht ihr gewohntes Französisch. Doch es muß eher am Alter liegen. Ein seltsames Alter, wo alles sich verändert und man sich auf nichts richtig verlassen kann. (Die Schulnoten gehören zu den verläßlicheren Dingen.) So stell ich mir das vor. Aus meinen eigenen Erinnerungen kann ich dazu nichts sagen. Damals - 1946/47 - verwandelte sich gerade die Außenwelt in einem so unbegreiflichen Maße, dass ich Änderungen an mir selber nicht wahrnehmen konnte, dass meine Mutter sie eher als Zumutung - zu allen übrigen Sorgen! - wahrnahm. Nun seh ich diese Kinder in Friedenszeiten. Die Mütter machen sich ständig Gedanken, fragen sich, wo sie loslassen dürfen, können, wo sie die Kontrolle noch aufrechthalten müssen.... Eien sehr spannende Zeit, und ich bin glücklich, dass ich für ein Weilchen dabei sein darf!

Sonntag, 9. März

Der "Olympe-de-Gouges-Preis" ging heute an Serap Cileli, eine Frau, die ihren Standpunkt - ihren Anspruch auf Selbstbestimmung - auch dann noch vertritt, wenn das Patriarchat ihr deswegen nach dem Leben trachtet. Die SPD vergibt den Preis, genauer gesagt, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Südhessen, und er ist nicht "dotiert", wie es so schön heißt. Viel Ehre, kein Geld. Die Bundesministerin für "wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung", Heidi Wieczorek-Zeul, hielt die Laudatio; man hatte sie wohl nicht als "Entwicklungsministerin" für diesen Zweck ausgewählt, sondern als erfahrene Vorkämpferin für Frauenrechte, als prominente Sozialdemokratin aus Südhessen. Sie entledigte sich ihrer Aufgabe mit  der ihr eigenen Einfachheit, Klarheit,  Stimmigkeit ohne Klischees. 

Etwa ein halbes Dutzend Fotografen und sogar das Fernsehen waren erschienen, was aber wohl weniger mit dem "Frauentag" als mit der in diesen Tagen neu zu bestimmenden hessischen Regierung zusammenhing. Tatsächlich begann Wieczorek ihre Rede mit den Worten: "Ich bin sehr überzeugt, daß Andrea Ypsilanti nächste Ministerpräsidentin wird."  Alle sich vorn drängelnden  Journalisten waren Männer, und als es zur effektiven Preisverleihung kam, kämpfte jeder mit dem andern um den günstigsten Standort zum Fotografieren. Das Publikum, auch hauptsächlich Frauen, hatte keine Chance mehr, die Preisverleihung zu sehen, ihr also im eigentlichen Sinne beizuwohnen - die Herren Fotografen und der Kameramann verdeckten alles. Ganz rücksichtslos. Sowas würde man doch in der Paulskirche nicht erleben! Nein, ich hatte das noch nirgendwo erlebt, wo Männer mit im Spiel waren. So erhob ich meine Stimme und forderte die Fotografen auf, zur Seite zu gehen, damit sich das Publikum nicht wie in die Kulisse geschoben vorkomme.

Ein Herr mit Dreitagebart - ein SPD-Genosse der mittleren Führungsebene, vermute ich - fuhr mich böse an: wir wollten doch wohl alle, dass etwas in die Presse komme! - "Das geht auch anders!" erwiderte ich, und tatsächlich taten von da ab die Journalisten, was sie sonst immer tun: sie fotografierten von den Seiten oder sie bückten sich, wenn sie frontale Aufnahmen machten.

Es gibt hier etwas, das ich nicht verstehe: die Frauen interessierten sich wenig für die Inszenierung. Sie vergaben einen Preis, der sich auf die Französische Revolution und die Menschrechte beruft, aber die Würde der  Personen, die Wirkung des feierlichen Aktes blieb ihnen offenbar gleichgültig. Die anwesenden Menschen zählten weniger als das Virtuelle, als der Bericht in der Presse.

Ich halte beides für gleich wichtig: die Achtung der Anwesenden und die Berichterstattung. Normalerweise verhalten Journalisten sich auch in diesem Sinne. Jedenfalls wenn es sich nicht um einen undotierten Frauenpreis handelt.

 

 

Frankfurt, den 13. März

Einmal im Monat treffe ich mich mit anderen Frauen, die schreiben wollen und die ein besonderes Verhältnis zu "Migration" haben: die meisten sind Migrantinnen, aber mindestens zwei von uns sind von Herkunft und von amtswegen "Deutsche". Wir verstehen uns gut, wir arbeiten an Texten, wir schreiben deutsch. Es steckt viel Autobiografisches in unseren Hervorbringungen.

Für 2009 haben wir uns vorgenommen, eine weitere Anthologie herauszugeben (die letzte Anthologie hieß "Von fernen Gefühlen und Orten" und erschien 2006). Die neue soll dem Thema "Sprache" gewidmet sein. Genauer gesagt: der Mehrsprachigkeit.

Es zeigt sich, dass es für die Betroffenen ein schwieriges Thema ist, sogar eine schmerzhafte Frage. Denn das Leben in der Fremde hat sie gezwungen, sich auf die fremde Sprache, das Deutsche, einzulassen - es blieb ihnen nicht viel Zeit, sich zu fragen, ob sie ihre Muttersprache aufgeben wollten oder was sie in Zukunft damit anfangen würden. Diese "Zukunft" wurde inzwischen zur Vergangenheit, und nun wollen wir herausfinden, wie eine Gegenwart sich mit beiden Sprachen finden und erfinden läßt. Ich denke an die Finnin, an die Tschechin, an die Kanadierin.

Ich denke auch an mich, die ich zwischen den Sprachen navigiere, dem Französischen - ich hatte vierzehn Tage lang Besuch von zwei Pariser Kindern, die zwar Deutsch in der Schule lernen, doch richtige Zusammenhänge noch nicht erfassen können- oder dem Englischen, wenn ich mich mit amerikanischen Freunden austausche. Mein Bewußtsein, meine Genauigkeit, meine Differenzierungsfähigkeit bleibt doch immer in der Muttersprache, dem Deutschen, verhaftet. Auch wenn ich, davon ausgehend, vieles in die andern Sprachen mit rübernehmen kann, ja, sogar, wenn die andere Sprache manchmal Ausdrucksweisen ermöglicht, die ins Deutsche zu übersetzen ich Mühe hätte.

Die Sprache zu wechseln erfordert eine besondere Form der Konzentration. In jenen Tagen, als ich wegen der Pariser Kinder viel Französisch sprach, traf ich meine italienische Nachbarin mit einer ihrer Freundinnen - und plötzlich brachen die französischen Worte in mein Italienisch ein, ohne dass ich es merkte: "Ho appreso" sagte ich, und erst Stunden später fiel mir ein: "ho imparato" hätte es heißen müssen. Die höflichen Italienerinnen fragten nicht, sie hatten sich schon vorher an einem Fehler gestoßen: "La vicina anziana" hatte ich gesagt, hatte "mon ancienne voisine" gemeint, meine ehemalige Nachbarin - aber die Italienerinnen hörten nur "ältlich" heraus, die ältliche Nachbarin, und fanden die Bezeichnung unpassend. Sie schlugen vor: "La vicina di qualche anni fa", die Nachbarin von vor ein paar Jahren. So mühsam ist Verständigung.

Diese Italienerinnen haben gar nicht erst angefangen, deutsch zu lernen.  Die Aufgabe fällt den Enkeln  zu, die hier zur Schule gehen.

Frankfurt, 14. März

Gestern abend, bei einer Diskussion über "Mai 1968", klagte ein deutscher Intellektueller, ein Architekt, dass sich in Frankreich nie was ändere, dass sozusagen der ganze Mai 68 umsonst gewesen sei. Doch, an der Uni habe er Änderungen bemerkt, ja, an der Kusntakademie ("Les beaux Arts") habe es sogar grundlegende Änderungen gegeben, das habe er selbst miterlebt. Aber die Schulen seien noch immer wie immer: autoritär und ich weiß nicht was noch, er ging nicht ins Detail.

Offenbar kannte er die Schulen nicht so gut wie die Beaux Arts.

Offenbar kannte er sie überhaupt nicht. Ich erlebte, wie mein Pariser Enkel von der Kinderkrippe über die Maternelle zur Grundschule kam, was er lernte und wieviel Freude er daran hatte und welche Schwierigkeiten. So hatte er, ich glaube es war im zweiten Grundschuljahr, das Lernen eine Zeitlang ganz aufgegeben. Der Schulpsychologe half. Es stellte sich heraus, dass der Junge, dessen Vater in Deutschland lebt, einfach nur die Ferien abwarten wollte, wenn er seinen Vater wiedersähe. Mit vielen Telefonanrufen, unter der wohlwollenden Begleitung von Lehrern, Psychologen und der Mutter, konnte ihn der Vater davon überzeugen, dass er, der Vater, sich wünsche, dass er lerne. Es wirkte!

Wenn der Junge heute, in der "Quatrième" des Collège, zu den Besten in seiner Klasse gehört, dann hat er das auch seiner Mutter zu verdanken, die mit ihm arbeitet und die, nach schlechten eigenen Schulerfahrungen, eine Begeisterung für die französiche Schule entwickelt hat, die ich verstehen kann. Sie hat gute Beziehungen zu den Lehrern, die sich grundsätzlich für jedes einzelne Kind persönlich engagieren.

Nie werde ich jenes Basketball-Turnier zwischen zwei Pariser Schulen vergessen, dem ich vor etwa vier Jahren als Zuschauerin beiwohnte: wie die Lehrer als Schiedsrichter, als Coach, als Organisatoren den ganzen Nachmittag zubrachten, unermüdlich jeden Schüler ermutigend, streng auf Einhaltung der Regeln achtend und die Sportlichkeit im besten Sinn hoch hielten. Teamgeist stand über allem.

Ich fragte kürzlich, was sie gegenwärtig in Sport machten und erfuhr: in den zwei Sportstunden pro Woche fährt die ganze Klasse aus Paris hinaus aufs Land, und jeder Schüler erhält dort eine Karte mit eingezeichneter Route und wird auf den Weg geschickt, einzeln oder zu zweit, aber  jeweils auf einen anderen Weg. Wer zuerst am Ziel ankommt, hat gewonnen. Es gilt, den Orientierungssinn der Kinder zu entwickeln. Sie sind dreizehn. Bis etwa zehn wurde jedes Kind auf dem Schulweg persönlich von Erwachsenen begleitet, man läßt keine kleinen Kinder allein auf die Straße. 

Wenn ich deutsche Intellektuelle über das französische Schulsystem herziehen höre - das kommt immer wieder vor - dann denke ich, sie sollten sich doch mal fragen, ob die Franzosen bei ihren Erziehungsvorstellungen nicht ein anderes Menschenbild zugrundelegen als die Deutschen? Zu dem gehören würde, dass man über andere nicht schlecht redet (keine "médisance"!), noch obendrein, wenn man sich nicht auszukennt!

 

 

Frankfurt, 16. März

In der jüngsten Ausgabe von "Le Monde Diplomatique" (liegt einmal monatlich der taz bei) finde ich einen überraschenden Aufsatz über Kalifornien. Nie hätte ich gedacht, dass sich ein solcher Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden Kaliforniens zeichnen läßt, wie Wendy Lesser das tut, und doch entsprechen die Gegensätz, die sie herausarbeitet, in vieler Hinsicht den so vertrauten "zwei Seelen in meiner Brust", über die schon Goethe klagte. Fantasie oder Wirklichkeit, Träume oder Fakten, Allegorien oder Realismus? Die Autorin stellt die Stadtlandschaften von Los Angeles und San Francisco und manche anderen Eigenheiten der Kalifornier einander gegenüber, aber richtig spannend wird ihr Vergleich, wenn sie die an beiden Orten entstandenen Literaturen und Kinofilme beschreibt, die Krimiautoren Hammet oder Chandler, die Regisseure Hitchcock oder Polanski.

Um dann zu beklagen, dass kein einziger kalifornischer Autor im Lehrprogramm der Schulen vorkommt...

Lessy Wender sei Herausgeberin der "Threepenny Review", les ich zum Schluß. Deshalb eile ich jetzt davon, um im Internet nach dieser Zeitschrift zu forschen!

16. März, II

Gestern sah ich "Antonius und Kleopatra" von Shakespeare im Staatstheater von Wiesbaden, und es war eine reine Freude: diese Sprechkunst der Schauspieler, diese Schnelligkeit der Übergänge, diese Leidenschaften! Das Stück handelt von einem politischen Machtwechsel, der sich, unvorhersehbar, durch die passionierte Liebe eines der Machthaber ergibt, die des Marcus Antonius, Hauptrivale von Cäsar, zur ägyptischen Königin.

Die Schauspieler trugen Gewänder, die bestimmte Stimmungen wiedergaben und im Zuschauer weckten, Kostüme, die auf Historizität wenig bauten, vielmehr auf die Sehgewohnheiten eines Publikums von 2008. Es ging um Gefühle, nicht um Historie.

Der Hauptgrund, warum ich mir die Mühe gemacht hatte, am Sonntag Nachmittag nach Wiesbaden zu fahren, war Riad Kheder. Riad Kheder ist ein Musiker aus Bagdad, der seit langer Zeit in Frankfurt lebt, er verdient sich seinen Unterhalt als Musiker und als Arabisch-Lehrer. Er wird hier sehr geschätzt, in beiden Berufen. Kheder war von den Wiesbadenern als "Straßenmusikant" für die Königin Kleopatra engagiert worden. Er begleitete das leidenschaftliche Geschehen mit  seinen Instrumenten, einer arabischen Gitarre und mehreren großen Tamburins. Seinen Höhepunkt schaffte ihm Antonius: die Sehnsucht des Feldherrn nach der schönen Geliebten mußte er in Musik und Gesang fühlbar werden lassen, und wenn Antonius gleich danach wieder in den Armen seiner Königin lag, obwohl er kurz vorher noch Cäsars Schwester aus politischen Gründen geheiratet hatte, so war das für uns Zuschauer nur folgerichtig. So logisch wie unklug wie bedrohlich. Die Musik hatte den Weg gewiesen.

Der Regisseur David Mouchtar-Samurai, auch er ein Emigrant aus Bagdad, hat seinem Ruf, ein genialer Regisseur zu sein, mit diesem Stück wieder alle Ehre gemacht.

 

 

 

Frankfurt, 20. März

Reisezeit. In fünf Stunden geht mein Flug. Ich fliege mal wieder nach Israel.

Und wieder mit einer Gruppe. Wir logieren in der Jerusalemer Altstadt und werden von dort aus unsere Ausflüge unternehmen: erst in die Altstadt selber - die drei Religionen - dann in die Neustadt, in das jüdische Jerusalem mit Markt, Knesset und Yad Vashem. Nach einigen Tagen des Kennenlernens auch in die Hauptstädte der Palästinenser, nach Ramallah, nach Bethlehem, nach Hebron. Ich freue mich sehr auf die vielfältigen Begegnungen, die zu erwarten sind. Die Reise wird von der evangelischen Akademie Hofgeismar organisiert, mit kundigen Reiseführern.

Wenn ich in den nächsten Tagen einen Zugang zum Internet finde, werde ich berichten!

 

Jerusalem, 25. Maerz

In der heiligen Stadt weht ein Lueftchen, das macht die Hitze ertraeglich.

Am Karfreitag trugen Menschen grosse Holzkreuze durch die Stadt, zu zweit, zu mehreren oder allein. Sie sangen, im Schatten der Auferstehungskirche, die bei uns Grabeskirche heisst, sangen afrikanische Menschen im Chor, auf Franzoesisch baten sie Gott, dass er ihnen die Angst vor dem Tode nehme. Sie waren jung und manche sehr schoen.

Auf Ostersonntag schritt der Lateinische Patriarch in einer langen feierlichen Prozession durch die Gasse, an der ich wohne, und begab sich so zur Messe in die Grabeskirche, nur zehn Minuten weit zu gehen. Dieses Jahr hatte er die Kirche fuer sich, hoerte ich, oft muss er sie mit den Orthodoxen teilen. Deren Osterfest faellt dieses Jahr in den April. Wie Pessach auch, das juedische Ostern.

Ja, das alles spielt hier fuer den Alltag eine grosse Rolle. Die Feste geben den Leuten einen Teil ihrer Identitaet.

Mit dem Bus fuhren wir in die Westbank, wir wurden herzlich, ja froehlich empfangen, es waren grosse Erfahrungen. Insgesamt treffen wir Gespraechspartner von allen, nein, von fast allen Seiten. An uns dann die Arbeit, das Gehoerte einzuordnen. Dafuer brauche ich noch Zeit.....

Frankfurt, 4. April

Glücklich gelandet, bin ich doch erschöpft und leide nun unter Schnupfen & Husten und schlafe viel. Am 4. Mai will ich im "Café Wiesengrund" von der Reise berichten: "Begegnungen mit Palästinensern und Israelis" soll der Vortrag heißen, vielleicht sogar mit Fotos. Ich habe noch nie mit "Power Point" gearbeitet, die Frage ist, ob ich mir die Technik bis dahin aneigne. Ich habe nämlich noch vieles anderes zu tun, die Arbeiten für die "Literaturgesellschaft Hessen" häufen sich. Dennoch wandern die Gedanken unterirdisch immer weiter, und der Korridor, auf dem sie sich bewegen, heißt "Komplexität". Damit meine ich einen Zustand, bei dem mehrere Situationen oder Verhältnisse unabhängig nebeneinander bestehen, sich beeinflussen, oder auch nicht, wo die dazu gehörigen Menschen voneinander wissen, aber nicht darüber reden, oder nicht einmal miteinander reden, und das andere/den anderen dennoch ständig in ihr Handeln einbeziehen. Sei es auch nur durch Angst.

Mir ist aufgefallen, dass die Deutschen hier in Deutschland gern eindimensional urteilen: sie reden vom Krieg in Nahost und dass sich die Parteien doch einigen sollten. Dass sie bei dieser Einschätzung nur von einer extrem reduzierten Wahrnehmung ausgehen und diese mit der Wirklichkeit, d.h. mit der Wahrnehmung der in Nahost Ansässigen, NICHTS zu tun hat, merken sie nicht, verstehen sie nicht, wollen sie möglicherweise auch gar nicht wissen.

Für Sonntag, den 4. Mai, wünsche ich mir Zuhörer, die mehr wissen wollen als sie schon wissen. Möge es mir gelingen, ihren Sinn für KOMPLEXITÄT zu schärfen!

Frankfurt, 5. April

In Jerusalem begegneten wir einem palästinensischen Islam-Gelehrten und Philosophen. Er sprach in raschem, gepflegtem Amerikanisch zu uns und begann mit der Situation der Palästinenser an der Jerusalemer Universität: durch den Bau der Sperrmauer könnten viele Studenten nicht mehr zur Uni kommen. Es gebe jenseits der Mauer viele junge Leute, die noch nie in Jerusalem waren! Er sprach über die schlechte Wohnungssituation, den Mangel an öffentlichen Schulräumen in Jerusalem etc.

Er berichtete, dass ihn der Vatikan jüngst eingeladen habe, damit er über die "Rationaliät des Islam" spreche; denn fälschlicherweise werde der Islam bei denen, die ihn nicht kennen, für irrational gehalten. Er machte einige Ausführungen, die ich nicht genau behalten habe. Eingeprägt hat sich mir seine Bemerkung, das Christentum besitze keine "Jurisprudenz", im Gegensatz zu Islam und Judentum.

Was meinte er damit? Ich sprach mit verschiedenen Fachleuten auf christlicher Seite und bin zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen:

Die christlichen Länder, allesamt Nationalstaaten mit klaren Landesgrenzen, haben das Alltagsrecht säkularisiert, haben Rechtswissenschaft und Rechtsprechung in die Hände einer staatlichen Justiz gelegt, die für Freiheit und Ordnung und womöglich für Gerechtigkeit sorgt. Die christlichen Kirchen, ihre Vertreter, sind in erster Linie für das "Seelenheil"  der Menschen zuständig, nicht für die Rechtsordnung, der sie selbst unterworfen sind.

Die Juden, selbst erst seit 60 Jahren wieder in einem Nationalstaat organisiert, den sie als "jüdisch" verstehen, haben in Jahrtausenden eine Alltagsrechtsordnung im Rahmen ihrer Religion entwickelt. Grade im Staate Israel werden viele dieser alten Rechtsvorschriften noch eingehalten und teilweise staatlich verordnet, obwohl sich der Staat als säkularen Staat sieht. Es gibt keine genaue Trennung zwischen Religion und Staat.

Die Palästinenser nun haben überhaupt keinen Staat. (Die offiziell so genannte "Autonomiebehörde" ist nur für Verwaltungssachen zuständig, soweit es Israel erlaubt.) Das palästinensische säkulare Recht setzt sich aus Überbleibseln osmanischen Rechts, britischen Mandatsrecht und israelischem Besatzungsrecht zusammen. Das Völkerrecht möchte man oft gern zur Hilfe rufen, doch wer setzt es durch? Was wunder, dass islamische Rechtsgelehrte hier einzuspringen sich berufen fühlen? Auch in richtigen Nationalstaaten herrschen im Orient oft diktaturähnliche Verhältnisse, auch dort entsteht ein wachsendes Bedürfnis nach Gerechtigkeit.

So verstehe ich die Aussage des Jerusalemer Islamgelehrten: da es außerhalb der Religion keine wirksame Rechtsinstanz gibt,  berief er sich auf Religion allein.  Das erlaubte ihm den machtbewußten Seitenhieb auf die Christen. Diese hatten ihm übrigens für seine Rede Gastrecht geboten, was er möglicherweise seinerseits nicht tun würde, oder nicht könnte.

Damit schließe ich mein "Wintertagebuch"!


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