DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

2005

Wahr oder unwahr?

Religionen handeln von Wahrheit und Unwahrheit. In der katholischen Kirche entscheidet der Papst über "wahr" und "unwahr", er allein, das macht ihn attraktiv für die Medien; man weiss, woran man ist.

Juden und Muslime dagegen leisten sich viele "Oberhirten"; diese müssen sich von Fall zu Fall innerhalb einer Versammlung auf eine Meinung einigen. In Israel ist Religion ein Teil des Staatsauftrages. Es gibt zwei Oberrabbiner gleichzeitig, einen für Sepharden (orientalische Juden), einen für Aschkenasen (europäische Juden), da diese Gruppen unterschiedliche Rituale pflegen. Die beiden Oberrabbiner einigen sich schnell. Sie lehnen jedoch jede Zuständigkeit für andere Gruppen wie etwa die "Reformjuden" ab, während diese, besonders zahlreich in den USA, sich selbst als vollgültige Vertreter der jüdischen Religion verstehen. Für alle gilt: jeder Rabbiner verfügt über einen weiten Interpretationsspielraum. Ein frommer Jude wird sich immer an den Rabbi seiner eigenen Gemeinde wenden, wenn er wissen will, was richtig oder falsch ist.

Die israelische jüdische Bevölkerung ist in in ihrer Mehrheit säkular, nicht religiös. Doch fühlen sich alle der jüdischen Kultur und Geschichte verpflichtet. Auch die Geschichte kennt den Unterschied zwischen "wahr" und "unwahr"; über die Wahrheit der jüdischen Geschichte wacht die säkulare Regierung.

Ein verwirrendes Bild! Es wird umso verwirrender, je tiefer ich in die Fakten- und Meinungswelt hinabtauche. Wenn ich mich hier unterfange, von solchem Tauchgang zu berichten, so auch, um meine eigene Verwirrung zu überwinden.

In Jerusalem entdeckte ich im jüdischen Viertel der Altstadt ein "Informationszentrum Tempelberg", das ganz offen den Bau des "Dritten Tempels" propagiert.

Bekanntlich baute König Salomon etwa 1.000 vor Chr. den ersten Tempel auf einem Jerusalemer Felsen, dort, wo nach der Überlieferung Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Dieser Tempel wurde 587 vor Chr. von Nebukadnezar zerstört. 515 weihten die Juden einen zweiten Tempel an derselben Stelle ein. Dieser wurde 167 von Eindringlingen entweiht, 165 wieder in Gebrauch genommen, aber 40 vor Chr. von Herodes neu und prächtig ausgebaut. Herodes konstruierte ein ebenes Plateau um den heiligen Felsen, das heute noch besteht. 70 nach Chr. zerstörten die Römer den jüdischen Tempel, um an derselben Stelle einen eigenen zu errichten, dem nach der Christianisierung eine Kirche gefolgt sein soll. Heute steht an dieser Stelle der Felsendom, ein Bau von vollkommener und atemberaubender Schönheit, der als Schrein zur Erinnerung an die Himmelfahrt Mohammeds dient. Der Prophet starb 632 in Medina, auf der arabischen Halbinsel, doch soll ihn sein Pferd in der Nacht vor seinem Tod nach Jerusalem auf den heiligen Berg getragen haben. Auf Arabisch heisst das Plateau "Haram Al Sharif", die edle heilige Stätte, und neben dem Felsendom steht dort auch die Al Aksa-Moschee, beide aus dem 8. Jahrhundert. "Al Aksa" bedeutet "die andere", "die ferne", im Vergleich zu Mekka.

Wenn in Jerusalem die Touristen nach dem "temple mount" fragen, ärgern sich die muslimischen Wächter: "Wo sehen Sie hier einen Tempel?" rufen sie zornig. "Es gibt keinen Tempel, nur Moscheen." Sie verlangen, dass man "Mount of the Mosques" sagt. Auch auf Hebräisch gibt es selbstverständlich keinen "Tempel", dieses Wort verdankt sich erst der römisch-christlichen Tradition. Die Juden sprechen von "Har haBayit", dem "Berg des Hauses". Seit der Zerstörung des Hauses, in dem ihr Gott wohnte, treffen sich die Juden an seiner stehengebliebenen Westmauer, die heute den zentralen Wallfahrtsort für alle Juden darstellt.

Wer den Dritten Tempel bauen will, muss vorher den Felsendom verschwinden lassen. In dem genannten Informationszentrum gehen die Aktivisten noch weiter: nicht nur der Felsendom, auch die Moschee, ja, das ganze herodianische Plateau sind abzureissen, damit der Tempel genau dort und wie unter Salomon wieder aufgebaut werden kann. Alles wird schon vorbereitet: kaum hundert Meter weiter steht unter Glas die goldene Menora, die für den Dritten Tempel bestimmt ist (s. Foto). Woanders wurden die Textilfasern entwickelt, aus denen die Gewänder der Hohepriester gewebt werden; die bibelgetreu hergestellten Farben dafür gibt es ebenfalls. Im Internet finden sich mehr als ein Modell für das Gebäude selbst, und jedes wurde nach gründlichem Studium der heiligen Bücher angefertigt.

Am Wochenende des 10. April zog die israelische Regierung daher aus gutem Grund an die 3.000 Polizisten am Tempelberg zusammen, um den Zugang für jene frommen Juden zu sperren, die hier mit einer Demonstration gedroht hatten. (Vorsorglich wurde auch allen männlichen Muslimen unter 40 der Zugang verweigert.) Vermehrt war nämlich öffentlich die Rede vom "Dritten Tempel". In der Tageszeitung "Jerusalem Post" freute sich jemand darauf, vielleicht schon dieses Jahr wieder ein Osterlamm opfern zu dürfen, was nur am realen Tempel erlaubt wäre. Wenn nicht dieses Jahr, dann nächstes Jahr! hiess es.

Die Demonstranten wollten nach eigenen Angaben den Abzug der Siedler aus dem Gasastreifen verhindern helfen. Es gelangten nur wenige bis Jerusalem. Ihre Vertreter höhnten am nächsten Tag in den Zeitungen, die Regierung bestehe nur aus Feiglingen und zittere vor Angst. Ein Siedler aus Hebron brüstete sich damit, er könne jeden Minister umbringen, wenn er wollte, so wie er auch den Generalstaatsanwalt bei dessen Besuch jüngst in Hebron hätte ungehindert angreifen können. Ein Journalist verlangte, dass Morddrohungen, Verfluchungen und sonstige Beschimpfungen gegen Regierungsmitglieder von seiten der religiösen Fanatiker, der Gross-Israel-Anhänger, nicht öffentlich gemacht werden sollten, weil dies dem Ansehen des Staates Israel schade.

Der Abzug aus Gasa ist für den 25. Juli geplant. Offensichtlich versuchen die Gegner, einen Nervenkrieg zu entfachen. 'Einen Bürgerkrieg?? - Nicht doch, auf keinen Fall! Wir wollen nur verhindern, dass etwas Falsches geschieht!` (dass Land abgegeben wird). ` Juden gegen Juden? Das darf nicht sein!` rufen sie und erklären den für unjüdisch, der ihren Standpunkt nicht teilt. Sie sind nur eine Minderheit, aber sie haben Zeit, Geld (aus Amerika fliessen Zuschüsse), klare Ziele. Sie wissen genau, was sie wollen, sie benutzen alle Propaganda-Methoden. Unter dem Geprassel der tausend Meinungen, die jede als unerschütterliche Wahrheit daherkommt, verwinden und verdrehen sich alle Massstäbe wie ein Eisenstab im Feuer. Die Frommen folgen ihrem Rabbi, die andern sollen sehen, wo sie bleiben.

Meine Verwirrung rühre vom zu vielen Zeitunglesen, höre ich. Red lieber mit den Leuten, sagt man mir. Ich treffe Kinder, die Unterschriften gegen die Ableitung von Abwässern ins Meer bei Tel Aviv sammeln. Ich lerne eine katholische Gemeinschaft bei Jerusalem kennen, wo Christen und Juden gemeinsam im Chor singen. Ich besichtige das Bauhaus-Viertel in Tel Aviv unter kundiger Führung. Die Konzerte, in die ich gehe, finden in gefüllten Sälen, vor begeisterten, sachverständigen Zuhörern statt. Der langjährige ehemalige Oberrabbiner Lau erhält einen Staatspreis für sein Lebenswerk: er konnte Brücken zwischen verfeindeten jüdischen Gruppen schlagen, konnte Verständigung oder Aussöhnung erreichen.

Aber das letztere habe ich nun doch wieder aus der Zeitung. Die beiden englischen Tageszeitungen "Ha'aretz" und "Jerusalem Post" bieten eine ausserordentlich breites Meinungsspektrum. Letztlich trägt diese Vielfalt einen über die Enge des Religiösen hinaus und erlaubt wieder: Respekt vor dem einzelnen.

Bauhaus in Tel Aviv

Als 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende ging, erblickten viele Kreative in Deutschland und anderswo darin eine gewaltige Chance für einen Neuanfang. Kein höfischer Prunk, keine Übermacht des Militärs mehr, gleiches Recht für alle - der Ständestaat war beerdigt.

In Weimar tagte 1919 die konstituierende Versammlung der neuen Republik, und in Weimar gründete der Architekt Walter Gropius im selben Jahr die neue Hochschule für Gestaltung unter dem Namen „Bauhaus“. Das Ziel aller bildnerischen Tätigkeit sei der Bau, schrieb er in dem die Neueröffnung begleitenden Manifest. „ Ihn zu schmücken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Künste, sie waren unablösliche Bestandteile der großen Baukunst....“. „Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen.....“ Alle Künstler sollten raus aus dem „Salon“, sollten in die Werkstatt zurückkehren, „in der Werkstatt aufgehen... Denn es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker.“ Die Trennung zwischen freier und angewandter Kunst wurde aufgehoben.

1923 zog die Bauhausschule aus Platzgründen nach Dessau um (wo sie übrigens heute wieder ihren Sitz hat). 1923 änderte Walter Gropius sein Programm insofern, als er zusätzlich zum Handwerk auch die Industrie in den von der Kunst bestimmten, als Gesamtheit betrachteten Bau mit einbezog. Fertigprodukte, Massenfertigung - dem war nicht mehr zu entgehen, wie Gropius erkannte. Also mußte darauf Einfluß genommen werden, um die Gesetze der Ästhetik auch dort anzuwenden. Ein Ergebnis, das wir alle kennen, war z.B. ein Stahlrohrsessel, entworfen von Marcel Breuer, der von 1925 bis 1928 Leiter der Möbelwerkstatt im „Bauhaus“ war. Breuer kam aus der Schreinerei, wurde später Architekt und betrieb, bis 1941 zusammen mit Walter Gropius, ein Architekturbüro in London, das er 1946 nach New York verlegte.

Gropius blieb Bauhaus-Direktor bis 1928, er arbeitete weiter als freier Architekt. 1933 wanderte er aus - wie alle Bauhaus-Lehrer: die Nazis verstanden nichts von dieser Kunst und verfolgten alle, die sie vertraten. So kam es, daß viele Architekten, die mit dem Bauhaus, mit seinen Zielen zur Modernisierung des Bauwesens verbunden waren, nach Palästina auswanderten. Dort gab es, vor allem in der Stadt Tel Avviv, gerade einen Bauboom.

Luft, Sonnenlicht, ein Blick ins Grüne für Alle - nach diesem Ideal hatte die „Bauhaus“-Lehre den Typ eines Mehrfamilienhauses entwickelt, das rundum frei stand. Keine endlosen Fassadenstraßen vorn, kein düsteren Lichtschächte mehr, keine Hinterhöfe.

Wer sich heute auf dem Gebiet der Architektur eine Vorstellung vom „Bauhaus-Stil“ machen will, reist am besten nach Tel Aviv. Nirgendwo sonst in der Welt findet man soviele Häuser, ganze Straßen, im “Internationalen Stil“, wie man dort auch gern sagt. Selten wurde so bewußt zum Wohle der Bewohner gebaut, Mieter, wohl gemerkt, denn das Objekt „Eigentumswohnung“ gab es damals noch nicht. Freilich verfielen die Häuser nach vierzig, fünfzig Jahren; manche sind inzwischen abgerissen und durch postmoderne Betonriesen ersetzt.

Doch die Stadtverwaltung von Tel Aviv erreichte, daß ihr „Bauhaus“-Viertel, die „Weisse Stadt“, Ende der achtziger Jahre von der UNO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Unter den noch etwa 4000 Gebäuden im Bauhaus-Stil, errichtet zwischen 1931 und 1956, wurden ungefähr 1000 ausgewählt und zur Konservierung bestimmt. Noch immer ist das Viertel zwischen Allenby-Straße und Habima-Theater, rechts und links von der Rothschild-Allee, überwiegend vom Bauhaus geprägt.

Was bedeutet das? Worin besteht diese Bauweise? „Form follows function“, dieser Richtsatz moderner Architektur seit dem ersten Weltkrieg, galt auch hier. Es gibt keine aufgesetzten Dekorationen. Jedes Haus ist ein Gebilde, das mit Licht und Schatten, mit Kuben und mit Bögen spielt. Balkone zeichnen es vor allem aus, dann die Gestalt der Eingänge, der Fenster, der Treppenhäuser. Alle Bauteile selbst SIND das Kunstwerk. Jedes Haus, zwei bis vier Stockwerke hoch, mit Flachdach, besitzt eine individuelle Faktur, ist in seiner Gesamtheit gewissermaßen eine Skulptur. Gleichzeitig sind die Wohnungen innen sehr bewohnerfreundlich ausgestattet, in der Küche macht das Arbeiten Spaß, die Wohnzimmer sind repräsentativ, die Schlafzimmer diskret mit dem Bad verbunden.

Unter den zur Sanierung ausgewählten Häusern wurden nicht alle im ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Manchen setzte man zwei, drei Stockwerke auf zurückgezogen, damit es von unten nicht so auffällt. Es mußten Aufzüge eingebaut, alle Leitungen erneuert werden, auch auf Zentralheizung will keiner mehr verzichten (die Winter können in Tel Aviv ungemütlich sein).

Der größte Unterschied zur heutigen Bauweise entsteht aber durch die Klimaanlagen. Während früher der Balkon als Quelle von Luft und Belüftung für die ganze Wohnung diente, fordert die Klimatisierung grundsätzliche geschlossene Türen und Fenster. Während in den dreißiger Jahren der Balkon als wichtigster Gestaltungskörper der Fassade und auch der inneren Wohnungseinteilung diente, gehört er heute zum „Draußen“, ist eigentlich überflüssig geworden. Nur religiöse Juden brauchen den Balkon noch, damit sie dort im Herbst ihre Laubhütte bauen können. In Tel Aviv bilden religiöse Juden eine Minderheit. Im allgemeinen benutzen die Bewohner heute den früheren Balkon zur Einrichtung eines zusätzlichen Zimmers.

So versteht man eher, daß Häuser, die sich heute noch gänzlich im ursprünglichen Bau-Zustand befinden, armen Leuten gehören oder von armen Leuten bewohnt werden. Es lassen sich eine ganze Menge davon finden - der Betrachter braucht manchmal ein wenig Fantasie, um sich in die Absichten der Erbauer hineinzudenken. Oft sind die Häuser auch hinter Bäumen versteckt, von Kletterpflanzen überwuchert - die unglaubliche Baumpracht in Tel Aviv hat keiner von den Erbauern mit eigenen Augen bewundern können, denn diese Pflanzen haben Jahrzehnte gebraucht, um ihre heutige Größe zu erreichen. Tel Aviv wurde ganz und gar auf Sand gebaut. Damals, zur Zeit der Engländer, pflanzte man tropische und subtropische Bäume. Die Tel Aviver Architekten bevorzugen heute Palmen und Ölbäume, d.h. einheimische Pflanzen, die Bäume der Oasen. Und sie bauen Hochhäuser. In andern Vierteln der Stadt. Das Bauhaus-Viertel übersteigt nirgendwo fünf oder sechs Stockwerke. Es bleibt „die weiße Stadt“ der 30er Jahre.

Im Jahr 2009 wird Tel Aviv sein 100-jähriges Bestehen feiern. Die Stadt ist bis zum heutigen Tage ein Schaufenster der modernen Architektur geblieben.


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