DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

2012

Städtepartnerschaft zwischen Mörfelden-Walldorf und Vitrolles

(Bericht von Barbara Höhfeld an die Mitreisenden, nicht veröffentlicht)

 

 

Wenn Partner reisen ....

 

 

Mit unterschiedlichen Erwartungen flog die Delegation aus Mörfelden-Walldorf - bestehend aus Otto Schaffner, Haiko Emmel, Rainer Kemmler, Marco Weil, Barbara Höhfeld - an Fronleichnam in die Provence, zu den Künstlern der Partnerstadt Vitrolles. (Der Bürgermeister Heinz Becker und sein Dolmetscher Heimo Borschart kamen erst am Samstag nach.) Erste Überraschung: einfacher Werktag. Die zweite: ein wohlige Wärme um die 24° C, die auch die ganzen vier Tage anhielt. Die dritte: eine überwältigende, herzliche Gastfreundschaft. Die Deutschen lernten rasch, ihr Französisch zu verbessern, die Sprachbarriere sank und sank. Ein Wort, das bald alle verstanden: La convivialité. Wie man miteinander lebt, in Aufmerksamkeit für einander, mit einem Lächeln, das immer persönlich gemeint war.

Die zwei ausstellenden Maler – Haiko Kurt und Reiner Kemmler – beeindruckten die Besucher der Eröffnung mit jedem ihrer Bilder. Es waren viele Menschen zur Eröffnung gekommen, im Saal drängelte sich die Menge. Der Performer Marco Weil schaffte es mal wieder, die Zuschauer mit seiner Darbietung zu verblüffen, so sehr, dass noch lange danach darüber diskutiert wurde, ob das nun „Kunst“ sei oder nicht. Als Dolmetscherin mitgereist, las Barbara Höhfeld einige eigenen Gedichte vor, die ebenfalls auf Interesse stießen, so dass im nächsten Jahr wohl auch der eine oder andere Literat aus Vitrolles mit nach Mörfelden-Walldorf kommen wird. Denn das ist abgemacht: übers Jahr erwidern die Vitroller den Besuch hier in Mörfelden-Walldorf.

In Vitrolles bot sich der Delegation ein breites Panorama von der provenzalischen Krippe zur europäischen Hubschrauberfabrik bis hin zur künstlerischen Früherziehung von Kindern und Jugendlichen dar. Sie machte einen Ausflug zur Kirche Notre Dame de la Garde, die über den Alten Hafen von Marseille wacht. (Vitrolles ist praktisch ein Vorort von Marseille.) Am letzten Abend wohnte die Delegation bei Joël Roussin, einem Bildhauer, dem Brennvorgang von Tonfiguren bei; in einem Gasofen wurden die kleinen Skulpturen innerhalb einer Stunde gebrannt, und nach dem Essen den Mitgliedern der Delegation als Geschenk mitgegeben!

Unter dem Motto „Vivre ensemble“ unternimmt die Stadt Vitrolles große Anstrengungen, um das friedliche Miteinander ihrer ca. 36.000 Einwohner zu fördern. Ein Aspekt ist die künstlerische Früherziehung, ein anderer sind die Volksfeste, die von den zahlreichen Vereinen oder ihren Dachverbänden organisiert werden. „Maison pour tous“, Haus für alle, hieß ein Verband, zu dessen Fest die Delegation am Sonntag eingeladen war, wo sie mit großem Wohlwollen empfangen wurde.

Die beiden Bürgermeister besprachen ausführlich die zukünftigen gemeinsamen Vorhaben und wurden dabei von Heimo Borschert als Dolometscher sachkundig unterstützt.

 

 

(Foto von der Kinderkunst-Ausstellung - Unterschrift:)

Über den Umgang mit Zeichenstiften, mit Farben, mit Textildesign, mit Volumen lernen die Kinder und Jugendlichen, ihrem Alter gemäß, in der Schule und in der kommunalen Kunstschule von professionellen und begeisterten Lehrern so viel, dass man fast ein bisschen neidisch werden könnte!

 

 

Dieser Bericht erschien am 8. November 2012 in der Kulturbeilage des "tageblatt" (Luxemburg)

Frankfurter Buchmesse 2012:

 

EIN PERSÖNLICHER RÜCKBLICK

von Barbara Höhfeld

 

Waren wieder mehr Besucher da als im letzten Jahr? Ja, aber nur dank des Wochenendes, wo jeder reinkommt und sehr sichtbar auch die „CosPlay“-Kinder zu ihrem Kostümwettbewerb antreten. Die Woche über kamen 1,6% weniger, ich kam mir nicht so bedrängt vor wie sonst. Insgesamt zählte man 281.753 Besucher. Es bleibt die meist besuchte Buchmesse der Welt. Die Zahl und die Arbeit der Agenten hat hingegen um 4,4% zugenommen, es waren 100 Agenten mehr da als 2011! Die Verlage verhandeln zunehmend eher mit Agenten als mit den Autoren (oder Rechte-Inhabern) selbst.

Die Buchmesse bot Sonderveranstaltungen an wie zum Beispiel die „Frankfurt Academy“ oder das „StoryDrive“, für die ein Teilnehmer mehrere hundert Euro hinblättern musste. Es handelte sich um außerakademische fachliche Fortbildungen: die Frankfurt Academy richtet Kongresse und Fachveranstaltungen aus (übrigens ganzjährig, nicht nur zur Messe), sie nennt sich das „Global Mind Network“. Bei StoryDrive geht es konkret um die „optimale Verwertung und Vermarktung von Stoffen“. Ich habe beide dieses Jahr ein wenig links liegen lassen, weil mich anderes mehr anzog.

Die Fachbesucher trafen sich die Woche über auf unendlich vielen Partys, hörte ich, oder las es; die „taz“ behauptete gar, die Buchmesse weise den zweitgrößten Alkoholkonsum nach dem Oktoberfest auf. Davon kann ich auch nichts erzählen, weil ich nicht dabei war. Ich war dort, wo es um Antworten auf Fragen ging, die gleichfalls auf der Messe gestellt wurden: Wer hat Angst vor dem Urheberrecht? Wie behaupten sich Schriftstellerinnen in Neuseeland? Wie verkaufen sich Bücher im subsaharischen Afrika? Wird das Buch im Digitalen neu auferstehen? Oder untergehen? Wie sieht die Zukunft des Buches aus?

 

Zukunft und Elektronik

Etwas, das offenbar nicht unterzukriegen ist: eine Geschichte. Die Faszination des Geschichtenerzählens bleibt unwiderstehlich. Gekämpft wird um das Medium; das Medium verleiht der Geschichte seinen eigenen Zauber, der besonders auf die Jugend wirkt. Das Medium glänzt vor Neuheit und wird so ein wenig mit der Geschichte verwechselt. Aber war das früher anders? Verschwamm im Grunde nicht schon immer die Grenze zwischen Geschichte und Medium? War für die kindliche Aufmerksamkeit die erzählende Oma nicht einst grade so wichtig wie es heute die Bildschirme sind?

Schauen wir uns die Sache nüchtern an: Der Buchumsatz für das E-Book hat sich in deutschsprachigen Ländern im vergangenen Jahr zwar verdoppelt: er ist von 1% auf 2% des Gesamtumsatzes gestiegen; doch scheint das immer noch fast nichts im Vergleich zu den britischen oder US-amerikanischen Zahlen. Dort strebt der E-Book-Umsatz den 20 Prozent zu.

Die Zahl der Buchhandlungen (sie werden in den Verlautbarungen des Börsenvereins „stationäre“ Buchhandlungen genannt) nahm zwar gleichzeitig um 5-6% ab, doch wurden auch neue Buchhandlungen gegründet. Die Großflächen verschwinden, dafür entstehen kleinere, persönlich mit Einfallsreichtum und Sachverstand geführte Läden. Dr. Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, und Jürgen Boos, Buchmessendirektor, waren sich auf der Pressekonferenz einig: die Elektronik macht weitere Fortschritte, doch das, worauf es wirklich ankommt, sind die Inhalte, und im Content bestehe vor allem das Kapital der Buchbranche, das mit Hilfe von Fantasie und Zielstrebigkeit fruchtbar gemacht werden kann. „Content“: das ist nicht nur das, was in den Büchern steht, sondern auch das, was die Kreativen im Kopf haben.

Der geringe Absatz von E-Books in Europa hängt mit der Dichte der Buchhandlungen zusammen, überdies aber auch mit der Buchpreisbindung, die wiederum die Buchhandlungen schützt. Buchpreisbindung bedeutet, dass kein Händler ein Buch unter einem festgelegten Preis abgeben darf. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels sucht derzeit Verhandlungen mit der Bundesregierung darüber, wie sich die Buchpreisbindung für E-Books auch über die Grenzen hinaus sichern lässt. So wurde zustimmend die französische Kulturministerin zitiert, die geklagt hatte, dass „ein Mediengigant wie Amazon in Luxemburg nur 3% Mehrwertsteuer“ zahlen müsse, eine Regelung, die ortsansässige oder benachbarte Buchhandlungen benachteiligt, weil sie die Buchpreisbindung unterläuft und derart eine unlautere Konkurrenz ermöglicht. Frau Modert, die luxemburgische Kulturministerin, erwähnte ihrerseits diese Bemerkung bei der Pressekonferenz am luxemburgischen Stand mit einem missbilligenden Unterton, da sie die Beanstandung des niedrigen Steuersatzes vor allem als Kritik an ihrem Land auffasste. Dr. Honnefelder sagte dazu: „Der stationäre Buchhandel ist mehr als nur ein Vertriebsweg, denn Literatur entsteht in Wechselwirkung mit der Kultur ihrer Verbreitung.“

 

Der Luxemburger Stand

 

Der Luxemburger Stand präsentierte sich dieses Jahr in einem völlig neuen und sehr edlen Gewand: weit und offen, schwarz mit hellroter Schrift. Nicht nur die „Föderierten“ waren zugegen, wie es ausgedrückt wurde, sondern auch die Nicht-Föderierten, was im Grunde hieß, dass jeder Luxemburger, der sich auf der Messe mit einem Buch präsentieren wollte, Gelegenheit dazu bekam. Auf einem breiten Flachbildschirm lief ein gut gemachter Werbefilm, der alle Luxemburger Schönheiten mit geübter Kameraeinstellung zur Geltung brachte. An der traditionellen Pressekonferenz am Donnerstag, dem 11. Oktober, nahmen Kulturministerin Modert, der Vize-Präsident des Verlegerverbandes, Herr Zumkötter, und der Präsident der Buchhändlervereinigung, Herr Ernster, teil; die drei legten besondere Betonung auf die neu gefundene Eintracht aller Beteiligten, und wie die Ministerin sagte, reiche die Einigkeit auch über den Stand auf der Frankfurter Buchmesse hinaus. Es klang eine tiefe Befriedigung aus ihren Worten, nachdem es in den vergangenen Jahren so viel Streit gegeben hatte. Deutlich war zu spüren: alle wünschten sich Frieden. Es wurden Pläne deutlich: die Luxemburger Verleger wollen sich künftig auch an kleineren Festivals beteiligen, wie z.B. an der „Karlsruher Bücherschau“.

Die „Shortlist“ für den „Lëtzebuerger Buchpräis“ wurde bekannt gegeben, vier Namen für jede Kategorie (Bild und Kunst, Literatur, Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch). Diejenigen Neuerscheinungen, die sich sichtlich gut verkaufen, kamen a priori auf die Shortlist (wie “Die große Hatz“ von André Link, bei der die erste Auflage schon fast ausverkauft ist). Die Kunden der Luxemburger Buchhandlungen hatten danach bis 27. Oktober Zeit, sich in jeder der vier Kategorien ihren besten Autor auszusuchen. Die Preisträger werden am 15. November zu den „Walfer Bicherdeeg“ bekannt gegeben. Unter den Kommentaren der einzelnen Jurymitglieder trat besonders nachdrücklich ein Wunsch hervor: die Luxemburger Kinder- und Jugendbücher brauchten einen neuen Elan, neue Autorinnen und Autoren, jedenfalls mehr Qualität! Dabei dachten die Jurymitglieder gewiss an die Kinder in Luxemburg; darüber hinaus aber sollte man gerade in Frankfurt nicht vergessen, dass sich Lizenzen für gute Jugendbücher auch verkaufen lassen.

 

Kinder- und Jugendbücher

 

Denn Kinder- und Jugendbücher wurden schon vom Beginn der Buchmesse an als ein wichtiges Thema, besser: ein sehr erweiterungsfähiges Marktsegment herausgestellt. Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz trat sogar ein US-amerikanischer Verleger auf, der die Vorzüge der Elektronik-Erzeugnisse besonders für kleine Kinder pries. Interaktiv hieß eins seiner Zauberworte, Babys seien „intuitive E-readers“! Er sah einen ungeheuer weiten Markt sich eröffnen, mit dessen Hilfe man schon die Allerkleinsten mit Mischungen aus Bildern, Erzählungen, Musik erreichen und sie an die elektronischen Geräte gewöhnen könne.

Mir fiel beim Zuhören Manfred Spitzer ein: das ist ein Gehirnforscher, der zu der Erkenntnis gelangte, dass Computer und Handys für das heranwachsende Gehirn außerordentlich schädliche Folgen haben. Sein jüngst erschienenes Buch „Digitale Demenz“ hat einen Sturm der Entrüstung in der Medienwelt ausgelöst, es werden ihm wütende Vorwürfe gemacht, die aber, soweit ich sehen kann, immer wieder außer acht lassen, dass Spitzer vom heranwachsenden Gehirn spricht, von Kindern und Jugendlichen, und keineswegs von Erwachsenen. Er verteufelt nicht die Elektronik, sondern ihre Anwendung für Kinder und nicht-erwachsene Menschen.

Gerade damit stört er einen sich weltweit ausdehnen wollenden Markt.

Nach dem „Spiegel“ und dem „Stern“ gibt nun auch die ZEIT eine Kinder-Zeitschrift heraus, den „Leo“, bestimmt für Kinder ab 8 Jahren und von der „Stiftung Lesen“ empfohlen, wie vorne drauf steht. Nun ist ja der Bildungs- und Wissensstand der Kinder je nach Herkunft extrem unterschiedlich; diese Kinder-Zeitung richtet sich vor allem an die gebildeten Schichten. Da denkt doch bei der Abschaltung eines Atomkraftwerks ein Kind auch „gleichzeitig an die vielen Menschen, die nun keine Arbeit mehr haben würden.“ Welches Kind tut sowas, wenn man es ihm nicht vorsagt? Im übrigen handeln praktisch alle Artikel der Nummer 3 von der Gegenwart, der Blick auf die Vergangenheit endet mit „Star Wars“. Außerdem wird von Kindern erzählt, deren Vater in Afghanistan im Krieg ist. Dabei geht es vor allem um die Angst und die Aufregung der Kinder, denn die eigentliche Tätigkeit des Vaters muss „geheim“ bleiben.

Ist Atomkraft gut oder böse? Ist Krieg gut oder schlecht? Müssen wir solche Fragen unseren Kinden aufbürden? Ab acht Jahren??

Übrigens ging ein „deutscher Wirtschaftsbuchpreis“ an ein Werk mit dem Titel: „Die Ökonomie von Gut und Böse“.

In den Zusammenhang passt auch die Frage nach Afrika und dem Erbe der europäischen Kolonisation.

 

Das subsaharische Afrika

 

Afrika ist immer ein Thema - anziehend oder abschreckend, je nach Vorwissen.

Die Gesprächsrunde afrikanischer Verleger zum Buchmarkt im subsaharischen Afrika zeichnete folgende Verhältnisse: Bücher im traditionellen Sinne werden an den wenigsten Orten produziert oder auch nur verkauft. An ihrer Stelle bietet sich ein elektronischer Zugang an. Ben Williams, Verleger aus dem englischsprachigen Südafrika, rief begeistert: „In ganz Afrika gibt es mehr Handys als Menschen. Auf jedes Handy, ganz besonders auf die Smartphons, lassen sich Inhalte herunterladen. Was uns vor allem fehlt, ist Content! Schafft uns Content herbei!“

Die frankophone Verlegerin, Yasmin Zahra Issaka-Coubageat aus Togo, sah die Dinge nicht so rosig. Im Frankophonen herrsche Paris. Zum Beispiel beschrieb sie, dass französische Verlage ungern Lizenzen an afrikanische Verleger vergeben. Als seien sie noch immer die Kolonialherren und wollten die Bücher lieber selber liefern. Die Folge ist, dass sich der englischsprachige Teil Afrikas lebendiger zu entwickeln scheint. Es hieß, dass manche Länder sogar erwägen, ihre Amtssprache vom Französischen auf das Englische umzustellen.

Ähnliche Eindrücke gewann ich auch aus meinen eigenen Erkundungen: Ben Williams aus Südafrika vertrat den Blog www.bookslive.co.za. Diese Adresse können Sie, Leser oder Leserin, im Handumdrehn auf Ihrem Computer aufrufen und befinden sich augenblicklich auf einem wahren Jahrmarkt der afrikanischen Literatur, mit einem Terminkalender für die verschiedensten Länder. Die Franzosen ihrerseits verteilten eine sehr elegant designte Karte mit dem Titel „Digital Africa“, auf der ebenfalls eine Webadresse stand: www.institutfrançais.com. Auch diese lässt sich aufrufen – nicht ganz so schnell wie der afrikanische Blog – doch dort finde ich dann Sätze wie diesen: „Il est important de prendre en compte les pratiques et les volontés politiques mises en oeuvre sur les territoires africains pour mieux comprendre ...“ Les territoires!! So sprechen Kolonialisten. Und wer da „mieux comprendre“ soll, ist gewiss kein Afrikaner. Merken die Pariser das nicht?

Dass Afrika im Umbruch steht?

 

Das WEB

 

Im Zusammenhang mit dem Internet gibt es immer wieder Streit in bezug auf das Urheberrecht, etwa im Kampf gegen Piraterie. Als Ärgernis empfinden viele auch die „Abmahnkanzleien“, das sind Rechtsanwälte, die sich auf behauptete Verstöße gegen das Urheberrecht spezialisieren und nichtsahnende Leute mit Forderungen über Tausende von Euros überfallen.

Ich führte ein hochkonzentriertes Gespräch mit dem Internetspezialisten Sascha Lobo, einem Bloghusaren gewissermaßen. Es ging mir um die Frage: was bedeutet es, wenn ich was ins Internet stelle? Zum Beispiel bastelte man sich früher Collagen aus Zeitschriften-Fetzen oder -ausschnitten, man stellte mit dieser Collage ein eigenes, neues Kunstwerk her, es existierte nur ein einziges Mal, und niemand fand urheberrechtlich daran etwas auszusetzen. Wenn ich aber eine vergleichbare Collage auf Facebook veröffentliche (sowas heißt heute „mashup“), dann bekomme ich Schwierigkeiten. Ist das nicht normal? Ist es denn nicht „veröffentlicht“?

Nach meinem Gespräch mit Sascha Lobo habe ich etwas dazugelernt: In der Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, hat sich ein anderes Selbstbewusstsein entwickelt. „Facebook“ wird genauso aufgefasst, wie wir Alten früher unser Fotoalbum oder unsere Diaschau verstanden: als Teil unseres Selbst, als eine eigene Ausdrucksform des Individuums - es gehörte damit in den privaten Bereich. Dieselbe Funktion übernehmen heute ein „Blog“ oder ähnliche Formen. Große Wellen von Emotionen verstecken sich darin. Wie es mir ein anderes Mitglied der jüngeren Generation erläuterte: die Selbstdarstellung im Internet helfe gegen die Einsamkeit. Darum wird es schwer und letztlich unmöglich sein, sie zu verbieten. Und wenn noch so viel urheberrechtlich Geschütztes sich darin tummelt. In Lobos Worten: Der Staat solle sich nicht ins Private einmischen. – Tja, wie privat ist das Internet? Die Frage blieb offen, doch verändert sich darin die Perspektive.

Im übrigen gilt das Urheberrecht selbstverständlich auch im Netz und bedarf darum keiner wesentlichen Veränderung – darin waren sich Autoren und Verleger einig.

 

Wie weit weg ist Neuseeland?

 

„While you were sleeping“ hieß das Motto der Neuseeländer für den Gastlandpavillon, in dem sie ihre Nation vorstellten. Der Besucher trat ein in eine dunkle Nacht mit Sternen und viel Wasser.

Neuseeland besteht aus zwei großen Inseln und unzähligen kleinen; die beiden Hauptinseln sind zusammen ungefähr 1.600 km lang und maximal 450 km breit. Von der Nord- zur Südinsel muss man mindesten 23 km Wasser überwinden. Der nächste größere Nachbar ist Australien, man fliegt nicht weniger als 3 Stunden, um dorthin zu gelangen. Neuseeland gehört geografisch zu keinem der fünf Kontinente, politisch zum Commonwealth. Die englische Königin ist Staatsoberhaupt. Das demokratische Königreich lebt bikulturell mit den zwei Amtssprachen Englisch und Maori; auf Maorisch heißt das Land Aotearoa. Teile der Inseln befinden sich auf dem Globus genau gegenüber von Spanien. So entstand das Wortspiel „down under“.

Die berühmteste Schriftstellerin ist Katherine Mansfield (1888-1923). Seither haben sich Literatur und Kunst mächtig entwickelt; der Markt umfasst Werke von europäisch-stämmigen Künstlern ebenso wie von maorisch-stämmigen. Die Maoris kamen freilich viel später zum Schreiben, weil sie in einer rein oralen Tradition lebten. In Frankfurt zeigte sich das noch daran, dass sie gern sangen; sogar eine neuseeländische Gesprächsrunde über Frauen in der neuseeländischen Literaturszene endete mit einem Gesang der maorischen Vertreterin. Das Ergebnis der Gesprächsrunde lief darauf hinaus, dass Frauen sich heute völlig gleichberechtigt in Neuseeland behaupten.

Ich besuchte zwei Ausstellungen – hier meine Eindrücke:

Ein Russe emigriert nach Neuseeland. Als ausgebildeter Musiker rechnet er auch dort mit Erwerbsmöglichkeiten.

Doch in Neuseeland schlägt ihm die Freiheit entgegen. Sie ist unerwartet, und er begreift, dass Freiheit etwas anderes als klassische Musik bedeutet. Er beginnt zu malen. Die Malerei wird sein neuer Beruf, Raffael sein neues Vorbild. Er schaut persönlich in den Uffizien in Florenz nach, wie Raffael seine Temperafarben aufgetragen hat, um danach seinen eigenen Fantasien Gestalt zu geben. Einmal unterwegs, hält er sich in Japan auf. Bei den Japanern entdeckt er Formen wie nirgendwo sonst. Er greift sie auf. In Frankfurt zeigt er Fotos von bekannten Politikern, die er mit japanisch inspirierten Masken bemalt hat. „Es gibt im pazifischen Raum Musik ohne Strukturen,“ sagt er, „ohne das Taktsystem.“ Nick Faedew steckt mitten in der Entdeckung dieser neuen Welt, in der Entdeckung ungeahnter Zusammenhänge.

Ein paar Häuser weiter, im Museum der Weltkulturen, stellte ein Neuseeländer seine „Fanzine“ aus. Das sind selbtskopierte Heftchen mit gezeichneten, handgeschriebenen oder gedruckten Beiträgen. Bryce Galloway trat bei der Eröffnung der Neuseeland-Ausstellung als Vertreter der Fanzine-Kultur auf, die in Neuseeland als Gegenkraft zum Internet aufgefasst und von Bibliotheken unterstützt und gesammelt wird. Galloway erzählt in einem scheinbar ununterbrochenen Redefluss vom Alltag, von Trivialitäten, so kam es mir beim Lesen vor. Mit der Zeit aber merkte ich, dass es ihm bei seinem leichten Daherreden über seine Frau, über die Leute, über seine persönlichen Reaktionen auf Begegnungen unmerklich gelingt, ein ausgeglichenes Beziehungsnetz darzustellen, eine Balance nach allen Seiten hin zu schaffen. Er hielt Lobpreisungen auf die Frankfurter Museumsdirektorin, die ihn eingeladen hatte, ebenso unbefangen, wie er Gespräche mit Bekannten über deren Vasektomie wiedergab, mitsamt dem unwirschen Rat von Freunden: „Sowas fragt man doch nicht!“ (Doch wo läse man sonst über die Erfahrungen von Männern mit Vasektomie, also nach der Durchtrennung ihrer Samenstränge, Männer, die von unbekümmertem, kinderfreiem Sex träumten?) Seine Prosa strahlte etwas tief Erholsames aus.

Neuseeland feierte große Erfolg in Frankfurt. An einem Stand lud es alle Studenten der Welt zu einem Studienjahr nach Neuseeland ein; vom anderen Ende der Welt eröffne sich nicht nur ein ganz neuer Blick auf den Globus, sondern die Unis und Kunstschulen von Aotearoa hätten auch sehr viel Eigenes zu bieten, von den unglaublichen Naturschönheiten gar nicht zu reden. Auch wenn es nur um der ganz besonderen Freiheit willen wäre: eine solche Reise könnte sich lohnen.

 

Liao Yiwu, Friedenpreisträger des deutschen Buchhandel 2012

 

Liao Yiwu stammt aus China und hat vor einem Jahr Zuflucht in Berlin gefunden. „Deutschland ist meine geistige Heimat“, sagte er; denn in China wurde ihm jede Veröffentlichung verboten. In Deutschland erschienen von Liao Yiwu u.a.: „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ (2009), „Für ein Lied und hundert Lieder“ (2011), „Massaker: frühe Gedichte“ (28 Seiten, 2012), „Die Kugel und das Opium“ (592 Seiten, 2012).

Am 12.Oktober stellte er sich den Fragen der Pressekonferenz, auf Chinesisch, denn er kennt sich nur im Chinesischen aus; seine wunderbare Dolmetscherin, Frau Imai Guo, übertrug ohne Zögern und ohne Stolpern alles in beide Richtungen. Die erste Frage hieß: Wieso schrieben Sie das Gedicht „Massaker“, bevor das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz tatsächlich stattfand?

Liao Yiwu antwortete: Damals war ich ein Dichter und ein Anarchist, einen politischen Standpunkt hatte ich gar nicht, nur Wut.

Liao schrieb das Gedicht einen Tag vor den Ereignissen, doch als sich seine Befürchtungen bewahrheitet hatten, da tat er alles, um den Text zu vervielfältigen und zu verbreiten. Ein halbes Jahr später wurde er deswegen verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Dort erlebte er Folter und viele Arten von Gefängnis-Brutalität; er wurde krank, er versuchte sich umzubringen; aber schließlich schrieb er auf, was ihm begegnete. „Das Gefängnis macht den Mensch zum Hund.“ Woher er die Kraft zum Schreiben genommen habe? Er musste alles aufschreiben, um seine Existenz zu beweisen, er wollte nicht einfach verschwinden, als hätte er nie gelebt. „Die Ängste im Herzen gaben mir Kraft.“ Und mehr als Kraft, eine unglaubliche Zähigkeit hat er für das Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ gebraucht, nachdem ihm das Manuskript zweimal bei Hausdurchsuchungen weggenommen worden war und er erst die dritte Fassung des Buches außer Landes schmuggeln konnte. Der deutsche Verlag wartete dann solange mit der Veröffentlichung, bis Liao endlich 2011 die Flucht gelang.

Natürlich wurde er auch nach seiner Meinung zum Nobelpreis für Literatur gefragt, der dieses Jahr an seinen Landsmann Yo Man geht. „Yo Man gilt uns als Regime-Autor, er hat ein diffuses Wertesystem.“ Durch seine technische Fertigkeit gewinne er Macht, doch die Wahrheit komme dabei zu kurz. Und: „Die offizielle Kultur ist nicht meine.“

„Für mich steht die Wahrheit höher als die Literatur.“

Das Massaker vom 4. Juni 1989 bedeute einen tiefen Einschnitt in Chinas Geschichte: vorher habe die Demokratie gezählt, seither zähle nur noch das Geld. Und dennoch: in Hongkong werde die Erinnerung an den 4. Juni feierlich begangen!

Die eigentliche Verleihung des Preises am Sonntag in der Paulskirche wurde zum Höhepunkt der ganzen Buchmesse. Für die tausend Gäste bedeutete die Rede, die Liao Yiwu auf chinesisch hielt und die, wer wollte, auf deutsch mitlesen konnte, eine Stunde der Besinnung und des Erschreckens, rief ein Gefühl der Hilflosigkeit und des unwiderstehlichen Berührtwerdens hervor. Alle Mitlesenden wussten immer ungefähr, wo der Redner grade war, denn sechsmal insgesamt sagte er auf Deutsch: „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen,“ und dieser Satz wurde in der deutschen Druckfassung jedesmal hervorgehoben.

War das diplomatisch? Diese Frage hat sich gewiss mehr als ein Besucher gestellt. Dem Vorsteher des Börsenvereins - d.h. des Buchhandels! – war bei seiner Begrüßung am Beginn gar ein Seufzer entwichen, als er den Preisträger, als letzten unter den namentlich angesprochenen Honoratioren, nannte, und nach der Rede verstand ich ihn ein wenig.

Und doch. Liao Yiwu endete seine lange Rede, in der er das Übel, die unendliche Zahl von Übeln, vor allem in der schieren Größe des heutigen chinesischen Staates begründet sah, mit einem Lied an „Die Mütter von Tian’anmen“, das er geschrieben hat und das er nun selber zum Klang zweier Klangschalen vorsang. Aus dem Lautsprecher beteiligten sich noch eine Flöte und Menschenstimmen; die Flöte war das Instrument, das er im Gefängnis zu spielen gelernt und mit dem er sich nach dem Gefängnis lange seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdient hatte. Schließlich tönten noch alle Frankfurter Mittagsglocken von draußen her mit und verliehen dem Ganzen erst recht die Aura dessen, das keinen Widerspruch erwartet. Niemand widersprach, denn alle wussten: Liao Yiwu hat recht; seine offensichtliche Bescheidenheit bürgte für ihn. In seltsamer Beklommenheit verließen die Menschen den Saal.

Rechts und links neben dem Rednerpult standen wie üblich Blumen. Diese Blumen waren hinter einen Drahtzaun gesperrt. Das ganze war eine „Ikebana-Skulptur“ mit dem Titel (Zitat): „Mit jedem Aufwogen der Zeit stürzt das ihr innewohnende Gefängnis ein, und die hohen Mauern stellen bald kein Hindernis mehr dar.“ (Übersetzt von Karin Betz)

Über einige Bücher, die mir wichtig waren, schreibe ich im Dezember.

 

Frankfurt, den 20. Oktober 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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