DIPLOM-ÜBERSETZERIN · PUBLIZISTIN · FELDENKRAIS-LEHRERIN

1984

No Header20.02.1984

Poet der Gegenwart

 

Ein Mann schmiedet Verse, um sich damit seine Heimat und seine Jugend neu zu erobern. Bei dem Namen Manderscheid denkt man im Großherzogtum Luxemburg an den Schriftsteller Roger Manderscheid. Als deutschsprachiger Autor war er nach dem Krieg der erste, der das Deutsche in Luxemburg wieder salonfähig machte. Zwischendurch probierte er es auch mal mit Luxemburgisch - das die meisten gebildeten Leute noch immer als Dialekt bezeichnen, obwohl es offiziell zur dritten Landessprache erhoben wurde.

Manderscheid trat im Herbst 1983 mit einer Erzählung in gereimten deutschen Versen an die Öffentlichkeit und wurde sehr dafür gelobt. Sie trägt den Titel: „Ikarus - 30 Ausflüge und ein Absturz“ (im Verlag Editions Binsfeld, Luxemburg; 221 Seiten). Manderscheids Epos versucht, die heutigen Zustände zu erfassen: „dies ist die stadt der täler und brükken / der postkartenrosen, der stadt zum picknicken / die stadt der zehntausend omas und opas / die größte kleinstadt mitteleuropas.“

Die Luxemburger lieben ihr Land, und da sie fast alle von Bauern abstammen, hat sich in jüngster Zeit der Sinn für Umweltschutz stark entwickelt. In nahezu jedem Kapitel spielt Manderscheid darauf an: „und wenn auch die welt in der giftbrühe schäumte / und im weltraum zerplatzte wie eine granate / uns ist als ob uns das alles nur träumte / sie steht doch noch da wie eh: unsre kate.“

Manderscheid sagt weiter: „ihr schlüpft ins büro, in die mutter, in kuchen / in die kunst, in die flasche, ins nest, in den rauch, / ihr möchtet am liebsten alles versuchen / was hohl ist und warm ist und aussieht wie bauch.“ Im Grunde ist und bleibt Manderscheid ein Lyriker. Aber als einer, der den Krieg noch miterlebt hat, vermag er die Geschichte nicht abzuschütteln. Eine ausschließliche Befassung mit Kunst sieht er als Flucht an: „ich schreibe um wachzubleiben im geiste,/ als zeuge zu dienen für spätere Zeiten. / auch will ich wissen, was freiheit heißt / und Brüderlichkeit: dafür will ich streiten.“

Er will die gegenwärtigen Mißstände geißeln, etwa die Wahlkämpfe der Parteikandidaten: „die schwarzen geben sich graubraun bis rötlich / die roten, wenns sein muß, schwarz wie die nacht, / die blauen geben sich rotschwarz bis blödlich / und alle wollen dasselbe: die macht.“

Oder die Monopolstellung von Radio Luxemburg: „...erblühen die Masten des Heimatsenders / sind nicht zu verfehlen, sie garantieren / den täglichen störungsfreien empfang / von radiowellen zum einbalsamieren / der Hörer mit worten, mit schall und mit klang.“ Er fühlt mit den Motorradrebellen unter den Jugendlichen: „so träumen sie manchmal, sie flögen weg / durch baumkronen hin auf ihren maschinen / die flügel heraus und dann bögen sie, keck, / nach süden auf ihren yamahadelfinen.“

Das Lyrische liegt ihm am besten, und die Liebesgeschichte am Schluß ist denn auch der gelungenste „Ausflug“ dieses Ikarus: „sie gehen über treppen hinunter ins tal / zwischen gelbem Gestrüpp, unter bäumen die färben,/ die landschaft wird bunter von mal zu mal.“

Eifel-Presse; Null-Nummer Februar 1984

14 Junge Künstler sehen die Welt mit anderen Augen15.05.1984

Vom 11. - 20. Mai 1984 stellen in Luxemburg 14 Junge Künstler aus der Bundesrepublik, Österreich und Luxemburg ihre Produktionen der Öffentlichkeit vor. Der luxemburgische Premierminister Pierre Werner, der auch Kulturminister ist, und der österreichische Botschafter Dr. Heibele haben die Schirmherrschaft übernommen.

Das Wahrzeichen der Künstler ist die römische Wölfin, dieses Urbild kraftstrotzender Mütterlichkeit, das die Zwillinge Romulus und Remus mit ihrer Milch ernährte. Allerdings haben sie die Wölfin, ähnlich einem modernen Hausschwein, um einige Rippen verlängert, denn es hängen nun vierzehn Junge an der Zitzen, vierzehn junge Künstler, die sich eine Stellung in der Welt erobern möchten.

Doch bezieht sich das Bild der Wölfin mit den saugenden Jungen nicht auf Rom, sondern auf Luxemburg, wo es die Milchkartons verziert. Kraft und Gesundheit („Force et Santé“) steht darunter, und die vier unter den Künstlern, die aus Luxemburg stammen, sind mit dieser Milch großgeworden.

Das Bild der Wölfin wurde in ihrer Kindheit zur Selbstverständlichkeit. Die Veränderungen, die sie daran vorgenommen haben, sind beispielhaft für ihren Umgang mit „Selbstverständlichkeiten“: sie möchten darüber schmunzeln. Eine gewisse Form von Humor ist das Band, das diese vierzehn jungen Leute bei aller Verschiedenheit zusammenhält.

Zwei Luxemburgerinnen - Bady Minck und Natalie Zlatnik - studierten in Wien an der Hochschule für angewandte Kunst; eine - die luxemburgische Europäerin Pascale Velleine - an der Kunstakademie in Düsseldorf. Diese drei bilden den Kern, gewissermaßen das Scharnier der Gruppe; eine vierte Luxemburger Malerin - Simone Schwartz - hat sich seit kurzem in Luxemburg niedergelassen, fünf Künstler stammen aus der Bundesrepublik, nämlich aus Düsseldorf, und die fünf anderen aus Wien.

Was bieten sie in ihrer „Wanderausstellung“? (So nennen sie die Veranstaltung, weil die Ausstellungsobjekte anschließend in Innsbruck, Wien und Düsseldorf gezeigt werden sollen.)

Wenn die Basis der Gruppe auch Freundschaft ist, so hat sie an die Auswahl der Teilnehmer doch strenge künstlerische Maßstäbe angelegt. Diese jungen Leute, alle etwa Mitte zwanzig, haben den Ehrgeiz, die Welt anders darzustellen als die ihnen vorangehende Generation. Sie malen groß oder zeichnen klein, sie bauen „Installationen“ oder Skulpturen, sie filmen und experimentieren mit Tricks. Damit wollen sie eine Halle füllen, die früher eine Messehalle war und heute meist als Tennisplatz dient. Ihr Mut und ihr Katalog haben einige Mäzene bewogen, Geld zu stiften; die Stadt Luxemburg stellt die Halle; die Organisation besorgen die Künstler selbst.

Und falls die Organisation klappt, haben sie alle Chancen, ein künstlerisches und kulturelles Ereignis in der Region zu stiften. Sollte es durch das Glasdach regnen, werden sie Eimer aufstellen und mit dem Klatschen der Tropfen ihren nächsten Film vertonen.

Die Eröffnung findet am Freitag, dem 11. Mai, um 19 Uhr statt. Die Halle liegt in der Rue Ermesinde 96 in Luxemburg. Öffnungszeiten: 11 bis 19 Uhr. Filmabend: 15. Mai, 21 Uhr, im Ciné Utopia, Avenue de la Faiencerie. Die Künstler aus Deutschland heißen: Torsten Ebeling, Stefan Ettlinger, Bertram Jesdinsky, Vera Leutloff, Sabine Steinke, und die aus Österreich: Christa Angelmaier, Peter Egger, Manfred Schu und Wolfgang Stengl.

 

EIFEL-PRESSE, Blankenheim/Eifel; Die regionale Wochenzeitung ab Februar 1984 (die Zeitung erschien nur einige Monate lang)

Orakelbefragung

im November 1984 in "d'Letzebuerger Land":

ORAKELBEFRAGUNG
Die Straße ist mit Kopfsteinen unregelmäßig gepflastert und nicht breiter als zwei ausgestreckte Arme. Auf dem Bürgersteig können zwei Menschen nicht aneinander vorbeigehen, ohne daß einer beiseite treten muß.  Die Häuserfassaden verraten trotz ihres Verfalls, daß früher hier eine gewisse Wohlhabenheit herrschte. Das ist lange her. Öffnet sich eine Haustür, blickt man in einen schmalen Korridor. Feuchte, kühle Luft schlägt einem entgegen. Die Vielzahl der Namen an den Briefkästen lässt auf Weitläufigkeit und Enge zugleich schließen. Eine mittelalterliche Gasse.
Kinder sausen auf ihrem Fahrrad die Gasse hinunter, umkrampfen aufgeregt den Lenker, um das Rütteln abzuwehren. Blaß sind ihre Gesichter, lebhaft ihre Spiele. Sie klettern auf zementenen Röhren herum, kriechen in Löcher, schreien, lachen. Baugruben ziehen sich am unteren Ende der Gasse hin, notdürftig oder gar nicht eingezäunt. Wochentags sind hier die Arbeiter mit dem Verlegen von Gas- und Wasserleitungen beschäftigt, die Kinder spielen gleich daneben, sie scheinen sich mit den Arbeitern gut zu vertragen.
Das alte Viertel bekommt Zuwachs. 44 neue Wohnungen entstehen hier, um einen Innenhof gruppiert, im historischen Stil, aber auf moderne Bedürfnisse eingestellt. Die Garagen sind stilgerecht einbezogen.
Vorläufig fahren hier aber keine Autos. Solange die Baugruben offen stehen, werden die Kinder ungestört spielen können. Einige Monate wird das noch dauern. Sie genießen es. Sie wissen nichts von den Plänen des Bautenministers.
Der Bautenminister, so liest man in der Zeitung, will den Autoverkehr rund um das Palais, wo der Großherzog wohnt, rund um die Abgeordnetenkammer stillegen. Das sei auch für den Tourismus gut, heißt es. Zu diesem Zweck, so liest man, will er einen zweiten Tunnel bauen lassen; schließlich ist das Tunnelbauen in der Kasemattenstadt was Altvertrautes. Der Tunnelausgang mündet – rechtwinklig, wie man hört – in einer „wenig befahrenen Straße“ in der Unterstadt Pfaffenthal; die wenig befahrene Straße mündet ihrerseits in die mittelalterliche Gasse, die Rue Laurent Ménager, eine Einbahnstraße, die dank einer kunstvollen Ampelschaltung den Verkehr von noch zwei weiteren Straßen aufnimmt. Sobald die 44 neuen Wohnungen bezogen sind, wird der Innenhof seine Garageninhalte ebenfalls dorthin entlassen. In den Spitzenstunden des Berufsverkehrs strömen normalerweise Autos ununterbrochen durch die Rue Laurent Menager, auch jetzt schon, ohne zusätzlichen Tunnel. Die Kinder spielen dann meistens woanders, etwa unten am Flußufer, wo noch Ruinen stehen.
Der Bautenminister will die Oberstadt entlasten, den Verkehr unter die Erde verbannen. Tut das nicht jede größere Stadt, die auf sich hält? Die Bürger werden es ihm danken. Der Tunnelzweig zum Pfaffenthal lässt frische Luft in die Oberstadt einströmen. Wie aber kommen die Autos in den Tunnel rein  (wenn sie schon schlecht rauskommen)? Wer aus den Tiefgaragen oder von Merl, von Strassen kommend zum Flughafen, nach Clausen, nach Dommeldingen will, kann der einfach unter der Stadt hindurch fahren? Keineswegs. Er muß erst ins Bahnhofsviertel, um überhaupt Zugang zum Tunnel zu erhalten. Nun, für den Flughafen braucht er den dann nicht mehr, über den Boulevard d’Avranches  geht es schneller.
Clausen, ja, das ginge, zumal wenn er vielleicht nicht durch den Stadtgrund fahren will, was bisher der kürzeste Weg wäre. In Clausen gibt es die besten Kneipen, das ist bekannt. Wer also nach der Arbeit noch schnell bei Malou ein Pättchen  holen möchte, nimmt einfach den Pfaffenthaler Tunnel. Über eine halsbrecherische Haarnadelkurve, eine unübersichtliche Kreuzung, wo der Spiegel bei schlechtem Wetter immer beschlagen ist, wird er eins-zwei-drei unten sein. Die alten Leute aus dem Altersheim, die sich quer zu diesen Straßen manchmal in die Stadt hinauf begeben (zu Fuß natürlich), die Touristen, die die Schloßbrücke, die majestätischen Felsen bewundern, die Besucher der Jugendherberge, die dort umherwandern, sie werden eben die Augen offen halten müssen. Die Kinder vom Pfaffenthal lernen das ja schon vom ersten Schritt an.
*
Ich habe viele Journalisten, die auf den Pressekonferenzen waren, gefragt: Wem nützt der Tunnel? Immer erhielt ich die saloppe Antwort: Dem, der ihn baut. Ich glaube ihnen nicht. Ich hoffe sehr, dass der Bautenminister selbst ins Pfaffenthal hinunter kommen wird und es uns richtig erklärt. Aus den Zeitungen wird man einfach nicht klug. Vielleicht haben die Journalisten nicht richtig aufgepasst?






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