DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

1991

Dräi Eechelen17.05.1991

Erinnerungen

Seit 1976 arbeitete ich im Hochhaus. Mit seiner keuchenden Klimaanlage, den langsamen Aufzügen war es, obwohl erst 13 Jahre alt, schon damals eine Zumutung. Sobald die Sonne schien, stieg die Temperatur in den Büros auf weit über 30 Grad. Die einzige Annehmlichkeit bestand in der Geräumigkeit der Büros, die uns jedoch beschnitten wurde, als die Spanier und die Portugiesen zur EG kamen. Niemand hatte sich um die entsprechende Anzahl neuer Büros gekümmert, und so setzte unser Direktor durch, daß unsere bisherigen Büros verkleinert wurden. Wir stellten als Bedingungen, daß die Technik und die Sicherheit des Hauses (das dem Staat gehört) bei der Gelegenheit verbessert werden sollten. Tatsächlich bekamen wir dann die schnellsten Aufzüge Europas. Die Klimaanlage erlaubte aus technischen Gründen keine Verbesserung. Der Architekt entdeckte, daß die Versorgungsschächte des Hauses über alle 22 Stockwerke hinweg keine einzige - brandschützende - Unterbrechung aufwiesen: der ganze Turm hätte sofort in Flammen gestanden, wenn sich dort ein Feuer entzündet hätte! Dieser Mangel zumindest wurde behoben. Denn die Leitern der Feuerwehr reichten - reichen auch heute noch - kaum bis zum 12. Stock....

Das Beste am Hochhaus war das dahinter gelegene Wäldchen, wo man mittags spazieren gehen konnte. Von verschiedenen Orten aus entdeckte man die schönsten Seiten der Altstadt von Luxemburg, es war still, und die Vögel zwitscherten. Im Grün verbarg sich ein Chalet, das ein altes Original von Wirt bewirtschaftete, wie hieß er noch gleich - richtig, Keep hieß er; so wurde er schon als Kind genannt, vertraute er uns an. Er bediente nur Leute, die ihm sympathisch waren, ganz egal, ob Luxemburger oder Nicht-Luxemburger; er sah sich den Menschen an. Wir trafen uns dort im kleinen Freundeskreis zum Kaffee nach dem Essen - tatsächlich, eine gute alte Zeit.

Das Wäldchen war undurchdringlich und dicht; die drei Türme mit den Eicheln auf dem Dach konnte man kaum von vorn sehen. Das änderte sich im Lauf der Jahre. Ich ging oft den Weg hinunter, der direkt nach Pfaffenthal führt, und erlebte Jahr für Jahr mit, wie die Bäume abstarben, am Hang ebenso wie oben auf dem Plateau. Bevor die Bäume umfielen, sägte man sie um; der Parkdienst paßte gut auf; dann lagen die Stämme da mit ihrem braunen, verrotteten Kern. Der große Sturm von 1990 gab dem Wäldchen den Rest: es blieben nur ein paar armselige Bäumchen übrig. Doch schon als die Ruinen des alten Fort Anfang der achtziger Jahre teilweise ausgegraben worden waren, hatte das Areal viel von seinem Charme verloren. Die parkenden Autos, die sich immer weiter ausbreiteten, taten ein übriges. Immerhin finden jährlich drei Monate lang die Ministerratssitzungen der EG in den Nebengebäuden des Hochhauses statt; die bringen viele Menschen mit, Journalisten und andere, und alle wollen ihr Auto abstellen. Da hat manchmal die Wiese zu leiden, auf der sonst vor allem am 23. Juni die Kanonen auffahren und zu Großherzogs Ehren 101 Böllerschüsse abgeben.

Aus all den Unbilden und Veränderungen machte sich der Petanque-Club gar nichts, der seit unvordenklicher Zeit neben dem Chalet seine Kugeln rollen ließ. Luxemburgische ältere Herren waren das, sie kamen nachmittags, wenn unsereins bei der Arbeit saß. Aber auch die Herren aus der Begleitung des Ministerrats fanden sich immer gern am Chalet ein, wo es nach dem Tod des alten Wirts bald richtiges Mittagessen und einen schattigen Sommergarten gab. Falls sich die Pensionäre von hier und die Werktätigen von woanders mal begegneten, nahmen sie keine Notiz voneinander.

„Ruhige Abgeschiedenheit des Fleckens" nennen die luxemburgischen Alternativen das heute - ob sie wohl außer sonntags je dort waren? Gewiß sind sie zu Fuß hingegangen; sonst wüßten sie ja, daß - zumindest die Woche über - alle 20 Minuten von der Stadt aus ein Bus hinfährt, die Linie E.

Als man uns vor 13 Jahren den „Großen Kueb" - ein 120 m hohes schräges Hochhaus auf den Platz zwischen den zwei Gebäuden direkt vor dem Wäldchen - vor die Nase bauen und an den baumbestandenen Hang Bürohäuser für die Abgeordneten setzen wollte, da habe ich mich der Protestbewegung angeschlossen. Ich dachte vor allem an die Hitze in den Büros, die schon jetzt nicht auszuhalten war. Und an die Zugluft am Fuß der Betonklötze, und wie der Sturm heult im Winter. Aber auch an die lebendige Stille des Wäldchens, die ich nicht verlieren wollte.

Heute nehme ich dort nur noch das Desaster des Waldsterbens wahr. Zwar gehen die Bäume auf beiden Seiten des Alzette-Tals massenhaft ein, nicht nur an den Drei Eicheln; auf dem stadtseitigen Hang wurden in den letzten Jahren Hunderte und Aberhunderte von jungen Bäumen neu gepflanzt. Auf den Drei Eicheln dagegen rattern die Bagger und graben Festungsmauern aus. Die Kasematten unter dem Tor reichten bis zur Talsohle. Warum sollte an die Stelle der einstigen feuchten Gänge eigentlich keine Tiefgarage gebaut werden? Sie würde auffälliger an die Festung erinnern als - als, ja, als was? Als der stille Wald, der die Kasematten hundert Jahre lang bedeckte und der gar nicht mehr existiert? Ja, könnte dann nicht darüber wieder Grün gepflanzt werden? Die Europäer, die in seiner Nähe arbeiten, wären dankbar für beides.

Wenn auf dem Glacis vor den Drei Eicheln ein Kunstmuseum gebaut werden soll, dann hätte das einen weiteren Vorteil: die Kanonen würden nicht mehr auffahren können und böllern, jeder Schuß rollt dreimal über das Tal, zweimal als Echo, eine ganze Stunde lang, und die Hunde heulen und zittern, und all die Menschen im Tal, die sich noch an den Krieg erinnern, zittern mit. Das wär' dann endlich vorbei

Wer ist Pierrot?

Battys Webers Theaterstück „Arme Pierrot“ in einer Inszenierung von Jean-Paul Maes

In dem Film „Mumm Sweet Mumm“ wies ein Theaterdirektor den Wunsch des heimgekehrten Auswanderers, ein Stück aus der Zeit der Jahrhundertwende aufzuführen, mit dem Argument zurück, so was könne man heute nicht mehr spielen. Der Film behauptete das Gegenteil, zeigte es aber nicht. Seither sind wieder ein paar Jahre ins Land gegangen, und inzwischen „kann“ man tatsächlich, versucht es jedenfalls. Wegen seines Todestags, der sich heuer zum 50. Mal jährt, ist jetzt Batty Weber an der Reihe, und so inszenierte Jean-Paul Maes dieser Tage „Arme Pierrot“. Es geschah nicht einfach so, sondern unter dem pompösen Titel „1. Stengeforter Festival, Letzebuerger Theaterklassik an der Alen Schmelz“.

Denn Theater kostet Geld, und das muß man irgendwie beschaffen. Der Kulturfonds zahlte, und die Steinforter stellten umsonst ihre frisch renovierte Schmelz zur Verfügung. Die eignet sich zwar nicht zum Theaterspielen, aber Maes und seine Leute machten gute Miene zum lieben Spiel und zogen Styroporplatten ein. Damit war die Akustik halbwegs gerettet. Es wurden Podien herbeigezaubert, so daß die Zuschauer sogar in aufsteigenden Stufen angeordnet waren, Scheinwerfer wurden aufgehängt, und eine Rolle Zeitungspapier diente für minimale Drapierungen. Mehr Bühnenbild konnte sich die Truppe nicht leisten.

Ein historisches Theaterstück aus dem Jahre 1917 auf einer ca. 20 m langen, aber nur 3 m tiefen Bühne ohne Kulissen aufzuführen, das ist schon eine Herausforderung an den Regisseur. Wie wird er die Spannung auf dieser Breitwandbühne aufrechterhalten, fragte ich mich, mit Amateurspielern obendrein?

Nun, er legte sich nicht schlecht an: er machte Tempo. Da trödelte keiner, da rannten die Akteure zielstrebig und selbstbewußt herum, fast strömten sie einen Hauch von Großstadthektik aus. Nicht wirklich, aber sie erinnerten gelegentlich an ein Großstadtballett. Nur, daß sie eben Amateure waren: ein Paar, das sich 10 m weit um die eigene Achse drehend fortbewegen muß, langweilt sich selbst schon nach der dritten Drehung.

Es gab kurzweilige Schauspieler. Mir gefielen am besten Thierry van Werveke und Rita Lavina, weil beide einen Charakter zustandebrachten: Rita zeigt als Ketty eine sehr persönliche Mischung aus Begeisterung und Schüchternheit, Thierry gestaltete den erfolglosen Intriganten Koppelfex als einen Clown sui generis. Aber auch der Prinz (Claude Fritz) und der erfolgreiche Intrigant Dr. Hameschank (Marcel Hamilius) spielten lebendig und waren für Überraschungen gut. Der Colombine mangelte es an Präsenz. Insgesamt wirkten 26 Darsteller mit, und ich nehme an, alle gaben ihr bestes.

Hier die Story: einige Leute wollen einen Turm mitten im Land bauen, damit sämtliche Bewohner Gelegenheit erhalten, einmal über die Grenzen des Landes hinwegzugucken. Der „Prinz“ verbietet das. Daraufhin versucht die Turm-Partei, den Herrscher zu stürzen, indem sie ein anderes Mitglied der Prinzenfamilie auf den Thron setzt. Diese Intrige wird vereitelt, ich verrate nicht wie. Außerdem werden Wahlen veranstaltet, und die einen wie die anderen versuchen, die Wähler zu beeinflussen.

Um nun dieser (nicht zufällig von einem Kammerstenographen erfundenen) Handlung ein Herz einzupflanzen, läßt Batty Weber sie von einem Pierrot begleiten, einem Mann vom Typ „reiner Tor'“, d.h. dessen Wahrnehmungsvermögen ebenso beschränkt wie seine Sentimentalität grenzenlos ist. Marco Lorenzini spielte ihn verhalten, und sein keltisches Weinbauerngesicht drückte genug Melancholie aus, um trotz des melodramatischen Charakters manchmal Wahrhaftigkeit aufleuchten zu lassen. Aber mitreißend war er nicht, weder in seinem Streit mit Colombine, noch in seiner Verehrung der Jolanda oder gar bei der schließlichen Selbstentleibung. Wie gesagt, van Werveke war komischer, Rita Lavina inniger.

Der Regisseur hat sich auf dem Programmblatt zu der Figur des Pierrot in einer Weise geäußert, die nach meinem Eindruck in eine andere Richtung zielt als das, was ich auf der Bühne gesehen habe. Er vergleicht dort sich selbst mit dem Pierrot („Dai liicht, proppert Hierz“, „mir zwee sin Dreemer“) und sie beide mit Jesus. Das nenn ich mit Würsten nach Speckseiten werfen! Moderner wird das Stück dadurch nicht.

Schade, daß Maes das Thema des Turms nicht ausgearbeitet hat - da erschien niemand, der ein bißchen weitergucken wollte als es seinem nächstbesten Bedürfnis entsprach. Die Idee von dem Aussichtsturm finde ich persönlich sehr attraktiv. Es fehlte eben das Bühnenbild. Armer Pierrot!


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