DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 28. März

Marion Steffin, die Dolmetscherin, half mir aus meiner Vergeßlichkeit heraus. Ich hatte ja bei meinem letzten Bericht - dem über "Black Paris" und den Vortrag von Herrn Blanchard - einen Teil der Antwort auf meine Frage nach der afrikanischen Stimme in Blanchards Geschichtsschreibung nicht wiedergefunden, es war der zweite Teil. Er hieß also: Er, Blanchard, befasse sich mit "l'histoire de la France", d.h. er müsse nicht über Afrika berichten. Schön und gut, doch gibt es nicht eine Menge schwarzer Franzosen? Blanchard hat seinen Vortrag strikt vom weißen Standpunkt aus gehalten! Damit alle ausgeschlossen, die eine farbige Haut haben. Darin liegt für mich Rassismus.

Ich mußte gestern wieder daran denken, als im Fernsehen gezeigt wurde, wie in England ein Schwarzer aufstand, um gegen die Sklaverei zu protestieren. Er trug ein rotgoldenes Brokatgewand und befand sich in der Westminsterabtei, in Anwesenheit der Königin. Es wurde gerade ein Gottesdienst gefeiert, in dem der Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien vor 200 Jahren gedacht wurde. Nur 200 Jahre sind es her, dass das Recht auf Sklavenbesitz aufgehoben wurde! Ich konnte nicht verstehen, was der Mann rief, und er wurde auch rasch abgeführt, und doch hatte ich das Gefühl, dass alle Anwesenheiten Verständnis für den Mann hatten. Er MUSSTE in diesem Moment Zeugnis ablegen. Keine Orgel, kein Chor, kein Prediger übertönten seine Stimme. Nur der Reporter jammerte über die angeblich mangelnde Sicherheit der Königin, er sah nicht die Symbolik (oder war zu feige, darüber zu sprechen). Die Sicherheitsleute behandelten den Deliquenten bei aller Entschiedenheit doch mit Respekt.

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Die Sonne scheint, die Sommerzeit ist schon eingeführt. Hiermit verabschiede ich mich vom "Wintertagebuch" und beginne ein neues!

 

 

Frankfurt, 24. März

"Black Paris" heißt eine derzeitige Ausstellung im Museum der Weltkulturen, und gestern abend gab es vom Französischen Institut noch einen Vortrag dazu: "Afrique et Imaginaire" (in etwa die "bildhaften Vorstellungen von Afrika").

Die Ausstellung ist ansprechend, man sollte sie sich dennoch mit Führung ansehen, weil einem dann die Zusammenhänge leichter verständlich werden. Ihr englischer Titel verdankt sich dem Umstand, dass schwarze Amerikaner, zuhause ohne Rechte, nach dem Ersten Weltkrieg in Paris ihre ersten Freiheiten fanden und nützten. Die Pariser schwarze Diaspora bestand nicht nur aus Angehörigen französischer Kolonien, sondern auch aus amerikanischen Künstlern und Sportlern. So liierte sich Jean Cocteau in den zwanziger Jahren mit einem schwarzen amerikanischen Boxer (einem sehr schönen Mann!).

Ich erfuhr, daß der berühmte Werbespruch meiner jungen Ehejahre "y a bon Banania" auf ein Französisch-Lehrbuch für afrikanische Landser zurück ging ("les tirailleurs sénégalais"), denen man vor ihrer Versendung an die Front dreihundert Wörter oder Begriffe beibrachte, damit sie auch die Befehle verstanden. Darunter "y a bon" anstatt "C'est bon" oder "c'est bien". Das scheinbare Kauderwelsch ("du petit nègre") war also von den Kolonialherren selbst erfunden.

Den Vortrag hielt ein Pariser Geschichtsprofessor namens Pascal Blanchard. Auf der Einladung war eine Übersetzung ins Deutsche angekündigt worden, doch wurde eine solche vor Ort als Störung des Rede-Schwungs empfunden und gestrichen. Professor Blanchard konnte daher ungehindert seinem infernalischen Redetempo frönen ("wenn ich zu schnell rede, heben Sie einfach die Hand!" - es nützte aber nichts). Die zwei, drei Zuhörer, die nach einer Weile stumm den Saal verließen, mußten sich eben der "winzigen Minderheit" zurechnen, die nicht (genug) Französisch versteht. Andere fanden sich damit ab, dass sie nicht alles mitkriegten.  Ich wunderte mich, wieso ein Lehrender so wenig Aufmerksamkeit auf seine Redeweise verwendet?  Will er gar nicht verstanden werden?

Er wußte unendlich viel, mehr als er uns in jeglicher Geschwindigkeit hätte mitteilen können. Er stellte immer wieder interessante Bezüge  zwischen den Sparten her - sei es Baukunst, sei es Unterhaltungsindustrie, sei es Politik im 20. Jahrhundert - , doch alles war aus französischer, aus weißer Sicht gesprochen. "Unsere" Kultur war die des weißen Frankreichs. "Wir" wurden durch die afrikanische Kunst bereichert usw.. Als ich zum Schluß fragte, ob in dieser Geschichtsschreibung auch die Afrikaner selbst mal zu Wort kämen, erhielt ich zur Antwort: erstens muß ein Historiker objektiv sein - es gibt keinen 'französischen' oder 'afrikanischen' Standpunkt. Zweitens behandle er die Geschichte Frankreichs. Drittens sei es natürlich interessant, auch den Blick des andern mit einzubeziehen. Bei Begegnungen mit afrikanischen Schülern habe er bemerkt, daß die ein Bild völlig anders sehen als er - andere Ähnlichkeiten, andere Bezüge, ja, andere Formen.

Den schwarzen Landsern wurde übrigens viel versprochen und nichts gehalten, das erfuhren wir auch. Und dass in Paris das "Kolonialmuseum" gegenwärtig zum "Migrationsmuseum" umgebaut wird. Professor Blanchard hatte dagegen gekämpft, weil er nun fürchtet, dass die Erinnerung an die Kolonialzeit einfach ausgelöscht wird. Die Erinnerung an das "schwarze Paris" aus den Zwanzigern und den Vierzigern, Fünzigern könnte doch einen Neuanfang für das heutige Paris ermöglichen!

Damals, als Gainsbourg schwärmte: "Couleur café, je t'aime ta couleur café!"

Frankfurt, 23. März

Vorgestern weilte Bernard-Henri Lévy in Frankfurt. Er stellte in der Romanfabrik sein grade auf deutsch erschienenes jüngstes Buch "American Vertigo" vor. Das wußte ich gar nicht, als ich vor einer Woche merkte, dass die Veranstaltung seit langem ausverkauft war! Ein freundlicher Mitarbeiter des Institut Francais riet mir, es am Abend einfach zu versuchen, eine halbe Stunde früher da sein - und es klappte! Ich wollte mir doch die Chance einer leibhaftigen Begegnung mit dem berühmtesten Intellektuellen von Paris nicht entgehen lassen. Als erstes fiel mir auf, dass er nicht dasselbe Gesicht wie im Fernsehen hat. Anscheinend ändert sich sein Gesicht je nach Beleuchtung, und das macht mir plausibel, wie er es schafft, immer wieder incognito in die gefährlichsten Gegenden der Welt zu gelangen. Grade kam er aus Darfur zurück, wo er mit Visum bestimmt nicht reingelassen worden wäre. Plädierte für öffentliches Eintreten aller gegen den dort sich weiter verschärfenden Völkermord. Mit UNO-Sanktionen gegen Sudan sei nicht zu rechnen, weil China, eine Veto-Macht im Sicherheitsrat, den Sudan als "trojanisches Pferd" für den Zugang zu Afrika nutze und daher nichts gegen Sudan untgernehmen werde. Lévy empfahl zum Beispiel, mit dem Boykott gegen die Olympischen Spiele in Peking zu drohen.

Sein Buch, oder das, was er davon vorlas, war schlecht: schierer Tratsch, kein ernst zu nehmendes Bild von den USA. Als Publikum fühlte man sich ein wenig verschaukelt.

 

Frankfurt, den 21. März

Frühlungsanfang bei 5 Grad Celsius. Aber die Sonne scheint ein bisschen, und die Sträucher blühen schon.

Mit dem Taunus war ich gestern nicht fertig geworden, mit der Arnoldshainer Tagung über Zeugenschaft des Holokaust. Dr. Christian Schneider hat seine Gedanken zu "Trauma und Zeugenschaft" vorgetragen, er sprach als Psychoanalytiker. Erzählungen entstehen im Zuhören, sagte er, und so macht der Holokaust-Zeuge seine Zuhörer mitverantwortlich. An wen sind die Zeugnisse gerichtet? Der eigene Standort sowohl des Erzählers wie der des Hörenden bestimmen, was gesagt wird. Schneider verglich solches Zuhören mit einer Initiation, einem Eintritt in eine neue Lebensphase.

Professor Dr. Jakob Hessing, der deutsche Literatur in Jerusalem lehrt, stellte am Ende des langen Samstags seinen neuen Roman "Mir soll's geschehen" vor. Würde er dem besonderen Status als Zeuge, als Autor und als Wissenschaftler gerecht werden? fragte er einleitend. Sicher nicht. 1944 sei er geboren: "Ich war der einzige. Denn 1944 sind in Deutschland keine Juden geboren." Er sprach vom "fragmentierten Gedächtnis", das Wiederholungen brauche, weil es immer wieder vergesse. Hin- und herwechselnd zwischen Ausschnitten aus dem Roman und eigenen Erklärungen, führte er seine Zuhörer behutsam und unnachsichtig in den Kern des Problems: dort wo sich der Sinn des Lebens verweigert. Am nächsten Tag, dem Sonntag, griff er ein Bibelzitat des Judaisten Professor Dr. Krochmalnik auf, der zuvor über die  "Zeugnispflicht im Judentum" gesprochen hatte. Hessing verwies auf Vers 56 des Propheten Jesaia, wo es heißt: "Den Verschnittenen, die meine Sabbate bewahren und das erwählen, woran ich Gefallen habe, und festhalten an meinem Bund, denen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern einen Platz und einen Namen..." Die Stelle schließt auch andere Nicht-Juden mit ein, nicht nur Verschnittene (Eunuchen).

"Platz und Namen" - so heißt die deutsche Übersetzung von "Jadvaschem". Hier steht also das Zitat, das der Jerusalemer Erinnerungsstätte seinen Namen gegeben hat.  Womit die deutschen Verbrechen aus Europa in einen Zusammenhang mit der hebräischen Bibel gestellt werden.

Ich fragte Dr. Krochmalnik, ob er mir einen Rat geben könne zum Entwickeln eines Erzählmaßstabs für mich als Deutsche. Er verstand mich - oder ich fühlte mich verstanden - und das war seine Antwort (aus dem Gedächtnis zitiert): "Die Geschichte vom Exodus als der Gründungserzählung des Judentums ist nicht am nächsten Tag entstanden, sondern erst nach tausend oder doch fünfhundert oder achthundert Jahren, bis sie zum Ritual wurde. Zu Pessach wird das Ritual ausgeführt, es wird in immer den gleichen Worten berichtet vom Auszug aus Ägypten. Und anschließend sitzen die Menschen noch lange und reden miteinander."

 

 

 

Frankfurt, den 20. März

Letzten Freitag fuhr ich in den Taunus zu einer Tagung mit dem Titel "Zeugenschaft des Holokaust", die bis Sonntag dauerte.

Die Ermordung der Juden durch die Nazis, die Ermordung aller, die "anders" waren, ist ein ewiges Leid, eine Last, von der ein Teil jeder Deutscher  etwas geerbt hat. Die Trauer darüber hört nie auf.

Ich weiß es, denn ich habe in meinem Leben diesem Ereignis schon sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.  Diesmal traten Referenten auf, die ich gern persönlich kennenlernen wollte: Almeida Assmann und Christian Schneider. Frau Professor Assmann lehrt englische Literatur in Konstanz, doch war sie mir schon als Mitarbeiterin ihres Mannes Jan Assmann bekannt, des berühmten Ägyptologen, dessen Schriften die ägyptische Kultur zum Teil unserer eigenen Kultur werden lassen, die dadurch eine 6000jährige Vergangenheit erhält. Dr. Christian Schneider schrieb vergangenes Jahr in der "taz" einen Artikel über den versteckten Antisemitismus der deutschen Linken, der mich in eigenen Erfahrungen bestätigte und mir größere Klarheit für die Einschätzung meiner Umgebung brachte.

Ich hatte noch einen anderen Grund, mich wieder dem Großen Verbrechen zuzuwenden: über der Wahrnehmung israelischer Politik an den Palästinensern tritt es leicht in den Hintergrund, wird beiseite gedrängt von meinem Zorn über die Ungerechtigkeiten in Bethlehem, an der Mauer, an allen Checkpoints, beim Siedlungsbau in der Westbank. Richtet sich denn die israelische Politik nicht vor allem andern daran aus, dass Juden möglichst viel von dem Land besitzen sollen, auf dem die Palästinenser bislang noch sitzen? Ihr seht, schon diese Frage darf man nicht stellen, weil sie zu provokant ist. Des weiteren darf man nicht fragen, wer eigentlich "die Existenz Israels" in Frage stellt, worauf sich israelische Politiker gern berufen? Die Völkergemeinschaft, das Völkerrecht erkennt den Staat Israel an, sogar die arabischen Staasten erkennen die Existenz des Staates Israel an, Arafat hat es getan. Allerdings in den Grenzen von 1967. Das sind die völkerrechtlichen Staatsgrenzen des Staates Israel, der diese Grenzen bisher selber nicht anerkannt hat. Es geht also nie um die Existenz des Staates, sondern um seine Ausdehnung. Wenn man von ein paar Extremisten absieht, zu denen übrigens auch fromme Juden gehören, die erst den Messias abwarten wollen, ehe sie einen Staat gründen.

Wohin käme die internationale Politik, wenn sie sich an extremistischen Minderheiten orientierte?

Zurück in den Taunus. Ich lernte, was einen "Zeugen" auszeichnet: es gibt ihrer drei: den gerichtlichen Zeugen, den religiösen Zeugen (den Märtyrer, was auf Griechisch "Zeuge" bedeutet - er zeugt für seinen Glauben mit dem Leben), den historischen Zeugen. Während ein Zeuge vor Gericht nur aussagt, wonach er gefragt wird - alles, was keinen Bezug zur Anklage hat, wird ausgeblendet - darf ein Zeuge der Geschichte seine persönlichen Erlebnisse in Gänze einbringen. Der Eichmann-Prozeß in Jerusalem ließ beide Formen von Zeugenschaft zu, denn die Aussagen der Überlebenden der Shoah sollten nicht nur die Anklage gegen Eichmann stützen, sondern auch die innerisraelische Identität stärken. Bis dahin interessierte man sich wenig für die Erzählungen der Überlebenden, und das veränderte sich grundlegend mit dem Eichmann-Prozeß. Die Zeugenaussagen wurden über Radio verbreitet.

Das was sie zu erzählen hatten, verliert nichts von seinem Schrecken, bis heute nicht.  Es wird in Archiven gespeichert, auf Video, auf Tonkassetten, so daß auch spätere Generationen sich noch ein Bild machen können. Ihr eigenes Bild;  denn ein wichtiges Thema der Tagung war das Aussterben der Verfolgten als einer Generation und die Frage, wie gehen wir mit der indirekten Zeugenschaft um, welche Fragen stellen die Nachgeborenen? Der Ausdruck "sekundäre Zeugen" ist entstanden, wobei die Gelehrten sich nicht über seine Bedeutung einig waren: eine Minderheit meinte, als "Zeugen" nur jene anerkennen zu dürfen, die umgekommen sind und irgendein Zeugnis hinterlassen haben. Schon die Überlebenden wären demnach "sekundäre" Zeugen.  Doch die meisten verstanden unter sekundären Zeugen jene, die das Verbrechen selbst erlebt und es lebend überstanden hatten. Ein Teilnehmer verlangte, nur jüdische Zeitzeugen und ihre Nachkommen dürften Zeugnis ablegen. Mit der Meinung blieb er indes allein. Der polnische Professor Dr. Karol Sauerland erklärte, in Polen sei ein jeder Zeuge gewesen, jeder Einzelne; dennoch fehle es an Bereitschaft zu sprechen.

 

 

 

 

Frankfurt, den 13. März

Meine Patentante pflegte zu sagen: ein jeder März hat sieben schöne Sommertage.

So einen haben wir heute, mit jubilierenden Vögeln, mit Duft und hellem Licht.

Schon seit vier Tagen genießen wir die Schönheit des Frühlings, wenn auch die Luft außerhalb der Sonne kalt bleibt - "wie in der Wüste", hörte ich gestern eine Frau sagen. Nachts eisig und tagsüber heiß.

Das Wissen um die Wüste verbindet - doch hab ich nur genickt und das wärmende Gefühl der gemeinsamen Erfahrung für mich behalten. Ich kannte die Frau nicht weiter, und -

um eine neue Beziehung anzufangen, brauche ich mehr als nur Wüstenerfahrung.

In meinem ganzen langen Leben habe ich noch nie einen März erlebt, in dem sich die Bauernweisheit der "sieben schönen Sommertage" nicht verwirklicht hätte. So entsteht Vertrauen!

 

 

 

Frankfurt, den 5. März

Zwischendurch ein Wochenende in Berlin, als Delegierte des hessischen Schriftstellerverbandes, und hier ist mein Bericht:

Bundesfachgruppenkonferenz des VS-in ver.di in Berlin am 24./25. Februar 2007

Ein kurzer Bericht für das hessische VS-Info

Fünfzig Stimmberechtigte nahmen an der VS-Bundeskonferenz teil, die alle vier Jahre stattfindet, wobei nach zwei Jahren ein kleinerer „Kongress“ eingeschoben wird, zuletzt 2005 in Ingolstadt. Diesmal war es Berlin, in der ver.di-Zentrale am Paula-Thiede-Ufer 10. Der Straßenname findet sich noch nicht auf allen Stadtplänen, so neu ist er: eine Sackgasse an der Spree, ein paar hundert Meter vom Ostbahnhof entfernt. Sie endet auf Brachland. Vom andern Spreeufer leuchtete die „Radikalstation“ in der Abendsonne, das ist eine ehemalige Kläranlage aus buntem Backstein, kürzlich als Kunstpalast neu eröffnet.
Das ver.di-Haus erhebt sich siebenstöckig, zum Haupteingang hin in U-Form, und der Innenhof unter Glas. In dieser Glashalle wurden wir vom stellv. ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke am Samstag empfangen, und zwar alle 4 Kunst-Fachgruppen des Fachbereichs 8: Literatur, Theater, Musik und bildende Kunst. „Es wird keine Zwangsfusion geben!“ versicherte Frank Werneke, was soviel bedeutete, dass ver.di nichts gegen eine freiwillige Fusion hätte, weil das erstens billiger käme und zweitens – so hofft man – eine kulturpolitisch konzentriertere Arbeit ermöglichte. Am Samstag abend wurde dieses Thema in einer gemeinsamen Sitzung noch einmal ausführlich verhandelt und alle vier Fachgruppen waren sich einig: jede braucht ihre eigene Kontur, will sie ihre Interessen sinnvoll formulieren.  Gemeinsame kulturpolitische Forderungen wird die Bundesfachbereichskonferenz erarbeiten.
Die Sitzungen am Samstag von 2-6 h und am Sonntag von 9-1 h waren den spezifischen Anliegen der Sparten gewidmet. Wir, die Literaten, mußten einen neuen Bundesvorstand wählen, über vergangene und künftige Arbeitsprogramme diskutieren, über verschiedene Anträge abstimmen. Kampfabstimmungen gab es nicht, doch wurde ausführlich und durchaus kontrovers diskutiert. Dem scheidenden Vorstand wurde Entlastung gewährt.
Die Wahl zum Bundesvorstand verlief ohne Überraschung. Der bisherige Vorsitzende, Imre Török, wurde fast einstimmig wiedergewählt. Seine Stellvertreterinnen wurden Gerlinde Schermer-Rauwolf (VdÜ), Anna Dünnebier (NRW), Regine Möbius (Sachsen). Nur zum Beisitzer hatten sich mehr Kandidaten gemeldet als es Sitze gab: hier gewannen Detlef Michelers (Niedersachsen), Hannes Hansen (Schleswig-Holstein) und Constanze John (Sachsen). Imre Török sprach engagiert über die Aktivitäten und Planungen des VS. Dazu gehören: verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, weitere Verbesserung der internen Information, aktive Beteiligungen an den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt, Kampf um das Urheberrecht und um Vergütungsrechte, bundesweite Projekte wie dieses Jahr „Verbrannt und vergessen“ und Jugendarbeit, politische Stellungnahmen wie u.a. die zur Redefreiheit für Orhan Pamuk und Peter Handke, und ab 2007 ein Themenschwerpunkt: „Die Bedeutung afrikanischer Literatur für uns in Deutschland und für die Weltkultur“. 2007 wird der VS sich zusammen mit der Buchmesse Ffm Katalonien zuwenden, 2008 zusammen mit AI etwas über  Menschenrechte organisieren. Es folgten noch Wahlen zur Bundeskommission Selbstständige und zur Bundesfreienkonferenz in Personalunion (Klaus Behringer (Saar) und Thomas Wollermann (VdÜ) sowie 2 Ersatzdelegierte).
Vier Anträge des Bundesvorstands wurden erörtert: 1.„Kulturpolitische Wirksamkeit des VS in ver.di“ (angenommen), 2.„ver.di-Mitgliedsbeitrag für freiberuflich Tätige – Änderung der ver.di-Satzung“ (als Arbeitsauftrag an den VS-Bundesvorstand angenommen), 3. „Mindestbeitrag“ (abgelehnt), 4. „Resolution zu <Korb 2 des Urheberrechts> an die Abgeordneten des deutschen Bundestages (mit zahlreichen Änderungen angenommen).
Zur Kenntnis nehmen konnten wir die „Brüsseler Entschließung“ des EWC (European Writers’ Congress) vom 20. September 2006. Darin werden die europäische Kommission , der Rat und das Parlament aufgefordert, die derzeitige Arbeit der Verwertungsgesellschaften in den Mitgliedstaaten zu fördern und zu sichern.
Unsere Zeitschrift „Kunst & Kultur“ soll jetzt nur noch 4x/Jahr erscheinen, wogegen heftigst protestiert worden ist („Göttinger Erklärung“). Da ver.di sich künftig als kulturpolitische Organisation profilieren will, kann es bei dieser Reduzierung nicht bleiben!
Eins machte die Konferenz klar: es gibt wahnsinnig viel zu tun.

Barbara Höhfeld






Frankfurt, 18. Februar

Es drohe eine gigantische Grippewelle, sagt das Fernsehen und man solle sich jetzt noch impfen lassen! (Das freut die Farmazeuten.)

Auch wenn die Impfung erst nach zwei Wochen wirksam wird. Wer Pech hat, erleidet also die Übelkeiten der Impfung und die Grippe gleich dazu. 

Ich bin bislang beidem aus dem Weg gegangen. Neulich lockte mich ein Kuchenstand am Bahnhof. Dort verkaufen sie frische Plätzchen der amerikanischen Art, mit Schokoladenstückchen drin, es können  stattdessen auch Blaubeeren oder Ingwerschnipsel sein. Die Spucke lief mir im Mund zusammen, vielleicht bedrückte mich was, von dem ich nichts wissen wollte.

Die Verkäuferin sprach mit einer Kundin, sie packte ein, sie bot dies an und das, die Kundin hatte schon bezahlt und die Verkäuferin schwatzte immer weiter. Sie hatte einen dicken Schnupfen, war heiser und mußte öfter husten. Dabei hielt sie sich die Hände vor den Mund. Sie trug Gummihandschuhe, der Hygiene wegen, nehme ich an. Während ich  zuguckte, was die Gummihandschuhe so alles machten: Plätzchen auf die Theke legen - "eins zum Probieren!" - Geld einnehmen, Husten aufhalten, Nase putzen, da versiegte meine Spucke, ich wendete mich schweigend ab.

 

 

Frankfurt, 14. Februar

Ein Wintertag. Die Sonne wirft / lange Schatten in die Stadt, wo Bettler /als Inseln im Strom der Passanten / die Hände ausstrecken.

Einem jungen Rumänen / der auf dem Gehsteig sitzt / und italienisch kann / gebe ich einen Euro.

Dem Winter fehlt die Kälte, / nun gibt es billig / Pullover, Jacken, Handschuhe. / Ein Wintertag, und schon / die erste Frühlingsmode.

Milchkaffeebraune Somalierin / bittet um Geld zum Essen. / Ihr fehlt die Hälfte / der unteren Schneidezähne, / sie hält Distanz, doch / ihre Bitte ist dringend. /Ich krame zwei Euro hervor.

"Bitte," sagt sie, / "bitte noch einen Euro! / Damit ich einkaufen kann! / Danke! Danke! Danke!"

Ich aber gehe zur Vitaminbar, / trink einen Möhrensaft  für 2 Euro zehn / und denke einen Moment lang / nicht an Gerechtigkeit, / nur an Durst.

Der Himmel bezieht sich / es nieselt. Die Stadt / streift einen grauen Kittel über. / Es ist nur ein Wintertag.

 

 



Frankfurt, den 13. Februar

Ich kam zu früh, ich hatte 45 Minuten Zeit, und in der Nachbarschaft wohnte ein guter Bekannter, den ich lange nicht gesehen hatte. Ob er zuhause ist? dachte ich und ging hin. Ich brauchte noch nicht mal zu klingeln, da sperrte er schon die Tür auf und umarmte mich. Sein Junge kam angelaufen, ein alerter Fünfjähriger, den ich als Baby zuletzt gesehen. Schnell bereitete der Vater einen Tee, und wir schwatzten nach Herzenslust.

Es war ein "bengalischer" Tee. Der Gastgeber ist Bengale.

Bei einem deutschen Bekannten hätte ich mich nicht getraut, ihn so unerwartet aufzusuchen. Unter Deutschen hat sich die Gewohnheit verloren, einfach mal reinzuschauen.

Ich habe mich verändert in den letzten zwei Jahren. Vorher habe ich selbst mich nicht getraut, bei dem Bekannten einfach mal vorbeizugehen und hallo zu sagen, obwohl die Gelegenheit sich öfter bot. Ich könnte doch stören, dachte ich.

Ja, so denken wohl die Deutschen: bloß nicht stören! Woher kommt das?

 

Frankfurt, den 11. Februar

Ovid, ein prominenter Exilant. Er wohnte fortan am Schwarzen Meer. Warum hat mich Ransmayrs Roman über Ovid am Schwarzmeer so gelangweilt? Vielleicht, weil ich Ovids Gedichte gar nicht kenne? Ich kann mich nicht erinnern, daß wir sie im Lateinunterricht durchgenommen hätten. Selbst wenn, hätte ich nicht aufgepaßt, weil der Lateinlehrer ein katholischer Pfaffe war, der mir den Hof gemacht, jedoch mir eine versprochene Note nicht gegeben hatte ("Mit zwei Einsern und einer Zwei kriegst du im Zeugnis eine Eins!" Dennoch bekam ich eine Zwei. Danach hab ich nie wieder was für Latein getan.)

Ich hab mich aus dem Lateinunterricht exiliert. Der Pfaffe machte falsche Versprechungen. Vielleicht hielt ich danach mehr zum Vater, der kein Latein gelernt hatte und gegen die Pfaffen war? Wer weiß.

Eben las ich in der Zeitung, dass "Entfremdung" als Begriff aus der Mode gekommen, weil er eine gegebene Natürlichkeit voraussetze, die aber nicht nachzuweisen sei. Herrje, so hatte ich ihn aber nie verstanden, sondern als einen Zustand, in dem man nicht bei sich ist, bei dem man von außen gesteuert wird. Wie etwa die vielen Leute, die ihren Gesundheitszustand nicht selber spüren (wollen), sondern ihn sich vom Arzt (vom Apotheker, vom Guru, von "Brigitte" etc.) vorschreiben lassen!

Die gelehrte Frau, die kürzlich über "Entfremdung" ein Buch veröffentlichte, scheint von einem ähnlichen Standpunkt auszugehn wie ich.

Frankfurt, den 10. Februar 2007 - "I shall be read" (aus: LRB vom 17.8.2006)

 Eine Rezension (aber nur der Anfang)

aus dem Englischen von B.Höhfeld

Im Jahr 8 AD stand Publius Ovidius Naso als 50jähriger auf dem Gipfel seiner dichterischen Ambitionen. Gefeiert und schon beinahe dreißig Jahre lang immer erfolgreich, hatte Ovid seit dem Tod von Horaz vor 15 Jahren keinen Rivalen mehr. Umgeben von zweitrangigen und unbedeutenden Kollegen, war er zweifelsohne der berühmteste Dichter des Imperiums.  Rom war seine Heimat, und mit seiner Dichtung nutzte er die Metropole als Inspirationsquelle und als Gegenstand zugleich. Seine Liebesgedichte gossen ein kühle Leidenschaft in die Raffinements des städtischen Lebens mit seinen hoch gestylten Höflingen und der neuen imperialen Pracht; seine fast fertig gestellten „Metamorphosen“ machten Rom zu einem Magneten, der die gesamte griechische Mythologie und Kunst an sich zog, hin zum neuen Zentrum der Welt; er arbeitete gerade jetzt an einer unvergleichlichen Schöpfung, einem Gedicht über den römischen Kalender, der den überlieferten Festzyklus zum Anlaß nahm, um die Religion und die Identität der Stadt zu hinterfragen.

Etwas geschah. Was immer es war, es war kein Verbrechen, sondern ein „Fehler“, ein error. Der Dichter sah etwas, etwas hinreichend  Inkriminierendes, so daß sein Freund Cotta Maximus aufstöhnte, als er davon hörte. Die Herrscherfamilie hatte irgendwas damit zu tun, denn Ovid wurde zum Kaiser Augustus gerufen, und die Wut des siebzigjährigen Despoten ergoß sich über ihn. Der alte Mann grub ein zehn Jahre altes Ressentiment wieder aus und warf „Die Kunst der Liebe“ mit in das Verbot. Bei Erscheinen dieses Werkes hatte er seine Entrüstung über den smarten Hohn auf den Pomp und die neue augusteische Moral noch zurückgehalten; doch  unter dem Anstoß, der von der neuerlichen Beleidigung ausging, worin immer sie auch bestanden haben mag, schlug er zu und bezog das Gedicht in seine Anschuldigung mit ein. Von nun an würde Ovid immer von der doppelten Anschuldigung gegen ihn sprechen, von „carmen et error“, von dem Gedicht und dem Fehler. Ohne Gerichtsverfahren, ohne ein Urteil wurde er „relegiert“, nicht „exiliert“,  auf  bloßes Geheiß des Kaisers.  Er würde Rom nie wiedersehen.

Frankfurt, den 4. Februar 2007

"Verfügt ein Kind in seiner Muttersprache über ausgebildete Sprachstrukturen, kann es auch eine Zweitsprache erfolgreich erlernen." Das steht in einem Antrag der Frankfurter Stadtverordneten!

Darüber bin ich begeistert, weil ich immer noch den trotzig-wegwerfenden Satz der hessischen Schulministerin im Ohr habe, als sie sagte: "Fremde Muttersprachen werden in hessischen Schulen nicht mehr unterrichtet, diese Kinder hätten ja dann einen Vorteil gegenüber den deutschen Kindern!" Sie sagte das am Anfang ihres Ministerinnendaseins, und sie hat ihre Absicht durchgeführt. Die Kinder fremder Muttersprache können jetzt beide Sprachen schlecht: ihre häusliche und das Deutsche.

Der Frankfurter Antrag möchte nun die Mütter einbeziehen: sie sollen einen gewissen Lernstoff in ihrer eigenen Sprache lernen, den dann die Kinder am nächsten Tag auf Deutsch durchnehmen. Anscheinend gibt es ein solches Modell in Essen an der Ruhr. Allerdings handelt es sich nicht um Lehrstoff von Schulen, sondern um ein KITA-Programm. Diese Kindertagesstätten, für die man immer noch Gebühren zahlen muß, in die niemand seine Kinder schicken muß, wenn er nicht will.

Der Antrag stammt von der Opposition, das sind in Frankfurt momentan die Sozialdemokraten, und er wird abgelehnt werden. Aber vielleicht übernehmen ihn ja die Christdemokraten, denn er paßt in ihr hessisches Konzept: weniger Lehrer einstellen, stattdessen freiwillige Rentner in die Klassen schicken. Hauptsache billig. In den KITAs zieht man eben die Mütter heran.

Doch wird man die wissenschaftliche Erkenntnis, dass jedes Kind die Verkehrssprache leichter lernt, wenn seine Muttersprache ernst genommen wird, nicht mehr negieren können. Von der Verkehrssprache, nämlich deutsch, hängt die ganze Schullaufbahn der Kinder ab.

Mit dem Respekt für die Muttersprache geht auch das Bewußtsein dafür auf, dass viele Kinder zweisprachig, ZWEISPRACHIG, aufwachsen, und was das bedeutet, sollte jeder Pädagoge von vornherein lernen.

"Wasser" IST nicht Wasser, sondern heißt nur so. In der andern Sprache heißt es anders.

 

 

Frankfurt, den 27. Januar

Manche ältere Leute, die "noch gut drauf sind", wie man so sagt, halten viel auf den Spruch: man ist so jung wie man sich fühlt. Gestern sagte einer vom Bildschirm: "man kann auch mit 90 noch jung sein". Er fügte sozusagen errötend hinzu: "Bis dahin hab ich natürlich noch viel Zeit." Ein Kabarettist, ein schöner junger Mann, brachte eine andere Variante: wie eine 70jährige mit ihm flirtete, er freundlich auf seine Jugend hinwies und sie ihn anflötete: "Das Alter spielt keine Rolle!"

Der Kaberettist brachte mich zum Lachen, und nicht ganz ohne daß ich meinerseits leicht errötete - glücklicherweise sah es niemand. Den Kabarettisten hatte die alte Dame zu dem Entschluß gebracht, in Zukunft "das Alter noch mehr zu respektieren".  Welch feiner Humor!

Ich kokettiere in der Öffentlichkeit lieber mit meinem Alter. Warum sollte ich nicht stolz darauf sein? Es erlaubt mir, auf einen langen Weg des Lernens und der Erfahrungen zurückzuschauen, es ermöglicht mir, Urteile zu bilden, eine Meinung zu haben. Es gestattet mir auch ein gewisses Selbstbewußtsein, wenn ein Mann mal wieder nur auf Sex schaut, obwohl es sich bloß  noch um Erinnerungen handelt! Als wenn es nicht Wichtigeres gäbe.

Frankfurt, den 25. Januar

AFRICA ALIVE heisst ein Film-Festival, das seit 12 Jahren in Frankfurt stattfindet, teils im Filmmuseum, teils im Theater Höchst. (Den Auswärtigen sei verraten, dass Höchst zwar einst zu Kur-Mainz gehörte, die Barockpläste erzählen davon noch, aber dass es nun schon lange Zeit ein Stadtteil von Frankfurt ist). Zum Filmmuseum gehe ich zu Fuß, aber nach Höchst braucht man das Auto oder die Eisenbahn.

Am Sonntag habe ich für Africa Alive gedolmetscht. Genauer gesagt: für GADO, einen Journalisten aus Nairobi, der Englisch spricht. Ich mußte alles, was auf deutsch gesagt wurde, für ihn ins Englische übertragen, und alles was er sagte, für das Publikum ins Deutsche übertragen. Der Kopfhörer in der Dolmetscherkabine funktionierte leider nicht, so mußte ich konsekutiv übersetzen: ein Stückchen reden lassen, dabei Notizen machen, dann den Inhalt auf Deutsch wiedergeben. Das erlaubt mehr rhetorischen Glanz in der Wiedergabe,  doch die simultane Übersetzung ist genauer, und auf Genauigkeit kommt es doch immer am meisten an. Weil nämlich keine Diskussion möglich ist, wenn etwa "Staatsbürger" mit "Franzose" übertragen wird oder "nicht in die Schule gegangen" mit "ungebildet", um nur zwei Beispiele aus einer Diskussion über Senegal  zu nennen.

Die Arbeit macht mir unbändigen Spaß. Nächsten Montag findet noch mal eine Diskussion statt, an der ich mitarbeiten darf: um halb acht im 3. Welthaus. Es geht dann um Menschenrechte und die Rolle Mauretaniens bei den illegalen Migrationen in Richtung Europa.

Die Afrikaner haben letztes Mal schon betont: die meisten Afrikaner bleiben am liebsten zuhause. Viele der Abwandernden würde gern nur für eine Weile weggehen; als sie noch kein Visum brauchten, da konnten sie ihre Familie zuhause lassen und pendeln. Das ist heute nicht mehr möglich.

Spanien ist ein beliebtes Zielland für die die afrikanischen Migranten, es hat sich ein Spruch verbreitet, der heißt: "Barzat oder Barzach" - das erste steht für Barcelona, das zweite für "Friedhof".

 

Frankfurt, 19. Januar

Zwei Nächte und einen Tag dauerte der gewaltige Sturm. Jetzt ist Ruhe. Auf dem Balkon liegt noch meine hölzerne Figur, der überlebensgroße Mann von Moritz Ney; ich werde ihn gleich wieder aufstellen. Er war vorher noch nie umgefallen, seit ich hier wohne. Wohl hat ihm die Witterung zu schaffen gemacht im Laufe der Jahre: manche Gliedmaßen fielen herunter, die rote Farbe blätterte hier und da ab - doch seinen Charakter hat er sich bewahrt. Auf seinen Charakter kam es mir immer an.

Frankfurt, 17. Januar

Habe dieser Tage mit Fatima in Paris telefoniert, die mir ihren ersten Band "Theaterstücke" schicken will. Am zweiten Band arbeitet sie - "ich habe noch an die 30 Theaterstücke in der Schublade!" - sie sucht aber noch einen Verlag dafür.  Sie schreibt Französisch, sie ist Französin, dennoch lebt, denkt und fühlt sie natürlich gleichzeitig als Algerierin und als Französin. Sie ließ mich verstehen, dass ihresgleichen es momentan in Frankreich schwerer hat als früher. Ich lasse ihr ein Gedichtbüchlein schicken, das Laurent Mignon, ein Luxemburger, der in Ankara türkische Literatur lehrt, im Verlag der "Cahiers Luxembourgeois" herausgegeben hat. Es ist zweisprachig und enthält die französische Übersetzung von türkischen, arabischen und georgischen Gedichten aus der Gegenwart, nicht ohne politische Bezüge.

Auch mit M.-Luise Steinschneider habe ich telefoniert, um über den Aufsatz ihres Vaters zu sprechen. Sie hat ja einen Verein zur Bearbeitung des Nachlasses ihres Vaters gegründet (ich bin auch Mitglied), und ich finde, wir sollten innerhalb des Vereins mal über die Inhalte seines Schreibens sprechen. Sie will sich umhören, ob andere Vereinsmitglieder das genau so sehen.

Frankfurt, 16. Januar

Heute sah ich mir "The Queen" an, einen Film von Steven Frears. Als alte Dame kann sie einem zum Vorbild werden. Was mir besonders auffiel, war, wie sich die Leute in ihrer nächsten Umgebung gehen ließen: ihre Mutter, die Schwester, Mann und Sohn fühlen sich nur teilweise oder gar nicht verantwortlich für das, was sie reden. Als überließen sie allein der Königin die Sorge, würdevoll und immer konzentriert aufzutreten. Das tat sie ja dann auch, sehr ansprechend.

Ansonsten denk ich weiter über "Les Bienveillantes" nach. Ich habe es jetzt schon bis Seite 390 (von 900) geschafft, der Mann befindet sich noch im Kessel von Stalingrad. Grauenhafte Verhältnisse aus gefrorenen  Leichenbergen, Fäkalien, Ruinen und einzelnen Militärs, die ihren Aufgaben nachgehen. Ein ausführliches Gespräch findet dort zwischen einem bolschewistischen Geheimdienstler und unserm SD-Offizier statt (sie rechnen beide in Kürze mit ihrem Ableben). Es geht im Gespräch um die Frage, welches System das bessere sei. Meines Erachtens gewinnt der Kommunismus. Aber Professor Schöttler und andere Rezensenten meinen, Littel setze Nazis und Kommunisten gleich, was man ja nicht darf als anständiger Mensch. Hier ist das nicht der Fall, meine ich.

Außerdem bereite ich für den 6. Mai eine Minilesung mit einem Text von A.M. Steinschneider vor, der in Frankfurt Rechtsanwalt war, 1933 fliehen mußte und noch 1944 in Frankreich von einem schießwütigen SS-Kommando ermordet wurde. Er hat Schriften hinterlassen, die er nach dem Krieg veröffentlichen wollte. Eine davon heißt "Menschheit und Polarität", sie ist nicht fertig geworden, aber dennoch faszinierend, weil sie das Denken eines intelligenten und lebensfrohen Menschen aus dem Jahre 1940 widerspiegelt.

Gestern diskutierten wir über Jan Assmanns "Spiegel"-Interview vom Dezember. Er äußert sich darin über seine These zur Entstehung des Monotheismus bei den alten Ägyptern (siehe u.a. sein Buch "Moses der Ägypter"). Er bringt den Monotheismus mit "Gewalt" in Verbindung, und obgleich ich an seinen Worten  nichts auszusetzen habe, wenn ich sie ganz genau lese und dabei bedenke, was ich aus anderer Lektüre weiß, so merke ich doch im Gespräch, dass die meisten Leser eben nur den Begriff "Gewalt" aufschnappen, dass sie den Monotheismus mit Gewalt verknüpfen und dann gleich den ganzen Nahost-Konflikt dranhängen. Assmann müßte doch wissen, wie schnell einem das Wort im Munde verdreht wird, wenn man in die Öffentlichkeit tritt. Warum äußert er sich dazu im "Spiegel"? Das würde ich gern verstehen.

 

 

Frankfurt, 12. Januar

Schon mal von Madame de Stael gehört? (Man spricht es wie "Staal" aus.) Die Super-Intellektuelle aus Paris mußte vor Napoleon flüchten und kam so nach Deutschland. Wo das Staunen über einander gegenseitig war. Doch während deutsches Staunen nur als Tratsch überliefert wurde, verwandelte sich Madame de Staels Staunen in ein berühmtes Buch "De l'Allemagne", das auch Napoleon nicht verhindern konnte (er ließ die französische Ausgabe 1808 einstampfen, das Buch erschien 1810 in London). Einer der Schlegel-Brüder reiste 12 Jahre als Sekretär mit Madame durch Europa. Na, wer mehr erfahren will, gedulde sich bis zum 6. Mai, dem von der hessischen Regierung ausgerufenen "Tag für die Literatur- Literaturland Hessen". Dann stellt der "Literaturclub der Frauen aus aller Welt" in Frankfurt zwei klassische Migranten vor: außer Mme de Stael noch Giordano Bruno.

"Literaturland Hessen" ist ein Verein zur Förderung des Tourismus in Hessen und befaßt sich ausschließlich mit toten Literaten. Am 6. Mai dürfen daher  lebende Literaten nur auftreten, wenn sie Tote (die irgendwann mal in Hessen waren) vorstellen.

"Hessen"? "Das hat es nie gegeben", sprach Prof. Boehnke vom "Literturland". Es geht also am 6. Mai um das Gebiet, das heute "Hessen" heißt. Immerhin schon seit 60 Jahren. Und wenn es Literaten gibt, die im heutigen Hessen gestorben sind, dann dürfen sie am 6. Mai auch erwähnt werden. Nur halt die Lebenden nicht.

Den Büchner mag man schließlich auch nur, seit er tot ist.

 

Frankfurt, 9. Januar 2007

Im Internet findet man unzählige Beurteilungen des Romans "Les Bienveillantes". Aber das, was ich im Folgenden schreibe, habe ich dort  nirgendwo gefunden:
 
"Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" hiess eine Redensart, die ich vor vielen Jahren sehr oft gehört habe. Ich kannte damals jemanden, der bei der Waffen-SS gedient hatte, der im zweiten Weltkrieg auch beim Russlandfeldzug dabei gewesen war. Er trank öfter einen über den Durst, doch achtete er immer darauf, dass  er nach einem solchen Gelage am nächsten Morgen pünktlich im Büro antrat, pünktlich und im arbeitsfähigen Zustand. Das bedeutete diese Redensart: trinken so viel man will, aber wenn der Dienst beginnt, hat  man uneingeschränkt da zu sein. Er verfügte über eine enorme Disziplin, dieser Mann.

Sein Spruch "Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps" fiel mir wieder ein, als ich in "Les Bienveillantes" einem ähnlichen Spruch begegnete. Der  fiktive Ich-Erzähler dieses Romans war bei der Waffen-SS, und er schreibt viele Jahre danach seine Erinnerungen auf. Darin rufen sich die SS-Offiziere zu: "Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps", während sie einander zutrinken, als wollten sie sagen; Krieg und Schnaps sind eben nicht zu trennen. Ohne Schnaps könnten wir das alles hier gar nicht durchhalten (die Herren sind nämlich vom "Sonderkommando" und müssen massenweise jüdische Zivilisten erschiessen).

Der Verfasser des Romans, Jonathan Littell, ist 1967 geboren und hat eine gewaltige Recherche-Arbeit geleistet. Er lässt seinen Ich-Erzähler einmal überlegen, warum er sich nicht, wie manch anderer in seiner Umgebung, einfach wegmeldet, sich um einen ruhigen Posten in Berlin bemüht, wo er obendrein Karriere machen könnte. Diese Möglichkeit hätte er gehabt. Er blieb trotzdem weiter inmitten des horrenden Gemetzels in Russland, denn er sagte sich: "Je veux comprendre", ich will verstehen.

Hinter diesem "Je veux comprendre" darf ich wohl auch den Autor vermuten, er mag sich an diese Arbeit gegeben haben, um selber zu verstehen, wie die Vernichtung der Juden hat konkret durchgeführt werden können. Was diejenigen, die das Maschinengewehr vor der Grube handhabten, diejenigen, die nachher hinunterstiegen, um denen, die noch nicht tot waren, mit der Pistole den "Gnadenschuss" zu geben, was sie dachten und fühlten. Er versetzt sich in sie hinein. Eben das macht das Buch so gewaltig, trotz allen Ekels kann man sich ihm nicht entziehen.

Littells Verwechslung von "Dienst" und "Krieg" weist nun aber darauf hin, dass er eben doch nicht verstanden hat. In seinem Text spielt der "Dienst" überhaupt keine Rolle. Nirgendwo fand ich in den umfangreichen Tätigkeitsbeschreibungen die Unterscheidung von "im Dienst" und "ausser Dienst". Ob einfache Soldaten oder Offiziere, ob Wehrmacht oder SS - sie befinden sich Tag und Nacht in Bewegung, in Bedrohung - im "Krieg" eben - und sie trinken überall, wo und wenn sie was Alkoholisches  kriegen. Die Bewusstseinsspaltung im Kopf jedes einzelnen Militärs - jetzt bin ich im Dienst, jetzt darf ich nicht trinken - die kennt Littell nicht. Und doch dürfte sie es sein, die erst die Greueltaten wirklich ermöglichte: die schizoide und alles überlagernde Trennung des Ichs als Privatperson und des Ichs als Diensthabender. Diese Unterscheidung zwischen "Dienst ist Dienst" und "Schnaps ist Schnaps". Selbst wenn sie im Einzelfall nicht immer eingehalten wurde, so wollte sie doch jeder einhalten und überzeugte sich wohl auch, dass er das schaffte. Seine Ehre hing daran.

Barbara Höhfeld,
Paris, 28. Dezember 2006

Frankfurt, den 8. Januar 2007

Oma Minchen, lass mich einen neuen Anfang finden nach so langer Zeit!

Einen Monat lang nichts geschrieben, meinst Du? Ich schreibe nicht nur hier, das versichere ich dir. Und ich habe viel gelesen. Zur Zeit beschäftigen mich zwei Bücher: von Jan Assmann "Die Zauberflöte" und von einem Jonathan Littell "Les Bienveillantes". Auf Assmann komme ich noch zurück, über dessen "Moses der Ägypter" soll ich nämlich in einer Woche bei meiner Philosophie-Runde berichten. Auf Assmann kann man sich immer freuen.

Nicht auf "Les Bienveillantes". Wenn nicht meine gute Freundin Edmée mich dringend gebeten hätte, diesen Roman zu lesen, damit sie mit mir darüber sprechen könne - sie wisse sonst niemanden, mit dem das möglich sei! - dann hätte ich das Buch wahrscheinlich gar nicht kennen gelernt, denn in Deutschland habe ich noch nichts darüber gehört. In Frankreich ist es ein Bestseller, es hat den Prix Goncourt und den Preis der Académie erhalten, und die Rechte wurden an viele Verlage in der Welt verkauft.

Und wenn Edmée nicht wäre, würde ich nicht weiterlesen. Immerhin habe ich schon fast ein Drittel geschafft. Das Buch ist über 900 Seiten lang. Es handelt sich um den Bericht eines fiktiven SS-Offiziers, der als SD-Angehöriger dem Rußlandfeldzug folgt und mit dafür zuständig ist, daß im Rücken der Wehrmacht alle Verdächtigen erschossen, vernichtet, beseitigt werden, und zu den Verdächtigen gehören eo ipso Juden, Zigeuner, Partisanen und sonstwie Auffällige. Es wird unentwegt gemetzelt. Der fiktive Berichterstatter ist hoch gebildet (Franzosen lieben die Figur des kultivierten deutschen Offiziers) und schreibt mitreißend, genau. Warum und wann er das aufschreibt, weiß ich noch nicht. In Frankreich sagte mir jemand, daß "Le Monde" das Buch schlecht berurteilt habe, weil es zu viele faktische Fehler gebe. Aber welche Rolle spielt das für die Wirkung des Romans? Da zudem unendlich viel mehr Fakten richtig dargestellt sind?

Frankfurt, 9. Dezember

Hat Meister Ekkehard für Gott geschrieben oder für die Menschen? Eine abwegige Frage? Sie stellt sich mir nach einem Telefongespräch mit einem ehemaligen Jesuitenschüler, der schreibt und der gern Anerkennung im Literaturbetrieb hätte und bisher nicht bekommen hat. Die Texte schreiben, an denen mir WIRKLICH liegt, und damit auf dem Markt Erfolg haben....

Kindliche Wünsche? Darf man sie aussprechen, ohne als lächerlich zu gelten?

Fragt sich vielleicht, wer da lacht, wer das ist, der über Lächerlichkeiten befindet.

Noch am nächsten Tag beeindruckt war ich jüngst, nachdem Harald Schmidt in seiner Sendung zusammen mit Anne-Sophie Mutter, der weltberühmten Geigerin, Klavier gespielt hatte. Schmidt versteht allerlei von Musik, aber der Frau Mutter ordnete er sich mit Inbrunst unter. Ja, es war diese Sammlung, diese von innen leuchtende Konzentration des Augenblicks, die mir die Sendung in Erinnerung bleiben ließ. Die Ehrfurcht vor der Meisterin. Diese gibt sich natürlich und einfach, weil sie sich sicher fühlen kann, sicher der Anerkennung ihrer besonderen Kunst, ihres Wissens und Könnens. Dafür steht Harald Schmidt eben auch, und nicht nur für Hanstwurstereien, mit denen er sich im Markt behauptet.

Frankfurt, 28. November

Wenngleich die Vögel gerade Frühlingstöne anstimmen, ist doch eine Cäsur angebracht, unabhängig von der Außentemperatur. Der Sommer 2006 ist ein für allemal vorbei.

Mein Geburtstag erinnerte mich daran. Wieder ein Jahr älter. "Erstaunlich," sagte mein Bruder, "früher hat man sich solch ein Alter doch nicht vorstellen können." Nein, konnte man nicht. Und als zum Beispiel die Großtante Franziska so alt war wie ich jetzt, ging ich noch zur Schule. Die Großtante litt unter Gicht, sie stieg immer rückwärts die Treppe hinunter, und im Sommer blieb sie nicht gern lange im Garten sitzen, weil der Wind sie störte. Sobald eine Brise aufkam und ihr ein Strähnchen aus dem losen Dutt löste, wurde sie nervös. Im übrigen erzählte sie nur "von früher", sie fragte nie, was ich tue, wofür ich mich interessiere - d.h. sie nahm nie persönlichen Kontakt zu mir auf, oder zu meinen Brüdern, obwohl wir doch im selben Hause lebten. Sie sprach von ihrer Schwester, meiner Großmutter,  nicht so oft wie von ihrer eigenen Mutter, ihren Tanten und Onkels, auch von ihren Berufserfahrungen - sie war Postsekreätrin gewesen. Niemals jedoch vermochte sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen so zu formulieren, daß die junge Generation, die in einer ganz anderen Zeit aufwuchs, hätte verstehen können, was sie erlebt hatte. Niemals vertrat sie uns gegenüber einen eigenen Standpunkt.  Sie betete für uns "Heidenkinder", denn sie war gläubige Katholikin. Ja, das sagte sie, daß sie für uns bete. Das war der einzige Standpunkt, den ich an ihr kannte.

Der "Erzählerstandpunkt" - ich brauchte vierzig Jahre, um zu erfassen, was das ist. Nun versuche ich meinerseits Erzählungen zu hinterlassen, auf die Kinder, Enkel, Nichten und Neffen sich beziehen können, wenn sie zum Fragen bereit sind.

 

Frankfurt, den 9. Dezember


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