DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 27. Oktober

Am kommenden Wochenende wird die Uhr wieder umgestellt, wir werden unser Leben um eine Stunde verlängern .... und ich werde mein Sommertagebuch abschließen.

Es geschieht so viel, dass mir manchmal der Kopf brummt. Oder kommt das von den Flugzeugen? Sie sind seit letzten Freitag, seit der Eröffnung der neuen Startbahn, etwas stärker zu hören, doch hat es mich bisher nicht gestört. Freilich sitzt man ja nicht mehr auf dem Balkon. Auch wenn meine Geranien noch draußen sind und weiter blühen. Ich hole sie nur ins Innere, wenn der Frost bis in den Balkon hinein reicht. 

Der Diktator ist tot. Er hatte vor Monaten verkündet, er werde sein Land nicht verlassen, sondern eher sterben. Nach wochenlangem Kampfgetöse in seiner Heimatstadt lag er in einem Versteck, als seine Feinde vor ihm erschienen, und soll gerufen haben: "Nicht schießen!" Da die "Rebellen", wie sie in unseren Nachrichten noch immer hießen, nichts anderes wussten als Schießen, erschossen sie ihn. Was genau passierte, wird noch untersucht. Die Frage: Ist er heldenhaft für seine Vorstellung von Vaterland gestorben, oder wurde er feige und fürchtete um sein Leben? beschäftigt mich noch. Ich bin eben auch im Krieg aufgewachsen. Hartmuth B.-E. wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es in Gaddafis Libyen öffentliche Schulen, einen kostenlosen Gesundheitsdienst,  eine vorbildliche Wasserwirtschaft,  Gleichberechtigung, einen schuldenfreien Staat und vielleicht noch mehr Vorteile gab. Dass der Westen nur scharf ist auf Öl und Wasser.

Die Welt verändert sich.

Ich habe mich entschieden, mich hier in Frankfurt als "Unterstützerin" für die Kandidatur von Peter Feldmann für das Oberbürgermeister-Amt zu melden. Das bedeutet vor allem, dass ich mit meinem Namen unterzeichne. Der Oberbürgermeister wird in Frankfurt direkt gewählt, und Frau Roth, die amtierende, steht nicht mehr zur Wahl. In der SPD gibt es bislang zwei Kandidaten, und ich ziehe Feldmann vor. Er besitzt neben schöner Natürlichkeit, neben großer Erfahrung in sozialen Fragen auch einen weiten internationalen Horizont, der ihn bei  wirtschaftlichen Fragen stärken  wird.

Übrigens ist das Manuskript für die Anthologie von Muepu Muamba, das ich als Herausgeberin zusammengestellt und teilweise auch übersetzt hatte, jetzt beim Verlag. Also nicht im endgültigen Sinne fertig, aber doch, soweit es meine Aufgabe war, in einem Endstadium angekommen. Wann wird das Buch erscheinen? Ich weiß nicht, werde bescheid geben!

 

 

 

Frankfurt, 20. Oktober

Vorbei! Die Buchmesse ist vorbei, doch sie hallt noch in mir nach. Eben habe ich meinen Bericht für die Luxemburger Kulturbeilage "kulturissimo" fertiggeschrieben. Da ich Grippe habe, fühle ich mich erleichtert wie ein Luftballon, der's endlich wieder an die Oberfläche geschafft hat.

Es gab Hunderte von Veranstaltungen, unmöglich, sich einen wirklichen Überblick zu verschaffen. Auf die Auswahl kam es an. Einmal hatte ich mich im Datum vertan, und so geriet ich eine Schreibwerkstatt nach dem Vorbild "Oulipo" (von Raymond Queneau und anderen in der Mitte des letzten Jahrhunderts erdacht, "Ouvroir de littérature potentielle", hat Anhänger bis heute). So kam es, dass die Teilnehmer einen Text schreiben mussten, der von der Buchmesse handelte und den Laut "e" NICHT enthielt ("ei" und "eu" waren ausgenommen). Und das in zehn Minuten.

Hier mein Ergebnis:

Buch. Buch. Buch. Was such ich? Ob Ding, ob Mann, ob Frau - innovativ solls ein. Audi wills, Boos wills auch, doch häufig find ich nichts.

Papiersäuln mit Spruch, fad, nur das Licht macht sie  weiß, schrill und weiß.

Gamification und Sansal, was für ein Widerspruch!

Zu meiner Überraschung erhielt ich spontanen Beifall dafür. Alle hatten die neue Halle gesehen, mit dem Pressenzentrum im ersten Stock, und unten, im Eingang, einer Kunst-Installation, wo ständig irgendwelche Sprüche auf Papierstreifen gedruckt sich von der Decke herunterhangelten. Die Sprüche durfte jeder, der einen (social-Media)-Zugang besaß, aufschreiben, und (infolgedessen?) gabs fast nur Schrott. Was sich ein BWLer halt unter Philosophie vorstellt. Ratgeber und Hochglanzzeitschriften-Niveau.  Die unter Innovation alles verstehen, wovon sie vorher noch nie gehört haben. Oder das, was ihr Chef für lukrativ hält.

Manche Journalisten empfanden die Audi-Halle als eine Art Beleidigung.

Und mir persönlich lag der Gegensatz zwischen der Spielsucht bei Audi und dem persönlichen, lebensgefährlichen Einsatz des Friedenspreisträgers für die Redefreiheit schwer auf dem Herzen. Die Oulipo- Anwesenden hatten das alles sofort verstanden.

Das war mir ein Trost.

 

 

Frankfurt,16. Oktober

Über den Unterschied zwischen französischen und deutschen Schulen ließe sich viel sagen. Ich beschränke mich jetzt und hier auf das Folgende:

In Frankreich macht man sein Abitur von jeher nach 12 Schuljahren, sofern man den Beginn der Schule beim sechsten Lebensjahr ansetzt. In Deutschland ist das so: mit sechs wird man schulpflichtig.

In Frankreich aber beginnt die "Schulpflicht" mit vier. Alle Kinder gehen zur "Ecole maternelle", was so viel wie "Mutterschule" heißt, aber auch mit "mütterliche Schule" übersetzt werden könnte. In Deutschland gibt es zu der Zeit den Kindergarten. Doch liegt dem eine ganz andere Idee als "Schule" zugrunde: hier werden Kinder betreut und dürfen spielen. Ich las neulich im Angebot einer ganz gewöhnlichen Grundschule, dass diese eine Betreuung auch schon morgens ab sieben für Schulkinder anbietet, wo die Kinder Gelegenheit haben, "sich auszutauschen"! Das bedeutet: die Kinder müssen sich selbst beschäftigen, und wenn sie's nicht können, dann ist die Schule nicht zuständig.

Naja, ich übertreibe insofern, als die tatsächliche Atmosphäre in einem Hort immer von den jeweiligen ErzieherInnen abhängt, die dort beschäftigt sind. Von ihrem Charakter, ihrer Persönlichkeit, ihrem eigenen biografischen Hintergrund. Aber natürlich auch von ihrer Anzahl. "Wir haben nicht genug Personal, um uns mit jedem Kind einzeln zu beschäftigen", sagte mir eine Angestellte einer Kindertagesstätte bedauernd. Das höre ich übrigens auch immer wieder von Lehrern: ich habe keine Zeit, um mich mit jedem Kind einzeln zu beschäftigen.

Mein Enkel in Paris wurde in der Ecole maternelle sachte sachte ins Schreiben und Lesen eingeführt.  Er lernte manches andere, an das ich mich nicht mehr erinnere; doch ich weiß noch genau, wie sie Auschnitte aus "Westside Story" geprobt und aufgeführt haben. Wie der Junge das sang! Saubere Töne in großer Begeisterung - es kllngt bis heute in mir nach und  ist doch über zehn Jahre her.

Frankfurt, 9. Oktober

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Ja, ich befasse mich viel mit den zwei Lesepatenkindern. In dem Bewusstsein, dass Lesen eine gewisse Neugier voraussetzt, bemühe ich mich, solche Neugier zu wecken. Wie singt ein wirklicher Vogel, singt er auch für mich? Was kann ich von einer Sonnenuhr ablesen? Ab wann ist Lesen lustig? Wie kann ich mit Walnüssen rechnen lernen?

Grad eben suchte ich im Internet nach den Öffnungszeiten des Kinderhorts an der Schule, in die meine beiden Kinder gehen. Das eine besucht gewöhnlich auch in den Ferien den Hort. Manchmal schließen die Horte, darum wollte ich mich vergewissern.

Ich suchte unter "Riedhofschule". Dort kam der Hort nicht vor. Ich suchte unter Kita Sachsenhausen - kam nicht vor. Ich forschte unter "städtische Kitas", und da fand ich schließlich was. Nichts, was ich brauchen konnte, aber immerhin etwas, das mich ein wenig erschütterte.

Es kommt gleich.

Vorher möchte ich ein paar Anmerkungen vortragen. In einem Gespräch mit meiner Pariser Tochter redeten wir neulich über die Unterschiede zwischen deutschen und französischen Schulen. Die Franzosen lernen mehr, da stimmte ich ihr zu; doch die Deutschen haben mehr Freizeit und nützen sie, oder haben jedenfalls die Chance dazu, argumentierte ich. Das ist ein Vorteil in bezug auf Selbstbestimmung. Die sogenannten "bildungsfernen Schichten" können hier freilich die Chancen nicht nützen.

Aber was bedeutet überhaupt Bildung?

Ich fand unter "städtischen Kitas" in Frankfurt den folgenden Bericht:

<Kita-Mitarbeiterinnen wagten sich am Wochenende aufs Glatteis

Da staunte so mancher, der am Sonntag, den 06. März 11 zum Heimspiel der Löwen kam, nicht schlecht:

Bei einem Bürostuhlrennen auf der Eisfläche während der Halbzeit traten Sabrina Jilg und Sandra Unger für Kita Frankfurt an. Die beiden Mitarbeiterinnen aus dem Fachbereich Liegenschaften hatten bei der Anmeldung zum Wettrennen nicht wirklich daran geglaubt, selbst auf der Eisfläche zu stehen.

Ausstaffiert nach Eishockeymanier versuchten sie, den Parcours zu meistern, mussten sich aber gegen zwei starke Männerteams geschlagen geben.

„Dabei sein ist alles „ sagte Sandra Unger, und wusste den Grund für ihr schlechtes Vorankommen: Das frisch überzogene Eis war in der Mitte noch nicht gefroren und sie musste sich auf der mittleren Position des Spielfeldes eher durch Wasser kämpfen als übers Eis. Da waren die beiden Außenteams einfach im Vorteil!>

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Aber welchen Vorteil haben von sowas die bildungsfernen Kinder, die auch in den Ferien den Hort aufsuchen müssen?

Keinen, möchte man antworten, denn es waren ja Vertreterinnen der Liegenschaften ...... Was hat die Angelegenheit unter Kita zu suchen? Meinen gesuchten Hort fand ich nicht, ich gab auf.

 

Frankfurt, 25. September

Seit Ewigkeiten abonniere ich die Zeitschrift "Frauen und Film". Früher stand sie selbstbewusst und provokant auf dem entgegengesetzten Ufer zur Zeitschrift mit dem Titel "Film und Frau". Diese berichtete über Hollywood-Diven mit der Idee, dass "Frau" diesen gern gleichen wollte. Umgekehrt suchte "Frauen und Film" eigene Wege für Frauen im Bereich des Filmwesens, egal ob sie Zuschauerinnen oder Darstellerinnen waren, die Kamera oder Regie führten.

(Forts. folgt.)

26.9. Ich musste abbrechen, weil meine Rechenkünstlerin kam, der ich gern auf das Drahtseil der Mathematik hinaufhelfen möchte.

"Frauen und Film" erschien über die Jahre immer seltener; ich vergaß sie. Bis plötzlich eine neue Ausgabe im Briefkasten lag. So auch letzte Woche. Der Titel von Heft 66, Juli 2011, lautet: "Sexualität im  Film". (Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main.)

Da ich mich selbst in letzter Zeit mal wieder mit dem Thema "Sexualität" befasst habe, - zum Beispiel in meiner Erzählung "Austern" aus der jüngsten POSEIDON-Anthologie "StadtLandKuss" - schien mir das Thema passend und naheliegend. Umso mehr staunte ich über die Feststellung der AutorInnen, dass die Sexualität "offenbar ihren Status als Form des Widerstands gegen die Anforderungen der Gesellschaft verloren hat" und "von heutigen Studierenden vorwiegend als reine Privatsache definiert" wird, über die sie eher nicht sprechen mögen.

Weil sich nun aber der Film als Medium gegenüber Video und Fernsehen insgesamt auf dem Rückzug befindet, so fragte sich die Redaktion, könnte das doch am Medium selber liegen? Das Heft handelt darum schließlich mehr von der Frage, wie ein Film gemacht wird, als von seiner Bedeutung für das Thema "Sexualität". 

Das erinnert mich an eine kleine Geschichte, die Erich Neumann irgendwo erzählt: Ein Mann aus Komotau fuhr nach Paris und berichtete nach seiner Heimkehr darüber, was er dort erlebt hatte. Eine geheimnisvolle, wunderschöne Frau habe sich für ihn interessiert, ihn mit zu sich nach Hause genommen - der Mann hörte gar nicht auf, die herrlichen exotischen Details zu beschreiben, die ihm überall begegnet waren. Atemlos fragten ihn seine Freunde: "Und weiter? Wie gings weiter?" Der Held betritt die Wohnung, steht im prächtigen Salon, bekommt einen köstlichen Wein kredenzt - "und weiter? und weiter?" drängen die Freunde. Endlich gelangt er ins Schlafzimmer, die Spitzen! das Parfum! die Unterwäsche! "Und weiter?" Da sagt der Erzähler endlich den dröhnenden Satz: "Der Rest war wie in Komotau."

Immerhin erfuhr ich durch meine Lektüren in Heft 66 u.a. etwas über das Genre "Pink Film", das in Japan vorkommt und neuerdings wieder zu Ansehen gelangt. Anscheinend gibt es diese Art von  Sexfilm nur in Japan, und manche Regisseure machen Kunstwerke daraus. Was mir weiterhin deutlich wurde, ist der Umstand, dass das Handwerk des Filmemachens ein radikal internationales geworden ist. Es gibt noch nationale Besonderheiten, doch jeder lernt von jedem, und über die Einordnung eines Werks unter "Kunst" oder "Trivialität", um nur ein Beispiel zu nennen, besteht ein weltweiter Konsens. 

Bleibt noch der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Jane Campion gilt da als erhellendes Beispiel. Ihre Raumstruktierung, schreibt Annette Brauerhoch, erlaube "keinen Herrschaftsblick, keine ekstatischen Höhenflüge im urbanen Raum", sondern es entstehe "ein haptisches Gewirr". Wegen dieser weiblichen Eigenschaften sei der Film bei den Kritikern nicht gut angekommen, vermutet sie. In einem andern Aufsatz (den ich grad nicht wiederfinde) schreibt ein Mann, dass Campion in ihrer Darstellung weiblicher Gefühle eine Dichte erreiche, die männliche Regisseure nicht fänden; doch bleibe die Darstellung männlicher Gefühle bei Campion dahinter zurück. Dem Autor gelinge es nicht, so schreibt er selbst, diese "Dichte" zu definieren, zu erfassen, zu verstehen.

Immerhin vermittelt das Heft einen Überblick über die  Entwicklung der "Sexualität" in den letzten vierzig Jahren.

 

Frankfurt, 20. September

An einen ehemaligen Geliebten

Jedesmal wenn ich dem Wort „Diskurs“ begegne, denke ich an Dich.  Du hast mich damals gemahnt, ich müsse „diskursiv“ werden, aber das verstand ich überhaupt nicht. So dass jetzt, nach dreißig Jahren, der „Diskurs“ mich noch immer neu darüber nachdenken lässt, was Du mit „diskursiv“ gemeint haben könntest.

Es war ja nicht so, dass Du mir diese unbekannten Begriffe erläutert hättest. Ich musste sie mir aus dem Zusammenhang erarbeiten, bei zusätzlicher Lektüre, und mit der Zeit lernte ich eine ganze Menge. Es war mein Glück, dass mir schon ’75 dieses ganze Revoluzzer-Vokabular begegnete; ich konnte ab ’80 die „taz“ lesen und blieb einigermaßen in der Zeit. „Zeitgeist“ hieß das damals.  

Es ging, glaub ich, um Argumente, um Kampfdiskussionen, doch auch darum, dass einer auf den andern einging, dass sich die Sprachebenen anglichen, wenn man zu einem Ergebnis kommen wollte, dem jeder zustimmen konnte. Vielleicht ums Zuhören. Ich sprach damals meist als jemand, der recht hat. Ich begriff, dass Rechthaben nicht genügt. Später verstand ich, dass der philosophische Stand der Dinge gar keine „Wahrheit“ mehr anerkannte, sondern Wahrheit als eine Fiktion unter anderen verstand. Von dir kenne ich immerhin noch den Spruch: „Die Wahrheit ist unteilbar; doch jede Wahrheit ist nur ein Teil.“ Das begriff ich. Das tat mir wohl. Damit kam ich weiter.

Glücklicherweise trat die akademisch verbrämte Sinn-Enthaltung erst in den neunziger Jahren so richtig in die Öffentlichkeit, womit ich meine, dass Künstler und Meinungsherolde sich auf irgendwelche Philosophen beriefen, um eigenen Un-Sinn als Wahrheit auszugeben. Das reichte allenfalls für Subjektives. Da warst Du aber schon nicht mehr zugegen. Und ich vermochte allmählich selbst zu urteilen.

Ich lese grade ein österreichisches Streitbuch über Gedichte. Zwei junge Männer aus Graz  (Jahrgang 1967 und 1979, Brunner und Schmitzer) halten darin jeder dem andern widersprechende Grundsätze über Gedichte entgegen; so fragen sie: wird ein Gedicht vom Verfasser „gefunden“ oder wird es „gemacht“? Mir begegnete bei Brunner der Satz: „Dazu kommt, dass das Gedicht in seinem Wesen nicht beziehungsweise nur auf einer Ebene seines Sprechens diskursiv ist, so dass es sich der Landnahme durch sachliche Erörterung schon aus diesem Grund in wesentlichen Aspekten verwehrt.“ Ein Satz, den ich mindestens zweimal lesen musste, um ihn zu verstehen. „Diskursiv“ steht hier für „sachliche Erörterung“, und das ist doch ein Anspruch.

Ich erinnere mich, dass Dein Argumentieren damals „Sachlichkeit“ nur behauptete. Du wähltest die Argumente nach dem Kriterium aus, wie Du mich damit besiegen konntest, als die Schwächere hinstellen, als jene, die nicht bescheid weiß. Ich merkte: es ging nicht um „sachliche Erörterung“, sondern ums Behaupten, um das Sich-Behaupten, letztlich auch um  den erotischen Kick. Jetzt, dreißig Jahre später, wage ich zu schreiben: es ging darum, ob „er“ steht. Damals erkannte ich das erst nicht. Aber als es mir dämmerte, ging ich zu den Feministinnen und gründete mit ihnen das Luxemburger Frauentheater. Eine große Zeit war das!

Mir scheint, die beiden Grazer schaffen in ihrem Buch „gemacht | gedicht  |  gefunden“ tatsächlich eine „sachliche Erörterung“, ohne ihre Gefühle und Intuitionen zu vernachlässigen. Sie ergänzen sich auf spannende Weise. Es macht Freude, sie zu lesen.

Frankfurt, den 18. September

Je mehr ich erlebe, desto weniger komme ich zum Schreiben. Seit vorgestern sind Martha und Terry aus Seattle in Frankfurt, gleich treffe ich mich wieder mit ihnen. Vorgestern gingen wir zusammen mittagessen und besuchten anschließend die isländische Ausstellung im Frankfurter Kunstverein am Römer. Island ist dieses Jahr Gastland der Buchmesse. Wir sahen eine Ausstellung über drei Stockwerke mit Fotografien und Videos. Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte das Thema "Island" in meiner Berichterstattung links liegen lassen - ich will wieder einen Bericht über die Buchmesse für "kulturissimo" in Luxemburg schreiben - weil ich mich wegen der unglaublichen Vielfalt der Messe eh beschränken muss. Aber die Ausstellung von vorgestern lehrte mich, dass ein solcher Gedanke voreilig war. Island hat was zu bieten, es ist vor allem ein Gefühl, und dafür muss ich die Worte noch finden!

Ja, damit stoße ich auf mein Hauptproblem auf diesen Seiten: die rechten Worte zu finden für das, was mir zustößt. Was ich nicht mag, ist zu sagen: <keine Ahnung, was da vor sich geht>. Dabei denke ich immer an den Rabbi aus den "Erzählungen der Chassidim" von Martin Buber, den ein junger Mann besucht. Der Rabbi geht einen Augenblick aus dem Zimmer, und der Besucher nimmt einen Gegenstand in die Hand, den er vor sich sieht, ich glaube, es war eine Tabaksdose, guckt sie sich an, stellt sie wieder weg. Als der Rabbi zuzrückkehrt, wirft er einen Blick auf die Dose und sagt zu seinem Besucher: "Wenn man nicht weiß, dann tut man nicht." Ich verstehe das so: wenn man nichts zu sagen weiß, dann hält man besser den Mund.

Oder wenn man zuviel zu sagen hat und findet die Ordnung nicht.

Für die Kunst der Isländer werde ich noch Worte finden, spätestens wenn ich ihre Ausstellung auf der Messe selbst besucht habe. Nach den Videos, den Fotos und Gemälden aus dem Kunstverein zu urteilen, würde ich sagen, dass sie von tiefer Melancholie wissen, aber gleichzeitig enorm praktisch sind.

Wir drei, Martha, Terry und ich, waren jedenfalls begeistert von der Ausstellung. Man muss sich Zeit dafür nehmen und vielleicht nicht allein hingehen. Wegen der Melancholie.

In einer Stunde sind wir beim Museum Judengasse verabredet. Von dort stammt die Familie Rothschild her. Ich meine aus der Frankfurter "Judengasse", dem hiesigen Getto. Das Museum zeigt die Grundrisse von fünf Häusern aus dieser Gasse, dazu viele Bilder und Darstellungen der Lebensweise der Menschen, die dort wohnten. Das Getto wurde schon im 19. Jahrhundert eingeebnet und überbaut, es war zum Slum verkommen. Doch der 2. Weltkrieg  und der Neubau von Frankfurt danach ließen noch einmal die alten Mauern zutage treten, und seitdem existiert dieses schöne kleine Museum.

 

Frankfurt, 10. September

In zwei Tagen habe ich drei verschiedene Bühnenaufführungen miterlebt, und ich merke: es wirkt wieder, das Theater. Es zieht mich raus aus meinem Kokon. Es belebt, es bewegt mich. Es lockt.

In keine dieser Aufführungen bin ich gegangen, weil ich ins Theater wollte. Es hat sich ergeben. Die Eindrücke steigerten sich. Vielleicht reichen sie, um mich künftig öfter vor eine Bühne zu bringen?

Am Freitag morgen besuchte ich eine "Pressekonferenz" der Weißfrauenschule (eine Frankfurter Grund- und Realschule, die sich als "Sprachheilschule'" versteht), weil dort die Lesecoaches der AWO und ihre Arbeit vorgestellt werden sollten. Obwohl ich nicht an der Weißfrauenschule arbeite, war ich eingeladen worden - und neugierig. Tatsächlich schaffte ich es, um halb neun morgens dort zu sein. Wir wurden in die Aula geladen, zusammen mit vier oder fünf Klassen der Grundschule (1. u.nd 2. Schuljahr). Nachdem verschiedene Honoratioren das Wort ergriffen hatten, trat ein Koraspieler auf, zusammen mit einer Schauspielerin, die ein Märchen aus "Schlummerland" spielte. Von einem Kind war die Rede, das abends nicht zu Bett gehen wollte, das immer neue Ausflüchte fand, um noch nicht zu schlafen.

Die Schauspielerin hatte Präsenz und hübsche Requisiten. Aber: sie beschrieb das Kind als eins, das sich nicht wie die andern Kinder benimmt; sie beschrieb das in einem Ton, der besagte: das ist verkehrt. Ein Kind muss so machen wie die andern! Dass ganz zum Schluss der Gedanke aufkam, dass "böse Träume" das Kind vom Schlaf abhielten, versöhnte mich ein wenig. Zunächst war aber von bösen Träumen gar nicht die Rede gewesen. Am Ende ihres Auftritts streute die Erzählerin silbernen Staub, und die Schulkinder riefen ein begeistertes "Oh!" Ich hörte später die Erwachsenen das Stück anhand dieses Silberstaubs kommentieren: wie der doch so schön gewesen und die Kinder so gefreut hätte. Mehr fiel ihnen dazu nicht ein?

Es gab danach noch eine richtige Pressekonferenz mit richtigen Journalistinnen, die was über die Lese- und die Wortschatzhilfen der Ehrenamtlichen notierten, die von der AWO angeleitet und betreut werden.

Am Abend las meine Freundin Susanne Czuba-Konrad aus ihrem Roman über Camille Claudel, und ich ging Susannes wegen hin. Es stellte sich heraus, dass der ganze Abend dieser Bildhauerin gewidmet wurde, die über 30 Jahre ihres Lebens in ein Irrenhaus eingesperrt gewesen war, weil sie nicht so lebte wie andere Leute bzw. nicht das tat, was ihre Mutter wollte. Nach Susannes Lesung trat eine Schauspielerin als Camille Claudel auf, in einem bewegenden Stück, das teils aus authentischen und teils aus nachempfundenen Texten bestand. Ich muss gestehen, dass mir die Geschichte sogar zu nahe ging: es erscheint mir dies von jeher als eine existentielle Bedrohung, wenn andere Leute jemanden beurteilen, nach Laune verurteilen und einsperren.

Mir wurde wieder bewusst, dass Theater die Geschichten noch ganz anders darstellen kann als bloßes Schreiben.

Und schließlich kehrte ich heute Abend ins Gallustheater zurück, wo ich vor zwölf Jahren einmal im Rahmen einer Kurt-Weill-Revue im Chor aufgetreten war. Man hatte mich letzte Woche angerufen, weil man eine Handtasche gefunden hatte, die anscheinend mir gehörte. Das entnahm man den Papieren, die in der Handtasche steckten. Ja, unter anderm entdeckte ich eine Postkarte von 1999, mit der mir jemand viel Glück zur Weilaufführung wünschte!

Heute abend traten im Gallustheater zwei Künstlerinnen auf, und weil ich doch mal da war, sah ich sie mir an. Sie hatten literarische Texte, meist Gedichte, zusammengestellt und trugen darum herum Theater mit Tanz, Musik, Gesang, Video, also ein dichtes Gemenge von Leib und Technik, auf die Bühne. Sie boten es dar in schöner, scheinbarer Einfachheit und Direktheit, mit einem geishahaften Lächeln auf den Gesichtern, die eine konnte besonders gut tanzen, die andere konnte Klavier spielen - sie spielten Unerwartetes auf der Gefühlstonleiter des Lebens. "Die Raupe dachte, sie stirbt, da fand sie sich als Schmetterling wieder." 

Es war schön.

Während ich auf den Beginn der Vorstellung wartete, las ich jahrzehnte-alte Briefe, die ich in meiner Handtasche gefunden hatte. Ich dachte: ich bin gar nicht mehr der Mensch, an den sie gerichtet waren. Ich bin eine andere. Und kam mir indiskret vor.

 

 

 

Wiener Neustadt, den 4. August

In Wiener Neustadt gibt es (irgendwo)  einen "Cineplex", aber in der Altstadt, d.h. innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, steht  in einem niedrigen Haus des 19. Jahrhunderts auch  ein Central-Kino. Jetzt, wo ich drin war, muss ich sagen: verbirgt sich hinter den leicht abblätternden Fassaden des 19. Jahrhunderts. Dieses Kino ist modern und besitzt mehrere Säle.

Ich guckte mir "The Tree of Life" an, es gab grad keinen andern Film, der mich mehr interessiert hätte. Trotz des englischen Titels war der Film ins Deutsche synchronisiert, ein stellenweise zweifelhaftes Deutsch, muss ich gleich sagen.

Der ganze Film war zweifelhaft. Ich kämpfte mehrmals mit der Regung, einfach rauszugehen. Von den ca. 25 Kinobesuchern verließen zwei den Saal vor der Zeit. Ich schimpfte vor mich hin "Teaparty-Kitsch"! Aber ich blieb, wollte dann doch das Ganze sehen.

Es handelte sich um einen amerikanischen, philosophischen Film mit christkatholischer Ausrichtung. Während in der europäischen Philsosophie oft die Frage nach der Beziehung zwischen Individuum und Gesetz, oder zwischen Geist und Seele, oder zwischen Sünde und Erlösung gestellt wird, setzten die Macher dieses Films das Gegensatzpaar von "Gnade" und "Natur" gegenüber. Eine Frauenstimme flüsterte am Anfang sowas wie: "Die Nonnen hatten uns gesagt, dass der Mensch nur die Wahl hat zwischen Gnade und Natur ...", es wurde dann "Natur" auf eine Weise definiert, die mir schon gleich eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Ich habe den Wortlaut nicht behalten; in einem europäischen Philosophiebuch wäre die Definition undenkbar. Eher passte sie unter die Rubrik "Sekten".

Beträchtliche Längen des Films waren mit Videos von Naturerscheinungen gefüllt: stürzende Wassermassen, sich auftürmende Wolken, sich ballende glühende Lavastöme. Mindestens die Hälfte des Films brauchte ich, um zu verstehen, dass damit das Gewühl von widerstreitenden Gefühlen dargestellt werden sollte, vor allem die der Hauptperson, eines Vaters von drei Söhnen. Während die Mutter ein Ausbund von Schönheit, Zartheit und Zärtlichkeit war - oh, heiliges Hollywood! - stellte der Vater den zornigen Patriarchen dar, der seinen Willen den andern aufzwingt. Schon sehr früh lässt er seinen ersten Sohn laufen, obwohl der das noch gar nicht kann. Immer probiert er sich an diesem Ältesten aus, und der Älteste missrät dann auch. Alle Darsteller spielen großartig, so dass der psychologieerfahrene Zuschauer gleich an ihrer Mimik merkt, wohin der Hase läuft. Der Junge sagt zu der Zeit, als er mitten in der Pubertät ist, zum Vater: "Du bist so schlecht wie ich!" Der Vater widerspricht nicht, da er selbst nun schon unter heftigen Schuldgefühlen leidet. Aber es verändert sich auch nichts.

Der Film begann mit der Nachricht vom Tode des ältesten Sohnes; in einer Rückblende zeigt er sein Leben. Wir erfahren nicht, woran der junge Mann gestorben ist. Wir werden mit der "Natur" des ungebildeten und seinen Stimmungen ausgelieferten Vaters und der sich zum Schlechten hin entwickelnden "Natur" des Sohnes zurückgelassen. Im Grunde hat der Junge gar nichts Kriminelles verbrochen, hatte nur, wie Jungens manchmal sind, ein wenig die Grenzen des Erlaubten überschritten, manche Dinge ausprobiert. Nur harmloses Zeug. Im übrigen handelte es sich dort, wo sie wohnten, um Kinder, die offenbar keinerlei Freizeit-Anleitungen bekamen, sondern nur in der Gegend herumlungerten. Obwohl es eine scheinbar vornehme Gegend mit lauter Villen im Grünen war.

Die Story verachtete also jegliche  Erkenntnis von Entwicklungspsychologie, wobei der Film in seinen Bildern sehr wohl deren Wissen  verwertete: z.B. beim Anblick des Vaters, der seinen Säugling zum Gehen zwingt, obwohl der noch gar nicht so weit ist. 

Das Fazit, das ich der Story entnehmen konnte, hieß: Schlechte Natur muss sterben; wer sich seiner Sünde bewusst wird und bereut, wird nur mit Jobverlust bestraft.

Ekelhafter Teapartykitsch.

 

Wiener Neustadt, 2. August

Ein letztes Mal möchte ich über Schlitz schreiben. Ich hatte nachgeforscht, ob jemand anders sich mit diesem mittelalterlichen Ort beschäftigt hat und stieß auf Florian Illies. Sein Buch "Ortsgespräch", das er der deutschen Provinz in der Gestalt von Schlitz widmet, schenkte mir zunächst einmal gute Gründe für meine Voreingenommenheit gegen einen Autor, der Oberflächlichkeit anscheinend zum Lebensprinzip erhebt. Rührend fand ich nur sein offenbar aufrichtiges Bestreben, vor der Arroganz der Großstädter seine Provinzwurzeln zu verteidigen. Freilich gelangt er über die Mauer der Arroganz auch nicht hinaus. Er hockt gewissermaßen selber auf ihr, und alles, was er in Schlitz sich bewegen sieht, das macht er lächerlich. So bekommt das Buch seinen Unterhaltungswert für die Großstädter.

Mir fiel etwas Spezielles auf: keine einzige der im Buch auftretenden Personen hat eine Lebensgeschichte. Alle, ohne Ausnahme, sind sie bloß Träger von Anekdoten. Ich überlegte mir, dass zumindest die älteren Bewohner von Schlitz ja schon zur Nazizeit gelebt haben müssen. Selbige kommt aber in dem Buch nicht vor, und vielleicht war das überhaupt der Grund, das der Autor niemandem eine Vita gönnte? Von der Nazizeit redet man nicht, also schweigt man? Ist das auch eine Ursache für die von mir wahrgenommene Oberflächlichkeit?

Die einzige Ausnahme bildet ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, der Jahr für Jahr die Schlacht von Stalingrad im Keller mit Figürchen nachstellt. Hier geht die Anekdote dahin, dass der Mann schließlich einen Weg findet, die Schlacht doch noch zu gewinnen. Haha. Wenigstens darf die "Generation Golf" sich noch übers Militär lustig machen. Oder soll ich schreiben: "durfte"?

Wenn man vom real existierenden Schlitz reden wollte, müsste man sich vielleicht in die Haut eines der Akademiegäste hineinversetzen, die im Gästehaus wohnen und Schlitz nur manchmal in den Pausen besuchen.

Am spannendsten fände ich eine Geschichte von einem, der in Schlitz aufgewachsen wäre, sich innerlich und bewusst von Schlitz, damit auch vom Provinziellen, entfernt hätte und nun mit Sympathie über einen Ort erzählen könnte, den er kennt und den er hinter sich gelassen hat und dessen Schatten- und Sonnenseiten zu einem Roman sich verdichten würden, in dem die deutsche Gegenwart Gestalt annimmt. Mit Sympathie. Wie sie ein jeder Mensch verdient, auch die Schlitzer.

26. Juli

Schlitz? Wo liegt Schlitz?

Zwanzig Kilometer westlich von Fulda! Und ist ehrwürdig  alt.

Die älteste Kirche von Schlitz wurde schon 812 eingeweiht, sie gehörte zum Kloster Fulda. Ein Örtchen entstand am Rande des Flusses, der damals Slitese genannt wurde. Der Abt setzte einen Vogt ein, dieser Verwalter wurde geadelt, und im Laufe der Jahrhunderte gelang es den Herren von Schlitz, reichsunmittelbar zu werden, sich von Fulda unabhängig zu machen. Zum Protestantismus überzuwechseln.

Wirtschaftlich ging es lange Zeit prächtig, was man an den handgeschnitzten Fachwerkhäusern auch jetzt noch sieht. Und an den Burgen: drei breite Sandsteinburgen hinterließ die Grafenfamilie auf der Anhöhe, und zusätzlich noch unten in der Au das Schloß Hallenburg, darin heute die Landesmusikschule residiert.

Es gibt eine Bierbrauerei, eine Leinenweberei, die Musikakademie mit Gästehaus ... damit ist dann auch schon alles genannt, für heute. Den Hotels oben im Städtchen fehlen die Gäste, seit die Akademie ihr eigenes Gästehaus eröffnet hat. Andererseits brauchen Gäste aus fernen Ländern nicht mehr zu fürchten, dass vielleicht der eine oder andere Einwohner von Schlitz an ihrer Hautfarbe Anstoß nähme. Sie können jeder unter sich bleiben. 

Schade eigentlich. Was die Schlitzer können, zeigen sie beim zweijährlichen "Trachtenfest". Da verwandelt sich das mittelalterliche Städtchen in einen Jahrmarkt ganz besonderer Art. Ich erlebte, wie auf den Zentimeter genau die Herren vom Rathaus jedem Stand seinen Platz auf dem Bürgersteig oder am Straßenrand zumaßen. Zehn Trachtengruppe aus dem Ausland und bestimmt doppelt so viel aus dem Inland waren zu Gast, zeigten ihre Tänze auf dem Marktplatz. Das Fest kulminierte in einem dreistündigen Umzug, es war wirklich viel los, und alle Hotels ausgebucht.

Aber dann reisten die Besucher ab, und es wurde wieder leer im Städtchen. Der Herrenfriseur vertrieb sich die Zeit mit Kreuzworträtseln. Kellner in den Restaurants waren bereit, auf Extrawünsche einzugehen. Die einzige Buchhandlung blieb geschlossen. Ich hatte dort nach einem Buch über den "Vogelsberg" gefragt. Seltsamerweise gab es nichts, obwohl auf allen Autos "VB" für Landkreis Vogelsberg steht. Das Schlitzerland gehöre keinesfalls zum Vogelsberg, hörte ich von einer Museumsfrau. Ihre Stimme klang erregt.

Was haben sie gegen den Vogelsberg? Das muss ich noch herausfinden.

 

Frankfurt, 25. Juli

Mein Enkel war da, der aus Paris. Er hat Klavier gespielt und hat sich damit Freunde gemacht.

Zehn Tage lang durften er und sein Freund (ein Cellist) in der Landesmusikakademie in Schlitz nach Herzenslust spielen, mein Enkel oft sogar auf dem Konzertflügel, gewöhnlich aber auf dem Klavier in einem Saal des zweiten Stocks. "Je travaille", sagt er, denn auf Französisch heißt das so. Eine genaue Übersetzung des deutschen "Üben" gibt es gar nicht.

Ich habe bei Feldenkrais gelernt, dass das Wort "üben" auch im Deutschen unbrauchbar ist, weil es ja bedeutet, dass man nicht "richtig" spielt, sondern "nur" übt. Ein Als-ob, ein Pauken von Automatismen, das ist "üben". Es läuft darauf hinaus, die Gefühle einzufrieren. Was wäre das aber für ein Künstler, der sich selbst einfriert?

Der junge Mann spielte sechs, acht Stunden am Tag, vielleicht sogar manchmal mehr. Es geht darum, jede Passage so in sich aufzunehmen, dass der Spieler sie bis in alle Fasern hinein spürt, dass sie etwas bedeutet. Besonders in Beethovens Sonate "Appassionata" hatte er sich eingearbeitet, und als er sie am letzten Tag vor seiner Abreise aus Frankfurt noch einmal bei mir im Wohnzimmer gespielt hat, waren alle meine Gäste begeistert und sagten ihm eine glänzende Zukunft voraus. Es  war ihm gelungen, Gefühle durch die Musik so zu transportieren, dass sie als Gefühle bei uns, den Zuhörern, ankamen und sofort auch in uns welche weckten.

Aber schon in Schlitz waren andere Gäste im Schloss auf die Musiker aufmerksam geworden. Insbesondere ein Betreuer, im Alltag ein Student der Musikwissenschaft in Ungarn, der hier aber mit Deutschklassen des Goethe-Instituts anwesend war. Er organisierte tatsächlich auch dort ein Konzert. Die jugendlichen Deutsch-Schüler aus den fernsten Gegenden der Welt ("Ich komme aus Indonesien. Kennen Sie das?"),  lauschten und waren hingerissen. Wie der Organisator sagte, hatten manche von ihnen noch nie Beethoven oder gar die Appassionata gehört und würden ihr vielleicht nie wieder begegnen. Und doch.  "Es geschieht etwas im Kopf, wenn man diese Musik hört", sagte er.

Mein Enkel und sein Freund trauerten ein wenig, als sie vor einer Woche abreisten. Ich trauerte, als sie weg waren. Immerhin - für die Kinder gehen die Ferien noch weiter.

Unter "pasch.net/Jugendkurse" finde ich sogar einen Bericht über das Konzert im Internet. Ich hab ihn mal kopiert:

Während die meisten von uns sich auf Prüfungen vorbereitet haben oder Vokabeln für den Unterricht lernten, gab es aber auch zwei Gäste auf dem Schloss, die bis gestern vielleicht nicht alle bemerkt haben: Emil und Hyppolite kommen aus Frankreich und sie haben beide eine große Begeisterung für Musik. Sie spielen Klavier und Cello und bereiten sich für einen Musikwettbewerb in Wien vor, der in einigen Wochen stattfinden wird.
Wir haben sie gefragt, ob sie nicht ein kleines Konzert für uns geben wollen und zu unserem großen Glück haben sie sich bereit erklärt, exklusiv für uns zu spielen. Der Kammermusikabend war ein großer Erfolg. Bei vollem Haus spielten die beiden unter anderem Werke von Bach, Beethoven und Liszt. Unsere Kursteilnehmer belohnten sie mit einem lang anhaltenden Applaus.
Danke Emil und Hypolite!

 

 

Frankfurt, den 13. Juli

Verzeihung, hab lange nichts mehr von mir hören lassen. Zu viel los.

Wenn ich nur das Wetter angucke! Diese Temperaturstürze, diese Wechselhaftigkeit von der extremen Hitze bei glanzblauem Himmel zum trüben Dauerregen. Allerdings glitzern manchmal auch die Wolken, es herrscht eine Helligkeit - daraus ergibt sich der Unterschied zum sogenannten Aprilwetter, das oft zum Vergleich herangewogen wird. Nein, es ist richtiger Sommer. Fast wie früher, möchte ich sagen, wie in meiner Kindheit, als nicht jedes Stadtcafé auch draußen Tische stehen hatte. Wo man immer mal mit Regen rechnete, so zwischendurch.

Eine Bekannte von mir wollte diese Woche mit ihren Kindern auf einem Campingplatz zelten. Doch sie hat immer gesagt: ich gehe nur, wenn dauerhaft schönes Wetter ist. Bei Regen will ich nicht draußen sein.

Darum wage ich gar nicht, bei ihr anzurufen: zu leid täte es mir, wenn ich hören müsste, dass sie zuhause geblieben sind. Die Kinder werden nicht erfahren, wie das Gras duftet, wenn Regen drauf gefallen ist, wie die Tropfen diamantengleich auf den Büschen glitzern, wie man bei Regen im See baden geht, wie sich die ganze prunkende Natur immerfort verändert, wie die Sonne aufgeht, wie sie untergeht .... Allein die Gerüche!

Ich war kürzlich auch ein paar Tage auf dem Land und habe in den Düften der Wiesen und Wälder geschwelgt. Als ich heimkam, verspürte ich Lust, Camping auf dem Balkon zu machen. Ich legte eine Matratze auf den Boden, ein sauberes Bettuch, eine Decke, ein Kopfkissen. Die Luft war so milde, und dank den Ferien herrschte auch draußen kein Lärm. Es regnete einen stillen, warmen, gleichmäßigen Regen. Der wird mein Schlaflied sein, dachte ich.

Aber nach zwei Stunden zog ich mich doch in mein richtiges Bett zurück. Ich konnte draußen nicht einschlafen, ich weiß nicht warum. Vielleicht, weil der Regen aufgehört hatte? Oder weil ein Lüftchen aufkam, ich hörte es unten im Garten rascheln. Schade. Es war ein herrlicher Moment.

Frankfurt, den 19. Juni

Wie ist die Welt so kalt geworden: 18 °C.

Letzten Mittwoch gab es noch Wärme. Ich nahm da in Düsseldorf an einer Beerdigung teil. Die Verstorbene war eine bekannte Wirtin in der Altstadt gewesen. Obwohl sie schon vor zehn Jahren ihr Geschäft aufgegeben hatte, kamen die alten Freunde und Bekannten und erwiesen ihr die Ehre zum letzten Geleit.

Der Tag begann mit einer katholischen Messe in der Maxkirche. Ein paar hundert Menschen versammelten sich dort. Viele von ihnen begaben sich anschließend zu Susi, auch eine Wirtin in der Altstadt, und eine Frau, die der Verstorbenen gerade in den letzten Jahren, da sie schon krank und häufig bettlägerig war, die Treue gehalten hatte. Dort gab es Getränke und wunderbar belegte frische Brötchenhälften - und viele Gespräche.

Um zwölf Uhr begann auf dem Friedhof, in der Trauerhalle, die Aussegnung am Sarg. Ein langer, langer Zug von Trauernden folgte ihm auf dem Weg zum Grab. Jeder warf eine Blume hinab. Kaum war die letzte Blüte gefallen, kamen die Friedhofsbagger hinter einer Hecke hervor und schlossen das Grab, oder öffneten ein neues. Begegnung mit der Wirklichkeit.

Die Trauergesellschaft kehrte zu Susi zurück. Dort stand noch das schöne Bild der Toten, dort erinnerte alles an sie, oder auch nicht; es herrschte eine Atmosphäre der Wärme, der Mitmenschlichkeit, ja, eine verborgene Heiterkeit. Grad so hätte sich die Verstorbene das gewünscht, wenn sie es hätte ausrichten können, darin waren sich alle einig. Der Enkel spielte einen Satz von Beethovens Appassionata. Andächtig lauschten die, die noch da waren. Einen schöneren Ausklang konnte sich keiner vorstellen. Es war wie ein Trost.

Frankfurt, den 14. Juni

Schon mach ich mir Vorwürfe morgens nach dem Aufwachen, weil ich mir überlege, dass jene, die mein Webtagebuch lesen - seid gegrüßt! - den Eindruck gewinnen könnten, dass Menschen, die mir leibhaftig begegnen, mir nicht so wichtig wären wie Berühmte, Namhafte, und das wäre wahrlich ungerecht.

Ich lebe mit Büchern; seit ich lesen gelernt habe, lebe ich mit Büchern. Früher habe ich mich in Romane hineinziehen lassen, so dass ich alles rund um mich vergaß. Später fiel mir auf, dass in diesen Romanen nichts vorkam, dass etwas mit meinem Leben zu tun hatte, und so ging ich dazu über, selber zu schreiben. Um das darzustellen, was nicht in den Romanen steht. Heute lese ich fast keine Romane mehr, oder höchstens noch unter dem Gesichtspunkt: wie sind sie geschrieben? Wie macht der Autor das? Und versuche, selbst welche zu schreiben.

Zu der Zeit, als ich Jorge Semprun las, wollte ich vor allem wissen: wie war das damals. Vieles kam mir vor die Augen: das Leben von Erich Blumenfeld zum Beispiel, der vielleicht ein Verwandter meiner Enkelin ist. "Vielleicht", weil ich niemanden gefunden habe, der die Frage beantworten kann. Die zumindest der Vater der Enkelin nicht beantworten kann. Sein Vater ist gestorben, und nur der hätte gewusst, ob Erich Blumenfeld sein Vetter war, da sie beide aus Berlin stammten, dem Vorkriegs-Berlin. Der eine wanderte nach USA aus und wurde ein berühmter Fotograf, der andere wanderte nach Palästina aus und bekam dort Boden unter die Füße. Er war schon hoch in die vierzig, als sein Sohn geboren wurde, der nun der Vater meiner Enkelin ist.

Es schien mir, dass meine Enkelin von dem Glanz der Berühmtheit des Erich Blumenfeld profitieren könnte. Heute glaube ich nicht, dass sie das auch so sieht. "Blumenfeld", das ist sie selbst! Na ja, und ihr Vater.

Die Frage der Berühmtheit ist also die meine, geht nur mich an. Wenn ich zurückblicke, bin ich "Berühmtheiten" immer ausgewichen. Habe mich vor ihnen gefürchtet. Hatte ich Angst, in der Begegnung selber zunichte zu werden? Gegenüber Serge Gainsbourg z.B., den ich treffen wollte, weil ich seine Gedichte ins Deutsche übersetzt hatte, und den ich letztlich nicht traf, weil mir der Mut dazu gefehlt hat?? Meine Übersetzungen waren in Ordnung, daran lag es nicht - woran sonst?

Was hätte ich Jorge Semprun sagen können, wenn ich ihm begegnet wäre?

Das sind Fragen, die eine Antwort fordern.

Ja, aber doch nicht hier! Lieber in einem Roman. Verwandelt in die Frage: wie wird man eigentlich  erwachsen?

Bestehen bleibt, dass über eine leibhaftige Begegnung nichts hinausgeht. Nur leibhaftiges Leben liefert Widerstand und Wirklichkeit.

Freilich heißt es dann: die Wirklichkeit in Worte fassen. Wer kann das?

 

 

 

Frankfurt, 11. Juni

Warum schreibe ich in letzter Zeit so selten? Passiert denn nicht dauernd was Neues? Erlebe ich nicht Aufregendes oder Anrührendes?

Ja, aber ....

Jorge Semprun ist gestorben. Er hat "Die lange Reise" geschrieben, sein Weg in das KZ Buchenwald und sein Überleben dort. In Deutschland kam das Buch erst 1981 heraus, und ich lernte es noch später zum ersten Mal kennen. Jorge Semprun hat es schon 1961 geschrieben und veröffentlicht. Zu dem Zeitpunkt war das Erlebte für ihn auch schon 16 Jahre her. Er schrieb darüber, nämlich über die Frage, warum er so lange gebraucht hat, um das Erlebte in Worte zu fassen, in Worte, die sich veröffentlichen lassen.

Jetzt ist er gestorben.

Und ich bin ihm nie persönlich begegnet. Nahezu niemand von den Personen, die für mich wichtig bis entscheidend waren, bin ich je persönlich begegnet. Was auch bedeutet, dass die, die ich tatsächlich getroffen habe, nicht wichtig waren? Wie kann ich das behaupten?

Sehen Sie, schon bin ich wieder auf das Terrain der Psychotherapie gerutscht. Und das muss ich einfach unterscheiden vom Terrain des Webtagebuchs .... Das gehört sich so.

Jorge Seprum ist gestorben, er war ein vielsprachiger Mann. Meistens schrieb er auf Französisch, jedenfalls hat er eine große Zahl von Büchern hinterlassen. In dem schönen taz-Nachruf vom Donnerstag heißt es, Semprun habe "das Sprachvermögen" über "die Sprache" gestellt. Damit wollte er sagen, dass es des Menschen besondere Aufgabe sei, zu reden, egal in welcher Sprache. Wie gesagt, Semprun war mehrsprachig: im Spanischen und im Französischen war er zuhause, aber auch im Deutschen kannte er sich aus, und andere werden hinzugekommen sein. Dem Menschen ist es aufgetragen, einen Diskurs zu führen. "Diskurs ist Leben".

Semprun entwickelte demnach u.a. eine Figur, die er "Mensch-Gedächtnis" nannte, und die wichtigste Lektion, die er dieser Figur zuschrieb, war die "Unmöglichkeit, zwischen individuellem und sozialem Gedächtnis zu unterscheiden."

An diesem Satz habe ich mich heute morgen festgehakt. Jetzt merke ich, dass ich ihn zuerst nicht einmal richtig erfasst habe: zwischen "individuellem" und "sozialem" Erleben steht ja noch das zwischenmenschliche Erleben, das was sich zwischen mir und meinen diversen Gegenübern ereignet und das in mir nachhallt, zu neuen Erkenntnissen führt. In dem Moment, wo ich "das Soziale" an diesen Begegnungen erkannt habe, kann ich möglicherweise einen Roman schreiben. Doch das Webtagebuch ist kein Roman, es erzählt aus dem Leben, aus meinem Leben mit dem jeweils Anderen.

Habe ich das Recht, über diesen Anderen zu schreiben? Aus meiner Sicht, freilich, was die Sache aber nicht leichter macht?

Voilà mon dilemme.

Frohe Pfingsten!

 

Frankfurt, 29. Mai

Meine Mutter war eine staatlich geprüfte Hauswirtschaftslehrerin. Als ich bei ihr kochen lernte, wurden Salatgurken geschält. Immer.

Kartoffeln selbstverständlich auch.

Das Schälen ist heute aus der Mode gekommen, unter dem Vorwand eines "gesunden" Essens, in Wahrheit, so denke ich, weil keiner mehr Lust zum Schälen hat, vor allem aber, weil die Restaurants  auf diese Weise Arbeitskräfte einsparen können.

Man könnte also in den Zeiten des "EHEC"-Bazillus die Gurken erstens gründlich waschen, zweitens vollständig schälen. Aber nein, sie werden lieber ungeschält in den Müll geworfen.

Als ich in den achtziger Jahren in den Tropen war, gabs dort manchmal sogar Salat, nämlich wenn man ihn vorher mit einem bestimmten Desinfektionsmittel gewaschen hatte. Das ist vielleicht nicht appetitlich, schien es mir auch damals nicht, und für die kurze Zeit des Aufenthaltes verzichtete ich lieber auf Salat. Aber Gurken und Tomaten? Die sich sooo einfach waschen lassen? Wo unser Wasser - anders als in den Tropen - doch sauber ist?

Für den Rest der Saison werden vermutlich die Preise für Tomaten und Gurken in schwindelnde Höhe steigen. Naja, aus Tomaten lässt sich wenigstens noch frische Tomatensuppe kochen! Mit frischem Majoran, Thymian und ein bisschen Pfeffer schmeckt sie gewiss köstlich.

ÜBRIGENS: heute nachmittag ab halb vier oder so, nein, schon ab zwei Uhr, bringt die Literaturgruppe POSEIDON in Darmstadt vor dem Haus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung dem Schriftsteller Wolfgang Weyrauch eine Ehrung dar. Ich bin nach ca. 4 Uhr mit einer Würdigung seiner ersten großen Veröffentlichung "Der Main - eine Legende" dabei.

 

Frankfurt, 23. Mai

Mein Afrika-Auge blieb offen. Neben vielem anderem, das mir in den jungen Jahren passierte, was ich erlebte, vergaß ich Afrika nicht. 1985 reiste das Europäische Parlament nach Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi. Als Mitglied der Übersetzungsabteilung meldete ich mich für diese Reise. Das war etwas anderes als die üblichen Reisen nach Brüssel, London oder Madrid: wir mussten uns gegen Tropenkrankheiten impfen lassen, wir bekamen einen ganzen Dossier mit Informationen über Geschichte, Wirtschaft und politische Situation von Burundi. Dazu die Geschichte und die Ziele des Lomé-Abkommens. So hieß damals das Beratungsabkommen zwischen der Europäischen Gemeinschaft und den afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (mit anderen Worten: den ehemaligen Kolonien).

Etwa zehn Tage blieb ich dort. Wir hatten in Luxemburg eine der großen Reisekisten, in denen das Parlament auf seinen Reisen seine Akten und was man sonst so braucht transportiert, mit nagelneuen Handwerks- und Küchengeräten gefüllt; die waren für einen deutschen Priester bestimmt, der in Burundi lebte und arbeitete und den ein Kollege kannte. Burundi gehörte zu den ärmsten Ländern Afrikas, hatte keine Bodenschätze und keinen Hafen - außer dem Flughafen.

Wir reisten schon am Freitag ab, denn es flog täglich nur eine Maschine von Brüssel nach Bujumbura. Am Samstag kamen die Parlamentarier, die Mitglied der Konsultativen Versammlung waren. Am Sonntag gab es ein erstes Programm zum Kennenlernen, am Montag begann der Kongress. Dieser dauerte bis Freitag; am Freitag durften schon Parlamentarier mit nach Brüssel zurückfliegen. Für uns, das Personal, war der Flieger am Sonntag und am Montag reserviert. Ich entschied mich für Montag.

Zu vier Kollegen mieteten wir am Samstag ein Auto und fuhren in die Berge. Unser Priester wohnte in 2000 m Höhe und betrieb dort eine Getreidemühle und eine Fleischerei; er hatte einen Holzbearbeitungsbetrieb und eine Ziegelei gegründet. Er fuhr uns herum und zeigte uns alles. Wir übernachteten bei ihm, es war - nach dem bequemen Hotel unten in Bujumbura - recht spartanisch. Man darf Wasser nur gekocht trinken - oder zum Zähneputzen nehmen. Zum Beispiel. Selbst im Hotel galt das übrigens, aber doch nicht so streng.

Ich könnte viele Einzelheiten von dieser unvergesslichen Reise erzählen, doch will ich hier nur eins sagen: seit dieser Reise, wo ich die Tropen gerochen, Savanne und die Landwirtschaft auf den tausend Hügeln selber miterlebt habe, seitdem verfolge ich mit neuer Aufmerksamkeit alles, was sich dort abspielt.

Im Hotel-Fernsehen gab es etwa vier Stunden Programm am Tag, und dieses Programm kam aus der demokratischen Republik Kongo, dem großen Nachbarland. Damals herrschte dort noch unangefochten Mobutu - erschien auf dem Bildschirm in ein Leopardenfell gehüllt auf einer Wolke ...

Sehr fremd.

Ich konnte es nicht einordnen. 

 

Frankfurt, der 13. Mai

Wie lange beschäftige ich mich schon mit Afrika! Es kam als eine Idee, als ein Korb voller Widersprüche, als das schlechthinnig Andere. Und als Wissenschaft.

1964 wurde ich gefragt, ob ich die französisch geschriebene Doktorarbeit eines Kölner Doktoranden ins Deutsche übersetzen wolle. Der Autor hieß Emil Désiré Ologoudou, stammte aus Ober-Volta und studierte bei Prof. René König, einem Soziologen. Das Thema der Arbeit lautete:  "Les sources et le sens du socialisme messianique en Afrique noire", was ich übersetzte mit: "Die Entstehung und das Wesen des messianischen Sozialismus in Schwarzafrika".

Ich nahm den Auftrag an.

Fast ein Jahr arbeitete ich daran. Damals schrieb man mit der Schreibmaschine. Ich bin noch im Besitz der Durchschläge meiner korrigierten Rohfassung, sie hat die Umzüge in irgendeinem Winkel überstanden. Mein damaliger französischer Mann, ebenfalls Übersetzer, half mir viel dabei. Und wenn ich heute, 46 Jahre später, in dem Manuskript lese, bin ich noch immer fasziniert. Da steht auf der ersten Seite:

"Bekanntlich hatte die Entkolonialisierung  - um nur von ihrem wissenschaftlichen Aspekt zu sprechen - unmittelbare Auswirkungen auf die wissenschaftliche Praxis und die Soziologie der sogenannten traditionellen Gesellschaften, sowie auf die klassische Darstellung dieser Gesellschaftskategorie. Es herrscht eine gewisse terminologische Schamhaftigkeit gegenüber Bezeichnungen wie archaisch, primitiv u.a. Denn plötzlich sind Gesellschaften, die als amorph dargestellt wurden, in die Welt der Bewegung und der Veränderungen eingetreten."

Eine "terminologische Schamhaftigkeit" - dahinter versteckt sich das schlechte Gewissen der europäischen Wissenschaft. Das Sprachbewusstsein hat sich in der Zwischenzeit bis heute zwar gewandelt, aber manchmal nur oberflächlich. Darunter lugt oft noch die alte Überheblichkeit hervor, ich habe in manchen Einträgen der vergangenen Jahre schon darauf hingewiesen. Die Furcht vor verborgenem Kolonialismus hielt mich auch bisher ab, zur Uni zu gehen und mich der offiziellen Afrikanistik zu widmen. Ich will mich erst selber kundig machen ....

Damals schaffte ich mir den "Schwarzen Orpheus" an, eine "neue Sammlung der modernen Dichtung afrikanischer Völker" auf deutsch. Janheinz Jahn hieß damals der große Afrikakenner in der Bundesrepublik. Die Sammlung beginnt mit Leopold Senghor, dem berühmten Senegalesen. Ich besitze aber auch die Ausgabe von 1964 des anderen Buches von Janheinz Jahn: "Wir nannten sie Wilde" - Aus alten und neuen Reisebeschreibungen. Auch hier stehen die Sprachregelungen im Mittelpunkt, und es bleibt nach wie vor fesselnd, darin zu stöbern.

Vom "Königreich Kongo" (im Jahr 1650) ist die Rede, in der Einführung heißt es: "Bald aber mussten die Missionare erkennen, dass die frisch getauften Christen fortfuhren, auch ihre bisherigen Götter zu verehren. ... man begriff nicht, dass in der Anschauung der Kongolesen mit dem Christentum nur eine weitere Gottheit zu den bisherigen getreten war. Die Reiseberichte verlieren den sachlich-nüchternen Ton, die Afrikaner gelten als Abtrünnige .... werden zu abgefallenen Engeln, Luzifers Beispiel steht vor Augen - es dauert nicht lange, und man wird erklären, deshalb sei ihre Haut schwarz und das Höllenfeuer habe ihnen die Haare gekräuselt."

Und so stimmen sich die Kirchenmänner ein auf eine jahrhunderte währende  Verteufelung der Schwarzen.

 

 

Frankfurt, den 12. Mai

Wie der Sommer so dahin weht! Der Ginster blühte dieses Jahr schon zu Ostern und nicht, wie sonst, zu Pfingsten. Auf meinem Balkon habe ich die erste Erdbeere geerntet. Es geht alles schneller als gewöhnlich. Das passt zum Gefühl des Alterns, wo die Zeit sich immer weniger festhalten lässt.

Ich folgere daraus, dass größere Genauigkeit, mehr Knappheit gefordert ist. Doch ich muss auch andere Schlussfolgerungen ziehen: Ein bekannter Verlag, so hörte ich gestern abend von seiner festangestellten Lektorin, wird literarische Werke, am liebsten Romane, nur von AutorInnen veröffentlichen, die nicht älter als 35 Jahre alt sind. "Alte" Autoren werden öffentlich nicht wahrgenommen, klagte sie. Nein, es freute sie nicht, die selber noch schön und jung war. Es war nur einfach so.

Ich werde deshalb nicht mit dem Schreiben aufhören. Mein Schreiben betrachte ich als "notwendig und unerlässlich", wie die Lektorin sich ausdrückte. Nur werde ich mich nicht mehr an Verlage wenden, damit sie meine Romane veröffentlichen, sondern werde das selbst irgendwie übernehmen. Ich schreibe aus meiner Generation heraus, und da gibt es nicht so viele, die ihre Erfahrungen verarbeiten. Ich schreibe sozusagen für die Flaschenpost...

Das Schreiben tut mir auch wohl, es bringt mich weiter, es öffnet mir Wege und Perspektiven.

Auch hier das Tagebuch. Manchmal bekomme ich sogar Feedback.

Wie die Afrikaner sagen: Reden ist immer Dialog. Das Schreiben auch.

 

 

Frankfurt, 17. April

Ein Freund sagt mir, seufzend: "Wenn man sich einmal entschieden hat, muss man auch die Konsequenzen tragen. Zum Klagen hat man dann kein Recht mehr."

Ich nicke und stimme zu.

Fast alle Menschen haben es gern, wenn der Zuhörende nickt und zustimmt. Es schafft ein Gefühl von Vertrauen. Eine Atmosphäre des Friedens. Jemand hört mir zu, ich erfahre Bestätigung, ich existiere, ich darf existieren. Niemand stellt mich in Frage. Es stimmt, was ich sage. Es tut mir wohl.

Das mag banal klingen, aber erst in den letzten Jahren wurde mir dieser Sachverhalt richtig deutlich.

Von Haus aus bin ich nämlich eine Diskutiererin. Zur Diskussion gehören mindestens zwei Standpunkte. Meinungen, mit denen ich übereinstimmte, langweilten mich, ich nahm sie als gegeben hin, ging gar nicht darauf ein. Was spricht dagegen? Wie lassen sie sich erweitern? Das waren meine Fragen, darauf ging ich in meinen Gegenreden ein..

Das Verhalten trug mir den Ruf einer Streithenne ein. Einer Frau, die nicht zuhört. Das verstand ich lange nicht, denn natürlich hörte ich zu, sehr genau sogar, und ging dann weiter! Ich baute auf dem Gesagten auf und bemühte mich um Neues! Ich suchte einen Dialog!

Jetzt weiß ich, dass die meisten Menschen, die mir begegnen,  das nicht verstehen und schlecht vertragen. Sie fühlen sich überfordert, überanstrengt; zuzuhören sind sie nicht gewohnt, empfinden es wohl auch als Zumutung: etwas anhören, das ich noch nicht weiß?!? Da wird doch wohl nicht einer meinen, ich sei dof?? Also wird gleich dagegen an geballert.

Mit solchen Menschen rede ich gar nicht mehr, es lohnt nicht. Ich nicke freundlich und schweige.

Irgendwann lastet dann dieses Schweigen so schwer auf mir, dass ich spüre, es muss was geschehen. Das fiel mir wieder ein, als ich über die Bemerkung meines Freundes nachdachte: Ich habe kein Recht zu klagen.

Wie kann das sein? Tragen Klagen nicht ihr eigenes Recht auf Äußerung  bei sich? Wer kann das Klagen verbieten? So fragte ich mich.

Es stimmt ja, dass sich niemand gern das Lamentieren der Andern anhören will. Es ist anstrengend, es lässt kein Gespräch zu und meistens kann man auch gar nicht helfen (außer zuzuhören). Die Klagen, an die mein Freund dachte, galten zudem Vergangenem, nicht Zurückholbaren, nicht Wiedergutzumachendem, wie es in kriegerischen Zeiten vorkommt.

"Ihr lasst den Armen schuldig werden, dann überlasst ihr ihn der Pein", warf Goethe den Göttern vor.

Er fand den Ausweg: das Schreiben. Klagen in eine Form zu bringen, das erleichtert das Gemüt. In den "Arie Antiche", den italienischen Liedern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, haben die Künstler große Kunst aus der Verschmelzung von Trauer und vollendeter Musik geschaffen. Damals, als ich "o cessate di piagarmi" lernte,  dachte ich zuerst, das sei nicht erlaubt, eine solche Süße des Klanges mit dem Todeswunsch zu vermengen. Richtig erschrocken war ich. Was nehmen die sich raus! Und wie gern und immer wieder habe ich diese Lieder gesungen, von Haydn, Palestrina, Rossini ....

Diese Musik nahm der Klage ihren Stachel. Sie schenkte Trost.

Genau so geht es mit Gedichten. Die Klage in Gedichte gießen, in klingende schwingende Sprache übertragen. Genau für diese meine Klage die richtigen Worte finden, das nicht Wiederholbare, das Einmalige ausdrücken.

Wie sagte Hölderlin? "Was bleibet, stiften die Dichter."

Frankfurt, 14. April 2011

Kürzlich erzählte ich von Slavoj Zizek und seinem Essay über Wahrheit und Lüge mit dem Titel "Good manners in the Age of WikiLeaks". Der Aufsatz war im Januar 2011 in der "London  Review of Books" erschienen. Jetzt im April fand ich ihn ein zweites Mal in "Harper's Magagzine" aus New York abgedruckt. Doch der Titel war geändert worden, er hieß nun "Tact in the Age of WikiLeaks".

Ist "Takt" dasselbe wie "gute Manieren"? Nein, denn die guten Manieren umfassen viel mehr als Takt: Höflichkeit, Rücksicht, Ehrlichkeit und vieles andere. Warum haben die Amerikaner den Titel geändert?

Ich kann nur Vermutungen äußern; das macht allerdings Spaß, weil ich mich dabei bloß nach mir selbst zu richten brauche.

Takt ist eine mögliche Form von "guten Manieren", die noch sehr viele andere Möglichkeiten umfassen. Zizek richtet seinen Überlegungen zu den "good manners"  im großen Ganzen an drei Formen aus: die offene, direkte Lüge, gerechtfertigt durch die Überlegung, dass die Herrschenden viel mehr wissen müssen als das Volk; je weniger das Volk weiß, desto leichter ist es zu regieren. Die zweite Möglichkeit ist der Takt; er entsteht immer aus einer Situation heraus, ist nicht im voraus zu berechnen und stützt sich auf das Gewissen der Handelnden. Die dritte ist die Moral. Du sollst nicht der Gier nachgeben. Gier ist eine Todsünde.

Was geschieht, wenn "Takt" nun schon in der Überschrift herausgegriffen und so an die Spitze gestellt wird? Verlieren die beiden andern Punkte dadurch an Wert? Man könnte es meinen.

Allerdings ist der Wortlaut des Aufsatzes genau derselbe wie im Januar-Text. Ob der, der den Titel geändert hat, darauf zählt, dass der Leser ihn nicht bis zuende liest? Und so gar nicht bis zu dem Marx-Zitat gelangt?

Hat man in den USA Angst vor Marx?

Aber womöglich schränkt das Nur-auf-sich-selbst-schauen auch den Blick ein .....

 

 

Frankfurt, 13. April

Fulda ist eine gepflegte Stadt, an manchen Ecken auch richtig schön. So zum Beispiel, wenn man an der Wiesenmühle vorbei auf die Fulda-Wiesen hinausgeht - Fulda heißt bekanntlich auch der Fluss, der später mit der Werra zusammen die Weser bildet und in dessen Nähe im 8. Jahrhundert zwischen Rhön und Vogelsberg das Kloster gegründet wurde. Schaut man von dieser Aue her zurück auf die Stadt, dann erhebt sich die Silhouette des Domes in vollendeter Schönheit zwischen den Bäumen zum Himmel, und vom Frauenberg leuchtet das Franziskanerkloster darüber.  Steht man auf dem Domplatz selbst,  sieht man vor allem Pflastersteine. Der Platz ist für Pilgermassen gedacht, denn in der Krypta liegt der heilige Bonifatius begraben.

Die große Geschichte der Abtei von Fulda wurde uns letzten Samstag so dargestellt, als sei sie und das von ihr regierte Land eine Enklave des Vatikans gewesen. Gewiss, im  13. Jahrhundert wurde der "Fürstabt" auch "Reichsfürst", wie wir hörten, also nur noch dem Kaiser verantwortlich, doch wurde das von unserer amtlichen Fremdenführerin nicht auf die Regierung des Heiligen Römischen Reichs bezogen, sondern irgendwie auch wieder auf den Papst.

Kurz und gut, wenn Katholizismus ein Stärkepulver wäre, dann würde Fulda so steif in der Gegend stehen, dass kein Wind es umwerfen könnte. Allerdings entdeckte ich auch ein Plakat, das ein Musical mit dem Titel "Unheilig" ankündigte. Ich nehme an, dass Fulda selbst einen soliden Antikatholizismus hervorbringt.

"Wir" sage ich, denn ich war beim Klassentreffen, das wir inzwischen jedes Jahr veranstalten, immer an einem andern Ort, dieses Jahr in Fulda. Eine von uns - wir waren eine Mädchenklasse an einer Mädchenschule - übernimmt die Organisation, die andern dürfen genießen. Nicht alle kommen: eine wartet auf eine Hüftoperation, die andere muss Enkel hüten, die dritte hat sonst wie zu tun, aber vielleicht gar keine Lust auf ein Wiedersehen usw. Dennoch stehen wir alle irgendwie in Kontakt. Während der anderthalb Tage - von Freitag am späten Nachmittag bis Sonntag nach dem Frühstück - gehen uns die Themen nicht aus, und die beschränken sich wahrlich nicht auf Erinnerungen an die Schulzeit. Gemeinsames Abitur, das bietet offenbar einen Sockel an Wissen und Erfahrungen, auf dem sich jede Art von Gesprächen aufbauen lässt. Was wir damals nicht erkannten, sehen wir heute voller Staunen bei jeder Unterhaltung neu: wie verschieden wir jede von Anfang an waren und sind, und dass wir trotzdem eine gemeinsame Sprache finden können. Eine Freude!

Nächstes Jahr wollen wir nach Weimar.

 

 

Frankfurt, den 12. April 2011

Diese Nacht, gegen Morgen, erhob sich ganz plötzlich ein Sturm. Es war noch dunkel, ich konnte nur undeutlich die sich biegenden Äste erkennen.  So ein Sturm passte gar nicht in die Blütenpracht, wie ich sie noch gestern abend erlebt hatte, in das unberührbar schöne neue Grün, in all diese  Frühlingsseligkeit. Wie die Leute sich auf den Terrassen daheimfühlten! Wie die Terrassen selbst sich ausdehnten, sich geradezu die Stadt eroberten, als seien sie, die Terrassen, das eigentliche Ziel alles Stadtlebens. Als ich mich auf dem schmal gewordenen Bürgersteig in Sachsenhausen durch die Tische schlängelte, kam ich mir geradzu indiskret vor, so nahe musste ich an den ins Gespräch Vertieften vorbei.

Heute morgen schaute ich gleich auf meinem Balkon nach: meine Stachelbeeren blühen noch, die Himbeeren blühen und die Erdbeeren auch. Es ist nichts umgefallen, und die Unschuld des Grüns hat sich auch erhalten. Der Wind treibt die Wolken abwechselnd  vor oder neben die Sonne. So kann ich den Wäscheständer aufstellen, schön verkeilt zwischen Tisch und Stuhl, und meine Wäsche wird rasch trocknen. Mit dem unvergleichlichen Geruch der "frischen Luft" werd ich sie gleich schon wieder abnehmen können.

Willkommen, Sommer!

 


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