DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

Frankfurt, 11. April 2006

Ein Reisejournal führen? Die größte Frage, auf die ich dabei Antwort suche: nach welchen Maßstäben erzählen?

Was ist wichtig für mich - was ist wichtig für die Leser?

Ein Tagebuch auf der Webseite - also öffentlich - also gehen die Leser vor.

Was das wohl wird...... würde skeptisch meine Mutter sagen.

Übermorgen fliege ich nach Israel.

 

 

12. April

Gestern Abend mit A. über "das Böse" geredet, das ihr sehr wichtig war. Ich kann mit dem "Bösen an sich" nichts anfangen, wende meinen Blick eher auf die Wut, auf die Ursachen der eigenen Wut.

Wir Nazikinder unterscheiden uns doch in mehrfacher Hinsicht: sie nach dem Krieg geboren, ich vorher, das verändert die Biografie. Vor allem: mein Vater blieb auch nach dem Krieg seiner Gesinnung treu, was meine Mutter mit  "Er hängt sein Mäntelchen nicht nach dem Wind" stolz kommentierte. Er abonnierte Schriften über Ahnenerbe und völkische Kultur, über Geschichte. In den geschichtlichen Auseinandersetzungen ging es immer um Macht und Sieg, nie um Recht. Einmal hab ich, schon erwachsen, ihm vorgehalten, daß man nicht in die Tschechoslowakei hätte einmarschieren dürfen. Darauf bekam er Magenschleimhautentzündung, war vierzehn Tage krank und mußte Rollkuren machen.

Ich sprach zu seinen Lebzeiten nie wieder über Naziverbrechen mit ihm. Doch suche ich selber seither nach Maßstäben zum Unterscheiden zwischen Recht und Unrecht. Was ich finde, hilft mir beim Umgang mit der eigenen Wut.

Tel Aviv, 14. April

Seit gestern im Land, wo Milch und Honig fliesst. An diese Metapher erinnerte mich die linde Luft, als ich am Ben-Gurion-Airport aus Terminal 3 hinaustrat, die Waerme. 27 Grad Celsius. Und soviel Gruen!

Ich wohne im Bauhaus-Viertel von Tel Aviv, wo die exotischen Baeume zwischen den Haeusern bunte Blueten in unvorstellbaren Formen treiben. Und die Voegel singen am Morgen, zwitschern den ganzen Tag. Es sind Pessach-Ferien, da herrscht besondere Ruhe. 

Eine Architektin erklaerte mir, wie die Architekten der zwanziger Jahre hier sorgsam und tief bauten, auf Sandgrund naemlich und in einer Erdbebenspalte, und diese Haeuser bewegen sich auch nach 80 Jahren noch nicht.

Jetzt gehe ich mit meinem Enkel auf den Markt, um fuer sein Geburtstagsfest einzukaufen: morgen wird er 18!

16. April

Ein schwerer Laerm weckte mich heute morgen, es war noch dunkel. Ein Flugzeug setzte zur Landung an. Nach seinem Verschwinden blieb aber immer noch ein Geraeusch uebrig, ein unregelmaessiges Pochen auf dem Dach, auf den Blaettern, auf dem Pflaster: es regnete! Vorgestern noch 30 Grad, Baden im Meer (nicht ich, aber die Jugend ging hin), und heute Regen,  in Tel Aviv? "Winter!" klagte die Buchhaendlerin.

Es folgten noch fuenf, sechs Flugzeuge, dann wieder: Stille im Regen. Stimmen von der Strasse, Autos werden angelassen, fahren davon. Der Schabbat ist zuende. Samstags herrscht Ruhe, auch in den nicht-religioesen Vierteln wie das Bauhaus-Viertel eines ist. Saekular, aber respektvoll. Schabbatruhe ist hier ueber die religioese Zustaendigkeit hinaus getreten, Teil der allgemeinen Kultur geworden.

In der Wochenendzeitung fand ich eine Geschichte ueber Palaestinenser, die wegen eines Messers in der Tasche festgenommen worden waren. Manche trugen das Messer bei der Ankunft am Kontrollpunkt sogar offen in der Hand. Verhaftet wurden sie unter dem Verdacht, einen Israeli erstechen zu wollen, derartige Ueberfaelle kommen oefter vor.  Neuerdings befinden sich mehr junge Palaestinenser als sonst in israelischen Gefaengnissen, und es stellte sich heraus, dass manche unter ihnen sich absichtlich verhaften lassen, um in Ruhe ihr Abitur vorbereiten zu koennen. Daheim werden sie beim Lernen zu sehr gestoert: durch Kindergeschrei, durch Arbeiten fuer den Lebensunterhalt und so weiter. Zehn bis zwoelf Monate Haft bieten ihnen eine gute Chance zum Studium. Jetzt wurde der Staatsanbwalt angewiesen, solchen Palaestinensern, die eigentlich niemanden angegriffen haben, eine Haftstrafe von hoechstens drei Monaten aufzubrummen.

Drei Monate reichen nicht zur Vorbereitung auf die Matura. Und die israelischen Gefaengnisse sind ohnehin ueberfuellt. So etwa stand es in "Ha-Aretz".

17. April

"Machst Du uns Apfelpfannkuchen?" fragte Elinor, meine Enkeltochter, heute mittag. Sie hat Ferien, genoss eine "grasse matinee", wie die Franzosen sagen, mit andern Worten, sie lag mit zwei Freundinnen vor dem Fernseher, sie waren gerade aufgestanden. "Natuerlich mach ich euch Apfelpfannkuchen." Es fehlten Eier und Milch. Die drei zogen sich an und trotteten zum naechsten Geschaeft, um einzukaufen. Danach machten sie es sich wieder auf dem Sofa bequem.

Ich stand vor dem Gasherd, wo auf ganz kleiner Flamme der zweite Pfannkuchen seiner Vollendung entgegen bruzzelte. Unten auf dem Schulhof spielten ein paar Kinder Basketball.  Die Fenster stehen ja immer offen hier. Da hoerte ich sehr laut eine Explosion. Was war das? fragte ich die Kinder. "Die spielen Basketball", antworteten sie ungeruehrt.

Nein, das ist nicht der Aufprall von einem Ball gewesen. Aber ich bestand nicht auf meiner Meinung. Stellte mich wieder vor den Gasherd und backte weiter Apfelpfannkuchen. Ein Gasherd kann auch explodieren, das passiert immer mal wieder. Ich hoffte, es war ein Gasherd. Kaum fuenf Minuten spaeter hoerte ich das scharfe Sirren der Krankenwagen. Das hoert man sonst auch oft, aber hier waren es viele, die Polizeisirenen mischten sich unter sie, es hoerte und hoerte nicht auf. Ich sagte noch immer nichts, und die Kinder guckten weiter ihren Film an. Eine Nachbarin rief an. "Es war eine Bombe", sagte Elinor mir. Wo? "Beim zentralen Busbahnhof."

Die Detonation war so laut gewesen, die Krankenwagen so nah, dass ich gedacht hatte, die Explosion haette naeher bei uns stattgefunden. Der Busbahnhof liegt immerhin mindestens vier Haltestellen weit weg. Draussen hoerte man Sirenen sirren und heulen, Hubschrauber gesellten sich dazu. Unser Telefon klingelte unentwegt. Alle Muetter versicherten sich, dass die Kinder wohlauf waren. Der Fernsehsender berichtete nun vor Ort, doch blieben die Kameras weit weg von der Staette des Geschehens. Man sah Palmen, Haeuserfronten, Krankenwagen, Gaffer; nichts Erschreckendes. Die Journalistin redete ohne Unterlass, wenn sie nicht gerade einen Augenzeugen interviewte - Augenzeugen, die offenbar ihren Schreck schon ueberwunden hatten. Fernsehen fuer Kinder, sozusagen, die ja niemand unnuetz traumatisieren will.
Und die Apfelpfannkuchen schmeckten gut - Omas Apfelpfannkuchen eben.

Die Sirenen heulen jetzt noch, mehr als eine Stunde spaeter. Soweit ich herausfinden konnte (ich versteh nicht genug Hebraeisch), gab es Tote und viele schwer Verletzte.

Bei den Palaestinensern wurden die Maerzgehaelter der oeffentlichen Angestellten nicht ausgezahlt - Lebensunterhalt fuer etwa eine Million Menschen -, weil Europa, USA und andere ihre Zahlungen eingestellt haben.

In der Zeitung las ich: Wenn es bei den Palaestinensern so richtig drunter und rueber gehen werde, wolle Israel einen beliebten palaestinensischen Fatah-Politiker namens Barghouti freilassen, der fuer "viermal lebenslaenglich" hier im Gefaengnis sitzt. Der soll die Hamas dann abloesen....

 

18. April

Heute wird es wieder waermer, so dass ich schon zu schwitzen beginne.

Wir wollen die letzten zwei Ferientage fuer einen Ausflug nach Nazareth nuetzen. Auf Hebraeisch betont man die zweite Silbe: Netz"eret.

Eine uralte Siedlung, und innerhalb von Israel die groesste arabische Stadt. Hier wohnen viele Christen. Arabische Christen natuerlich, gleichzeitig israelische Buerger, und vielleicht wird dieser Umstand, dieser Anblick, meine Enkeltochter bewegen, sich kuenftig in der Schule doch noch am Arabisch-Unterricht zu beteiligen. Sie hat naemlich seit einem halben Jahr weggehoert und folgerichtig in Arabisch eine Null bekommen. "Warum soll ich die Sprache der Terroristen lernen?" sagt die Zwoelfjaehrige.  "Es ist die Sprache deiner Nachbarn," entgegne ich. "Wie willst du mit deinen Nachbarn in Frieden leben, wenn du dich weigerst, ihre Sprache zu lernen?" Sie meinte, sie habe jedenfalls jetzt schon zu viel verpasst, um das noch nachzuholen....

Nazareth liegt gut hundert Kilometer nordoestlich von Tel Aviv, wir nehmen das Auto, damit ist man am sichersten.

19. April

Nazareth erweist sich als aeusserst lebendig, ein Geschaeft neben dem andern, und die Konditoreien! Oasen voller "turkish delights", wie einst die englischen Ladies diese orientalischen Zuckerbaecker-Kunstwerke nannten.

Ich sitze am Computer des Guesthauses, das mitten in der Altstadt vor sechs Monaten in einem verfallenden Palast eroeffnet wurde, und eben besuchte ich mit meiner Tochter das "Schriftstellerhaus", auch ein alter Palast, gut hundert Meter weit weg von hier, und der Direktor persoenlich fuehrte uns herum: ein arabisches Kulturzentrum fuer Israel entsteht da, mit einer Filmakademie, schon etwa 150 Studenten im ersten Jahr ---

Wenn ich mehr Zeit und Ruhe habe, werde ich die Webseite studieren, jetzt wollen wir alle miteinander durch die Altstadt bummeln....

Hier noch eben die Webadresse der Filmakademie:

www.arabcinemaschool.com

 

20. April

Die Hitze faengt schon an, es ernst zu meinen. Hier wird einem nicht einfach warm, wenn die Mittagshitze kommt, nein, die Sonne schiesst mit unsichtbaren Pfeilen auf dich. Du wirfst einen so kurzen Schatten, dass er, hochgeklappt, nur bis zu deinen Knien reichen wuerde. Und wenn du nicht beizeiten einen fremden Schatten findest und einen Schluck Wasser, wird dir schwindlig, du faengst an zu halluzinieren, du verlierst dich in irgendeinem Wahn - vielleicht bleibt es vorlaeufig auch nur bei Kopfschmerzen.

"Mary's Well", der Brunnen Marias in Nazareth, besass sieben starke Wasserrohre, dorthin kamen alle Frauen, um Wasser in Kruegen zu holen. Ein Maler und Holzschnitzer in Nazareths Altstadt hat sie gemalt, verkauft seine Bildchen fuer hundert Schekel. Freundlich schaut er uns aus hohlen Augen an. I. meint: Ein Zurueckgebliebener, dem die Familie eine Werkstatt gewaehrt. Ich kaufe ihm ein Bildchen mit Olivenbaeumen ab. 

Junge Maedchen in Nazareth,  die sich zwei Kopftuecher umbinden, damit ja kein Haar herausschluepfen kann, schwitzen grad so wie die frommen Juden in Tel Aviv, die mit breitem Pelzhut durch die Hitze gehen, weil immer noch Ostern ist. Bzw. war, gestern abend endete die Osterwoche. Im Alltag tragen sie die Pelzhuete nicht.

21. April

Gestern abend sassen wir in einem Cafe - unglaublich, was es hier in Tel Aviv viele Kaffeehaeuser gibt! Fuer aeltere Jeckes, mit Mohnkuchen, fuer junge Intellektuelle, mit warmen Ziegenkaese auf Toast, fuer Familien, mit belegten Broetchen; ein Cafe bietet nur Schokoladiges - rund um die Rothschildallee koennte man, denk ich, jeden Tag eines Monats woanders hingehen. Man wird freundlich und flink von jungen Maedchen in Jeans bedient, die  den obligatorischen  Streifen Nackthaut oberhalb der Guertellinie zeigen. Der Streifen erweitert und verengt sich beim Gehen und beim Hueftschwingen - vielleicht ist das der Zweck dieser Mode - und so wird einem die Zeit nicht lang, bis die Bestellung auf dem Tisch steht.

Wir sassen gestern im Cafe Noach auf der Rothschildallee,  wo Buecherregale eine Wand bedecken, mit Buechern, die jeder sich zum Lesen nehmen kann, wo ein Schriftsteller ueberm Laptop hockte und schrieb. Wir redeten, und jemand sagte, wie dumm die Nazis doch gewesen seien. Ich widersprach - nein, dumm waren sie nicht, sondern ohne Moral. Bei ihnen galt nur das Recht des Staerkeren, das machte sie zu Kriminellen. Wenn man vom Rechtsstaat ausgeht. Aber wer weiss wirklich, was  Rechtsstaat bedeutet?

Israel ist einer, dafuer sorgt immer wieder der Oberste Gerichtshof. Er hat jetzt das Urteil in einer Klage gegen den Bau der Sperrmauer an einer bestimmten Stelle in Jerusalem gesprochen: Palaestinenser hatten sich beschwert, dass ihnen dadurch ein lebenswichtiger Durchgang unmoeglich gemacht wuerde. Aber inzwischen sei eine Ersatzstrasse gebaut worden, befanden die Richter, und wiesen die Klage ab.

Die Sperrmauer als Sicherheitsgarant gilt als politische Entscheidung und kann vom Gericht nicht angezweifelt werden. Das nennt man Gewaltenteilung.

Ein interessantes anderes Urteil galt dem Vorrecht der rabbinischen Gerichte auf das letzte Wort: sie sind fuer juedische Ehescheidungen und damit Zusammenhaengendes zustaendig, und wuenschen ganz und gar keine weltliche Einmischung.  Vor zwei Wochen nahm ihnen der Oberste Gerichtshof dieses Vorrecht ab. Nun soll ihnen das  neue Parlament ein Gesetz verabschieden, wonach der Oberste Gerichtshof nicht mehr angerufen werden koennte, wenn das rabbinische Gericht gesprochen hat. Wird der neue Ministerpraesident den Orthodoxen  nachgeben? Ist er vielleicht in der Knesset (dem Parlament) auf ihre Stimmen angewiesen?

23. April

Hier wird auch nur mit Wasser gekocht! Israel gilt als eine Hochburg der Elektronik,  aber ein Internetcafe fand ich bislang nicht. "Mailboxes" bot ein Laden an, ich ging hinein, fragte: Kann ich ins Internet? Ja, gern. Kostet 15 Shekel fuer 15 Minuten, das entspricht etwa einem Euro pro 5 Minuten. Teuer genug, aber nun brauchte ich allein 7 Minuten, um auf meine Webseite zu kommen! Dass es sowas Langsames hier noch gibt! Und das in einem Laden, der mit Elektronik vollgestopft ist! 

Darum schreib ich spaeter weiter. Vom Sabbat will ich erzaehlen...

 

In der Stadtbibliothek. Hier kostet die halbe Stunde 5 Shekel, und das Geraet arbeitet schnell.

Am siebten Tag sollst du ruhn, sagt die Thora, die hebraeische Bibel, das Alte Testament.... (jedes Wort vermittelt eine eigne Welt), und mit diesem Gebot wurde die Woche geschaffen. Was fuer eine Erfindung, die Woche! Die Zeit, dieser formlose Strom, wird durch die Woche gebuendelt, es gibt sonst als Unterteilung nur Tag und Nacht, doch mit der Woche unterscheidet sich jeder Tag vom andern, erst die Erfindung der Woche ermoeglicht Geschichte, ermoeglicht Identitaet. Fromme Juden haben komplexe Regelungen entwickelt, die das "Nicht-Arbeiten" definieren, schliesslich wird auch am Sabbat gegessen und geheizt. Durch das Nicht-Arbeiten unterscheidet sich der Schabbat (oder der Sonntag) vom Alltag. Das weltliche Volk aber nimmt die Gebote und Verbote nicht so genau, es freut sich beim Picknick am Strand, gestern war richtiges Badewetter und der Strand ueberfuellt. Tel Aviv besitzt einen herrlichen Strand mit Sand und gut funktionierenden Duschen und Wasserkraenen, um die Fuesse abzuspuelen, wenn man mal eben durch die anlandenden Wellen gewatet ist und seine Schuhe wieder anziehen will, um aufder Promenade zu wandeln.

24. April

Heute abend beginnt "Iom ha Shoa", der Tag des Holokaust. In vielen oeffentlichen Gebaeuden sind Feierstunden angekuendigt. Der Taxichauffeur warnte mich: "Heute machen alle Geschaefte und Restaurants um sechs oder sieben zu. Das ist wegen der Sachen, die in Deutschland passiert sind." Ja, ich weiss. Und morgen mittag um zwoelf werden die Sirenen heulen und alle, alle werden eine Minute lang still stehen bleiben.

Eine Dichterin lud mich heute zu sich nach Hause ein. Sie plant eine Konferenz mit juedischen Poeten aus aller Welt und fragte mich, ob ich glaube, dass es auch welche in Deutschland gebe? Ich zaehlte ihr aus dem Stegreif vier, fuenf juedische Schriftsteller auf: allerdings wusste ich nicht, ob sie auch Gedichte veroeffentlichen (schreiben werden sie sie schon, denn wer schreibt keine Gedichte?). "Sie schreiben Deutsch?" Ja, sicher.  Wie erklaerst du dir, dass es in Deutschland so viele Juden gibt? fragte sie.  Deutsch-juedische Kultur, so wagte ich die kuehne Vermutung, gab es ueber tausend Jahre lang; die Unterbrechung dauerte doch nur zwoelf Jahre! Sie verstand nicht. Die Nazis haben nur zwoelf Jahre geherrscht! Und glaub mir, es tut mir entsetzlich leid, waere das alles nur nie geschehen - aber es war nicht laenger als zwoelf Jahre. Sie schwieg.

Wie sehr wir die Geschichte bedauern, zeigen vielleicht die vielen Friedensarbeiter, die aus Deutschland kommen oder von dort aus sich bemuehen. Ich traf heute einen von ihnen in Jerusalem: vom Forum Ziviler Friedensdienst. Ich werde einen Artikel fuer das 'Letzebuerger Land' darueber schreiben.  

 

25. April

Die Sirenen heulten genau um 9 Uhr 50, waehrend der Pause und die Schulkinder nebenan verharrten in voelliger Stille. Als die Sirenen erstarben, hielt sie noch ein, zwei Sekunden an, die Stille, bis sich ein paar Stimmchen erhoben, und erst dann schwoll das Stimmengewirr wieder an wie eine riesige Brandung.

Mein Surfen auf den Wellenkaemmen von Geschichte und Gerechtigkeit, von Angst, Rassismus und Schuldgefuehlen strengt mich an. Erschoepft falle ich abends ins Bett.

Manchmal waehrt die Erschoepfung noch am Morgen weiter. Dann passieren Missgeschicke. An einem Morgen loeschte ich versehentlich alle Fotos aus meiner Digitalkamera. Verloren das Bild von den beiden Gitarristen auf dem Flachdach, meinem Enkel Ben und seinem besten Freund Haran, wie sie die Musik fuer die Geburtstagsparty ausprobierten. Verloren die innigen Schnappschuesse von Siwan und Keren mit ihren zwei ganz kleinen Kindern, die zum Geburtstag hier waren. Siwan ist Bens grosser (Halb-)Bruder, und sie moegen einander. Nicht wiederholbar unser Familienfoto unter der gemalten Decke des Azar-Palastes in Nazareth. Wie konnte mir das passieren?

26. April

Rassismus, wo traf ich Rassismus?

Als eine gebildete, liebenswuerdige Frau ueber die Beduinen sprach, die von ihren frueheren Weideplaetzen nach und nach vertrieben wurden und nun zwischen einer Muelldeponie und einer sich ausdehnenden juedischen Siedlung an der Strasse von Jerusalem nach Jericho in ihren Zelten hausen. Die koennten genausogut nach Jordanien gehen, rief die Frau aufgebracht, die blieben nur hier wegen des israelischen  Kindergeldes, jeder Mann habe vier Frauen und jede Frau acht Kinder, sie arbeiteten nicht.....

In einer israelischen Zeitschrift fand ich eine Reportage ueber kaukasische Juden, eine sehr abgekapselt lebende Gruppe in Israel. Keine Frau durfte traditionell ohne maennliche Begleitung irgendetwas unternehmen, ein Drittel aller Familien hat ueberhaupt keine Erwerbsperson. Armut und Rueckstaendigkeit herrschten. Der Artikel beschrieb, wie zunaechst die Frauen sich emanzipierten, wie nun die Maenner ein neues Selbstbild suchen muessen, und mit welchen Methoden ihnen geholfen wird.

Es sind die gleichen Methoden, die der Zivile Friedensdienst (unter starker deutscher Beteiligung) zusammen mit anderen NGO's den Beduinen nahe bringt, offenbar nicht ohne Erfolg: eine Schule wurde eroeffnet, ein Studienzentrum, es kommen Palaestinenser und Israelis zu Besuch, ein Dialog hat begonnen. Sie haben eine Webseite eingerichtet: www.jahalin.net

Davon weiß meine jüdische Bekannte nichts, und sie glaubt nicht, daß sie das etwas angehe.

28. April

Edward Said schildert in seinem Buch "Orientalismus", wie sich Europa oder "der Westen" ein Bild vom "Orient" geschaffen hat, welches ausschliesslich aus Vorstellungen, Wuenschen und Aengsten der Abendlaender besteht und das die wirklichen Bewohner des Orients ignoriert. Eine richtige Wissenschaft wurde seit Napoleons Tagen daraus gemacht. Sie wirkt bis heute. "In der Zwischenzeit trennt eine wachsende, immer gefaehrlicher werdende Kluft den Orient vom Okzident", schreibt Said (in "Kultur und Geschichte", bei Reclam).

Hier in Eretz Israel wird eine Mauer gebaut, die den Orient vom Okzident trennen soll.  Die Mehrheit der Israelis draengt auf eine Vervollstaendigung der Absperrung, selbst wenn da und dort schoenes Weide- und Ackerland mitgenommen wird, das doch zu den arabischen Doerfern jenseits der Mauer gehoert. "Unilaterale Friedenspolitik" nennt man das, da es ja "keine Ansprechpartner" auf der anderen Seite gebe. Keinen, der den westlichen Wuenschen und Vorstellungen entspraeche?

"Neulich war eine deutsche Bekannte hier zu Besuch", erzaehlte mir eine Jerusalemerin. "Weisst du, was sie vor allem anderen besichtigen wollte? Du ahnst es nicht!" Es war die Mauer. Nicht der Tempelberg, nicht Jad Vaschem, nicht der Suk, sondern die Mauer.

30. April

Heute endet mein Aufenthalt in Tel Aviv. Ich schliesse mich am Nachmittag einer Reisegruppe aus Ingelheim am Rhein an und fahre per Bus die naechsten zwei Wochen kreuz und quer durchs Land. Wenn es dir zu anstrengend wird, komm einfach zurueck nach Tel Aviv! sagen die Freundinnen hier.

Ein letztes Mal unter den maechtigen Fikusbaeumen auf der Rothschild-Allee wandeln, ein letztes Mal die schoenen Kaffeesahne-Muster auf dem Milch-Kaffee im Cafe Hillel bewundern, ein letztes Mal beim Georgier nebenan Olivenoel einkaufen. (Wir verbrauchen viel Olivenoel.)

Vor drei Tagen zeigte mir Elinor ihre Meerschweinchen-Dame: "Look, she is pregnant!"  und gestern hat sie schon drei Kleine geboren. Die junge Mutter kommt mit ihren Babys in einen eigenen Kaefig, damit sie mehr Platz fuer sich hat. Elinor besitzt drei Meerschweinchen - ein Maennchen und zwei Weibchen -, dazu eine Huendin, die ihr ein und alles ist, und zwei Katzen. Elinor sorgt regelmaessig und gewissenhaft fuer ihre Tiere. Aber wenn sie zum Papa faehrt, dann muss sich doch die Mama drum kuemmern.

Werde ich in den naechsten Tagen einen Computer finden, um weiter zu schreiben? ich weiss es nicht.

Caesarea, 1. Mai

Von einem Moment auf den andern habe ich mich in eine Touristin verwandelt. Der israelische Reiseleiter brachte sogar gelbe Kappen mit, mit dem Logo des  Reisebueros vorne drauf, aber nur wenige setzen die Kappe auf.

Am interessantesten war bei unserm Besuch in Haifa der Vortrag des Leiters vom arabisch-juedischen Kulturzentrums. Es heisst "Beit Ha-Gefen", das Haus der Weinrebe, weil die Strasse davor die Weinrebenstrasse heisst. Und die hat ihren Namen von den Deutschen, die mitten im 19. Jahrhundert aus Wuerttemberg kamen und in Haifa eine Siedlung bauten, wackere Protestanten, die das Christentum befoerdern wollten.  Ihre Siedlung bestand aus einer Strasse, die senkrecht den Berg hinauffuehrte. In genau derselben Achse steigt heute der Garten der Bahai den Berg weiter hinauf, ein misslungener Barockgarten, bei dem die Proportionen ich weiss nicht welchen Gesetzen gehorchen. Die fast senkrechten Rasenstuecke wurden gerade gemaeht: ein Mann schob den elektrischen Maeher, zwei Mann hielten ihn mit Stricken in der Waagrechten, damit er nicht wegrutschte.

Der Vortrag des Direktors, eines christlichen Arabers, betonte das friedliche Zusammenleben aller Religionen in Haifa, von jeher. Zum Lachen brachte er uns, als er ein Gespraech mit dem Buergermeister von Nuernberg beschrieb: der wollte ihn, als einzigen Israeli auf einer internationalen Konferenz, beim Nuernberger Rabbiner einfuehren. "Aber ich bin Araber." Der Buergermeister, nicht verlegen, will ihn am Freitag zur Moschee bringen. "Aber ich bin Christ!" - "Ach so, dann kommen Sie doch Sonntag mit in den protestantischen Gottesdienst!" "Ich gehoere der griechisch-orthodoxen Kirche an..... "

Die Gruppe stellte sich den verdutzten Nuernberger Buergermeister vor und lachte von Herzen.

Tiberias, 4. Mai

Die erste Grenze erlebten wir heute, auch wenn wir nicht herankamen: die Grenze nach Syrien. Militaersperrgebiet ueberall. Vom hoechsten Berg des Landes, dem Hermonberg (2.300 m), sahen wir zwischen zwei Bergen hindurch hinab in die syrische Ebene, blauer Dunst, aber eben kein Himmel, sondern die Erde darunter. Luftlinie nach Damaskus: gut 20 km.

Auf unseren israelischen Karten gibt es keine Staedte ausserhalb der Landesgrenzen. Keine Doerfer, nur Berge und Fluesse. Ich denke an meinen Artikel ueber die Beziehungen zwischen Nachbarn, die man pflegen muss, immer - ich schrieb ihn etwa 1991, auf Israel bezogen, und stellte das kleine Luxemburg als Vorbild hin. Darauf erhielt ich von der israelischen Botschaft einen drohenden, beleidigten Brief. (Ich hatte eine Kopie dorthin geschickt.)

Es war eine wunderbare Fahrt heute durch die Berge, die gruenen Ebenen, schliesslich anderthalb Stunden zu Fuss am Ufer eines reissenden breiten Wildbachs entlang, einem Quellfluss des Jordan, rundum ueberdacht von Baeumen, Bueschen, Schlingpflanzen, und die Voegel sangen gegen das Rauschen an, ich glaube gar, es waren Nachtigallen dabei.

Heute Abend werden wir am Ufer des Sees Genezareth lustwandeln.

Tiberias, 5. Mai

Unser Guide heisst Gabi, und er spricht nach einer Woche nicht mehr mit uns, mit den Mitgliedern der Gruppe persoenlich, das heisst, er vermeidet es. Wir hoeren ihm nicht aufmerksam genug zu, manche rennen immer wieder woanders hin, weil sie fotografieren oder botanisieren wollen ("die Pflanzen des heiligen Landes"), wir gehen ihm zu langsam. Gestern sollten wir um fuenf an einem Bootsanleger sein, wir kamen gerade rechtzeitig, doch hatte Gabi viele boese Worte vorher, weil man "um fuenf zumache" und wir so langsam seien. Ich wundere mich, denn es mangelt ueberall an Touristen, und es zeigte sich, dass wir, immerhin 28 Leute, die einzigen Passagiere waren. Per Handy haette man ohne weiteres um Aufschub bitten koennen?

Nun, die Fahrt ging auf einem ueberdachten breiten Holzkahn quer ueber den See Genezareth, ein Traum: die violetten Golanberge auf der einen Seite, die gruenen Haenge ueber Tiberias auf der andern, der See leicht gerippt von einer Brise, die Sonne schon nicht mehr unerbittlich, wie am Mittag.  Gruen und undurchsichtig sah der See aus, 20 Sorten Fische gebe es darin, hoerten wir, und ein paar Fischer ernaehren sich noch von ihrem Gewerbe.

An Land wartete schon unser Bus, und nun fuhren wir noch an einer Gold- und Brillantenfabrik vorbei, wo einige von uns auf Gabis Empfehlung ausstiegen, um einzukaufen ("Guenstig, denn Sie bekommen die Mehrwertsteuer zurueck!"). Soviel Zeit war dann doch.

 

Jerusalem, 8. Mai

Mit Jericho ging das so: Israelis duerfen dort nicht hinein, wir aber schon. Jedenfalls ein bisschen.

Unser Bus fuhr bis an den Checkpoint, etwa 2 km vor Jericho, was eine Oase im Jordantal ist, kurz bevor der Jordan, oder was davon uebriggeblieben ist, ins Tote Meer muendet.  Jericho wird von der palaestinensischen Autonomie verwaltet. Westlich von der Stadt liegt ein Felsenberg, der "Berg der Versuchung" genannt wird, weil Jesus dort 40 Tage in einer Hoehle gelebt und gefastet haben soll, wo er vom Teufel mit drei Versuchungen behelligt wurde. Griechisch-orthodoxe Moenche haben in der Bergwand vor vielen Jahrhunderten ein Kloster errichtet, und seit die Kabinenbahn vor sechs oder acht Jahren eingerichtet worden ist, gibt es nebenan auch ein schoenes Restaurant.

Unser Bus hielt am Checkpoint, fuhr auf den Parkplatz daneben. Der Fahrer und der Guide blieben zurueck, wir andern wechselten den Bus. Auf dem Parkplatz nebenan, nur durch ein paar Steinbloecke getrennt, erwartete uns ein palaestinensischer Bus, komplett mit Fahrer und Guide. Wir wurden zur Talstation der Kabinenbahn gebracht und nacheinander in die 6-sitzigen Kabinen verfrachtet. Unten lag Jericho, mit seinen Gaerten, mit vielen Neubauten - das ehemalige Fluechtlingslager verwandelt sich in einen Stadtteil. Kokette Villen sah man! Auf der Bergstation erwarteten uns Wirt und Kellner, doch wir wollten erst ins Kloster. Im Kloster war niemand ausser einem Moench, der wunderbares Englisch sprach, denn er war "ein Grieche aus Kanada", nur widerstrebend fuehrte er uns herum. Dies war nicht sein Kloster, er war nur zur Aushilfe geschickt worden. Ein, zwei junge Maenner aus der Stadt gingen ihm zur Hand, doch als einer uns Besuchern die kleine Hoehle oeffnete, dort wo Jesus "wirklich" gewesen war, da schimpfte der Moench mit ihnen: was, wenn dort Schlangen waeren??!

Anschliessend wurden wir fuerstlich bewirtet. Doch blieb uns keine Zeit, das Mahl genuesslich auszudehnen, wir "mussten" fort. Auf der Talstation durften wir noch ein paar Andenken kaufen, dann hopp, hopp wieder in den Bus. Ich erfuhr, dass wir kein Recht hatten, durch Jericho zu schlendern. Nicht wie frueher dort die allerbesten Orangen einkaufen oder uns einen tuerkischen Kaffee zubereiten lassen oder  aehnliche Freuden auszukosten, die Jericho einst zu bieten hatte.

Dann ging es die uralte und nagelneue Strasse hinauf nach Jerusalem, 1.200m Hoehenunterschied in der Wueste Judaea, mit Moses Grab in der Ferne und ein paar Beduinenzelten in der Naehe.  In Jerusalem sog uns der Autoverkehr ein wie ein riesiges Fischmaul, das alles schluckt, was kommt.

 

Jerusalem, 9. Mai

Yad Vaschem sei so schwer zu ertragen, sagte einer aus der Gruppe, dass er freiwillig nicht noch einmal wiederkommen wuerde.

Wer haette ihn nicht verstanden? Keiner entzieht sich dem Todesatem dieser Holokaust-Gedenkstaette.

Das neu eroeffnete Museum fuehrt durch einen halbdunklen Gang, den keiner gradeaus rasch hinter sich lassen kann. Barrieren unterbrechen den Weg alle paar Meter, die Besucher muessen in die Seitenraeume hinein, wo persoenliche Schicksale den Verlauf des Holokaust lebendig werden lassen. Niemand entkommt, nicht einmal durch Nicht-Hingucken, die Ohren lassen sich nicht verschliessen. Ein langer Weg bis hin zu dem strahlend blauen Himmel, der einem die ganze Zeit ueber aus der Ferne leuchtet.

Schulkinder bringt man erst ab einem gewissen Alter hin. Die unteren Klassen werden durch Geschichten von geretteten Kindern in das Thema des Holokaust eingefuehrt, moeglichst von Nicht -Juden gerettet, so dass von Anfang an auch eine Beziehung zur nichtjuedischen Welt hergestellt werde.

Yad Vaschem entwickelt eine eigene Holokaust-Paedagogik, arbeitet insbesondere viel mit deutschen Schulen zusammen.

Jerusalem, 11. Mai

Gestern, der 10. Mai, ein ueberladener Tag.  Erschoepft fiel ich ins Bett, keine Kraft mehr zum Schreiben.

Koennte ich hier Fotos einfuegen! Von der Mauer in Abu Dis zum Beispiel, wo sie 12 Meter hoch ist und obendrauf noch Stacheldraht. Protestierende hatten vor einiger Zeit eine Bergsteiger-Ausruestung mitgebracht und waren auf die Mauerkrone gestiegen - die Bilder umkreisten den Globus, und daraufhin pflanzte die Polizei noch einen Zaun obendrauf.

Abu Dis liegt auf einem der Huegel, die Jerusalem umgeben, es eigentlich ausmachen: Abu Dis, eine Vorstadt, und dicht hinter der Mauer erhebt sich, als Neubauruine, das Gebaude, in dem einmal, zu Arafats Zeiten, das palaestinensische Parlament tagen sollte. Die Mauer durchtrennt die Strasse, die ins Innere der Ortschaft fuehrt. Noch hat die Mauer Luecken, die indes von israelischen Soldaten bewacht werden.  Der neue israelische Ministerpraesident Ehud Olmert hat schon angekuendigt, dass der "Sperrzaun" - die Uebersetzungen fuer das Gebilde variieren, wie uebrigens auch seine Gestalt, - bis Ende des Jahres fertiggestellt werden soll. Dann kann die Westbank geraeumt werden.

Geraeumt. Das Wort gefaellt mir nicht, es verschleiert die Wirklichkeit, es verschleiert die Absichten.

Der Hotelcomputer erlaubt nicht die Einfuegung von Bildern.

Hinter mir wartet ein freundlicher junger Mann aus Hawai, dass ich den Platz am Bildschirm raeume, denn es gibt z.Z. nur einen.

So gehe ich jetzt einen Kaffee im American Colony Hotel trinken, schreibe spaeter weiter. Im Paradiesesgaertchen eines alten orientalischen Palastes....

noch 11. Mai, Jerusalem (bis)

Das Wort "Versuchung" beschaeftigt mich noch. Fast einen halben Tag verbrachten wir mit dem Ausflug auf den "Berg der Vesuchungen", und viele Themen wurden besprochen, nur die "Versuchungen" nicht, denen Jesus ausgesetzt war. Ich brauchte drei Tage, bevor ich herausfand, worin sie eigentlich bestanden. "Gibt es heute ueberhaupt noch 'Versuchungen' im biblischen Sinne?" fragte ich eine Religionslehrerin, und schloss die uebliche Sahnetorte aus. "Ja," antwortete sie, "wenn man zum Beispiel in einem Laden was mitgehen lassen moechte."

Sie benuetzte das Wort 'stehlen' nicht.

Ist es ein Hinweis auf die Ernsthaftigkeit der Versuchung, wenn man die Regel nicht ausspricht, das konkrete Wort fuer das Vergehen? Dann wuerde auch die "Sahnetorte" einen andern Sinn bekommen: sie stuende fuer Fresssucht.

'Verlockung' ist nur ein anderes Wort fuer 'Versuchung'.

noch 11. Mai (ter)

Die Gruppe fuhr heute zum Toten Meer: nach Qumran, nach Ein Gedi, nach Massada, nach Ein Bokek zum Baden. Ich fuehlte mich krank (Husten, Schnupfen), erst als ich heute morgen beschloss, nicht mitzufahren, ging es mir etwas besser.

"E'in" heisst uebrigens soviel wie Quelle oder Bach.

Gestern besuchten wir in dem Jerusalemer Vorort Abu Dis die "Mauer". Im Bus fuhren wir rund um Jerusalem, dort wo von Norden kommend der Sperrzaun sich um die Stadt schlaengelt und stellenweise in eine 8 bis 12 Meter hohe Mauer uebergeht. Dr. Christian Sterzing, der in Ramallah das regionale Buero der Heinrich-Boell-Stiftung leitet, erlaeuterte uns viele Hintergruende. In Abu Dis geht die Mauer mitten durch den Ort. Sie ist hier 12  Meter hoch, und nachdem Protestierer vor einiger Zeit mit Bergklettergeraet angekommen waren und die Mauerkrone bestiegen, setzte die Polizei noch einen Zaun obendrauf.

Dr. Sterzing verliess uns.

 

Wir kamen zu Dr. Johannes Gerster (siehe Bild), der das Konrad-Adenauer-Zentrum leitet. Ein elegantes Haus in vornehmster Gegend der Stadt Jerusalem, uebrigens auch mit Gaestezimmern, die nicht nur Referenten offen stehen. Wir erfuhren eine Menge ueber die friedenstiftende Arbeit des Zentrums im heiligen Land. (Ueber die drei Parteistiftungen hier - Gruene, CDU, SPD - werde ich  in einem Zeitungsartikel berichten.)

Am Nachmittag wurden wir im israelischen Aussenministerium empfangen, eine Verguenstigung, die wir Hans Georg Meyer aus Ingelheim, dem Initiator und heimlichen Leiter der Reise, verdankten. Ron Prosor, Generaldirektor, der gut Deutsch sprach, stellte die Sicht des Aussenministeriums und der Regierung auf die gegenwaertige Lage dar. Demnach schaut man im wesentlichen mit militaerischen Augen an die Grenzen. Ich fragte, warum nicht die auch von Condoleezza Rice unterschriebene Vereinbarung eingehalten werde, wonach taeglich 150 Lastwagen den Uebergang von Gasa nach Israel passieren duerften. In Wirklichkeit sind es weniger als 20. Das bedeutet, dass die Palaestinenser in Gasa zwar Gewaechshaeuser geerbt haben, doch die Produkte daraus nicht exportieren koennen, also nichts daran verdienen.

Ron Prosor erwiderte, sie koennten nicht mehr Lastwagen abfertigen, weil eventuell Sprengstoff darauf verborgen sei. Auch machten die Palaestinenser den Kontrollpunkt zu ihrem Angriffsziel, und der Staat muesse seine Soldatinnen und Soldaten schuetzen.

Dem entsprechend bleibt der einzige Kontrollpunkt oft geschlossen.

Wie soll man nach einem solchen Tag nicht krank werden?

12. Mai, Jerusalem

Unser letzter Tag, morgen frueh reisen wir ab.

Heute soll es nach Bethlehem gehen, ein Staedtchen ganz in der Naehe von Jerusalem, jedoch von der palaestinensischen Behoerde verwaltet. Wir werden wieder den Bus wechseln muessen, heisst es.

In der Hotelhalle, wo ich sitze, droehnt der Laerm vom Speisesaal herauf, das Quietschen der Stuhlbeine auf dem Steinfussboden. Das Rufen der Reiseleiter, die aufgeregten Reden der Abreisenden. Über 1000 Gäste logieren hier. In diesem Hotel kann man keine Zeitung kaufen, nur teure Judaica. Es wurde erst vor einem halben Jahr eroeffnet. In den Zimmern haengen neben Rauchmeldern auch Bewegungsmelder, die nachts, wenn man im Bett den Kopf hebt, wie ein gluehendes Auge rot aufleuchten. "Da steckt keine Kamera drin!" versicherte uns Hans Georg Meyer.

Frankfurt, 14. Mai

Seit gestern abend zurück, wieder daheim - ein seltsames Gefühl. Die Kastanien blühen (Kastanien gibt es nicht im heiligen Land). In meiner Wohnung entdecke ich Ameisen. Widerstrebend merke ich, dass mich diese Entdeckung auch erleichtert - es ist eben doch nicht alles "normal".

Von einem "normalen Leben" träumen die Israelis und spüren doch im Innersten, dass sie einem Wunschtraum nachhängen. Sie würden sich ihre Nachbarn gern aussuchen: Kalifornien oder New York oder Europa.....

Die Palästinenser leben in ständiger Un-Normalität, und können sich "Normales" nur im Rückblick auf eine idyllische Vergangenheit vorstellen.

Ich war in Bethlehem. Dort fanden 2002 Kämpfe statt, Besatzung, schwere Schießereien in der Altstadt. Es wurde einiges zerstört. Heute ist fast alles wieder hergerichtet, und was mir auffällt: es ist mit sicherem Geschmack instandgesetzt. Fast kommt es mir vor, als sei Bethlehem schöner geworden!

Das Internationale Begegnungszentrum zum Beispiel: im alten Steinhaus hat ein finnischer Architekt (im Auftrag und als Schenkung der Lutherischen Kirche Finnlands) die Zerstörungen beseitigt und innen eine Verbindung von alt und neu hergestellt, die jeden, der sich in den Räumen bewegt, fröhlich macht. Mich jedenfalls, aber alle lächelten: die Mitarbeiter, die Besucher, der Bischof - einfach alle!

Annette Klasing ist eine der Mitarbeiterinnen des Internationalen Begegnungszentrums. Sie arbeitete vorher in Bremen, u.a. in der Erwachsenen-Bildung, sie beteiligte sich auch an den Treffen einer Frauengruppe aus Deutschen, Palästinenserinnen und Israelinnen.


Alle wissen, wie mühevoll der Weg hierher nach Bethlehem ist, durch die schweren Sperren. Welch ein Privileg es bedeutet, hier zu sein und auch wieder weggehen zu dürfen. Israelischen Staatsangehörigen ist der Besuch von Bethlehem verboten. Palästinensern ist die Ausfahrt nach Israel verboten. Nur wir Ausländer, als bunte Vögel, dürfen noch hin, die uralte Geburtskirche  besuchen, zum Beispiel. 

Unsere Gruppe merkte die Bedrohungen am eigenen Leibe erst bei der Heimfahrt: zu Fuss mussten wir die langen, gewundenen Gängen, durch quietschende Drehsperren hindurch, hinter uns bringen und zusehen, wie Palästinenser mit unbewegtem Gesicht umkehrten, nachdem ihre Papiere von dem Wachhabenden nicht anerkannt worden waren: eine alte Frau, ein paar ältere Männer, ein Mann mit zwei kleinen Kindern. Auf der Hinfahrt war unser Bus nur durchgewunken worden. Einzelbesucher , so hörte ich, müssen auch  beim Eintritt ins palästinensische  Gebiet die lange Sperre zu Fuss durchwandern.

Ein Israeli verteidigte die Vorkehrungen: "Guck dir mal die Verhältnisse an der amerikanisch-mexikanischen Grenze an! Dort ist es viel schlimmer als hier und keiner interessiert sich dafür!"

Darauf eine Antwort zu suchen, erschien mir in dem Moment als penetrant und taktlos.

 

Frankfurt, 14. Mai (bis)

Ein lieber Freund schreibt mir, am Anfang erzählte ich von Wut und von der Suche nach Recht und Unrecht.  In meinen Eintragungen finde er davon nichts wieder, es würden ja nur die Verhältnisse geschildert, ohne Beurteilung.

Er hat recht, doch jede Schilderung enthält auch ein Urteil, möchte ich ihm antworten. Unser Fremdenführer zum Beispiel nahm das 'Wort "arabisch" fast gar nicht in den Mund. In Nazareth, einer arabischen Stadt, gewährte er uns nur eine halbe Stunde zur Besichtigung der Verkündigungskirche - und sonst nichts! Kein Schlendern durch den Suk, kein Gespräch mit einem Einheimischen, kein Einkaufen.  In Akko jagte er uns im Eiltempo durch die arabische Altstadt, und das auch nur, weil es keinen anderen Weg zum Hafen gab. In seinen Augen greife ich Israel mit meinen Schilderungen an. Und er steht mit dieser Sicht nicht allein dar.

Kürzlich beschrieben zwei amerikanische Professoren in der "London Review of Books" die Israel-Lobby in den USA. Demnach beschränkt sich diese Lobby nicht nur auf Lobby-Arbeit, sondern bedroht auch Andersdenkende und versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Der  Artikel war sorgfältig recherchiert.

Was hab ich in Israel nicht alles an Empörtem darüber gelesen (und ich lese ja nur Englisch)! Von persönlichen Beschimpfungen über Drohungen bis hin zu pauschalem Abstreiten. In Israel findet man viele Darstellungen der Wirklichkeit. Die Mauer oder den Sperrzaun sehen sich die meisten Israelis gar nicht an. Sie freuen sich nur an dem Gefühl von Sicherheit, das mit seinem Vorhandensein verbunden ist. Ihre Wirklichkeit besteht in dem Gefühl von Absicherung.

Dem setze ich meine Darstellungen gegenüber.

Vor Ort sind Recht und Unrecht schwer zu unterscheiden. Davon bin ich schliesslich auch ein bisschen krank geworden. Ausser meinen Beschreibungen kann ich nichts tun.

Frankfurt, 14. Mai (ter)

Am letzten Tag fuhren wir nach Bethlehem. Die Stadt liegt 10 oder 20 km vor Jerusalem, Israelis dürfen sie laut Gesetz nicht betreten, denn sie gehört zum palästinensischen Autonomiebereich. Wir sahen im Stadtinnern palästinensische Polizisten in Uniform, nicht aber an der Grenze. Die wird von israelischen Soldaten bewacht. Und von einer ganz hohen Mauer, die noch im Bau war. Palästinensische Arbeiter baggerten gerade einen Graben quer durch eine Straße, um die Fundamente für die hohen Betonplatten zu legen. Unser Guide durfte nicht mit. Wir wurden von einer freundlichen Palästinenserin in allerbestem Deutsch empfangen. Sie hatte in der Bundesrepublik die Schule besucht und war wie ihre Schwester vom strengen Vater sechzehnjährig in die Heimat zurückgeschickt worden, hatte dort geheiratet und Kinder bekommen. Sie fuhr mit uns herum und lud uns zum Schluß in das Haus ihrer Familie ein, bewirtete uns - eine 27-köpfige Gruppe! - mit Tee, Melone, Gebäck und arabischem Kaffee. Dabei erzählte sie aus dem Alltag. "Ich bin Ihnen so dankbar. Wem kann ich sonst erzählen, was uns hier zustößt? Meine Nachbarn wissen es und wollen es nicht mehr hören." Von konfiszierten Gärten berichtete sie, über Nacht beschlagnahmt. Enteignet und gerodet und bebaut. Von der Belagerung im Jahr 2002, vom Ausgehverbot. Von der Einquartierung bei einer alten Dame, der manche Soldaten die Blumen gossen, der andere mutwillig alles zertrümmerten, was ihnen unter die Stiefel kam. Von dem Kampf mit ihren Söhnen, damit sie nicht unter die Steinewerfer gingen.

Sie war Christin und beschrieb ihre Stellung zwischen den anderen Religionen mit: Muslime und Juden vertreten das 'Aug um Auge', aber wir Christen lernen zu verzeihen. Den Andern zu lieben fällt manchmal schwer, aber respektieren kann man doch. Keine Gewalt. Noch leben fast 30% Christen in und um Bethlehem, früher machten sie die Mehrheit aus. Wem es zu schwierig wird, wandert aus. Wenn ein Christ sein Haus verkaufen will, wird er es meistens nicht einem anderen Christen überlassen, sondern an einen Muslim verkaufen, weil der einen höheren Preis zahlt. Selbst wenn dieser Muslim bisher zu den Armen gehörte, werde er plötzlich imstande sein, den höchsten Kaufpreis hinzulegen. "Solcher Vergünstigung werden wir Christen nicht teilhaftig", oder so ähnlich sagte unsere Gastgeberin traurig.

Während unser Bus auf dem Hinweg durchgewinkt worden war, mussten wir vor der Rückkehr auf israelisches Staatsgebiet aussteigen, zu Fuß durch lange Gänge wandern, uns durch mehrere quietschende Drehkreuze drängen, schließlich unsere Pässe einem hinter Panzerglas hockenden Soldaten vorzeigen. Wie waren wir erleichtert, als wir draussen ankamen und wieder unsern Bus besteigen konnten!

 

Frankfurt, 15. Mai

Diese Nacht fuhr ich auf und wußte nicht, wo ich bin: in einem Hotelzimmer in Galiläa oder in der Westbank? An einem unbekannten Ort? Und wo war mein Gepäck geblieben? Ich rekonstruierte in Gedanken den Weg meines Koffers und merkte so,  daß ich zuhause im eigenen Bett lag.

Bevor ich das Israel-Tagebuch schließe, möchte ich noch von dem Sabbat-Seder bei Abraham Moyal berichten.

Abraham Moayal wohnt im jüdischen Viertel in der Altstadt von Jerusalem, wo er auch drei Studios vermietet, am liebsten für mehrere Monate. Seine Wohnung und die Studios liegen um einen Innenhof herum. Dort bewirtet er freitags gern seine Gäste und andere Bekannte mit einem Sabbatessen.

Abraham lud mich und eine Reisegefährtin ein, und dazu zwei seiner Kinder mit Schwiegertochter und Schwiegersohn und allen Enkeln (es kamen sieben Enkel, wenn ich mich recht erinnere), die auch in Jerusalem wohnen, allerdings im westlichen Teil.

Mit meiner Reisegefährtin, die zum erstenmal Jerusalem erlebte, ging ich noch vor Sonnenuntergang hinüber bis zu der Terrasse, von wo aus man die Klagemauer überschaut, direkt darüber den Tempelberg mit seiner goldenen und silbernen Kuppel sieht, wenn man ihn sehen will, und läßt man den Blick weiter schweifen, liegt am Horizont der Ölberg mit seinen zahllosen hellen Sandsteingräbern. Die Hügellinie sinkt herab ins Unsichtbare, dort wo tief unten die judäische Wüste liegt und das Tote Meer, wie wir wissen. Darüber der Vollmond. Das schwindende Licht goß alles ins Märchenhafte.

Scharen von festlich gekleideten jungen und älteren Menschen eilten in fröhlicher Erregung die Treppen hinunter, um den Sabbat am Kotel zu empfangen. Mit allen Poren konnte man die Bedeutsamkeit der Sabbatfeier für das jüdische Leben spüren.

Abraham, kein strenger Anhänger der Religion, empfing uns herzlich, machte uns mit der Familie bekannt, stand am Herd. Schließlich war das Essen fertig und alle saßen am Tisch. Abraham trug jetzt die Kipa, gab auch zwei Enkelsöhnen eine Kipa, nahm das alte, ledergebundene Gebetbuch zur Hand und las stehend die Segnungen. Dann zupfte er mit der Hand das Brot, die Challa, einen Weißbrot-Zopf, so auseinander, daß  jeder ein Stückchen erhielt. Danach las er die Segnung über den Wein, schenkte den Erwachsenen ein und wir tranken einander zu.

Dann begann das Essen, das köstlich schmeckte, denn Abraham versteht zu kochen. Es entstanden Gespräche, und in dieser Situation war es, dass ich auf den Vergleich zwischen der mexikanisch-amerikanischen Grenze und der Mauer um Bethlehem nicht eingehen mochte.

Die Zeit verflog. Keiner von uns wird das Erlebte so bald vergessen.

Bilder aus Israel und Palästina

Angst in Nahost

Ein Anhang, ein Artikel, der seit dem Krieg gegen Libanon obsolet geworden ist.

Oder?

 

Angst in Nahost
Von Barbara Höhfeld

Der Mann, mit dem ich im April in Jerusalem ein Gespräch vereinbart hatte, riet mir am Telefon: “Nehmen Sie den arabischen Bus, er hält fast vor der Tür!” Ich erschrak, denn ich war noch nie mit dem “arabischen” Bus gefahren. Gleichzeitig verdross mich mein Schrecken, denn ich wollte keine Angst haben.
In Jerusalem verkehren zwei Bus-Systeme: das hebräische, “Egged” genannt, versorgt das jüdische West-Jerusalem. Ein oder zwei Linien wagen sich sogar  ein paar hundert Meter nach Ost-Jerusalem hinein, bis kurz vor den arabischen Busbahnhof. Von dort aus fahren arabisch beschriftete Busse in den östlichen Teil der Stadt, auch in die Westbank oder doch bis zu den Kontrollpunkten vor den “Autonomiegebieten”, wie die Westbank heute offiziell heisst.  Früher kennzeichnete die  “arabischen” Busse ihr Alter, ihre Klapprigkeit – schon ihr Anblick versprach Abenteuer, die Passagiere erinnerten erst recht an aufregende Geschichten aus Jugendbüchern: Beduininnen, die man an ihren bestickten Kleidern erkennt, Bäuerinnen mit Kopftuch, von Einkäufen beladen, alte Männer mit weissem Tuch und schwarzem Reifen auf dem Kopf. Immer waren diese Busse voll, erinnere ich mich.
Denn ich ging all die Jahre während meiner Israelbesuche mindestens einmal nach Ost-Jerusalem, immer allein, kein Israeli wollte mich dahin begleiten. Offen stand die Angst in ihren Gesichtern, Angst vor einem Messer im Rücken zum Beispiel. Ich aber brauchte keine Angst zu haben, ich war Touristin und willkommen. Die Araber in ihrer unerschöpflichen Gastfreundschaft pressten mir frische, reife  Apfelsinen zu Saft, kochten mir echten türkischen Kaffee mit Kardamom, holten mir orientalisches Gebäck vom Konditor.  Alles freundlich und für geringes Geld, verglichen mit den Westjerusalemer Preisen.  Doch in einen “arabischen” Bus, hinaus aus Jerusalem, hatte ich mich noch nie getraut.
Dieses Jahr hatte ich mir vorgenommen, ein wenig mehr als sonst die Verhältnisse aus palästinensischer Sicht zu erkunden. Jetzt merke ich, nachträglich, dass ich sie nur aus einem Blickwinkel der Angst beschreiben kann.
Der Mann, den ich zuerst sprechen wollte, war ein Deutscher im Dienst des “Forums Ziviler Friedensdienst”, das von der deutschen evangelischen Kirche eingerichtet und vom Bundesministerium für Entwickling finanziert wird, Rainer Zimmer-Winkel. Sein Büro liegt ausserhalb von Jerusalem auf der Hebronstrasse, auf dem Weg nach Bethlehem und Hebron also, beides Städte in der Westbank. Auf dieser Strasse verkehren arabische und jüdische Busse. Ich nahm einen Egged-Bus, denn ich stieg ja in Westjerusalem ein. Vor Ort fand ich ein einsames Haus ohne Klingel, mit verschlossenen Türen, und erst als ein junger Mann auftauchte, gelangte ich auch hinein: die Tür klemmte nur, man musste sie mit Gewalt aufziehen.
Zimmer-Winkel erwartete mich im ersten Stock. Zweimal kam ein Anruf während unseres Gesprächs, und beides Mal verlangte er dringend, dass der Gesprächspartner oder wer immer sich “wirklich pünktlich” zur Verabredung einstelle. In Ramallah. Dorthin werde er heute Mittag fahren, sagte er mir. “Man weiss nie, wie lange man braucht, ich muss zwei oder drei Stunden rechnen.” Für eine Strecke, die andernorts in einer halben Stunde zu bewältigen wäre. Ich fragte nach seiner Herkunft, nicht nach seiner Angst vor Unpünktlichkeit: katholischer Theologe aus Trier, ein Linker, der sich von Ungerechtigkeit aufgestachelt und vor der deutschen Geschichte verpflichtet fühlt. Wir waren uns einig über die Grundlagen für eine politische Darstellung der Verhältnisse:  die Existenz des Staates Israel  in den Grenzen von 1967; Ablehnung von Gewalt und Terror; Frieden zwischen zwei selbständigen und lebensfähigen Staaten.
Man muss sich dieser Selbstverständlichkeiten in Nahost immer neu versichern, denn jeder stellt sich gern eine eigene Ideallösung vor. Schreckensvisionen und böse Erinnerungen verwirren ständig die Köpfe.
Zimmer-Winkel empfahl mir, das “Internationale Begegnungszentrum” in Bethlehem zu besuchen, dort, wo die praktische Arbeit geleistet werde, die er hier im Büro koordiniere. Doch als ich nach anderthalb Stunden sein Büro verliess, versagte mir auf der Strasse plötzlich mein rechtes Knie den Dienst. Ich humpelte mit Mühe den kurzen Weg bis zur Bushaltestelle, vermochte dort noch mein Knie zu bandagieren, damit ich überhaupt weitergehen konnte. Der erste Bus, der vorbeikam, war ein arabischer, und er hielt nicht an, obwohl ich winkte. Der zweite war auch ein arabischer, und er hielt, wenn auch zögernd, wie mir schien. Die Tür öffnete sich, der Fahrer gab mir stumm einen Fahrschein für meine Schekel. Ich bat ihn nach einer Weile, an einer Stelle anzuhalten, die ich ihm nannte, doch er verstand mein Englisch nicht. Oder durfte er in Wirklichkeit nicht anhalten, denn es wäre in West-Jerusalem gewesen? Oder wagte er es nicht?
Ich wollte keine Angst haben, ich sah keinen Grund dafür. In dem modernen, gepflegten Bus, der ein wenig kleiner war als die anderen Busse, sassen  acht oder zehn Männer, jeder für sich. Sie trugen Anzüge ohne Schlips, sie sprachen nicht miteinander, sie blickten zu Boden. Und doch war ich sicher, dass jeder mich gesehen hatte. Ich war die einzige Frau, aber ich musste auch deswegen keine Angst haben. Alle waren an meinem Wohlbefinden interessiert, das spürte ich irgendwie ganz deutlich. Jetzt sage ich mir: es war wohl in ihrem eigenen Interesse, dass ich heil und unbefangen wieder ausstieg.  Kurz vor dem arabischen Buszentrum, an der Altstadt, hielt der Fahrer für mich an, wies auf die Taxis. Ich nickte und dankte ihm. Hier kannte ich mich  aus: am Damaskus-Tor war ich schon viele Male gewesen, hatte sogar gelegentlich dort ein Taxi bestiegen.
Es ist ein arabischer Taxistand. Alle Jerusalemer Taxis, ob im Westen oder Osten, sehen gleich aus, denn die offizielle  Richtlinie lautet: es gibt nur ein Jerusalem. Dennoch fürchten arabische Taxifahrer sich davor, in den Westen zu fahren, und jüdische Taxifahrer überschreiten die Grenze zum Osten nicht oder verweigern die Fahrt schlichtweg. Ich aber wusste: ich muss mich hier nicht fürchten. Ein Fahrer wird es riskieren, niemand verweigert hier gern einen Auftrag. Ausserdem ist es sein gutes Recht, in den Westen zu fahren. Ich glaube, ich genoss es in diesem Moment, dass ich mich nicht fürchten musste, dass ich die Angst der andern als unbegründet betrachten, ja ihnen gar Gelegenheit dazu verschaffen konnte, das selbst herauszufinden. So nahm ich geradezu mit Vergnügen den Umweg in Kauf, den der Fahrer machte, um so wenig wie möglich im Westen zu fahren: wir umkreisten fast die gesamte Altstadt, ein Anblick von nicht endender Schönheit, für den allein schon viele Besucher nach Jerusalem kommen.
Freilich musste ich bald erkennen, dass ich die tatsächlichen Verhältnisse ein wenig naiv eingeschätzt hatte. Ich wusste nicht genau, wo das Café lag, in dem ich verabredet war, nur die Strasse und die Hausnummer. Hausnummern waren aber keine zu erkennen. Der Fahrer fragte einen Ladenbesitzer nach dem Café, er sprach ein unvollkommenes Englisch mit arabischem Akzent. Der Befragte sah ihn sofort misstrauisch an und wendete sich ab. Da liess ich mein Fenster herunter und fragte noch einmal, ganz laut, mit meinem europäischen Englisch. Das Gesicht des Befragten hellte sich sofort auf, er antwortete, und alles wurde einfach. Ausser dass mein arabischer Fahrer sich gedemütigt fühlen konnte. Ich gab reichlich Trinkgeld, er fuhr eilig davon.
Noch am selben Tag kehrte ich Jerusalem wieder den Rücken, fuhr nach Tel Aviv zurück, fand dort einen tüchtigen jüdischen Arzt, der mein Knie bald wieder soweit in Ordnung brachte, das ich unbeschwert gehen konnte. Wie unbesorgt es sich doch in Tel Aviv leben lässt, verglichen mit Jerusalem!
Als ich zwei Wochen später nach Jerusalem zurückkehrte, befand ich mich in einer deutschen Reisegruppe. Im Schoss der Gruppe reiste ich auch nach Bethlehem. Diese arabische Stadt ist das Ziel von christlichen Pilgern aus aller Welt, und so werden ausländische Touristen am israelischen Kontrollpunkt nicht weiter untersucht. Wir mussten nur unseren Bus verlassen, durften ein wenig an einer Baustelle herumlaufen, wo stumme arabische Arbeiter mitten auf einer Wohnstrasse gruben und baggerten, um den Boden für die Fundamente der Sperrmauer vorzubereiten.
Bekanntlich ist die israelische Regierung dabei, eine Absperrung zwischen jüdischen und palästinensischen Gebieten zu errichten, eine Absperrung, die rund um Jerusalem die Gestalt einer gewaltigen Mauer annimmt. Wir sahen: bald werden zwölf Meter hohe, tief in den Boden verankerte Betonteile die beiden Strassenseiten voneinander trennen, und wer dann noch den Nachbar von gegenüber besuchen will, muss einen zweistündigen Weg planen, sofern er denn überhaupt beim israelischen Kontrollpunkt durchgelassen wird.  Das geltende israelische Recht verbietet Israelis den Übergang in die “Autonomiegebiete” (die ehemalige Westbank und Gasa). Palästinenser dürfen nur in Ausnahmefällen und manchmal zum Arbeiten auf das Gebiet, das die Israelis kontrollieren.
„Israelisches Staatsgebiet” müßte ich schreiben, so nennt das offizielle Israel aber nicht nur den eigenen, international garantierten Staat, sondern auch all die Gebiete, die im Laufe der Jahre rund um Jerusalem (und anderswo)  annektiert worden sind.  Jetzt, bei der Errichtung des Sperrzaunes zwischen Israel und dem Autonomiegebiet, wird noch einmal weiteres palästinensisches Land dem Staat Israel zugeschlagen. Eine flagrante Ungerechtigkeit.  Darum schreibe ich: “auf das Gebiet, das die Israelis kontrollieren”, und nicht “auf israelisches Staatsgebiet”.
In Bethlehem hatte ich mich vorher telefonisch bei Annette Klasing angemeldet, die am Internationalen Begegnungszentrum arbeitet, und ich war auf eine unwiderstehlich fröhliche Art willkommen geheissen worden. So fand ich meinen alten Erkundungsdrang wieder, trennte mich für ein paar Stunden von der Gruppe und suchte in der Bethlehemer Altstadt das Begegnungszentrum auf, ein christliches Haus, das ein finnischer Architekt  nach den Zerstörungen durch die israelische Besatzung im Jahr 2002 vorbildlich wiederhergestellt hatte, wobei er alte Mauern aufs faszinierendste mit modernen Einfällen verband.
Friedensarbeiter aus aller Welt, darunter viele Deutsche, versuchen hier auf  phantasievolle Weise gegen die Angst bei der ansässigen Bevölkerung anzukämpfen. In Gruppen wird Konfliktbewältigung geübt, künstlerischer und anderer Ausdruck ermöglicht; wie lernt man, den anderen zu vertrauen? Frauen können sich hier fortbilden, Jugendliche den Umgang mit dem einüben, was anders ist. Bethlehem, einst überwiegend christlich, hat heute eine grosse muslimische Bevölkerung (etwa 70%). Die Religionsgruppen gehen achtsam miteinander um, erfuhr ich, doch reicht es nicht zum Fraternisieren. Mischehen werden vor allem von Christen nicht gewünscht, während ein muslimischer Mann sehr wohl eine Christin ins Haus bringen darf, die dann selbstverständlich Muslimim wird. Im Begegnungszentrum hat man gelernt, dass bei  Jugendlichen und Heranwachsenden die Gruppen nach Geschlechtern getrennt werden müssen, die christlichen Mädchen kommen sonst gar nicht. An Emanzipationsfragen seien fast nur muslimische Mädchen interessiert, berichtete Annette Klasing mit Bedauern in der Stimme für die, die nicht teilnehmen. Im Kunstatelier sah ich eine Schwedin den nächsten Kurs vorbereiten.
Ich hätte länger bleiben können, den ganzen Tag, aber eine Unruhe trieb mich zurück zur Gruppe. Jetzt weiss ich, dass ich mich zu sehr gefürchtet hätte, allein durch den Checkpoint gehen zu müssen. Im Begegnungszentrum gibt es ein bequemes Gästehaus. Ob ich mich einmal trauen werde, ein paar Tage dort zu bleiben?
Zusammen mit der Gruppe erlebte ich danach einen Besuch im Wohnzimmer einer christlichen Palästinenserin namen Chadra, die perfekt Deutsch sprach, weil sie in der Bundesrepublik aufgewachsen war. (Mit 16 gegen ihren Willen zurück in die Heimat geschickt, damit sie ja nicht den falschen Mann heirate!) Sie erzählte lebhaft von den Hoffnungen und Verzweiflungen der letzten 20 Jahre in Bethlehem. Nebenher wurden wir bewirtet: Melone und Kuchen, Wein und Kaffee machten die Runde. Ihre Geschichten liessen uns eintreten in ihre Ängste und Erfahrungen. Wie überzeugte sie ihren Sohn, dass er sich nicht am Steinewerfen auf Israelis beteilige? “Die andern schimpfen mich einen Feigling!” protestierte er. Die Mutter antwortete: “Wenn ihr vor dem Schulgebäude mit Steinen werft, werden sie die Schule schliessen!” Die  israelische Armee fuhr nämlich immer kurz vor Unterrichtsende vor der Schule auf, was die Schüler als Provokation ansahen. Von vielen anderen Ereignissen sprach Chadra, auch über die willkürlichen Enteignungen von Gärten und Ländereien durch die Israelis. Wie ertrug sie all die Ungerechtigkeiten? Dank ihres Glaubens, sagte sie. Darum könne sie  Versöhnungs-Bereitschaft mit ihrem Zorn in der Waage halten.
Beim Passieren des Kontrollpunkts auf dem Rückweg mussten wir zu Fuss etwa einen halben Kilometer von neon-beleuchteten Gängen durchlaufen, mussten uns durch drei mannshohe Drehkreuze winden und zuletzt unsere aufgeschlagenen Pässe dem Wachhabenden hinter dem Panzerglas entgegenstrecken. Einige Palästinenser, die sich mit uns in der Schlange fortbewegten, wurden hier abgewiesen und verschwanden stumm durch eine rückwärtige Tür. Wie tief atmeten wir auf, als wir auf der andern Seite endlich hinaustraten, unseren vertrauten Bus wieder erblickten!
In diesem Moment wurden sich alle ihrer Angst bewusst, nicht nur ich. Während meine Landsleute aber hauptsächlich den Kopf schüttelten und sich wohl auch überlegen fühlten, weil “wir bei uns” die Mauer glücklicherweise überwunden haben, gingen mir Rainer Zimmer-Winkels Prioritäten für Nahost durch den Kopf: wer Frieden will, muss zuallererst die Angst bekämpfen. Ängstliche Menschen fürchten sich vor Veränderungen.
 

Fassung vom 13. Juli 2006



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